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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
330.648
2
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314 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.08.2020 6.192
 
So nun gehts weiter, die Hitze der letzten Tage hatte mich etwas ausgebremst, Sorry , Dafür sind jetzt mehrere Kapitel fertig....Rückmeldungen, auch noch so kurze, sind weiterhin gern gesehen.... viel Spaß beim Lesen
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Es war um Mittag herum, als es erbarmungslos an der Wohnungstür sturmklingelte. Patrick hatte das starke Gefühl, er habe sich tatsächlich grade eben erst hingelegt und geschlafen und quälte sich dementsprechend nur sehr widerwillig aus dem Bett.
„Nie hat man seine Ruhe, ey, immer ist irgendwas...“ motzte er verschlafen vor sich hin und tapste barfuß, den Bademantel, den er sich noch übergeworfen hatte, vor dem Bauch mit dem Gürtel schließend durch Wohnküche und Flur zur Tür.
Emily rauschte wie ein Wirbelwind an ihm vorbei und gleich direkt in das Wohnzimmer hinein, unwesentlich langsamer gefolgt von Philipp, der, leise stöhnend, einen Waschkorb, prall gefüllt mit einer kunterbunten Sammlung an Ordnern und Pappkartons und losen Blättern, hinter seiner Schwester herschleppte.
„Was brauchst du nur so lange um uns zu öffnen, ich dachte schon du wärst nicht zuhause“, beschwerte Emily sich lauthals, bevor sie seinen Aufzug betrachtete und pro forma erkundigte, „Oh - wir haben dich doch nicht etwa geweckt?“
Doch ehe Patrick die Möglichkeit hatte, diese, eher rhetorische Frage Emilys, zu beantworten, kam schon die nächste, von Philipp, und die war sicher aufrichtig gemeint: „Sag mal, ist was mit deiner Nase?“
Emily stutzte und sah nun auch forschend in Patricks Gesicht, der sich jedoch schnell wegdrehte, so tat als ob er sich mit seinem Bademantel beschäftigte, dabei zum Fenster gewandt, lapidar erkundigte, „...ihr zwei habt John wohl gestern Abend nicht  mehr gesehen, was?“
Nach einem kurzen verwunderten Seitenblick zu Emily antwortete Philipp für sie beide: „Nein, der hat sich bei uns nicht mehr blicken lassen, Gestern, hat sich nach dem Stunk vermutlich zu Pia in die WG verkrümelt, wieso fragst du?“
„Na, weil meine Nase, nach der du dich netter Weise erkundigt hast“, und bei diesen Worten wandte sich Patrick wieder zu den beiden zurück, um mit leicht ironischen Unterton fort zufahren, „ihm noch begegnet ist...Gestern!“
„Scheiße, echt?“ brach es aus Philipp heraus und er stellte den schweren Wäschekübel nun mit einem satten Knall auf dem Boden ab und trat mit medizinisch interessiertem Blick näher.
„Warst du beim Arzt und hast sie untersuchen lassen?“ wollte Philipp fachkundig wissen, während er Patricks Nase beäugte, gleichzeitig rief Emily:„Oh Patrick - das tut mir leid“ sie war offenkundig sehr entsetzt, das ihre Vorahnung, ihr Bruder John könnte Patrick noch auflauern, doch zutreffend gewesen war, „aber wo ist das denn passiert, Philipp hat ihn doch weggehen sehen,“ jammerte sie und kam dicht heran und gab Patrick einen sanften Kuss auf die Wange und erkundigte sich ganz ungewohnt liebevoll „tut’s noch sehr weh?“
Patrick genoss sichtlich Emilys Anteilnahme und legte zärtlich den Arm um sie und berichtete  dann sehr sachlich: „Vor dem Vereinsheim sind wir in einander gerasselt, es war ein blöder Zufall und nein, es ist halb so schlimm, Tuner hat mir Eis in rauen Mengen zum Kühlen verordnet“, er küsste Emily kurz auf den Scheitel und fuhr fort, „Hat nur anfangs echt heftig geblutet und mir den Anzug verdorben...“
„Das kann doch wohl nicht wahr sein, der kriegt noch was zu hören“ schimpfte Emily nun erbost los und Philipp pflichtete ihr, zwar nicht ganz so erregt, bei: „Ja, das werden wir mit ihm besprechen wirklich müssen, solche Aktionen von John gehen gar nicht, ich könnte gut verstehen, Patrick, wenn du zur Polizei...“
„Nein, das habe ich bestimmt nicht vor“, entgegnete Patrick sofort, „ich will und werde keine Anzeige gegen John erheben.“
„Danke, das ist echt groß von dir“, sagte Philipp teils erleichtert, teils anerkennend, und reichte Patrick freundschaftlich zum Dank die Hand, die dieser auch gern ergriff.
„Verdient hätte der das aber“, meckerte Emily noch beleidigt und schmiegte sich dabei dicht an Patrick heran.  
Philipp verzog das Gesicht und sah Emily sehr ernst an. „Emmy du weißt, dass das irre Probleme bedeuten würde, bei Johns Vorgeschichte...“, gab er leise zu bedenken, „das willst du nicht wirklich, Schwesterherz. Unter Umständen könnte da John sogar eine Haftstrafe blühen...“
„Ja und was, wenn er Patrick ernstlich verletzen würde?“ warf sie unversöhnlich sofort ein, „die Nase ist schlimm genug, aber wenn er ihn auf die angebrochenen Rippen geboxt hätte...“ und sie rieb dabei zärtlich über Patricks Brust und fühlte mit ihren Fingerspitzen sofort, dass er, unter dem Bademantel, diesmal sein drolliges Panzer-Korsett nicht trug, was Patrick einen zusätzlichen besorgten Blick Emilys einbrachte.
„Hat er aber nicht Emily“, versicherte Patrick leise und drückte sie sachte an sich, „alles Gut, Süße alles Gut...“
„Wirklich Emmy, du musst mir weiß Gott nicht sagen welche Risiken und Gefahren John unüberlegtes Handeln beinhalten. Ich werde ihn mir vorknöpfen und mit ihm sprechen Emily, sei unbesorgt, ich sehe das genau so wie du“, Philipp sah zu Patrick, „John wird sich bei entschuldigen und solche Aktionen in Zukunft lassen, versprochen.“
Patrick ließ Emily los und sich seufzend auf das Sofa sinken und meinte: „Ach, wenn’s nach mir geht brauchts nicht unbedingt eine Entschuldigung, wenn er sich nur einen anderen Punchingball suchte, wär das mir schon sehr Recht“, er sah zu dem Wäschekorb der bisher unbeachtet immer noch zu Philipps Füßen stand, „sagt, was habt ihr denn da angeschleppt?“
„Na meine Geschäftsunterlagen“, sagte Emily prompt mit einer seltsam sorglosen Selbstverständlichkeit und wedelte mit der Hand in Richtung der geballten Papiersammlung, „ich bin nach dem Zirkus gestern Abend, heute früh als aller erstes zurück in die WG gezogen, und Philipp hat mir“, und sie hauchte ihrem Zwillingsbruder ein Küsschen in der Luft zu, „wie versprochen, dabei geholfen. Und da wir schon dabei waren, haben wir gleich mal alles zusammen gesucht was in WG und Laden so zu finden war.“
Offenbar gänzlich zufrieden mit dem Ablauf der Dinge an diesem Vormittag nickte sie Patrick zu: „Wollen wir anfangen? Sie setzte sich zu ihrem Freund, der den Papierwust vor sich mit einer Mischung aus mildem Entsetzen und aufsteigendem Mitleid beäugte.
„Nein, ich denke, ich verschaffe mir erstmal alleine einen Überblick, wenn du gestattest.“ meinte er leise, beugte sich vor und zog das Wäscheküben zu sich heran.
„Klar, wie du willst“, stimmte Emily ihm sofort erfreut zu, „ist vielleicht auch besser so, denn dann kann ich den Laden heute Nachmittag endlich wieder öffnen.“
„Ja, das klingt gut,“ bestärkte Patrick Emily in ihrem Plan, leicht abgelenkt von dem Inhalt des Wäschekorbes den er zu sichten begann, „dir werden die Einnahmen aus den vergangenen Tagen, als du schließen musstest, sicher in den Bilanzen schmerzlich fehlen...das könnten wir jedoch eventuell bei der Steuer geltend machen.“
„Steuer?“ fragte Emily für einen Moment eine Spur verunsichert. „Mhm Umsatzsteuer“, murmelte Patrick bestätigend und nahm ein mit einem Gummiband zusammengehaltenes Papierbündel aus dem Haufen und hielt es fragend hoch. „Meine letzten Kontoauszüge – bin noch nicht dazu gekommen sie abzuheften“ erklärte Emily und deutete auf ein Rosa Ringbuch auf dem handschriftlich eingetragen >Bank< stand.
„Geschäfts- oder Privatkonto“ hakte er, ohne aufzusehen nach und linste derweil, Emilys vielsagendes Schweigen missachtend, in einen der Pappkartons. „Belege für die Steuer...Ok...“ murmelte er zu sich selbst, „...und das...“, er angelte eine Tupperdose vom Boden des Wäschekorbs, unter dem Universalgeschäftsordner, den er am Vortag schon kennen gelernt hatte, hervor.
„Das sind...Königsberger Klopse“ meldete sich überraschend Philipp zu Wort, „...dachte wir liefern besser etwas Proviant mit, bei dieser Herkules Aufgabe...“ und etwas verlegen zwinkerte er Patrick zu.
„Besten Dank, das ist sehr...sehr umsichtig“ sagte der, unschlüssig die Dose in der Hand haltend. Philipp nahm ihm die Plastikdose ab, ging zur Küchenzeile und stellte sie in den Kühlschrank, „einfach warm machen, in Mikrowelle oder Ofen, Reis ist auch schon dabei.“ instruierte er Patrick unterdessen.
Er schloss die Kühlschranktür und sah zu den zweien auf dem Sofa, „Emmi, du brauchst mich doch jetzt nicht mehr, oder? Ich müsste auch jetzt wirklich los...“ mit diesen Worten schritt er eilig zur Wohnungstür „...sonst komme ich schon wieder zu spät zum Dienst...“.
In diesem Augenblick klingelte es zum zweiten Male an diesem Vormittag nachdrücklich an der Tür und Philipp, der ja schon vor direkt davor stand, öffnete diese ganz selbstverständlich.
Tuner war sehr überrascht Philipp Höfer gegenüber zu stehen: „Aaalter hab ick mich jetzze in der Tür jeirrt? Ick wollte eijentlich zu...“ er guckte suchend um die Ecke, sah Patrick auf dem Sofa und sein Gesicht erhellte sich buchstäblich, „...zu dir, Kumpel“, er schritt an Philipp vorbei, der statt selbst, wie eben noch angekündigt, zu gehen, sich erstmal, scheinbar neugierig geworden, abwartend an den Türrahmen lehnte, „...und mal nach dem Rechten kieken, wat die“, Tuner strich sich bedeutungsvoll über seine eigene Nase und zeigte dann mit dem Finger zu Patrick, „so macht weeste. Sieht ja eijentlich janz jut aus...“
„Wir sind jetzt >Kumpel<?“ fragte Patrick etwas reserviert und hob die Augenbrauen. Tuner zögerte, doch fuhr er, zwar nun leicht verunsichert und stotternd, fort: ick hab...hab da noch so `ne Salbe...von früher...weeste...“ verlegen hielt er sie erst Patrick hin und legte die Tube dann auf der Kommode neben dem Eingang ab, „...wirkt Wunder bei solchen Blessuren, weeste.“
Patrick tat seine harsche Reaktion gegenüber Tuner sofort leid und so beeilte er sich ihm, förmlich zwar, aber immerhin ernst gemeint, für seine Bemühungen zu Danken. Aber Tuner winkte ab: „...schon jut, man tut was man kann!“
Eigentlich hatte Patrick sich, auch noch der Form halber, nach dem Befinden von Tuners Mutter erkundigen wollen, doch in just dem Moment, klingelte es schon wieder, und es klopfte zusätzlich noch an die offen stehende Tür und Pia Koch steckte mit einem fröhlichen Piatypischen >Halooo? < den Kopf ins Zimmer.
Tonlos seufzte Patrick ergeben „...nur herein, kommt alle nur herein, der Jahrmarkt hat eröffnet, ist noch nicht voll genug - die Bude...“ aber keiner der anwesenden hörte es...
„Dominik schickt mich mit denen hier rüber“, sagte sie schnell erklärend, sie hielt einen Teller mit frischen duftenden Waffeln in der Hand, „und ich wollte doch unbedingt sehen wie es dir geht, nach gestern...und wäre auch schon viel früher gekommen, aber Domi meinte, dass du dich noch ein bisschen ausruhst“, sie lachte verschwörerisch in die Runde, als wäre es ganz normal, sich im Beisein von 4 weiteren Leuten >auszuruhen<, „sonst wäre ich schon heute morgen nach dir sehen gekommen...“  
Überrascht sah Patrick zu Pia auf und vergaß fast seine Manieren vor Erstaunen, das sich offenbar alle plötzlich irgendwie um ihn zu sorgen schienen.
„...es tut mir sooo leid das John dich so angegangen ist, ich verstehe das einfach nicht...“, plapperte sie weiter.
„Schon gut, war ja nicht deine Schuld Pia...danke, dass du mir gestern geholfen und Tuner zu Hilfe geholt hast.“ unterbrach sie Patrick und stand kurz auf und nahm ihr die Waffeln ab, platzierte diese einladend für alle mitten auf dem Tisch und lud Pia mit einer wortlosen Geste ein, sich doch zu ihnen zu setzen.
Emily maulte unterdessen in Pias Richtung „Das du John dann aber Unterschlupf gewährst, diesem irren Brutalo, das ist...“ „Wieso Unterschlupf? Was meinst du damit?“, erkundigte sich Pia umgehend sehr verblüfft, „John ist nicht bei mir gewesen, gestern Nacht, den hab ich einfach auf der Straße stehen gelassen, als ich mit ihm fertig war.“ sie nahm sich eine der Waffeln vom Teller, „hast du noch gesehen, wo der hin ist, Tuner?“
Der angesprochene, der still an der Badezimmertür lehnte, verneinte knapp. Und Philipp der eben auch die Hand zu den Waffeln ausgestreckt hatte, zog diese, sich betreten wundernd, zurück: „Wo ist John aber dann bloß abgeblieben?“ er nahm sich einen der Stühle und setzte sich verkehrt herum rittlings drauf, so dass er seine verschränkten Arme auf der Lehne vor der Brust abstützen konnte.
„Pfff - als ob das interessierte“ giftete Emily in die Runde „der hat dann eben im Mauerwerk gepennt...Na und?“ und sie streichelte Patrick neben sich über den Oberschenkel, als wolle sie bekräftigen, wer hier das Opfer war.
„Na ja, das interessiert mich schon Emily – und die Hauptfrage ist dabei: Wo zum Geier ist mein Hund abgeblieben?“ entgegnete Philipp leicht besorgt, wurde aber dann von einem aufdringlichen Handy-klingeln in seiner Hosentasche aufgeschreckt. „Scheiße das wird die Klinik sein...“, stöhnte er, „Dr. Friedmann macht mich einen Kopf kürzer...“ doch als er das Gerät in der Hand hatte, und auf das Display guckte, wurde er noch genervter und sagte nur ein Wort in die Runde „Ayla“
Philipp nahm rasch den Anruf an: „Ja Schatz - was gibt’s? ... Nein – ich bin auf dem Weg ins Jeremias ... WAS BOLLE IST BEI DIR? ... Wie das ... Ok ... ok ... natürlich ist im Spähtkauf kein Platz für einen Hund ... nein absolut richtig ... weißt du was ... ich rufe Emily an und bitte sie ihn bei dir abzuholen, ja das mache ich ... Tschüss“, er ließ das Handy sinken und sah bittend zu seiner Schwester: „...könntest du Bolle abholen, mit ihm Gassi gehen und dann nach Hause bringen, bitte? John hat letzte Nacht wohl im Bulli geschlafen und Bolle heute Morgen einfach bei Ayla im Spähti abgegeben, bevor er zum Großmarkt gefahren ist.“
„Ha - das geschieht ihm recht – hoffentlich hat er tüchtig gefroren...“ rief Emily triumphierend aus.  „Süße – bitte!“ versuchte Patrick leise Emily in ihrer aufkeimenden Wut zu bremsen.
Aber Philipp entgegnete nur „Na er wird sich bestens an Bolle gewärmt haben – also was ist?“ drängelte er nun ungeduldig werdend.
„Klar hole ich ihn“, sagte Emily, „ich kann den armen Bolle doch nicht in den Fängen von Ayla schmachten las...“
Ihr Bruder guckte sie tadelnd an und sie verstummte, rasch stand er auf, stellte seinen Stuhl zurück an den Tisch und nahm sich eine Waffel auf den Weg mit: „Ich muss los - Gute Besserung für dich Patrick...“
„Ick jeh dann ooch mal“, meldete sich Tuner nun zu Wort und winkte den anderen zu, bevor er Philipp folgte und die Tür leise hinter sich ins Schloss zog.
„Na gut, ich muss ja eigentlich auch wieder zurück ins Vereinsheim“, beschloss Pia, „Domi hält momentan allein die Stellung, das kann ich nicht zu lassen, wenn du was brauchst Patrick, dann meldest du dich aber!“ versicherte sich Pia noch und wartete dann an der Eingangstür auf Emily, die aufseufzend Patrick noch einen Kuss gab, sich eine Waffel vom Teller stibitzte um dann mit ihrer Freundin zusammen zugehen, um Philipps armen Hund von Aylas Gegenwart zu erlösen.
„Puh“ stieß Patrick die Luft aus, als er endlich wieder allein war und sank rückwärts in die Sofakissen und schloss für einen Moment die Augen „Das nächste mal sollte ich Eintritt verlangen für so ein Schauspiel“, sagte er laut zu sich selbst und rappelte sich wieder hoch, nahm sich eine, der wenigen übrig gebliebenen Waffeln und knabberte genüsslich an der krossen, spitzen Ecke, während er zurück ins Schlafzimmer schlenderte, um sich erstmal anzuziehen.  
Wenig später saß er in seiner roten Lieblingshose und der dunkelblauen Strickjacke mit den weißen und roten Querstreifen, vor sich ein Becher mit frischem Kaffee und sortierte Emilys Belege. Er hatte sich System überlegt, bei dem er die laufenden Ausgaben auf dem Esstisch nach Datum sortiert ausbreitete, die Fixkosten und Kontobelege dagegen auf dem Couchtisch anordnete. Den Hauptordner hatte er dabei griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen.
Die Kontobewegungen bei der Bank waren vorsichtig formuliert sehr übersichtlich und leider war Emily meistens deutlich im Minus, eigentlich kein Wunder, denn die Miete für den Laden, deren Höhe Patrick sowieso merkwürdig vorkam und die dazugehörigen Nebenkosten, sowie alle anderen Ausgaben wie Versicherungen und ähnliches gingen vom Konto ab, wohingegen die einzigen erwähnenswerten Einkünfte ausschließlich aus den unregelmäßigen Einzelaufträgen von Metropolitan Trends kamen.
Ist ja auch kaum verwunderlich, denn das >Last-Minit-Styling< vor den Clubs wurde bar bezahlt und sollte im Laden doch noch eine Kundin auftauchen, wäre es dort nicht anders.
Emily hatte es jedoch versäumt, regelmäßige Abrechnungen zu machen und diese dann einzuzahlen, offenbar rann ihr das Bargeld gleich so durch die Finger. Die 2 oder 3 Male, bei denen sie eine nennenswerte, größere Summe eingezahlt hatte, geschah es jedes Mal nur um ein größeres Loch durch erfolgte Abbuchungen zu stopfen.  Auch Zahlungen für das WG-Zimmer an Pia konnte Patrick nicht finden.
Seufzend schrieb er eine Soll und Haben Tabelle für die vergangenen Monate aber es gab kaum eine Woche, die auf der Haben-Seite punkten konnte. >Na< tröstete er sich >ein neues Business startet ja oft erstmal ohne Gewinn, was die Steuererklärung dann erleichtert< Belege für Sonderausgaben, Werbungskosten und außergewöhnliche Belastungen gab es zu genüge, sofern die Posten Abschreibungsfähig waren - das war aber bei den vielen Quittungen schwer herauszufiltern.
Patrick beschloss, erstmal dieser ominösen Ladenmiete auf den Grund zu gehen, bei Jasmin war die soweit er sich erinnerte, doch nicht so extrem gewesen, Emily hatte sich zwar beklagt das Jasmin anstatt formell Mieterin zu bleiben, unbedingt kündigen musste und durch die anschließende Neuvermietung dadurch der Preis sich enorm verteuert hatte, aber so ganz konnte er nicht glauben dass das der alleinige Grund sein sollte. Er wühlte sich durch den Universalordner, auf der Suche nach dem Mietvertrag.
„Ja – da bist du ja...“ konzentriert blätterte er den Vertrag durch und überschlug die Kosten für die Quadratmeter...aber Moment...er runzelte die Stirn.
„Das kann doch nie und nimmer stimmen - so groß ist doch dieser Laden gar nicht“ rief er perplex aus und vertiefte sich wieder in den unübersichtlichen Vertrag mit den extra angehefteten Ergänzungen.
Während Patrick noch las, tastete er bereits nach dem Handy, neben sich auf dem Sofa. Aus irgendeinem Grund bezahlte Emily für nahezu die doppelte Quadratmeter-anzahl, die das Geschäft, auch bei der großzügigsten Auslegung des Grundrisses, haben konnte. Und er hatte einen Verdacht.
„Hey Emily - ich gehe grade deine Mietverhältnisse und die damit verbundenen Kosten durch und kann partout keine Zahlungen an Pia für das WG-Zimmer ... in Bar ... und hast du darüber Quittungen? ... Na schön, das müsst ihr wissen, wie ihr das haltet ... Und sag mal, was anderes, wie viele Schlüssel hast du für den Laden zusammen mit dem neuen Mietvertrag bekommen? ... Drei? ... Aha ... ach guck, einer ist dabei der nirgends passt sagst du? Wo bist du denn grade ... im Laden? Sehr gut ich komme dann gleich mal vorbei.“

Im Vereinsheim hatte sich Tuner inzwischen mit seinem Kaffee an die Theke zu Dominik gesetzt. Es waren, fast ein wenig besorgniserregend, nur wenig Gäste da und dementsprechend für die sonst übliche Zweierbesetzung im Café viel zuwenig zutun.
Pia musste schon bald, nach ihrer Rückkehr von der Waffelmission bei Patrick einsehen, das Dominik alles bestens im Griff hatte und war, nach einem Anruf von Leon frühzeitig abgedampft, um den „Puschel“ Oskar aus der KiTa abzuholen, nachdem diese vermeldet hatte, das der sich mehrfach übergeben habe, und nun wollte sie ihrem Neffen zu Hause Kamillentee kochen und vorlesen und ihren Patentanten-pflichten ausgiebig nachkommen; gründlich >bepuscheln< nannte sie das.
Tuner hatte Dominik zunächst, auf dessen interessiert-besorgte Nachfrage ausgiebig erzählt, was bei der Untersuchung seiner Mutter herausgekommen war.
„...und so isses halt nur `nen Batteriewechsel, der bei meener Mutti anliegt. Dann funktioniert dees wieder 1A und Mutti jehts wieder jut“, mit diesem Fazit endete sein Bericht.  
„Da bist du sicher total erleichtert, oder?“ sagte Dominik, er erinnerte sich noch erschreckend  gut, wie hilflos und überflüssig er sich gefühlt hatte, nachdem Jo angeschossen worden war und er im Jeremias vor dem OP, in dem die Ärzte um Jos Leben kämpften, auf dem Flur saß und nicht wusste wie es weitergeht...“
Tuner nickte zustimmend: „Verrückt wa? Ick meen ist schon doll was, die Herren Doktoren so allet wieder hin kriejen, so Jesundheitstechnisch. Ham wa ja bei dir och jesehen...“
„Ja – es braucht allerdings oft einfach nur ne Menge Zeit bis alles wieder in Ordnung ist“, stimmte Dominik seinem Freund zu, „aber ist ja super, dass das nicht was schlimmes ist, bei deiner Mutter“, und damit ging er zum abkassieren, zu dem letzten, noch besetzten Tisch, an dem ein Rudel von kichernden Touristinnen, in rosa Hello-Kitty-Look, aus Japan saß, die schon ausgiebig seine Hilfe gebraucht hatten, beim Erstellen des ultimativen Selfi-Erinnerungs-Gruppenfoto.
Nachdem er den begeisterten jungen Frauen noch ausgesucht höflich die Tür aufgehalten hatte, kam er die Stühle zurechtrückend zu Tuner an die Theke zurück.
„Komisch dass um diese Zeit nicht mehr los ist“, sagte Dominik etwas bedrückt und warf das üppige Trinkgeld der Touristinnen in das gemeinsame Sammelglas neben der Kasse.
„Och, das liecht wohl am Weihnachtsmarkt“, meinte Tuner tröstend, „in den ersten zwee Wochen, is dit ooch im Mauerwerk über Taje zu spüren, das die Leute sich eher dort treffen und ihren Glühwein trinken“, er leerte seine Tasse, „Pia hatte ja schon die Idee selber een Stand aufzubauen, aber da braucht man wohl wieder so `ne extra Konzession, dit wird och wieder besser...“
Dominik schnaufte tief durch: „Na hoffentlich, ich brauche die Einnahmen aus dem Vereinsheim, auf der Baustelle geht’s erst im Frühjahr weiter...falls ich den Job überhaupt zurück kriege.“
„Alter wenn du´s grad nicht so dicke hast, ick kann dir jern mit was aushelfen, wa!“ bot Tuner sofort an und zückte umgehend sein Portmonee. „Nee lass stecken“ lachte Dominik, „reicht ja dass ich bei Patrick in der Kreide steh, da muss ich dich nicht auch noch anpumpen...“
„Also jut hab’s nur anjeboten“, antwortete Tuner, „machst mir noch eenen“ er schob die Tasse zu seinem Freund quer über die Theke.
„Klar“ bekräftigte Dominik sofort und Tuner beobachtete nachdenklich wie Dominik tätig wurde und die Kaffeemaschine bediente und fragte dann, als dieser ihm seinen Kaffee servierte, plötzlich: „Du Domi, kann ick dich noch was frajen, also wegen dem Patrick...“ Dominik guckte milde verwundert und überlegte sich im Stillen >Was jetzt wohl wieder kommt… <
„Also jestern...nachdem John ihn fast ausgeknockt hatte und ick den nun verarztet hab...“, druckste Tuner herum und wurde prompt von seinem Freund aufgeregt unterbrochen: „Wie du warst auch dabei? Das wusste ich gar nicht, ich verstehe immer noch nicht wie es dazu gekommen ist, Patrick wollte doch zu Emily...“
„Hat der dir denn jarnüscht erzählt heute morgen?“ wunderte sich Tuner. „Nein, nur dass er mit John vorm Vereinsheim zusammen gerasselt ist und anschließend von Jo, der zufällig vorbeikam, mitgenommen wurde – na los - nun erzähl mal bitte alles was du weißt...“ Dominik kam um den Tresen herum und setzte sich auf seinen, mit einer Plakette personalisierten, Barhocker neben Tuner und sah ihn auffordernd an.
„Na ja, wie war das nun...“, Tuner strich sich mit den Fingerspitzen kraulend den Bart und rekapitulierte dann, „John kam als Pia und ick grade überlechten, vielleicht etwas früher zuzuschließen, von wejen zuwenich Jäste. Aaalter, der hatte richtig miese Laune, aber nich jesacht warum, weeste. Und ich sach noch zu Pia >...jeh mal mit dem nach Haus und juck wie du den wieder aufheiterst<. Ick dachte, dees hätte irgentwat mit dem Mauerwerk zutun, denn John wollte zu Haus die Endabrechnungen für die Steuer machen...“, er rieb sich das Kinn, „na jedenfalls jingen die zwee raus und ick hör dann von draußen nen tierisches jebrüll uff der Straße und wie ick nachkieken will, kommt Pia schon anjewetzt: ick soll schnell kommen, weil John den Patrick sonst tot schlägt und ick soll die ma trennen.“
„Du bist dazwischen gegangen um den Kampf zu beenden?“ fragte Dominik nun bestürzt nach, bei Patrick hatte das geklungen, als hätte John nur einmal kurz zugelangt, so quasi im Vorübergehen und nun war es offenbar eine ausgemachte Keilerei gewesen, bei der allerdings Patrick von vornherein schlechte Karten hatte, ohne Kampfesroutine und mit einer Hand in Gips.
„Ja klar Alter, ick musste John richtig wechziehen, dabei lag der Patrick schon unten am Boden und machte keene Anstalten wieder aufzustehen.“ bestätigte Tuner.
Dominik wurde mit jeder weiteren Information über den Streithergang des Vorabend zunehmend zorniger „...scheiße ey, egal was Patrick sagt, ich sollte mir den John vorknöpfen!“ stieß er wütend aus.
„Nee Domi, dit lass ma lieber, der hat schließlich mal jeboxt und Bodybuilding jemacht und das Kloppen is niemals nich eene jute Lösung, dit kannste mir jlauben“, dabei stieß Tuner mit der Faust ganz sachte Dominik mehrmals gegen die Schulter. „Mich jedenfalls hätte dit fast ins Jefängnis jebracht...“
Dominik sah lange und ausgiebig in Tuners offenes Gesicht, bevor er zustimmend den Kopf neigte, ganz nach dem Motto >ich habe verstanden< und mit den Schultern zuckend, nun doch wieder ruhiger werdend, ergänzend murmelte: „Ich kapier nur immer noch nicht, was Patrick hier wollte...“
„Na dit kann ich dir sajen, der ist doch rausjeflogen bei Emilys Brüdern, obwohl er ja behauptet er sei freiwillig wech“, informierte Tuner nun seinen Freund bereitwillig, zufrieden das dieser sich wieder einzukriegen schien, „da gab’s doch vorher schon Stunk, und weil er dich und Jasmin nicht stören wollte, ist er erstmal hier her, war halt riesen Pech des er John jleich drauf hier wieder bejechnen musste...“
„Das reimst du dir jetzt aber auch nur zusammen...“ mutmaßte Dominik nun leicht betreten. Die Info, dass sein  Rendezvous mit Jasmin der Grund gewesen sein soll, das Patrick nicht direkt nach Haus, sondern ins Vereinsheim gegangen ist und dort dann von John verprügelt worden war, behagte ihm gar nicht.
Doch Tuner erklärte schonungslos offen ohne Dominiks Gedanken zu erahnen: „Nee dit weeß ick aus erster Hand, dit hat er mir nämlich jenau so selbst jesacht, als icke ihm die Eisbeutel für die Nase befüllte. Jroßes Ehrenwort!“

„Hey da bist du ja“ begrüßte Emily Patrick erfreut, kaum das der durch die Tür des ihres Ladens kam, sie zog ihn an sich und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss.
Patrick löste sich nur unwillig aus ihrer Umarmung und sah sich ein wenig in dem kleinen Ladengeschäft um.
Sie hatte sich zwar große Mühe gegeben, die Einrichtung ihren Vorstellungen von ihrem Geschäft anzupassen, doch er erkannte schnell, dass Jasmins Prinzesskleid noch allgegenwärtig war, in der edlen Schwarzweißen üppig arabesk-floralen Tapete an der Wand und dem Paravent an der Seite, vor der ehemaligen Umkleide und dem edlen hellen Sofa neben dem Eingang. Selbst das Kassentischen hatte Emily so übernommen wie Jasmin es platziert hatte.
Das einzig eigene Prunkstück Emilys war der vintage Friseurstuhl, den sie modern hergerichtet und mittig im Laden aufgestellt hatte. Sowie ein buntes Holz-Regal mit Make-up- und Pflegeprodukten und eine Style-Farbkarte am der Wand.
„Und? Wann erreiche ich Rockefellers Niveau mit meinem aufgehäuften Vermögen?“ fragte Emily gut gelaunt und wedeltet mit zwei 20-Euro scheinen vor Patricks Nase, „guck, grade wieder geöffnet und ich hatte schon zwei zahlende Kundinnen heute.“
„Tu mir einen Gefallen“ sagte Patrick, und nahm die beiden Geldscheine entgegen, die exakt der Summe, die Jo Gerner für ein gängiges, gewöhnliches Frühstück ansetzte, entsprachen und legte sie in Emilys Kasse, „warte noch ein bisschen, bevor du deinen ersten Privatjet orderst.“
„Hm - ausnahmsweise“ versprach Emily zwinkerte ihm zu, und zupfte vergnügt die Auflage auf dem Stuhl, für eine mögliche weitere Kundin, glatt. Patrick beobachtete sie liebevoll dabei, es widerstrebte ihm ihr die gute Laune zu verderben, aber es half ja nichts und so fragte er dann: „Wo sind nun die Schlüssel?“
„Ach ja warte...“, sie wühlte in einer versteckten Schublade unterhalb der Tischplatte der Kasse und reichte dann Patrick einen Schlüssel. „Und? Was meinst du? Was hat es nun damit auf sich?“ wollte sie dazu wissen.
Er begutachtete den Fund kurz und erläuterte: „Nun ich bin mir ziemlich sicher, das die happige Miete, über die du dich beschwert hast, nicht nur mit der Kündigung von Jasmin und der Neuvermietung zu tun hat - komm mal mit ins Hinterhaus...“ und er nahm Emilys bei der Hand und führte sie aus dem Laden, durch den Hauseingang hindurch, in den Hinterhof.
Zielstrebig, wie auf einem lange vertrautem Weg, ging er mit Emily im Schlepptau, dort durch eine Tür in ein Treppenhaus und hinauf in den 2.Stock.
„Und was machen wir hier?“ wunderte sich Emily nun ungeduldig werdend. „Hier, meine Liebe, zeige ich dir die Räumlichkeiten, für die du offenbar seit Monaten Miete zahlst und die du vermutlich noch nie betreten hast“, er steckte den mysteriösen Schlüssel in ein Türschloss vor ihnen, drehte diesen ganz leicht ohne Probleme herum, stieß die Tür dann auf und ließ der verdutzten Emily den Vortritt.
Sie guckte sich zunehmend irritiert in dem geräumigen, jedoch total zugestellten Zimmer um. „Was ist das hier? Was hat das mit meinem Laden zutun?“ verwirrt und eine rasche Erklärung erwartend sah sie zu Patrick, der in der Tür stehen geblieben war und die vertrauten Räumlichkeiten erstmal von dort betrachtete.
„Das ist die Werkstatt, die Jasmin seinerzeit zu dem Laden dazu gemietet hatte, hier hat Dascha - du erinnerst dich doch an die erste Frau deines Bruders Philipp - Dascha, die Illegale Putzfrau aus Kasachstan, gewohnt und für Jasmins Label gestickt und genäht.“ erklärte er und trat nun langsam ins Zimmer.
Der helle Raum war vollgeräumt mit den verschiedensten Sachen. An das rote, plüschige Schlafsofa erinnerte sich Patrick noch genau, das hatte er, an einem heißen Sommertag mit Jasmin zusammen hier heraufgeschleppt, er wäre fast zusammengebrochen. Und dann hatten sie es tatsächlich noch ganz spontan „eingeweiht“, ausgerechnet hier hatte Jasmin sich ihm endlich hingegeben, er sah es fast vor sich, ihre lila Bluse, die er ihr so leicht von den Schultern geschoben hatte während sie sich leidenschaftlich küssten...schnell drehte er sich ab, nicht das Emily noch etwas von diesen Erinnerungen in seinen Augen las.
In der einen Ecke stand eine alte Schneiderpuppe, in der anderen eine Bügelmaschine, mittig im Raum ein massiver, großer Eichenholz-tisch. Patrick klopfte prüfend auf die dicke Platte und verkündete dann: „...den hier hatten Dominik und Jasmin, wenn ich mich nicht sehr irre, in dieser mickrigen Hütte in Erkner stehen, ich hatte keine Ahnung, dass sie den nach der Trennung hierher geholt hat.“
Er stöberte weiter in dem Zimmer, vor einem Regal, in dem tatsächlich noch einige Stoffproben und Garnrollen lagen, hielt er inne, er dachte an den fatalen Tag, als Daschas, von ihm gefälschter, Putzvertrag bei den Gerners aufgeflogen war, Jasmin, die einzige die eingeweiht war, weilte zu der Zeit in den USA und er hatte Dascha mit Gewalt aus ihrem sicheren Versteck geworfen.
Er musste schwer schlucken, verdammt schäbig hatte er sich ihr gegenüber verhalten, nur um seine eigene Haut zu retten. Und trotzdem hatte Dascha Petrova Jo Gerner nie verraten, dass er, Patrick der wahre Schuldige war, der das alles eingefädelt hatte. Hastig öffnete er das Fenster weit um frische Luft hinein zu lassen und die bösen Erinnerungen zu vertreiben.
„...Patrick ich rede mit dir“ Emily zupfte ihm am Ärmel. „Entschuldige ich war grad etwas abwesend.“ stammelte er verlegen. „Na das hab ich auch schon gemerkt“, maulte sie, „aber nun sag doch: Was mache ich jetzt mit dem ganzen Krempel?“ fragte sie fassungslos, „wieso bezahle ich Miete für diesen Lagerraum mit Jasmins ganzen...“
„Du hast einfach den Mietvertrag wohl nicht richtig durchgelesen, Schatz.“ belehrte Patrick sie mit einem mitfühlenden Lächeln. Doch das kam bei Emily nicht gut an: „Diese Ziege hat mir nie gesagt, dass dieser Raum hier dazu gehört, die hat mich einfach ihr Lager bezahlen lassen...Na der erzähle ich was...“ und sie kramte wild in ihrer Handtasche. „Moment Emily - warte, das tust du erstmal nicht!“ bestimmte Patrick und er nahm ihr schnell das Handy aus der Hand.
„Aber...“ versuchte Emily aufzubegehren und angelte nach ihrem Telefon, das Patrick jedoch mit Leichtigkeit außer Reichweite über seinen Kopf hielt. „Hör doch, erstmal gehört dieser >ganze Krempel< , wie du es nennst, dir und nicht mehr Jasmin, denn du hast laut Vertrag das gesamte Interieur übernommen.
Und dann habe ich vielleicht eine gute Idee, wie wir das deichseln können, ich verspreche dir, ich hole dir dein Geld von Jasmin letzten Endes zurück, aber dafür du musst erstmal still halten...das ist ganz wichtig, Emily! Hast du verstanden?“ ernst guckte Patrick seiner Freundin in die Augen. „Gaaanz wichtig“ wiederholte er und wackelte mit dem Zeigefinger geradezu hypnotisierend vor ihren Augen herum. „Hab ich dein Wort?“ versicherte er sich nochmals und sah sie aufmerksam fast gernerhaft-streng an. Emily gab nach und nickte zustimmend, worauf hin er ihr sofort ihr Handy zurück reichte.
„Na schön ich halte erstmal still.“ maulte sie leise und sie wandte sich zum Gehen.  Patrick schloss noch schnell das Fenster, bevor er ihr folgte und während sie die Treppe wieder hinab gingen erklärte er: „Ich hab zwar noch nicht den vollen Überblick über deine Lage, Emily, aber ich lasse nicht zu, das du gegen Jasmin den kürzeren ziehst, überlass das mir und vergiss nicht das Jasmin Kathrins Tochter ist.“
„Was hat die KF damit zutun?“ fragte Emily nun beleidigt. „Solltest du Jasmin Schwierigkeiten machen wollen, könnte sie die lukrativen Aufträge von Metropolitan Trends ganz schnell einstellen. Das wäre ganz schlecht für dein Business glaub mir.“
Vorm Haus trennten sich ihre Wege, Patrick küsste sie kurz formlos auf die Wange: „Ich muss zurück zu deinen Bilanzen und du solltest noch ein paar Kundinnen um ihre schwer verdienten Kröten erleichtern. Lass uns heute Abend telefonieren. Ach - und hast du im Dezember noch einen Auftrag von Metropolitan Trends?“ erkundigte er sich, bereits davon eilend, ein letztes Mal umdrehend. „Ja, der Köster hat angefragt, KF will wohl kurz vor den Feiertagen noch ein Shooting machen lassen, aber ich weiß noch nichts genaues...“  rief Emily ihm quer über die Straße hinterher, er hob nur den rechten Daumen zum Zeichen dass er verstanden hatte und eilte zurück Richtung Kolleplatz.  

Im Vereinsheim nahm Tuner, nach einer Weile des einträchtigen Schweigens, nochmals den Gesprächs-Faden auf: „Also...wat ick nun eijentlich fragen wollte...is dit denn nun raus mit...also ob Patrick jetze...“ er stotterte immer nervöser um den heißen Brei herum bis er sich zusammenriss und einfach sagte: „ick meen nur, er ist gestern, fast ausgeflippt als Pia ihm dit Blut aus dem Gesicht wischen wollte.“
Nun dämmerte Dominik langsam doch, worauf sein Freund nun anspielte, allerdings hatte er nicht die Geringste Ahnung, ob er darauf überhaupt eine Antwort geben durfte.
„Ick hab ja dann übernommen, Pia weggeschickt und Patrick jesagt ich wüsste Bescheid.“ legte Tuner noch erklärend nach.  
„Was hast du?“ Dominik fiel fast vom Glauben ab, „Mensch, Tuner, wie kannst du nur...“, fragte er komplett überrumpelt und gleich in großer Sorge „wie...wie hat Patrick drauf reagiert?“.
Tuner zuckte mit den Schultern „Na wie schon – Sauer - aber ick hab ihm jleich jesteckt, dass ich das nich von dir hab, weeste, das ich das zufällig jehört hatte, als er dir dit erzählte bei deinem Vatter und ick dir versprochen hab, als ich auszog, nie drüber zu reden und dit och jehalten hab und denn wars och jut, irjentwie.“  
„Echt jetzt?“ hakte Dominik erstaunt nach, „er ist nicht auf dich los oder sofort abgehauen oder so?“
Tuner kratzte sich den Bart und legte die Stirn in Falten: „Nö - Joa er war een bisschen zickig zu Anfang, aber hat sich dann jleich beruhigt. Und dann ham wir noch nen büschen jeredet und - Frieden geschlossen!“
„Wer hat Frieden geschlossen?“ fragte Dominik nun ermattet nach, und musste sich tatsächlich am Tresen festhalten damit er nicht bei diesen Neuigkeiten von Hocker kippte.
„Na ick und der Patrick – war ja keen andrer da, er hat sich wejen dem ewigen Mopsi-jedöns und so entschuldigt und ick hab ihn dann zur...“ Tuner unterbrach sich schnell, hustete ein bisschen, als hätte er sich verschluckt und verbesserte sich dann mit Tränen in den Augen, „also ick hab mich auch entschuldig und dit is dit...dann sind wir raus uff die Straße und dann kam och schon dein Vatter...“
„Also gibt’s jetzt keinen Kleinkrieg zwischen Euch beiden mehr? Keine Beschimpfungen oder Drohungen?“ Dominik legte den Kopf schief und sah Tuner forschend von der Seite an, der trommelte einen kleinen Marschrhythmus auf den Tresen und grinste dann seinen Freund dann breit an: „Nö!“ bestätigte er knapp und Dominik lachte erleichtert auf. >Dann war die platt-geschlagene Nase seines Bruders ja doch noch zu was gut< ging es ihm fast selig durch den Kopf.
„Man Alter, das finde ich einfach großartig“, freute er sich und schlug Tuner gut gelaunt auf die Schulter, „ich finde das echt groß von dir, Tuner, ich weiß ja das Patrick... bestenfalls noch als schwierig gelten kann. Und er hat sich echt oft daneben benommen dir gegen über. Aber er ist schwer in Ordnung, das wirst du sehen wenn du ihn besser kennen lernst.“
Dominik zögerte kurz bevor er sehr leise hinzufügte: „...also zu dem was du wissen wolltest, ich weiß nur, dass er morgen im Jeremias zum letzten Bluttest muss, da stellt es sich dann endgültig raus woran wir sind. Das Ergebnis kommt dann nächste Woche. Dann wissen wir wenigstens Bescheid - so oder so.“  
„Und wie...ist das so für...wie steckt er dit wech?“ wollte Tuner nun mitfühlend ebenso leise wissen, „Ick stell mir dit furchtbar vor so ewig keene Ahnung zu...“
„Ja - das ist schon sehr hart für Patrick“, bestätigte Dominik leise, „ weißt du, wir haben beschlossen, das Ganze erstmal, solange wir nichts tun können, um die Situation zu ändern, nicht weiter zu thematisieren und erst Mal abzuwarten, bevor wir die Pferde scheu machen. Das ist  sowieso im Augenblick der Plan in vielerlei Hinsicht, auch mit dem Steuerprozessurteil, auf das wir nun auch warten müssen und die bald anstehende Verhandlung gegen diesen David Carstensen wegen der Entführung Patricks und das angespannte Verhältnis zwischen Jo und...“, Dominik brach mitten im Satz  entmutigt ab und atmete vielsagend tief durch.
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