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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
330.648
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07.08.2012 1.119
 
Patrick schob die noch feuchten Haare aus dem Gesicht, ausgerechnet Jo musste ihn so sehen! Heiß stieg ihm die Schamesröte in die Wangen. >Wieso konnte er sich nicht beherrschen? Wieso musste er sich so eine Blöße geben? Warum konnte Jo ihn gleich durchschauen? < Er starrte auf sein Spiegelbild und sagte zu ihm: „Na ja, es hilft nichts, es ist nun mal so!“
Behutsam nahm er das gefaltete Hemd vom Stapel, als wäre es etwas Kostbares und schnupperte daran, frisch roch es, sogar ein bisschen nach Stärke. Mit geschlossen Augen atmete er den Duft tief ein.
Dann schlüpfte er erstmal in seine Hose, sie war ein wenig weit am Bund, aber es musste ohne Gürtel gehen. „Na, sie wird dir schon nicht runter fallen“ murmelte er. Kritisch beäugte Patrick noch mal seinen bloßen Rücken im Spiegel, Jos ruppige Behandlung war vielleicht doch nicht so schlecht gewesen, die Salbe, die er großflächig auf dem Rücken verteilt hatte, kühlte die wunden Stellen angenehm und bildete einen schützenden Film über den Verletzungen.
Vorsichtig zog Patrick sein Hemd über, auch dieses war am Kragen zu weit, doch da er sowieso keine Krawatte mehr hatte, konnte er es genauso gut offen lassen. >Hatte Jo seine Manschettenknöpfe damals auch in die Reisetasche gestopft? < Patrick konnte sich nicht erinnern sie gesehen zu haben, nachdem er Berlin unfreiwillig verlassen hatte. Egal, dann sie sind halt auch weg. Dann krempelt man die Ärmel eben auf.
Endlich fertig angezogen stand Patrick vor dem Spiegel: „Schau nicht so. Besser geht’s nicht, es ging dir doch schon mal schlechter“ versuchte er sich selbst Mut zu zusprechen. Doch als er wieder im Gästezimmer stand fühlte er sich verloren und verzagt. >Was sollte er nun tun? Nach unten gehen? < Doch allein der Gedanke dort auf Jo zu stoßen hielt ihn davon ab, auch nur das Zimmer zu verlassen. Er setzte sich auf die Bettkante, >wie still es war!<
Beklemmende Gefühle schlichen sich in sein Herz, wie oft hatte er sich hier verkrochen, abgelehnt, unerwünscht, ungeliebt von denen da unten, er hatte sich mit Alkohol und Tabletten betäubt und so getan, als wäre er nicht da.
Es schnürte ihm die Luft ab, schnell stand er auf um das Fenster zu öffnen, es hatte angefangen zu regnen, gierig sog er die kühle feuchte Luft ein. Eigentlich ein schönes Geräusch, der fallende Regen, zumindest wenn man ein Dach über dem Kopf hat.
Die Haustür schlug zu, Patrick drehte sich um. War er jetzt allein im Haus? Oder war Dominik zurück? Stimmen waren zu hören laut und ungeduldig, Patrick schlich zur Tür, öffnete sie einen Spalt und lauschte.
Dominik und Jo hatten offenbar einen heftigen Streit. >Hatte Jo sich entschlossen Dominik reinen Wein einzuschenken? <
„...so einen Vater wollte ich nie haben, wie konntest du das tun!“ Jos Antwort war nicht zu verstehen, aber Dominiks aufgebrachte Stimme war klar und deutlich zu hören: „Ich habe deinen Namen angenommen, weil ich stolz auf dich war, weil ich dir zeigen wollte wie sehr ich dich liebe und schätze – und sag nicht du hättest das für uns, die Familie, getan. Für Johanna und mich riskierst du dein Leben und Patrick drohst du mit lebenslang Gefängnis oder Exil?“
Jos Stimme wurde lauter, blieb jedoch unverständlich. „Du hast ihn adoptiert, du hast behauptet er wäre wie ein Sohn für dich! Zählt das nicht? Verdient er nicht deinen Schutz, dein Verständnis?“ brüllte Dominik aufgebracht. Jo schien nicht mehr zu Wort zu kommen.
„Er hat seit Monaten alles dafür getan um seine Fehler wieder gut zu machen. Entschuldige, dass ich nicht abwarten möchte, was du tust, wenn ich bei dir in Ungnade falle!“
Schritte auf der Treppe, schnell schloss Patrick die Tür. Doch Dominik stürmte offenbar gleich hoch bis ins Dachgeschoß.
Na prima, kaum war er zurück und schon wieder der Sündenbock, der Anlass zum großen Familienstreit, wenn Dominik jetzt seinetwegen mit Jo brach? Jo geschähe das grade recht, aber Dominik wäre unglücklich, er liebte doch schließlich seinen Vater.
Und was wird Jo dann machen - mit ihm, Patrick, dem Verursacher aller Schwierigkeiten? Die Fahrt zur Grenze stand Patrick noch lebhaft vor Augen. >...hast du geglaubt, dass ich keine Antwort finde auf deinen grenzenlosen Egoismus? Ich finde immer eine Antwort, immer! < In Gedanken hörte er Jos schlimme Vorwürfe immer und immer wieder: >...hast du wirklich geglaubt du könntest gegen mich gewinnen? Du mit deinen Insidergeschäften, deiner elenden Feigheit und deiner Schuld an Dominiks Leid? Hast du geglaubt ich lasse ungestraft zu dass jemand mich ruiniert, dass jemand meine Familie zerstört? < Das waren Jos Worte und als er ihn verstieß, damals kurz nach seinem viel zu späten Geständnis: >...deinetwegen sitzt Dominik in der Psychiatrie drogenabhängig und kaputt...ab heute bist du allein...< ALLEIN!
„Es ist alles meine Schuld“, flüsterte er leise, „alles“.
Katrin will die Scheidung - Patrick ist schuld, Dominik entführt, gequält, halb tot geprügelt, im Koma, traumatisiert, drogenabhängig - alles seine Schuld, Jasmin hat sich getrennt - seine Schuld, die Familie ist finanziell ruiniert - seine Schuld, die Steuerfahndung im Haus - seine Schuld, Jos Ruf schwer beschädigt - seine Schuld, Johanna im Internat - seine Schuld.
Johanna, die einzige in der Familie, die sich noch freute, wenn sie ihn sah, was wird sie sagen, wenn sie eines Tages erfährt warum alles so gekommen ist? Fühlte sie sich auch so abgeschoben und entwurzelt, so wie er es getan hatte, in diesen Eliteinternaten in die sie ihn seinerzeit gesteckt hatten? Kein Zuhause mehr. Keine familiäre Wärme mehr. Und er war schuld daran.
Was wenn Jo die Begegnung mit Carstensen nicht überlebt hätte. Johanna hätte Ihren Vater verloren und er wäre schuld. Und Katrin? Sie wäre wegen Mordes ins Gefängnis gekommen. Vater und Mutter verloren...
Er musste wieder würgen und stürzte ins Bad zurück. Hustend stand er vor dem Becken und wagte nicht den Kopf zu heben und in den Spiegel zu schauen. Wie konnte er erwarten, dass sie ihm verziehen, wenn er es selbst nicht konnte? Was sagte Bajan Linostrami bei ihrem Treffen im Kieswerk, als er im Auftrag der Polizei dem Milliardär eine Falle stellen sollte: > ...wenn ihr Onkel das Lösegeld nicht gezahlt hätte, wären sie längst tot. Ein toter Versager, nur ein Versager denkt keine zwei Schritte voraus. < Ja, ein Versager! Alles hat er falsch gemacht und bei den Versuchen seine Fehler auszubügeln, wurde alles nur noch schlimmer. Kein Wunder das Jo in verstoßen hat und ihn hart bestrafen wollte, nach allem was vorgefallen war. Und hatte er das nicht auch verdient, bestraft zu werden? Hatte er nicht verdient was ihm passiert ist? War das die gerechte Strafe für seine Fehler?
Patrick griff fast automatisch in das Schränkchen neben der Tür und räumte es aus. Rasierpinsel, Seifenschaum, Nassrasierer und die Klingen dazu...
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