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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
330.648
2
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314 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.07.2020 8.694
 
Hat leider ein bisschen gedauert - Sorry - dafür ist es extra doppelt so lang wie übliche Kapitel...

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Der Schneefall hatte nachgelassen und hatte eine dünne weiße Decke über Berlin gelegt, auch wenn es auf den Fahrbahnen schon wieder antaute, lag ein glitzernder Zauber in der Luft, für den Patrick, in diesem Moment, absolut keinen Sinn hatte.
Er löste sich aus dem Hauseingang Reichenburgerstraße, überquerte schnellen Schrittes die Straße und strebte zum Vereinsheim um dort in der Wärme, mit einem Drink in der Hand, mit dem Pech, das ihm die Nacht mit Emily gekostet hat, zu hadern und in Ruhe seine nächsten Schritte zu überlegen.  
Doch grade als Patrick seine Hand nach der Türklinke ausstreckte, öffnete sich die Eingangstür zum Vereinsheim und Pia erschien,  verblüffender weise mit einem Hund an der Leine und rief dabei über die Schulter zurück ins Cafe: „Mach doch einfach auch Schluss für Heute Tuner, ist ja nichts mehr los und vergiss nicht den Müll rauszustellen und abzuschließen.“
Von einer  unerklärlichen Vorahnung getroffen, trat Patrick schnell ein paar Schritte zurück und tatsächlich folgte John, Pia, die grade noch nichts ahnend ein fröhliches „Hallo Patrick“ sagte, auf dem Fuße aus dem Cafe ins Freie.
„Ach nee - du kommst mir ja grade recht, du kleiner Pisser“ stieß der erbost hervor sobald er Patrick erblickte und er schien sich, entgegen Philips Plänen, nicht im Mindesten beruhigt zu haben.
„John hör mal, ich will keinen Streit...“ entgegnete Patrick tapfer und hob dabei in einer beschwichtigenden Geste die Hände.
„Bitte keinen Krach jetzt“ bat auch Pia und fasste rasch nach Johns Ellenbogen um ihn zurück zu halten, doch der hatte nur noch Augen für seinen Gegner: „Das hättest du dir mal besser vorher überlegen sollen, aber du kannst Emily nicht in Ruhe lassen, was?“, er schüttelte sein Freundin ab und stieß Patrick grob gegen die Brust.
„Immer wieder wenn sie grade halbwegs die Kurve gekriegt hat, tauchst du, wie ein falscher Fuffi wieder auf und bringst ihr Leben in Unordnung und wir können es dann wieder ausbaden.“
John trieb Patrick energisch vor sich her, während dieser sich wenigstens verbal zur Wehr zu setzen versuchte: „Das stimmt doch so nicht, John, und abgesehen davon ist das ganz allein Emilys entsch...“
„Nimm den Namen meiner Schwester nochmal in deinen dreckigen Mund“, warnte John Patrick, der jetzt die Mauer des Hauses im Rücken spürte und somit keine Ausweichmöglichkeit mehr hatte.
„Hör zu John, das können wir doch ganz ruhig besprech...“ weiter kam Patrick nicht, da hatte er schon Johns Faust im Gesicht und der zweite Boxschlag in Richtung Leber ließ ihn zusammenklappen.
Es war ein großen Glück, dass er sein Korsett trug und Johns Schlag, durch Patricks schmale Figur falsch bemessen, seitlich abgerutscht war und die lädierten Rippen verfehlte, dennoch ging er nach dem Leberhaken auf die Knie, japste nach Luft und krümmte sich vor Schmerzen am Boden zusammen.
Doch John schien noch nicht zufrieden und packte Patrick am Kragen, um ihn wieder hoch zu ziehen, immer noch die Rechte, zur Faust geballt und zum Schlage erhoben. Da fiel ihm jemand in den Arm und drängte ihn gleich mehrere Meter zurück.
„Spinnste, der hat jenuch, siehste doch!“ Tuner, von der verzweifelten Pia aus dem Vereinsheim zur Hilfe geholt, schob seinen Chef zurück.
„John haste nun komplett den Verstand verloren!“ brüllte Pia außer sich und stieß ihren Freund zusätzlich unsanft zur Seite „warum machst du so was, der hat dir doch gar nichts getan“ damit drückte sie ihm die Leine mit Bolle in die Hand.
John fasste nach ihr: „Pia der Kerl hat...“ „Ich will davon nichts hören“ keifte sie zurück und schubste ihn weg, „verschwinde jetzt, du hast genug angerichtet für einen Tag“ und sie lief, Johns derbe Flüche seinen Gegner betreffend überhörend, zu Patrick, der vor ihr auf den Knien im Schnee lag, nach Luft rang und  sich die blutende Nase hielt und beugte sich zu ihm runter: „Bist du OK?“ fragte sie besorgt, „lass mal sehen...vielleicht holen wir besser wir einen Arzt...“
Doch Patrick wollte keine Hilfe von ihr und zeigte das überdeutlich. Er stieß ihre helfenden Hände weg und motzte Pia an: „Nicht anfassen! Lass mich einfach“, dann tastete er an seinem Anzugtaschen nach seinem Taschentuch, um den stetigen Blutfluss aus der schmerzenden Nase zu stillen.
„Nicht so“ sagte Pia kleinlaut  „du tropfst dir doch den Anzug ganz voll“, sie verstand grade gar nichts mehr und hasste es so tatenlos aufs Zuschauen degradiert zu sein, aber Patrick wehrte sie weiter grob ab, das fehlte ihm ja grade noch, das Johns Freundin mit seinem Blut in Berührung kam.
„Ick mach dit besser“ meldete sich Tuner aus dem Hintergrund. Er ließ John, den er bislang die ganze Zeit über von dessem Opfer abgeschirmt hatte, einfach unter der Straßenlaterne stehen und kam heran, dann packte er Patrick ganz unzeremoniell, ohne sich um seine abwehrenden Bemerkungen und Beschwerden zu kümmern, unter den Armen und hievte ihn auf die Füße.
„Regel du dit mal mit John“ sagte er zu Pia, während er Patrick stützte und deutete in die Richtung, in der der Clubbesitzer in einigem Abstand stand und bugsierte dann Patrick durch die offen stehende Tür ins Vereinsheim.
„Mach nicht so einen Aufriss“, näselte Patrick hinter seinem fast gänzlich durchgebluteten Taschentuch, und hielt sich, schwer keuchend, mit der freien Hand die schmerzende rechte Seite „ich muss mich nur kurz setzen und etwas zu Atem kommen und dann gehe ich einfach wieder“
„Nix da, das muss sich wer ankieken und dann muss Eis drauf, damits nich so dick wien Elefantenrüssel wird – dit hilft auch gegen das Bluten.“ Tuner holte unterm Tresen einen Erste-Hilfe-Kasten hervor, füllte zwei Plastikbeutel mit Eis und schnappte sich einen Hocker, von einem der Tische, bevor er Patrick weiter in das WC lotste.
„Du solltest das besser nicht...“ begann Patrick, doch zu seinem größtem Erstaunen entgegnete Tuner: „Ick wees bescheid“, und zog sich dabei ein paar Gummihandschuhe über, „also von wegen warum du so empfindlich biste, mit deinem Blut.“
Patrick erstarrte: „Was weißt du?“ fragte er fassungslos nach, bevor es bitter aus ihm heraus brach, „Na das war klar, das hat Dominik dir erzählt...“  
„Nix hat er“ unterbrach Tuner laut und unwirsch, „dit hab ick aus deinem eijenen Munde – habs zufällig jehört, als du es Dominik sagtest, drüben im Townhouse bei eurem Vatter in Domi seinem Dachjeschoss. Ick hab da schließlich ne Weile jewohnt, nach dem mit Emily Schluss war. Und bevor du fragst, ICK habs keener Menschenseele jesagt. ICK halte nämlich meine Versprechen.“
„WEM hast du denn WAS versprochen, wenn du KEINEM WAS gesagt hast?“ begehrte Patrick beleidigt auf.
„Domi natürlich, musste dem doch sagen, warum ick so plötzlich wieder auszieh, wa. Ick wollte nicht im Weje sein und dachte dir wärs eh lieber...“, mit Nachdruck nötigte er Patrick  endlich auf dem Hocker Platz zu nehmen, „Ist eh Schnee von Jestern - nun lass ma doch kieken ob se jebrochen is.“
Erstaunlich flink und geschickt tastete Tuner an der Nase entlang, „Auh“, stöhnte Patrick und wollte ihn wegschubsen, doch da war der schon fertig und wischte mit etwas Handtuchpapier, aus dem Spender an der Wand, das Blut weg, bevor er eine Eispackung sachte draufdrückte: „Janz schön Dusel jehabt, ist noch alles heil, keen Knick drin. Und dit bei Johns Dampfhammer“
Er nahm Patricks rechte Hand und legte die vorsichtig über den Eisbeutel: „Hier halt ma selber“, dabei besah er sich die eingegipsten Finger. „Echt krass wa, von John – wo du dich nicht ma wehren kannst. Wenn die Finger wieder janz sind, muss du unbedingt ein bischen trainieren, damit du ihm Paroli bieten kannst, weeste.“
Patrick schwieg eisern, im Geiste schwer mit was anderem als John Bachmann beschäftigt: >Tuner wusste die ganze Zeit Bescheid< nagte es innerlich an ihm und nun, zur Krönung des Ganzen, verarztete er ihn sogar...
„Hier der zweete Beutel muss in den Nacken, damits endlich aufhört mit dem Jeblute“,  wies Tuner ihn an und platzierte, wie angekündigt, die Kühlung dort. „Hast du kürzlich einen Erste-Hilfe-Kurs  gemacht oder was...“ brummelte Patrick Feindselig und erschauerte unter der eisigen, kalten Last. „Nee das lernt man halt so uff der Straße, wenn man sich öfter ma kloppt.“, gab Tuner ungerührt Auskunft.
Er stopfte nun das voll geblutete Handtuchpapier und die anderen Überreste seines Samariterdienstes in einen Plastikbeutel und zog die Handschuhe aus und trat einen Schritt zurück: „Schade um den schönen Zwirn“, murmelte er dabei.
Patrick guckte an sich runter, das meiste Blut hatte das fliederfarbene  Hemd abbekommen, aber auch die edle Weste, die er, nach dem überstürztem Aufbruch von Emily, noch nicht wieder zugeknöpft hatte, zeigte eine Reihe feine Spritzer. Und sogar die Hose zeugte von dem Kampf, hatte er doch nach dem vernichtenden Leberhaken auf der schneenassen Straße gekniet. Leise Fluchend tupfte Patrick hier und dort etwas hilflos und ohne nennenswerte Wirkung auf seiner Kleidung herum bevor er entnervt aufgab.
„Und nun?“ fragte Tuner und besah sich seinen Patienten, „Soll ick dich mal nach Hause begleiten? Zur Sicherheit?“
Patrick schnaubte unwillig bei der Vorstellung Mopsi auch noch als Leibwächter an der Backe zu haben, doch der sofort einsetzenden Schmerz in der Nase ließ ihn eher kleinlaut antworten: „Nee lass mal - danke hierfür, aber den Rest schaff ich allein“.
„Jut, ick warte ma draussen“, beschloss Tuner ungerührt, „du möchtest dir sicher noch dit Blut aus dem Jesicht waschen.“ und dann nahm er dir Tüte mit dem Abfall und verschwand.
Patrick stierte wütend in den Spiegel. >Warum hat Tuner nie was gesagt - nicht mal angedeutet, wenn er von Anfang an doch Bescheid wusste über das was ihm in Russland angetan worden war und welche möglichen Folgen, das gehabt haben könnte. Nicht mal wenn er ihn angemacht hatte und seine gezielt verletzenden Sprüche reingedrückt hatte, war von Tuner eine Retourkutsche gekommen. Der Mopsi, der hatte seine Freundschaft und Loyalität Dominik gegenüber einfach auf ihn erweitert, >was für ein Kerl ey< , unbegreiflich sowas...“
Im Cafe räumte Tuner derweil noch auf, obwohl schon alles im Prinzip an seinem angestammten Platze stand und wischte wiederholt die blitzsaubere Theke, bis Patrick endlich wieder aus der Cafe-Toilette auftauchte. „Kannst die verbrauchten Eis-Beutel da rin tun“ Tuner deutete zum Eingang, wo er die diversen Mülltüten schon zusammengetragen hatte.
Patrick ging zur Tür und folgte, ein bisschen von sich selbst überrascht, wie selbstverständlich, Tuners Aufforderung, der grade noch das Licht hinter dem Tresen löschte, zu ihm trat und dann die Müllbeutel vom Boden aufklaubte.
„Ick hab dir noch einen frischen jemacht, für aufm Weg, dit muss du immer weiter kühlen, je länger desto besser, damit sich der Schaden in Jrenzen hält“  und er drückte Patrick den Ersatz in die Hand und war schon fast durch die Tür, als dieser ihn überraschend zurück hielt und sagte: „Warte mal...ich wollte...also...“ Patrick kaute erst ein wenig auf den Worten herum bis er sie endlich auszusprechen vermochte: „Ich wollte mich noch bei dir entschuldigen.“
Tuner hob kurz fragend den Kopf, wie bei einem umgekehrten Nicken. Und Patrick fuhr unsicher fort: „...von wegen Mopsi und so und dass ich immer so herablassend und fies zu dir war. Also das tut mir ehrlich leid, das soll nicht wieder vorkommen“, er hielt Tuner die lädierte rechte Hand hin, doch der guckte, als wollte Patrick ihm ein schrottreifes Autowrack für neu verkaufen.
„Friede wa?“ fragte Tuner misstrauisch nach und machte abschätzend die Augen schmal, Patrick nickte „Friede“ und als er schon fast nicht mehr damit rechnete, setzte Tuner die Tüten noch mal ab, griff nach der ihm angebotenen Hand und schlug ein.
Als er den Müll erneut aufsammelte fragte er beiläufig, wie um die angespannte Stimmung zu lockern, „Du kommst doch auch zu Domis Fete am Samstag?“
Patrick stutzte, >Domis Fete<, und fragte sichtlich überrascht von dieser Neuigkeit: „Dominik gibt am Samstag eine Fete?“  
„Nee nicht janz, der wees noch nüscht davon, Pia organisiert das janze, hier im Vereinsheim da machen wir ab neune auf Privat, wird eine Überraschungsparty, mit allen Freunden zum rein feiern ins Domis Jeburtstag.“
„Ach nee lass man, da bin ich wohl eher fehl am Platz.“ stellte Patrick leise fest. „Son Quatsch da musste kommen, bist doch seine Familie, Domi wär bestimmt jeknickt, wenn du fehlst...“ empörte sich Tuner kumpelhaft und schaute Patrick herausfordernd an.
„Wer kommt denn so?“ erkundigte sich Patrick vorsichtig. „Na alle Freunde, Pia und Icke und Phillip und Ayla, Jasmin, Julie und die zwee aus München...Emily...und bestimmt hab ich noch wen verjessen. Also is abjemacht, oder?“
„Und Emily weiß Bescheid?“ fragte Patrick nochmals leicht verwundert nach. Tuner kratzte sich den Bart:  „Wenn icks mir recht überleje, dann eher nich, sie war ja schon länger nich mehr in der WG. Die bringste einfach mit, abjemacht!“ treuherzig guckte der breite, bärtige Mann Patrick an, doch der kämpfte noch mit sich ein Weilchen, bevor er bestätigte: „Ja ist abgemacht.“
„Und keen Sterbenswörtchen zu Domi, klar?“ ermahnte ihn Tuner noch und Patrick nickte ergeben.

Draußen auf der Straße hatte Pia zwischenzeitlich aufgebracht John ausgiebig die Meinung gesagt und war anschließend ohne ihn davon gestürmt. Und auch John war mitsamt Bolle verschwunden, wenn auch nicht klar war, ob er Pia nach gefolgt war oder nicht. Die Straße war wieder friedlich und still und wie leer gefegt.

„Und nun?“ fragte Tuner nochmals, während er nun die Tür zum Vereinsheim abschloss.  „Zu euch nach Haus jehts da lang, wie jesacht, ick kann mitkommen für den Fall das John...“
Patrick zögerte kurz: „Besten Dank, aber da gehe ich bestimmt nicht hin, heute Nacht, ich hatte Dominik versprochen, das er mit Jasmin allein ist...“ „Ah verstehe - hast Domi Sturmfrei jejeben und du wolltest zu Emily und bist dort rausjeflogen?“ schlussfolgerte Tuner peinlich genau zutreffend.
„Nein ich bin freiwillig weg“, korrigierte Patrick leicht pikiert darüber, wie genau Tuner die Lage erfasst hatte, „ich wollte keinen Stunk, konnte ja nicht ahnen, dass ich John hier nochmals über den Weg laufe.“
„Ick würd ja sagen, komm mit in die WG und penn in Emilys leerem Zimmer, aber ist jut möglich, das John da heute noch wegen Pia aufkreuzt, so versöhnungstechnisch, verstehste.“
„Nee lass mal, das passt schon, irgendwie ich find schon was.“ seufzte Patrick ergeben, nicht das er auf den Vorschlag ernsthaft eingegangen wäre.
„Na denn zum Townhouse zu deinem Vatter?“ schlug Tuner plötzlich vor. „Nein das geht auch nicht“, wehrte Patrick wieder ab.
„Wieso nicht? Die Bude ist so groß, der merkt nich ma, dit du da bist. Da kannst du doch sicher in Domis Zimmer unterm Dach pennen?“ fragte Tuner verständnislos die Schultern hebend. Es leuchtete ihm einfach nicht ein, dass Patrick so etwas nahe liegendes, nicht nur nicht in Erwägung zog, sondern so kategorisch ausschloss.
Patrick schüttelte entschieden den Kopf „Ach nee - das ist auch nichts...ich kann da nicht einfach so aufkreuzen...ich sollte mir lieber ein Hotelzimmer suchen für die Nacht.“
„Na wenn du meenst“, lenkte Tuner nun ein und setzte nach kurzem Nachdenken hinzu, „echt schade das dit Hostel damals einjestürzt ist, dit fehlt hier aufm Kietz ...“
Die beiden waren so vertieft in ihr Gespräch, dass sie die nahenden schnellen Schritte nicht gehört hatten. „Patrick?“ fragte es plötzlich hinter ihnen, aufgeschreckt drehen sich beide zu der ihnen nicht ganz unbekannten Stimme um.
„Was ist denn mit dir...Gott wie siehst du denn aus?“ Jo der aus dem Nichts gekommen zu sein schien, drehte Patrick unsanft ins Licht der Straßenlaterne und zog dabei Patricks Hand mit dem Eisbeutel von der Nase weg, um ihm besser ins Gesicht zu sehen.
„Was ist passiert? Wer war das?“, forderte er mit schneidender, strenger Stimme nach Auskunft, und als er diese nicht sofort erhielt, fragte er feindselig, mit durchdringendem Blick auf den mutmaßlichen Täter: „HERR KRÜGER?“
„Iiiick hab damit nix zu tun!“ wehrte Tuner empört ab „was sie nur denken Herr Doktor, ick hab ihn nur verarztet?“
„Hast du dich mit Dominik gestritten? Warum hast du überhaupt seine Jacke abgeholt und nicht er selbst? Ist das der Grund für dein ramponiertes Äußeres?“ forschte Jo nun entschieden nach und feuerte seinen Fragen in so rascher Folge ab, das Patrick kaum dazwischen kam, mit seinen Antworten, „Nein Jo, Dominik hat damit auch nichts zu tun, ich schätze der ist noch mit Jasmin zusammen im Mauerwerk, ein bisschen feiern denke ich.“ erklärte Patrick lahm.
„Soso die beiden >feiern<“, wiederholte Jo und betonte das Wort feiern extra gedehnt und überdeutlich, „und du? Du wolltest sicher mit Emily >feiern< und da ist dann WER dazwischen gekommen?“ bohrte der Anwalt jetzt nach.
Patrick schwieg eisern und versuchte Jos Blick stand zuhalten, doch er brauchte nichts zu sagen, denn Jo Gerner kam mit all seiner Routine und Menschenkenntnis ganz von alleine auf des Rätsels Lösung: „John - John Bachmann!“
„Bingo“ sagte Tuner leise und Patrick knuffte ihn erbost, das er nicht still war, grob in die Seite.
Jo ignorierte das ungebührliche Verhalten seines Adoptivsohnes, das er auf seine allgemeine Verfassung zurückführte, und ansonsten sicher gerügt hätte und fuhr nun geschäftsmäßig fort: „Wir sollten ihn nun wirklich anzeigen Patrick, das geht so nicht weiter, es ist absolut inakzeptabel, das er dich immer angreift, das Maß ist nun endgültig voll...“
„Nein, das will ich nicht“ begehrte Patrick überraschend deutlich auf und brachte Jo vor Erstaunen zum verstummen, „das ist ganz allein meine Angelegenheit, es ist einfach blöd gelaufen heute...aber eine Anzeige kommt nicht in Frage“  
„Ja und nun suchen wir nur noch ein Bett für heut Nacht“ mischte sich Tuner nochmals ins Gespräch ein, um auf die naheliegenderen Probleme hin zu deuten.
Sowohl Patrick als auch Jo schauen verwundert zu Tuner, dem die Doppeldeutigkeit seiner Bemerkung nur langsam aufgeht: „...also für Patrick suchen wir, ick hab je eens...“ stotterte dieser dann erklärend.
„Das ist nun kein größeres Problem, du kommst selbstverständlich erst mal mit zu mir nach Haus“, bestimmte Jo das Heft wieder wie gewohnt in die Hand nehmend, „Danke Herr Krüger ich übernehme das jetzt und -  nichts für ungut“
„Tuner für sie Dr. Gerner, passt schon, sie kennen mich ja, jute Nacht allerseits...“ und damit trennte er sich von den beiden und ging rasch über die Straße, zu den Containern, während Jo und Patrick sich Richtung Brunholderstraße langsam in Bewegung setzten.

„Ich habe eben noch Kathrin nach Hause begleitet, wir haben noch etwas getrunken nachdem wir aus Rheinsberg zurück waren, ich musste ja die Wogen glätten nachdem ich sie mit Euerm Geschenk für Johanna konfrontiert hatte. Eure kleine Schwester hat sich allerdings über das Schokoladen Rentier über alle Maßen gefreut.“ erzählte Jo beiläufig und erklärte somit von wo er so urplötzlich aufgetaucht war.
Patrick lächelte hinter dem Eisbeutel bei dem Gedanken an Johanna und dem Schokorudolf. Am Townhouse angekommen schloss Jo die Haustür, neben der nun vollkommen dunklen Redaktion, auf und schob Patrick über die Schwelle. Also war Köster also doch noch fertig geworden und musste keine Nachtschicht einlegen, dachte Patrick als er die Stufen hoch ging und ein mulmiges Gefühl überkam ihn, er war noch lange krank geschrieben. Was wenn Köster Druck machte und Kathrin sich inzwischen nach einem Ersatz umsah?
„Nun komm erst mal rein und setz dich.“ er wies auf die Designer-Barhocker am Küchentresen. „Ich hole dir sofort frisches Eis für die Nase. Vielleicht sollte da doch ein Arzt drauf gucken, nicht das sie gebrochen ist, ich könnte Dr. Kramer ...“
„Hat Tuner schon, ist alles OK“ wehrte Patrick mit Nachdruck den Vorschlag ab, allein die Vorstellung heute noch Dr. Kramer gegenübertreten zu müssen war zu viel für ihn. „Also bitte Patrick, der Mann ist Automechaniker“ entgegnete Jo nachsichtig.
„Das heißt heutzutage Mechatroniker“ motzte Patrick bevor er sich fing und umgänglicher hinzufügte „und er versteht auch was von Nasen.“
„Kunststück, er war ja auch in so einer jugendlichen Schlägertruppe früher, da wird er das wohl aufgeschnappt haben, du erinnerst dich doch? Du hattest mich doch zu dem Prozess gegen den Anführer dieser Gang begleitet. Leonard Köster, genannt Lenny? Der Sohn von dem Karohemd der für Kathrin den Chefredakteur gibt.“
Während Jo die Geschichte erzählte, war er zum Kühlschrank gegangen und hatte ein Kühlelement aus dem Eisfach geholt und zurück bei Patrick mit Tuners improvisiertem Eisbeutel ausgetauscht.
„Er wurde zu einer Jugendstrafe verurteilt, ist aber relativ schnell auf Bewährung entlassen worden. Herr Krüger war eher ein Mitläufer, der ist noch gut aus der Sache heraus gekommen, mit einer Bewährungsstrafe und Auflagen, weil er gegen die anderen ausgesagt hatte, in dem Prozess.“
Patrick nickte nur müde um zu signalisieren, dass er sich erinnerte, Lenny Köster, der Typ der schwul war und trotzdem Emily lange den Freund vorgegaukelt hatte und über den sie versuchte hinwegzukommen, als sie sich kennen lernten. Das kam ihm alles so unendlich lange her vor – wie in einem anderen Leben.
Mit der Frage: „Hast du was gegessen heute?“, holte Jo ihn in die Gegenwart zurück. Patrick gab keine Antwort und zuckte nur mit den Schultern.
„Das geht doch nicht“, schimpfte Jo nun los und ermahnte Patrick dann ein wenig ruhiger, „du musst wirklich mehr auf dich achten, du musst wieder die Kontrolle über dein Leben übernehmen, statt alles so schleifen zu lassen. Schau doch beispielsweise nur deine Schuhe an“, er wies nach unten und Patrick folgte stumm Jos Aufforderung, „die Schuhe eines Mannes sagen dir alles über seine Verfassung und seinen Stand, das hast du doch schon gehört, oder? Früher wärst du jedenfalls nie mit dermaßen ungepflegten Schuhen herumgelaufen.“
„Ja stimmt schon - du hast Recht - aber vielleicht haben sich meine Prioritäten einfach verschoben...“ erwiderte Patrick leise den Kopf noch gesenkt.
Jo nickte verständnisvoll und wirkte selbst kurzzeitig etwas bedrückt, bevor er versöhnlich fort fuhr: „Verständlich solange das nur vorübergehend, durch die Vorkommnisse der letzten Monate der Fall war, aber es ist vorbei Patrick, vergangen, und es wird Zeit sich nach vorne zu orientieren und nicht zurück  - und regelmäßige Mahlzeiten sollten in deinen Prioritäten ganz oben stehen - komm ich habe noch einen Rest Ragout von Gestern, was ich aufwärmen kann und etwas Baguette dazu.“
Schnell stellte Jo 2 Teller und Weingläser auf den Küchentresen, legte Besteck dazu und machte sich daran das versprochene Ragout in der Mikrowelle zu erwärmen. Dabei zeigte er zum Esstisch rüber wo die Schachtel mit der Baumspitze stand: „Von dir?“ und es klang weniger nach einer Frage als einer Bestätigung.
„Mhm“ brummte Patrick leise und setzte sich endlich an den Tresen. Jo goss aus einer bereitstehenden Flasche Rotwein in sein eigenes Glas und nach kurzem zögern auch seinem Gegenüber etwas ein und sagte dann: „Du hättest die Karte ruhig mit deinem Namen unterschreiben können – ich kenne doch schließlich deine Handschrift.“ und er prostete Patrick zu.
„Gefällt sie dir denn?“ fragte dieser schüchtern, als er sein Glas wieder abstellte.
„Gefallen?“ fragte Jo überrascht von der Tatsache, dass Patrick seine große Freude an dem Geschenk nicht zu bemerken schien, „Aber außerordentlich! Sie ist überwältigend schön und ich freue mich schon sehr darauf damit den Weihnachtsbaum zu krönen. Wo hast du sie gefunden?“ erkundigte er sich und füllte dabei die Teller.
„Naja dort in dem Laden, Bleibtreustraße in Charlottenburg, wo wir auch die Glasvögel für den Weihnachtsbaum...“
„Ah - das hattest du ausgeheckt, als du dem Besitzer ins Geschäft gefolgt warst, um ihm mit der Box für die Glasvögel zu helfen - wusste ich doch das da was hinter steckte - und darum wolltest du auch nicht mit uns zurückfahren.“ er brach das Baguette in Stücke und reichte eines an Patrick weiter.
„Nein das konnte ich ja nicht, ich musste ja erst das mit der Baumspitze klären. Ich wollte dich ja damit überraschen.“ gab Patrick leise zu und kostete das Essen.
„Und das hast du auch – eine echte Nikolausüberraschung – Danke dafür Patrick.“  schwärmte Jo und strich seinem Neffen sachte über den Oberarm.
„Ich dachte es wäre an der Zeit mich zu revanchieren für das was du heute getan hast und die letzte Zeit überhaupt – es ist nur was Kleines...“ murmelte Patrick in seinen Ragoutteller vor ihm.
„Nein ich finde es ist was sehr, sehr Großes. Und du hast mir damit eine große Freude bereitet“ verbesserte Jo ihn umgehend und goss noch etwas Wein nach.

Das späte Abendessen war schnell verzehrt und Jo holte die Karaffe mit dem Cognac aus dem Wohnbereich und deutete zurückkommend, fragend zu Patrick gewandt, auf ein Glas vor ihm, doch dieser verneinte wortlos und sagte stattdessen: „Ich glaube, ich gehe mich mal lieber hinlegen - wenn du gestattest“, während er noch sein Besteck zusammenlegte, „das Essen war wirklich lecker, aber ich bin total KO.“
Jo kam zurück zu dem Küchentresen und goss sich in das mitgebrachte Glas etwas Cognac ein und schwenkte es nachdenklich: „Natürlich - es war ein sehr aufregender, anstrengender Tag für dich, auch ohne dieses Intermezzo mit John Bachmann, ich verstehe gut dass du dich zurückziehen willst...“
Patrick griff wieder nach dem Kühlpack für die Nase und sah unglücklich auf seinen blutbefleckten Anzug: „es tut mir so leid“, sagte er plötzlich, „du schenkst mir so einen teuren, edlen Anzug und dann gleich am ersten Tag das, ich muss dir so undankbar vorkommen...“
„Nicht doch, das war ja ein Unfall, sozusagen, ist doch nicht schlimm“, versuchte Jo ihn zu trösten, „auch wenn wir bei erstatteter Anzeige dieses John auch in Rechnung stellen könnten...“
Patrick sah entsetzt auf, aber Jo winkte schon ab, als ob er meinte >reg dich nicht auf, ich weiß: Du willst das nicht< und fuhr fort: „Das meiste hat das Hemd abgekriegt und die kleinen Spritzer und die Flecken an der Hose bekommt man bestimmt irgendwie wieder raus – vielleicht fragst du morgen mal Jasmin, die weiß bestimmt Rat.“ schlug Jo noch freundlich vor, „und sonst gibt’s in Kreuzberg so eine kleine Wäscherei und Reinigung, ich such dir gerne die Adresse raus...“
„Ja gut – aber erst Morgen - ich geh dann mal“ sagte Patrick matt und wandte sich um, nur um gleich von Jo wieder aufgehalten zu werden „Oh Moment! wo willst du hin?“ Patrick stutzte: „Ich dachte ich würde ins Gästezimmer...“
Doch Jo unterbrach ihn mit Bedauern in der Stimme: „Das geht leider nicht, das ist noch eine einzige Baustelle“
„Ach ja der Spiegel im Bad“ sagte Patrick zerknirscht, wohl wissend, wer diesen in tausend Scherben zerschlagen hatte, „dann eben unters Dach ins Loft“  
Doch auch da verneinte Jo überraschenderweise entschieden: „Das geht auch nicht, da gab es - einen Wasserschaden, da sind auch die Handwerker und ehe du fragst: Kathrins und Johannas Zimmer sind, wegen all dem Staub und Dreck, den Bauarbeiten so mit sich bringen, mit Folie abgeklebt. Du könntest allenfalls hier unten in meinem Zimmer...“
„Nein Jo, das will ich nicht, ich kann dich doch nicht aus deinem eigenen Bett vertreiben, dann geh ich doch besser in ein Hotel...“ ereiferte sich Patrick nun, doch das ließ der Anwalt nicht gelten: „So ein Unfug, du gehst doch nicht in ein Hotel, du hast immer einen Platz bei mir. Du nimmst jetzt das Zimmer und ich werde es mir später auf dem Sofa gemütlich machen...“ bestimmte er.
„Nein, wenn schon, dann geh aber ich aufs Sofa, Jo wirklich, ich bestehe darauf, ist ja nicht so als hätte ich hier nicht schon öfter gelegen und geschlafen...“ entgegnete Patrick und ging  in den Wohnbereich herüber, um zu unterstreichen, dass er nicht gewillt war in diesem Punkte nachzugeben und dort zu schlafen.
„Na meinetwegen“, seufzte Jo, „in Ordnung, dann wäre das geklärt, ich hole mal dann ein Laken, Kissen und einen Schlafanzug...“ und nahm Patricks Angebot an.
Als er jedoch nur einen Moment später, schwer beladen, zurückkam stand Patrick noch unbeweglich am selben Fleck und starrte mit einem merkwürdigen Ausdruck zum Sofa unter dem Fenster.
„Komm hilf mal mit...“ forderte der Anwalt und brach dann ab, denn er bemerkte das Patricks Blick ins Leere ging und er total abwesend war, „was ist mit dir?“ Jo trat vor ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm forschend ins Gesicht: „Patrick?“
Langsam kam der angesprochene wieder zu sich und stammelte verlegen: „Ich...ich...hab mir nur grad erinnert“ er räusperte sich und wiederholte „ich hab hier ja schon öfter gelegen und geschlafen...“
„Und? Nun willst du doch lieber das Bett, verstehe“ schmunzelte Jo leicht belustigt, drückte Patrick das Kissen in die Hand und entfaltete das Bettlaken.
„Nein, ich meine nur...“ Patricks Augen schimmerten feucht und seine Stimme klang plötzlich seltsam dunkel belegt.
„Ich entsinne mich nicht mehr die Anlässe betreffend“ sagte Jo, während er geschäftig das Laken über die Polster breitete, „ da musst du mir schon auf die Sprünge helfen, meinst du als du neu nach Berlin kamst? Oder den Abend bevor die Putzfrau das Zimmer im Keller hergerichtet hatte...“  
„Auch diese Nächte...ja stimmt schon...aber ich meinte eigentlich...als...als...weißt du noch, als ich sturzbetrunken hier ankam?“
„Und welchen deiner alkoholischen Abstürze meinst du jetzt genau“ fragte Jo süffisant und stopfte nun das Laken sorgfältig rundum fest. Erst als keine Antwort kam, drehte er sich zu Patrick um. Der hielt das Kopfkissen umklammert, als hinge sein Leben davon ab und atmete schwer.
„Als...als wir auf die Nachricht von Dominiks Entführern warteten, weißt du nicht mehr, die erste Lösegeldübergabe war gescheitert und sie meldeten sich einfach nicht mehr. Plass und seine Leute saßen hier am Esstisch mit all ihrem Equipment...“,
„Naja genau genommen nicht an explizit diesem Tisch, denn der ist neueren Datums...“ begann Jo, doch Patrick hörte gar nicht hin, und fuhr fort „wir hatten schon Tagelang nichts von den Entführern gehört und...und ich kam zu euch rotzbesoffen und wollte zu dir...wollte dir endlich alles...und du hast mich hier aufs Sofa verfrachtet.“
„Ja und du hast dort deinen Rausch ausgeschlafen, ja doch, ich erinnere mich, du hattest Angst, wie wir alle übrigens und hast versucht diese mit Alkohol zu betäuben.“ bestätigte Jo achselzuckend.
„Nein das war’s nicht, jedenfalls nicht nur“, entgegnete Patrick gepresst, „ich hatte mir Mut angetrunken, ich...ich wollte dir alles sagen...an dem Tag...wollte dir endlich alles beichten...aber...“, er sah immer noch auf das Sofa vor ihm und atmete schwer, gefangen von den Erinnerungen, die über ihm herein brachen und dann drehte er sich schnell um, griff nach seinem Mantel, der noch über einer der Stuhllehnen am Esstisch lag und murmelte zur Tür strebend „ich glaube ich geh doch lieber...“
Aber Jo war schneller, „Patrick nun warte doch...“ rief er und noch bevor Patrick die Tür erreichte, hatte er ihn umrundet und hielt ihn resolut auf: „Du kannst nicht immer davor weglaufen.“
Patrick traute sich nicht ihn anzusehen und stammelte „...bitte lass mich gehen“ doch Jo blieb hart: „Nein – wir besprechen das jetzt, wir zwei und dann legen wir das ad Acta – hast du vergessen, das wir zwei neu beginnen wollten, wenn das dich jetzt einholt dann reden wir darüber“, Jo sah Patrick wie er so geknickt, den Kopf gesenkt vor ihm stand, lange an bevor er ergänzte, „ich hätte dich damals fragen sollen, was du mir sagen wolltest.“
„Hast du doch - am nächsten Morgen - aber da war’s zu spät, denn da war ich schon wieder nüchtern.“ flüsterte Patrick.  
Jo zog ihm den Mantel aus den Händen, und hängte diesen ordentlich an der Garderobe neben der Tür auf, anschließend schob er den teilnahmslos wirkenden Patrick zurück ins Wohnzimmer, und setzte ihn auf das 2. parallel zum Treppenaufgang stehende Sofa, das noch frei war und baute sich vor ihm auf.
„Also du sagtest du hattest dir Mut angetrunken an dem Tag – ich muss schon sagen du warst eher sternhagelvoll. Du hast dich dort hingelegt und warst sofort weg. Sicherlich weil du auch nicht viel Schlaf bekommen hattest, während dieser schrecklichen Tage...“ mutmaßte Jo.  
„Ich hab nicht viel geschlafen in der Zeit, das ist wahr“, stimmte Patrick seinem Onkel heiser zu, „ich hatte immer solche Alpträume, aber an dem Abend war’s besonders schlimm...weil...weil ich vorher bei Linostrami war, an dem Nachmittag.“
„Du warst WAS?“ fragte Jo überrascht von dieser, ihm komplett unbekannten, Information nun mit unerbittlicher Schärfe in der Stimme nach „Du warst bei Bajan Linostrami zu der Zeit, als wir auf einen Fingerzeig der Entführer warteten?“
Sein eisiger Blick lies Patrick erschaudern und er versuchte zu erklären: „Ich...ich hatte gelesen dass er in der betreffenden Woche in Berlin war, in der Zeitung stand´s, er war zu einem Vortrag geladen, im Handelszentrum an der Spree und dort bin ich hin und hab ihn am Eingang abgepasst, um ihm zu versichern, dass er das Geld haben kann, das noch alles da ist und auf ihn wartet.“
Während Patrick immer schneller sprach, wohl aus Angst, das Jo ihn unterbrechen könnte und ihn der Mut, es nun endlich auszusprechen, verlassen könnte, wurde seine Stimme immer heller und weinerlicher, „ich hab um Dominiks Leben gefleht – hab ihn angebettelt, dass er ihn uns unversehrt zurück gibt, aber er hat getan, als kenne er mich nicht, mich angeguckt, als wäre ich nicht ganz bei Trost, irgend so ein gestörter Wicht und hat dann seinen Gorilla auf mich gehetzt, um mich los zu werden...“
„Bist du von allen guten Geistern verlassen gewesen, Patrick, wie konntest du dort nur alleine hingehen?“ fragte Jo aufgebracht auf Patrick zugehend, der auf dem Sofa, wie ein Häuflein Elend hockte und den Kopf einzog, „sie hätten dich verschwinden lassen können – einfach so“ er schnipste mit der Hand direkt vor Patricks geschwollener Nase. „Und wir hier hätten nie erfahren was passiert wäre.“
Patrick sah Jo verständnislos an, „Aber Emily wusste es doch, sie wusste alles, sie war meine Absicherung, ich hatte sie beauftragt, wenn ich nach 3 Stunden nicht zurück sei, zu dir zu kommen, hier her, und dir und dem Kommissar alles zu erzählen...“
„Absicherung nennst du das? Wie bitteschön hätte sie dich damit gesichert? Was hätte dir das geholfen? Nach 3 Stunden?“ ereiferte sich Jo in seinem tadelnsten Tonfall.
Patrick sprang auf und schrie verzweifelt „Aber das ist doch völlig egal was MIR geholfen hätte, verstehst du nicht, MIR war nicht mehr zu helfen, um MICH ging es doch gar nicht, es ging doch nur darum DOMINIK wieder zu bekommen, verstehst du nicht, ich wollte nur DOMINIK zurück bringen ... zu EUCH...zu DIR  nur DOMinik zurück...Dominik, die hätten in umgebracht...die...die woll...ten ihn t...t...töten..“
Patrick wurde so heftig von Schluchzern geschüttelt, dass er nicht weiter sprechen konnte. Aber das war auch nicht nötig, Jo hatte genug gehört und er trat rasch auf Patrick zu, zog ihn in seine Arme und hielt ihn fest.
Patrick erwiderte die Umarmung nicht, aber er kämpfte auch nicht dagegen an, er barg einfach sein Gesicht an Jos Schulter und weinte. Eine ganze Weile standen sie nur so da, Jo hielt ihn fest und ließ ihn weinen, er ahnte, dass man nicht zu früh mit dem Trösten anfangen durfte, und suchte in Gedanken schon mal nach den richtigen Worten, doch für den Moment reichte es Patrick einfach fest zu halten und leicht über den bebenden Rücken zu streichen.
Als er spürte das Patrick sich langsam beruhigte, lockerte er seinen Griff, führte ihn zurück zum Sofa und setzte sich mit ihm gemeinsam hin, seinen rechten Arm fest um Patricks Schultern gelegt. „Geht’s wieder“ fragte er und fischte mit links sein Taschentuch aus der Hosentasche, schüttelte es auf und reichte es Patrick, der es schnell nahm und seine Augen wischte und sich dann vorgebeugt dahinter verschanzte.
„Es hilft nichts wenn Dominik oder ich dir verzeihen, wenn du nicht selber damit anfängst“, sagte Jo erstaunlich sanft, „Patrick – ich verstehe, dass die Aussage Dominiks heute vor Gericht das Ganze in dir aufgewühlt hat, ich bin ja nicht aus Stein, ich habe auch gewaltig mit mir zu kämpfen gehabt, als ich hören musste wie Dominik schilderte was ihm passiert ist und wie knapp es war, EUCH BEIDE zu verlieren.“
Patrick ließ bei dem >Euch< das Tuch sinken und Jo nutze diese Gelegenheit, fasste ihn am Kinn und drehte seinen Kopf zu sich, um ihn bei dem nächsten Worten in die Augen sehen zu können, „...aber es ist vorbei, hörst du, und wenn es auch nicht vergessen ist, was wir womöglich nie schaffen, dann ist es doch vergeben. Hast du das jetzt verstanden?“
Patrick kaute seine Worte, in seiner Wange zuckte es, doch sie kamen ihm einfach nicht über die Lippen. Leise stammelte er endlich: „ich hätt´s dir sagen müssen an dem Tag, aber dann hatten die Entführer sich doch wieder gemeldet und ich war wieder nüchtern und traute mich nicht mehr - wenn ich es dir gesagt hätte, dann wär alles nicht so schlimm gekommen zwischen uns, oder?“
„Ich weiß es nicht, das ist schwer zu sagen, ich hätte dir vermutlich, vor der versammelten Polizeitruppe, nicht gleich den Kopf abgerissen...“ sagte Jo nachdenklich, und ließ Patrick los, „aber danach – ich weiß es wirklich nicht.“
Patrick schlug wieder die Hände vor sein Gesicht und jammerte: „Und alles nur weil ich ein so erbärmlicher, elender Feigling bin...“ „Nein das bist du nicht Patrick!“, widersprach Jo umgehend, „vielleicht hätten sich die Entführer, ohne diese deine verrückte Aktion bei Linostrami vor dem Handelszentrum nie mehr gemeldet und wir würden Dominik nie gefunden haben. Nicht mal seine Leiche um sie zu beerdigen“, er erschauderte bei diesem so schrecklichen Gedanken, „Nein, du bist kein Feigling - und wenn ich dich einen geheißen habe, in der Vergangenheit, dann tut es mir ehrlich leid.“
„Vielleicht...vielleicht sollte ich doch das Angebot der Schroer annehmen und fortgehen.“ murmelte Patrick undeutlich hinter dem Taschentuch in seinen Händen.
„Und was dann? was wird dadurch besser, hm?“ hakte Jo sofort nach und seine Stimme hatte etwas Herausforderndes. Patrick ließ die Arme sinken und schielte seitlich, offensichtlich komplett ratlos, vorsichtig rüber zu Jo, der wieder das Wort ergriff:  „Du nimmst die Vergangenheit mit dir, egal wohin du gehst. Eine neue Stadt oder ein neuer Name ändern doch nichts an dem was war. Das wird dich begleiten, immer und überall nur wärst du dann komplett allein!“
„Aber ihr könntet doch wenigstens abschließen mit der ganzen Sache“ wandte Patrick leise ein und schnäuzte seine schmerzenden Nase sehr vorsichtig.
„Wie stellst du dir das vor? Glaubst du Dominik und Johanna könnten ihren Bruder so mir nichts dir nichts aus ihren Köpfen streichen? Oder aus ihren Herzen? Du bist zu uns gekommen, vor Jahren und wurdest ein Teil unserer aller Leben, auch meinem. Du hast dich leichter und schneller in mein Herz geschlichen, als du vielleicht vermutest. Und ich habe versucht dich wieder herauszulöschen, weiß Gott das habe ich. Vergeblich. Ich möchte nicht das du gehst, Patrick, zu mindestens nicht aus dem falschen Grund.“  
Jo ließ ihn los und tätschelte noch kurz die Schulter, bevor er aufstand. „Schlaf jetzt erst mal, ich fürchte die Nacht wird sehr kurz, denn morgen früh stehen hier wieder die Handwerker auf der Matte...“  

Ein paar Stunden später lag Jo Gerner immer noch hellwach in seinem Bett. Es war still geworden, selbst in Berlin-Mitte kam die Stadt doch des Nachts zur Ruhe, ein paar Autos auf dem Heimweg, ein paar verspätete schwatzende Nachtschwärmer und gelegentlich ein Martinshorn oder ein Rettungswagen, aber im Grunde war es absolut ruhig draußen vor den Fenstern.
Dennoch fand der Anwalt nicht in den ersehnten und verdienten Schlaf, nach diesem langen und anstrengenden Tag. Letzten Endes stand er leicht genervt wieder auf, machte sich Licht an und holte sich die Unterlagen für seine nächsten Termine am kommenden Morgen um sie, wenn er sowieso wach war, zu sichten und die Zeit sinnvoller zu nutzen, als Löcher in das Dunkel zu starren.
Doch entgegen seiner üblichen Routine konnte er sich nicht auf die Dokumente vor sich konzentrieren und seine Gedanken schweiften ab, zu dem nervenaufreibenden Revisions-Prozess am Vortage.
Die Aussagen, insbesondere die von Dominik, machte ihm tatsächlich noch zu schaffen. Erstaunlich eigentlich, denn der Inhalt war nicht neu gewesen, er selbst hatte weite Teile der Aussagen vorformuliert, nur es von Dominik in Person zu hören war, was es so eindringlich gemacht hatte und ihn nun bis in die Nacht zu verfolgen schien.
Und dann auch das spät abendliche Gespräch mit Patrick, dessen Schuldgefühle, die in ihm so plötzlich wieder hochgekommen waren, gepaart mit der vernichtenden Ansicht, das er, Patrick, im Gegensatz zu  seinem Bruder Dominik nichts zählte, in der Familie.
Wieder kam Jo Staatsanwältin Schroer in den Sinn, wie sie Unverhohlen fragte, wie er es nur fertig brachte, Patrick diese Taten zu verzeihen. Dabei kannte sie nicht mal die ganze Wahrheit.
Aber wie kann man auch diesen Leichtsinn Patricks vergeben, der beide jungen Männer so sehr in Gefahr gebracht hatte. Grade heute hatte Patrick wieder eine neue Facette zu dem Bild hinzugefügt. Immer wieder hatte Jo damit zu kämpfen Patrick nachhaltig zu verzeihen, wie er sich leise eingestehen musste, denn immerhin war Bajan Linostrami, auch wenn er nun im Gefängnis weggeschlossen war, ein unerbittlicher, bleibender Feind, das zeigte grade der neue Anschlag auf die Familie durch Linostramis Handlanger David Carstensen und dieser  Feind würde sie alle von nun an begleiten und eine stete Bedrohung auch in der Zukunft darstellen.
Aber Jos blanker, unbändiger Hass auf Patrick war verraucht und sein Wunsch ihn zu hart zu bestrafen hatte sich verflüchtig, auch wenn eine gelegentliche unterschwellige, leichte Wut blieb, im Grunde hatte der Junge schwer gebüßt für seine Fehler und trotzdem verfolgte es Patrick weiterhin und fraß an dessen Seele.  
Und ganz unschuldig war er, der >schlaue< Jo Gerner selber auch nicht an der ganzen Misere, denn es stimmte, Patrick war nicht immer von der Familie fair behandelt worden, insbesondere von ihm selbst und er hatte den Jungen doch auch ermutigt mit Linostrami Geschäfte zu machen, hatte sich zum ersten Mal beeindruckt gezeigt.
Grade bei dieser Entscheidung hatte er, den ungeheuren Hunger nach Anerkennung und Liebe Patricks übersehend, ihn bestärkt. Und allein deshalb war es zumindest seine Pflicht ihm nun beizustehen und zu helfen wieder Tritt zu Fassen.
Das alles musste nun dringend anders werden, es war nur zu hoffen, dass es noch nicht zu spät dazu war...
Ob es Dominik auch so schlecht ging wie Patrick heute Nacht? Ob sich auch bei ihm das alte Trauma, ausgelöst durch den heutigen Prozesstag, meldete? Keiner sollte allein sein nach einem solchen belastenden Tag, aber Jasmin war bei Dominik, hatte Patrick jedenfalls gesagt hoffentlich wusste sie damit umzugehen...

Ein ungewöhnlicher nächtlicher Laut der irgendwo aus dem Haus kam ließ Jo aufhorchen.
„Dominik!“
Er stutzte, hatte er das geträumt, weil er grade an seinen Sohn gedacht hatte? Jetzt spielte ihm schon sein Geist einen Streich, so mitten in der Nacht.
„DOMINIK!“
Nein, das hatte er sich nicht eingebildet, jemand hatte Dominiks Namen gerufen und es war Patricks Stimme ganz eindeutig, er rief im Nebenraum verzweifelt nach seinem Bruder. So schnell er nur konnte stand der Anwalt auf und hastete zur Tür.
„DOMINIK - WO BIST DU!“ schallte es ihm entgegen, im Halbdunkel des Wohnzimmers fand Jo Patrick bäuchlings auf dem Boden hinter den Couchtisch geduckt liegend. War er etwa im Schlaf vom Sofa gefallen?
„DOMINIK - ANTWORTE DOCH!“
Besorgt lief Jo zu seinem Neffen, es war ihm nun klar geworden, was grade passierte, es war wieder einer von diesen schrecklichen Alpträumen, die Patrick offenbar noch regelmäßig heimsuchten, immerhin war es diesmal nicht Russland...
Der Anwalt rief, während er im vorüberhasten das Licht der Stehlampe anknipste: „Patrick wach auf - was ist mit dir...“ und umrundete eilig den Couchtisch.
Der Angesprochene fuhr aufgeschreckt hoch, stieß dabei seitlich mit dem Kopf hart an die Tischkante und stöhnte vor Schmerz, seine Augen waren weit aufgerissen, doch er schien nicht im geringsten wahrzunehmen, wo er sich grade befand noch wer bei ihm war.
Jo beugte sich über ihn, doch traute er sich nicht, ihn zu berühren, „Patrick“, sagte er laut und eindringlich, „sprich mit mir!“  
Doch dieser warf sich nun auf den Rücken herum und schleppte sich mit allen vieren, wie vor einem übermächtigen Angreifer fliehend, davon bis er von der Außenwand des Townhouses gestoppt wurde. Er stammelte dabei: „...ich kann ihn nicht finden...ich hab überall gesucht...ich kann ihn nicht finden.“
Der Anwalt folgte ihm und hockte sich vor ihn „Patrick komm zu dir, ich bin es doch, Jo, komm sieh mich an!“
Doch Patrick hob jetzt noch die Arme abwehrend vor sein Gesicht, fast als ob er Schläge befürchtete und wimmerte kaum noch verständlich: „...kann ihn nicht finden, Jo, hab Schüsse gehört und wollte ihn suchen...ich muss ihn finden...ich muss...nicht böse sein...bitte...du darfst nicht böse sein...ich such ihn doch...“
Jo ging jetzt vor Patrick auf die Knie und griff sanft, aber bestimmend nach dessen Armen und zwang sie auseinander. „Schau mich an“, forderte er nun nachdrücklich und Patrick gehorchte und sah auf. Tränen füllten seine Augen und verschleierten ihm den Blick und er wisperte dringlich: „ich kann nichts dafür...ich hab alles gemacht...alles...und nun kann ich ihn nicht finden...bitte Jo... bitte tu mir nichts...“
Für einen Bruchteil einer Minute verschlug es dem Anwalt die Sprache, Patrick war doch tatsächlich vom ihm auf der Flucht...hatte Angst, pure Angst aber nicht vor den Entführern oder Linostrami oder den gewalttätigen Zellengenossen aus Russland...
Er schüttelte den Kopf, fassungslos und sprach dann ganz sanft auf Patrick ein: „Ich tu dir nichts Junge, du brauchst keine Angst haben, alles ist gut.“
Ganz sachte lockerte er seinen Griff und ließ die Arme Patricks wieder los, die kraftlos und schlapp links und rechts neben ihm zu Boden fielen, „Patrick - komm zu dir – du hast geträumt – Dominik geht’s gut“ vorsichtig tastete Jo nun nach der rechten Hand, des jungen Mannes vor ihm, drückte sie sanft und dachte fieberhaft nach >Wie hieß nur diese Formel noch die der Therapeut benutzt hatte< endlich fiel es ihm ein.
„Sprich mir nach“, befahl er streng und schüttelte Patrick sachte an der linken Schulter um sich seiner Aufmerksamkeit zu versichern, „Es war nicht real, es war nur ein Traum“
Patrick keuchte, als wäre er Kilometer gerannt, doch er brachte kein Wort mehr über seine Lippen, Tränen liefen seine schmal gewordenen Wangen hinab und tropften auf seine Brust, er schien sie nicht zu spüren.
„Na los, wiederhole es“, forderte Jo nochmals „es war nicht real, es war nur ein Traum“
Beinahe Tonlos formten Patricks Lippen die Worte: „es... es... war nur...nur ein Traum und nicht real“
„Genau - nochmal“ feuerte er Patrick nun an. „Es war nur ein Traum und nicht real“ wiederholte der junge Mann nun leise.
„Dominik ist zu Haus und es geht ihm gut“ Jo nickte ihm auffordernd zu, „sag es jetzt - na los!“
„Do...Dominik ist zu Haus und es geht...geht ihm gut.“ Patrick rappelte sich langsam hoch und wiederholte die beiden Sätze nochmals, diesmal mit sichererer Stimme, wischte sich mit dem linken Ärmel über die Augen und rieb sich dabei die Schläfe, die er grade vorher sich so schmerzhaft gestoßen hatte, unbehaglich sah er sich um und schien doch endlich die Einrichtung und den Raum zu erkennen.
„Wir können ihn anrufen, bot Jo an, „wenn du sicher gehen möchtest“, und er griff nach Patricks Handy welches der vorm Schlafengehen auf dem Couchtisch abgelegt hatte.
„Nein“ stieß Patrick gepresst aus und nach einer Weile setzte er leise hinzu „lass bitte, der hält mich auch so schon für komplett übergeschnappt und schwierig, da muss ich ihn nicht noch zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett klingeln, wegen...wegen eines blöden nichtigen Alptraumes.“
Patrick mühte sich auf die Beine und schlich mit hängenden Schultern zurück zum zerwühlten Sofa und setzte sich unsicher auf die Kante.
„Na gut lassen wir das“ Jo legte das Handy wieder zurück „ möchtest du darüber sprechen?“ bot er dann an und setzte sich auf einem Stuhl Patrick gegenüber, „du warst grade im Traum in der Fabrik hinter Beelitz, wo sie Dominik festgehalten hatten, stimmt’s?“
Patrick nickte: „...ich bin da herum gestolpert und konnte ihn...“ „Nicht finden“, ergänzte Jo, „aber du bist nie in den Gebäuden gewesen, jedenfalls nicht an dem Tag als du das Lösegeld überbracht hattest, oder? Es war einfach ein böser Traum.“
„Ja ein böser Traum“, wiederholte Patrick leise und sichtlich verlegen, „es tut mir leid Jo, dieser ganze Aufstand...ich weiß nicht woher das jetzt kam...“
„Aber ich weiß es – du hast wahrlich keinen Grund dich zu entschuldigen. Ich hätte es ahnen können, dass du das heute vor Gericht zur Sprache gekommene alles noch irgendwie verarbeiten musst. Ist ja auch kein Wunder nach diesem aufreibenden Tag, ich hätte gleich daran denken sollen, dass dich das heute Nacht nicht loslässt“, er stand seufzend auf und ging hinüber zu dem kleinen Schreibtisch im hinteren Teil des Raumes, schloss die Schublade unter der Schreibplatte auf und entnahm eine Tablettenpackung, „du nimmt jetzt eine hiervon und dann kannst du beruhigt wieder einschlafen“  
„Ich will aber nicht schlafen“, begehrte Patrick heftig auf, „wenn ich die Augen schließe dann...“
„Patrick“, vorwurfsvoll sah Jo ihn an, „du musst zur Ruhe kommen und diese Pillen von Dr. Kramer haben dir doch immer geholfen, oder?“ wieder nickte Patrick und machte dabei ein zerknirschtes Gesicht, Jo kam zu ihm zurück: Gut - wann hast du deinen nächsten Termin beim Therapeuten?“
„Morgen Nachmittag gegen 18:00“ murmelte Patrick ergeben,  „Sehr gut, bis dahin nimmst du jetzt eine davon und ich bleibe hier bei dir sitzen, bis du eingeschlafen bist.“ damit legte er die Tablette vor Patrick ab und ging zur Küche um ein Glas mit Wasser zu füllen.
„Dr. Ries hat doch mal vorgeschlagen, dass wir eine gemeinsame Sitzung machen, vielleicht könntest du das auch ansprechen“ schlug Jo vor als er zurück kam und Patrick das Glas in die Hand drückte.
„Ach Jo ich weiß nicht...das ist vielleicht doch nicht nötig...“ versuchte Patrick abzuwiegeln aber er hatte nicht mit Jos Hartnäckigkeit gerechnet.
„Doch das ist es“ entgegnete der Anwalt postwendend, „komm schon – Patrick - ich sehe doch, dass du Angst vor mir hast, nicht nur jetzt nach diesem Traum als du noch nicht wieder Herr deiner Sinne warst. Du bist nie entspannt in meiner Gegenwart, schon gar nicht wenn wir alleine sind, im Auto verfällst du sogar in eine dumpfe Starre, glaubst du ernsthaft das bekäme ich nicht mit?“ er machte eine bedeutungsvolle Pause und deutete auf die Tablette die noch vor Patrick lag bevor er weiter sprach, „Ich verstehe das nur zu gut, ich habe mich schändlich und feindlich dir gegenüber verhalten. Nach eurem Unfall, nach der Entführung, sogar bevor ich von deiner Verstrickung in den Fall wusste, gar nicht davon zu reden wie ich dir den Schutz im Gefängnis entzog und dich nach Russland verschleppte. Du hast mich von meiner dunkelsten Seite kennen gelernt. Ich möchte dass so gerne wieder gut machen, Patrick, aber ich fürchte, dass wir das ohne professionelle Hilfe nicht schaffen werden.“
Patrick hatte inzwischen anstandslos die Tablette geschluckt und durstig das Glas geleert, welches er nun zwischen den Händen rollte während er zweifelnd zu seinem Onkel auf sah.
„Ich weiß gar nicht wann ich einen für dich passenden Termin…“ merkte er leise an, doch Jo unterbrach ihn ungeduldig „Mach einen Termin wann immer du kannst und es Dr. Ries passt, ich werde mir die Zeit nehmen – komm leg dich nun wieder hin.“
Patrick stellte das Glas ab und rollte sich, das Kissen unter dem Kopf zusammen knuffend auf dem Sofa zusammen, die Zudecke vor der Brust fest in die Arme schließend.
Jo setzte sich auf das äußerste freie Stückchen des Sofas, direkt neben Patricks Kopf und stopfte einen frei gebliebenen Zipfel der Bettdecke hinter dessen Rücken.
„Erzähl bitte keinem von heute Abend, vor allem nicht Kathrin, ich hab...ich weiß nicht wie lange sie noch Geduld hat...ich glaube der Köster macht Druck...“ bat Patrick noch leise ohne aufzublicken, die Zunge bereits schwer vor Müdigkeit.
„Ist gut“ willigte Jo rasch ein und legte Patrick zur Beruhigung die Hand auf die Schulter, „ das muss keiner wissen, weder Kathrin noch sonst jemand, es bleibt zwischen uns, aber du wirst Dr. Ries davon erzählen, verstanden?“ „Hhm“ seufzte Patrick und Jo wertete das vorläufig als ein >Ja<. Es dauerte nur wenige Minuten und der Schlaf hatte Patrick übermannt und sein Körper entspannte sich, die fest vor die Brust gepressten Arme fielen locker auf das Polster und die wohl leicht zu geschwollene Nase zwang ihn zu einen leisen aber steten Schnarchen.
„Schlaf gut Patrick“ wisperte Jo und stand auf. Er zupfte noch die Decke aus Patrick nun gelockerter Umklammerung und schob sie wärmend über dessen Arme. Doch  ging er anschließend nicht zurück in sein Schlafzimmer, sondern legte sich stattdessen auf das zweite Sofa, um in Reichweite zu sein, falls er nochmals gebraucht werden würde, in dieser Nacht.
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