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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
330.648
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08.07.2020 4.679
 
Kathrin hatte grade erst, vom Kurzbesuch zu Nikolaus bei Johanna zurückkommend, ihre kleine Wohnung betreten, als ihr Handy in der Manteltasche vibrierte. Seufzend holte sie es heraus um nachzusehen, wer nun schon wieder störte, denn eigentlich wollte sie nur noch aufs Sofa und den Abend ausklingen lassen. Die erste Nachricht war von Jo:
>Ich hoffe Du bist gut nach Haus gekommen – es war schön mit Dir zusammen bei Johanna zu sein. < Und dahinter hatte er tatsächlich noch ein Rentier-Emoji gesetzt.
Verärgert schüttelte Kathrin den Kopf. Dieses dämliche Riesen-Schoko-Rentier für Johanna, und das obwohl die Anweisungen des Internates, die sich mit Kathrins Ansichten durchaus deckten, eindeutig waren und keinen Ermessensspielraum zuließen. Typisch dass Jo behauptete, das Kalorienmonstrum sei von Dominik und Patrick und er sein nur der unschuldige Überbringer. War das der Preis, den man zahlte wenn man sich auf einen Staranwalt einließ?
Immer machte er solche Ausflüchte, wenn er sich über die, eigentlich doch klar und deutlich vereinbarten, Regeln in Johannas Erziehung hinweg setzte und immer stand sie dann als Buhmann da. Manchmal war Jo wirklich wie ein ungezogener kleiner Junge.
Seufzend kontrollierte sie die weiteren Nachrichten, während sie aus Mantel und Schuhen schlüpfte. Da war noch eine Nachricht von - Köster?
Eine neuer Vertragsentwurf die Anzeigenkunden betreffend, >nein, nun hatte der das alles mit dem Handy abfotografiert und trotz Vergrößerungsmodus, war es zu unscharf um es zu lesen. Und morgen würde er sicher als erstes auf sie zukommen und nach ihrer Meinung dazu befragen...<
Kathrin wühlte in ihrer Handtasche  >wo was das dusselige Ding nur? Ach nein< , meinte sie sich nun zu erinnern, sie musste die Stabförmige Lesehilfe, die sie sich im Internet bestellt und zunächst nach Hause hatte liefern lassen, im Büro im Schreibtisch eingeschlossen haben, nachdem sie sie dort zum letzten Mal benutzt hatte.
Das kam davon, wenn man zu eitel war sich einzugestehen, dass die Zeit für eine Lesebrille gekommen war, aber sie fühlte sich einfach noch nicht bereit dazu. Sie las mit zusammengekniffenen Augen, das Handy auf Armeslänge halten die Mail zu Ende und erfuhr so, dass Köster die Originale im Büro in ihre Ablage gelegt habe.
Kathrin beschloss sofort, um am nächsten Morgen unangenehme Fragen zu vermeiden, doch noch mal kurz in die Redaktion zu gehen und diese zu holen, dann konnte sie die neuen Verträge ganz in Ruhe und vor allem unbeobachtet, mit ihrem Lese-Hilfsmittel, durcharbeiten.

Auf dem Weg die Reichenburger Straße entlang verlangsamte Kathrin, als das Townhouse in ihr Blickfeld kam, ihren Schritt, beeindruckend stieg, die großzügig erleuchtete, Fassade vor ihr auf. Sie erinnerte sich wie Jo es ihr, noch im Rohbau, zum ersten Mal zeigte und unerwartet freigiebig ihr nicht nur freie Hand bei der gesamte Innengestaltung überließ, sondern sie auch zu gleichen Teilen im Grundbuch eintragen ließ. Als Partner – ein Team – gleichberechtigt in Allem.
Und nun wollte ihr Scheidungsanwalt alle Register ziehen um Dr. Hans-Joachim Gerner, selbst Rechtsanwalt seines Zeichens, bluten zu lassen, am besten sogar aus dem Townhouse  ganz raus zu drängen.
Es ihm komplett Abzunehmen? Nein, das war nicht nötig, das nicht, das hatte Kathrin schon mal klar gestellt – er blieb schließlich Johannas Vater und das Haus war sein Werk und zuhause.
Der letzte Vorschlag, von Dr. Reinhold war gewesen, das Haus vertraglich aufzuteilen, der Wohnbereich für Jo und die Redaktion mit allen Büroräumen für sie. Mit der Kanzlei sollte Jo dann ausziehen, aber auch das hatte nicht Kathrins ungeteilte Zustimmung gefunden. Irgendwie gehörte die Kanzlei dazu, genau dort wo sie war. Vielleicht hatte Dr. Reinhold auch noch ein ureigenes oder gar privates Interesse Jos Kanzlei von dem angestammten Standort zu vertreiben.
Oben im ersten Stock war noch Licht, gedämpft wie von einer einzelnen Stehlampe oder einigen Kerzen, es gab den Fenstern etwas  warmes und vertrautes, als ob hinter ihnen ein Heim, ein Zuhause lag, das nur auf sie wartete und sie willkommen hieße, und zu allem Überfluss fielen jetzt tatsächlich noch einige Schneeflocken...
Sie beschleunigte jetzt ihr Tempo und schloss leise die Redaktionsräume auf um möglichst schnell die Unterlagen zu holen, bevor sie noch mehr dieser ungebetenen, sentimentalen Gefühle beschlichen.

Die einzelnen Flocken waren inzwischen zu einem Schneegestöber geworden und tanzten wild vor dem Fenster unbemerkt von Patrick und Emily.
„Jetzt bin ich dran“ sagte er grade und griff zielsicher in die Pralinentüte und wählte eine rosadunkelgestreifte mit Himbeersplittern. Er steckte sie zwischen seine weißen Zähne und näherte sich Emily. Erst als sich ihre Lippen trafen biss er sie entzwei und steigerte sich in den Kuss hinein. Sie stöhnte ein bisschen, als sie ihn letztlich zärtlich zurück schob und nachschmeckend sich die Lippen leckte. „Kir Royal“ flüsterte er heiser in ihr Ohr. “Mhm - ich denke das war genug“, meinte sie und strich sich in sich hinein horchend den Oberbauch.
Patrick elektrisierte diese Geste:„Wird dir schlecht von uns“ fragte er leicht besorgt nach und schob ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Nein ich denke nicht“ beruhigte sie ihn,  „von der Schokolade vielleicht, aber niemals von dir“ ergänzte sie und zog ihn spielerisch an seiner teuren Krawatte fassend, wieder dichter  zu sich heran.
„Vorsicht, Vorsicht“, warnte Patrick, „du hast hier nicht deinen Bolle an der Leine...“, und knurrte dabei leise.
„Ach nein“ kicherte sie und gab ihn wieder frei und einen kleinen Klaps auf die Wange dazu. Sie hatte sich jetzt ganz auf das Bett zurückgezogen und saß ein paar Kissen im Rücken ans Kopfteil angelehnt, wie eine leicht zerzauste Prinzessin auf dem Thron.
„Möchtest du es dir nicht gemütlicher machen?“ fragte sie und schielte an Patrick vorbei auf seine Schuhe am Fußboden. „Du meinst n-o-c-h gemütlicher“ fragte er schelmisch nach und lockerte lasziv seinen Krawattenknoten. Sie nickte und beugte sich vor, um ihm die Weste über die Schultern zu streifen, während er sich die Krawatte über den Kopf zog um dann beides zusammen achtlos hinter sich auf das Fußende zuwerfen, von dem die Kleidungsstücke unbemerkt zu Boden rutschten.
Patrick kniete nun auf dem Bett vor ihr und bei einem weiteren langen, heftigen Kuss zu dem er sich über sie, mit den Händen abstützend beugte, begann Emily ihm nun auch das fliederfarbene seidige Hemd auf zu knöpfen und stutzte als sie die medizinische Korsage darunter erreichte.
„Was ist denn das neues?“ wunderte sie sich belustigt. „Jahah, die neueste Kreation von dem bekannten Modelabel St. Jeremias“ witzelte er leicht gequält, „schick was? Ein echter Liebestöter, das Teil“ Emily lachte lauthals auf und konnte sich kaum beruhigen, aber als sie Patricks unglückliches Gesicht sah, versuchte sie es mühsam zu unterdrücken, um ihn nicht weiter zu kränken.
„Nun bist du ja doch noch mein Ritter in schimmernder Rüstung geworden“ versuchte sie ihn zu trösten und klopfte dabei mit dem Fingerknöchel gegen die Korsage, als ob diese ein Brustharnisch aus Metall sei. Patrick schob schmollend die Unterlippe vor und schon ihre Hand weg.
„Mein holder Herr Graf erlauben sie mir bitte ihnen aus ihrer Rüstung zu helfen...“ fragte sie daraufhin und deutete eine ehrerbietende Verbeugung an.
Zögerlich, als wüsste er noch nicht, ob er darauf eingehen wollte, stahl sich ein zaghaftes Grinsen auf Patricks Gesicht, als er antwortete: „Fürwahr ich fürchte der Graf hat seinen Titel verloren, holde Maid, er ist jetzt und für immer dar ein gewöhnlicher Gerner.“ dabei hob er beide Arme seitwärts in die Höhe, damit Emily, sollte sie es ernst meinen, besser an die Verschlüsse kam.
„An meinem tapferen Ritter ist nichts, aber auch gar nichts, gewöhnlich“ stellte Emily streng fest und löste mit einem schnalzenden Geräusch die Klettverschlüsse und die Korsage folgte mitsamt dem Hemde der Weste neben das Bett.
Sich zurücklegend zog sie Patrick um den Hals fassend mit zwischen ihre Beine und streichelte ihm entzückt über den nun bloßgelegten Rücken, seine weiche Haut unter ihren Fingerspitzen fühlend, während er über sie gebeugt den Hals und das Schlüsselbein mit Küssen bedeckte.
Aber als sie die Hände seinen Rücken entlang und an den Seiten herunter und schließlich nach vorne wandern lies und nach seinem Gürtel tastete entzog sich Patrick ihr plötzlich.
„Ich kann das nicht!“ stieß er hervor, richtete sich auf und hockte sich auf seine Fersen,  „ich habe auch gar nichts da...“
„Und was meinst du was ich im Bad gemacht habe“ unterbrach ihn Emily ruhig und griff unters Kopfkissen wobei sie einige Kondomtütchen zu Tage förderte und ihm hinhielt, „aus Johns ureigensten Vorrat.“
„Nein du missverstehst mich, ich möchte das nicht...also ich möchte schon...nur eben nicht jetzt, nicht solange wir nicht Gewissheit haben“, stammelte Patrick, nahm ihr die Tütchen ab und legte sie achtlos neben sich aufs Bett, „lass uns noch warten nur bis nächste Woche, nur 5 Tage bis ich das Ergebnis habe.“ bat er eindringlich und fuhr fort, „noch mal könnte ich es nicht ertragen, dich so zu gefährden, wenn du durch meine Schuld...“er brach ab, es gelang ihm einfach nicht, das unaussprechliche in Worte zu fassen, „du bist das Allerwichtigste für mich Emily. Du bist so - kostbar.“
Patrick holte tief Luft und griff nach ihrer Hand: „Ich liebe dich – ich weiß ich hab dir das schon mal gesagt, aber ich habe es noch nie so tief empfunden, wie jetzt.“
Emily war sprachlos, etwas Enttäuschung nagte in ihr, aber gleichzeitig spürte sie, wie aufrichtig Patrick in diesem Moment zu ihr war. Und hatte sie grade noch von einem Zeichen seine Liebe zu ihr geträumt – etwas dramatisches dabei im Sinn, wie zum Beispiel dass er öffentlich vor Gericht zugab, die Steuerschuld nur für seinen Onkel auf sich genommen zu haben, um statt ins Gefängnis bei ihr zu bleiben, so erfüllte sie dieses Geständnis doch viel stärker.    
Sie drückte wie zur Bestätigung eines Paktes seine Hand und küsste ihn ganz sachte zärtlich kurz die Wange bevor sie sich abdrehte und die Augen mit einem Zipfel der Bettdecke wischte.
„Ich sollte wohl besser jetzt gehen“ murmelte er bedrückt. Eine Liebeserklärung auf die nur mit einem Wangenkuss geantwortet wurde, dem dann auch noch Tränen folgten, war nahe am Desaster und Flucht schien die einzige Option.
Emily sah auf: „Möchtest du denn das?“ wisperte sie heiser. „Nein“ hauchte er kaum hörbar. „Ich auch nicht“ bekräftigte Emily und fragte: „Was machen wir dann?“
„Ich möchte dich nur ein wenig in den Armen halten“, flüsterte er als dürften die Wände es nicht hören und nach einer kurzen Bedenkzeit setzte er scheu hinzu, „wenn du magst?“
Emily lächelte und neigte zustimmend den Kopf, woraufhin er ihr Gesicht behutsam in seine beide Hände nahm und ganz vorsichtig als wäre es ein fragiler Schmetterling küsste.  Anschließend zog er sie an sich, während er sich langsam nach hinten auf den Rücken in die Kissen sinken ließ. Emily bettete ihren Kopf auf seine Schulter und kuschelte sich warm an ihn der fast gierig den Duft ihrer Haare, herb und süß zugleich, einsog und sie flüsterte ganz leise „...ich liebe dich doch auch“.
Patrick genoss, nachdem er diese 5 Worte vernommen hatte, absolut glücklich in diesem Moment, wie ihn ihre buschige Mähne am Kinn kitzelte und sich die Wärme ihres Körpers an seiner Seite, bis in seine Zehenspitzen ausbreitete, während Emily mit ihrer Hand leicht über seine Brust strich, an den wenigen Härchen zwirbelte und seinen wilden Herzschlag  an ihren Fingerspitzen zu spüren meinte.

Die Redaktion von Metropolitan Trends wurde durch die Straßenbeleuchtung in ein schwaches Licht getaucht, doch es reichte Kathrin, die jegliches Aufsehen vermeiden wollte, um ihre Ablage am Empfang zu leeren und zu ihrem Büro zu finden. Sie würde erst dort das Licht anschalten.
Von oben schallte die weiche, dennoch kräftige Stimme Ella Fitzgeralds die Metalltreppe von dem Wohnbereich hinab, Katrin lächelte unwillkürlich, als sie die Musik bemerkte, Jo und seine Vorliebe für Jazz.
Sie ließ die Bürotür hinter sich offen und konnte somit jedes Wort, das gesungen wurde verstehen, `all of me, why not take all of me, Baby can´t you see I m not good with out you´ Schnell fand Kathrin was sie suchte, schloss noch den Schreibtisch auf, nahm die Lesehilfe heraus und warf diese achtlos in ihre Handtasche - und überraschte sich selbst damit, dass sie die Musik ungewohnt beschwingt mit summte. Sie mochte diesen Song und hielt für einen kurzen Moment inne und lauschte. `... take my lips I ll never use them, take my arms I want to lose them´
Grade als sie sich losriss und das Licht löschen wollte, sah sie die Schachtel mit der Schokolade direkt neben dem Foto von Johanna stehen. Verwundert trat sie zurück an den Schreibtisch. Fassbender&Rausch war in goldenen Lettern auf die Roten und Grünen Bänder gedruckt, welche um die durchsichtige edle Schachtel gebunden waren. Nachdenklich zupfte Kathrin an den Schleifen der Verpackung, das kleine Kärtchen daran war unbeschriftet.
>Ingwerstäbchen in dunkler Plantagenschokolade< ging es ihr durch den Kopf, genau ihre bevorzugte Sorte. >Jo du Fuchs - was bezweckst du damit<. Hatte er die Schokolade hier herein geschmuggelt, bevor sie nach Rheinsberg gefahren waren...oder...? Sie überprüfte die Verbindungstüre zu Jos Büro – offen – das war wieder typisch - na ja dies war wohl eher einer seiner leichtesten Tricks.
Fest entschlossen Jo nicht den Gefallen zu tun und auf diesen hereinzufallen, stellte sie die Schokolade wieder zurück neben das Bild. `...Your goodbye left me with eyes that cry
Tell me how can I go on, dear, without you? ´ Das mit Jo zu klären würde sie auf den morgigen Tag verschieben.
Doch sie verharrte noch eine Weile am Tisch und in ihre Ablehnung mischte sich noch ein anderes Gefühl und sie war sich nicht sicher, ob sie es zulassen wollte. Irgendwie rührte es sie, dass Jo sich an ihre Lieblingsschokolade erinnerte und sie ihr zu Nikolaus in das Büro schmuggelte. `You took the part that once was my heart. So why not take all of me? ´ „Du bist ein unverbesserlicher Romantiker, Jo“ sagte Kathrin leise und löste sich mit einem inneren Ruck von dem Anblick.
Sie löschte das Licht und schloss das Büro ab. Doch statt zur Tür zu streben und die Redaktion zu verlassen, blieb sie noch am Fuß der Treppe im Dunkeln stehen und lauschte dem neuen Lied, das nun erklang. `The´re writing songs of love – but not for me...´ spontan griff sie nach dem Geländer und ging hinauf
Jo saß auf dem seitlichen Sofa, mit dem Rücken zu ihr, ein Glas Rotwein in der Hand offenbar tief in Gedanken versunken. Kathrin zögerte kurz, klopfte dann doch mit dem Knöchel auf das Treppengeländer und fragte: „Jo?“ Der Angesprochene stellte rasch das Glas ab und fuhr herum, es glitzerte verdächtig in seinen Augen, wie Kathrin betreten bemerken musste. Doch er überspielte wieder Mal gekonnt, sowohl seine traurige Verfassung, als auch Kathrins offene Verlegenheit. „Kathrin? Wie schön, welch eine Überraschung!“
Rasch erhob er sich, griff nach der Fernbedienung um die Musik leiser zu stellen und wischte dabei, wie beiläufig, mit dem Hemdsärmel über seine Augen, „komm doch herein und leg ab, darf ich dir ein Glas Wein anbieten“ eilig ging er an ihr vorbei in die Küche,  um ein weiteres Glas zu holen.
Kathrin legte derweil ihren Mantel über eine Stuhllehne am Esstisch, ging dann in den Wohnbereich und sah aus dem Fenster auf die erleuchtete Straße, sie vermisste diesen Blick, der Wind trieb einige der stetig rieselnden Schneeflocken dicht am Fenster vorbei, es fühlte sich seltsam heimelig nach Geborgenheit an.
„Was führt dich zu dieser Stunde noch her“, Jo kam geschäftig zurück mit dem Weinglas und einer Schale Macadamianüssen  „bitte setz dich doch.“ forderte er sie auf, freute sich ehrlich über ihr Erscheinen und deutete auf den Ergonomischen Designersessel neben dem sie stand. Doch sie lächelte nur kurz ablehnend und nahm dann geziert auf dem Sofa vor dem Fenster Platz.
Er stellte Nüsse und Weinglas vor ihr ab, goss ihr etwas aus der bereitstehenden Weinflasche ein und setzte sich, nach kurzem Zögern, statt zurück auf seinen bisherigen Sitzplatz, direkt an ihre Seite, „du erlaubst doch?“
Sie neigte zustimmen den Kopf und nippte am Wein: „Ich hatte noch Dokumente für Köster zu Haus, welche ich ihm in die Ablage legen wollte, damit er sie gleich als erstes Morgen früh bearbeiten kann.“ sagte Kathrin und schalt sich zeitgleich, in Gedanken, eine Närrin, weil sie sich eine so lahme Lüge ausgedacht hatte, nur um nicht zuzugeben, dass sie in ihrem Büro gewesen war und Jos schokoladige Überraschung bereits gefunden hatte.
„Ich hörte deine sentimentale Musik und wollte nachsehen ob es dir gut geht.“ setzte sie hinzu und sah sie ihn nun forschend direkt an, doch er hatte sich wieder gefangen, das kurze Intermezzo in der Küche hatte ihm dazu gereicht.
„Danke dir - ja - manchmal ist Ella ein bisschen zu viel“ gab Jo leise zu, und schien doch ein wenig verlegen zu sein, da er sich sicher war, dass Kathrin seine Tränen gesehen hatte. „Ich hatte dies Haus für meine Familie gebaut, alle unter einem Dach und nun sitze ich hier Mutterseelenallein  mit nicht als eine Flasche Rotwein.“
„Als `Nichts´ bin ich schon lange nicht mehr bezeichnet worden.“ bemerkte sie spitz, da ihr das Selbstmitleid ihres künftigen Exmannes sauer aufstieß.
„Entschuldige – ich wollte dir nichts vorjammern, ich bin doch froh, dass du spontan hochgekommen bist und mir nun etwas Gesellschaft leistest, ich fürchtete schon du würdest mir unseren kleinen Disput in Rheinsberg noch nachtragen.“
Kathrin schüttelte den Kopf: „Wie könnte ich das“ sagte sie sarkastisch bevor ihr Blick auf den Tisch vor ihr fiel und sie das Thema: Mega-Schokoladen-Rentier vergessend, schlicht neugierig fragte; „Und was ist das?“ und sie deutete dabei auf den schäbigen Karton auf dem Tisch.
„Ein Geschenk - für M-I-C-H“ antwortete Jo, unmissverständliche tiefe Freude schwang in seiner Stimme mit als er die Pappschachtel zu Kathrin schob. Skeptisch hob sie eine Augenbraue, aber er ermunterte sie voller Stolz „schau nur hinein.“
Kathrin stellte ihr Glas neben dem Karton ab, zog das Seidenpapier zur Seite und hob die schwere prachtvolle Baumspitze vorsichtig heraus. Leise klimperten die lose gearbeiteten Glassterne gegen die mittlere, hohlgearbeitete Achse. „Du bist hoffnungslos altmodisch“ urteilte sie prompt und legte, nachdem sie sie gedreht und gewendet und von allen Seiten betrachtet hatte, das fragile Glasgebilde sachte wieder zurück in den Karton.
„Lies die Karte“ forderte Jo nun eifrig und nahm einen Schluck Rotwein aus seinem Glas.  „P - Punkt?“ bemerkte sie die Signatur und runzelte die Stirn.  „Patrick“, bestätigte er, „ich denke wir sind auf einem guten Weg, wir zwei, nicht nur das er mir überhaupt ein Geschenk macht, sondern grade was er gewählt hat...“
„Meinst du?“ unterbrach Kathrin „vielleicht ist es auch nur ein Ersatz, nach dem er unten im Keller alles zertrümmert hat was er finden konnte“, gab sie nüchtern zu bedenken, „und du interpretierst da zu viel hinein.“
„Nein, das glaube ich nicht, ich erinnere mich gut, dass wir mal darüber gesprochen haben, das erste Weihnachten, welches Patrick mit uns verbracht hat, genau darauf bezieht sich der Satz - und allein wie er gedeichselt hat, dass ich sie nicht selbst kaufe...“
Wieder hob Kathrin die Augenbraue, doch sie kam gar nicht dazu nachzuhaken, denn es sprudelte aus Jo förmlich heraus: „Wir haben gestern, auf dem Weg von Girolamo Gautoni am Savigni Platz zurück zum Auto, in einem winzigen Antiquitäten-Geschäft in Charlottenburg ganz zauberhaften Baumschmuck entdeckt...“  
„Oh je, das möchte ich mir lieber nicht vorstellen“ kommentierte Kathrin kühl. „Warts ab - Johanna wird begeistert sein“ weissagte Jo mit einer Kathrin grade zu unheimlichen Zufriedenheit.
„Ich kann mir lebhaft vorstellen, auf welch altmodischen Kitsch ihr reingefallen seid, besten Dank, hoffe nur es sind keine Einhörner oder Elfen dabei.“ stöhnte Kathrin, einen grauslich altbackenen kunterbunten Weihnachtsbaum vor Augen.
Jo gluckste, belustigt von Kathrins Vorstellungen und beruhigte sie dann: „Nein - du wirst das auch mögen, was wir ausgewählt haben, es sind alles ganz klassische Stücke und sie lassen sich sicher auch mit deinen modernen Ideen kombinieren.
Jedenfalls hat Patrick, in einem unbemerkten Augenblick die Baumspitze für mich gekauft, bevor ich danach fragen konnte. Weil er wusste wie wichtig mir grade dieser Schmuck am Baum ist.“ er streichelte höchst zufrieden mit zwei Fingern fast schon zärtlich über die schmucklose abgeschabte Schachtel.
„Und heute, als wir aus Rheinsberg zurück waren und ich nach Hause kam, lag sie dann einfach da drüben auf dem Esstisch.“ Jo strahlte sinnierend die Karte an, die Kathrin zurück auf den Karton gelegt hatte.
>Na dann bist du nicht der einzige, der heute heimlich, in fremden Zimmern herumgeschlichen ist und Geschenke verteilt hat< , dachte Kathrin amüsiert und wunderte sich erneut wie kindlich dieser Mann, der sie grade heute wieder ungemein beeindruckt hatte, mit dem cleveren, ausgefeilten Plädoyer und seiner kraftvollen Energiegeladenen Art, die er vor Gericht ausgelebt hatte, in seiner Freude über eine Weihnachtsbaumspitze doch wirkten konnte.
„Naja, Patrick sollte dir auch Dankbar sein, nach dem was du heute für ihn getan hast“ bemerkte Kathrin trocken und versuchte sich von den Bildern vor ihrem inneren Auge zulösen auf denen Jo, quasi auf Zehenspitzen in ihr Büro einbrach um Schokolade zu verstecken.
Jo sah zu ihr hin „Dankbar?“ wunderte er sich und schüttelte beinah resigniert den Kopf, „das möchte ich bezweifeln und im Grunde wollte ich das auch nicht. Nein, er sollte sich zu nichts verpflichtet fühlen, denn ich habe nur versucht etwas Geradezurücken, was eigentlich nie hätte passieren dürfen.“ er rollte das Weinglas zwischen seinen Händen. „Dafür darf ich keine Dankbarkeit erwarten, ich habe sehr viel wieder gut zu machen bei Patrick.“
„Jo erinnere dich bitte, wir hatten damals keine große Wahl und Patrick hat es selber angeboten...“ versuchte Kathrin ihn zu beschwichtigen und erinnerte sich dumpf daran wie sie Patrick, gegen den ausdrücklichen Willen ihres Mannes und ihm quasi vorgreifend, zu seiner Selbstanzeige begleitet hatte, um sicher zu stellen, dass der es sich nicht anders überlegt und Jo seinerseits keinen Anlass mehr zur Selbstanzeige hatte.
Jo unterbrach sie sofort: „Du weißt genau warum er das tat, er fühlte sich schuldig an Dominiks...“
„Und er WAR auch Schuld.“ erwiderte sie resolut, eher durch die belastenden Gedanken als durch Jo gereizt und ergänzte versöhnlicher klingend: „Aber heute hast du dich für ihn stark gemacht. Mit jeder Faser deines Körpers, jedem Punkte deiner Intelligenz hast du dich in den Dienst um seine Sache, seine Zukunft gestellt. Das ist auch nicht selbstverständlich, nicht nachdem was wir alles mit Patrick erlebt haben, all seinen Tricks, Lügen und Spielchen.“
Jo nippte schweigend an seinem Wein, im Grunde sprach Kathrin genau das aus, was Staatsanwältin Schroer schon vor langer Zeit zu ihm gesagt hatte, das sie bewundere, das er Patrick so leicht verzeihen konnte, allerdings war das damals nur gespielt um Patrick bei der Stange zu halten und zur Aussage gegen Linostrami zu bekommen. Und eine ganz andere Sache ging ihm nicht aus dem Sinn, brannte ihm noch mehr auf der Seele und vielleicht sollte er es doch wagen sie anzusprechen:
„Du findest mich schon ein wenig verwundert über dein jetziges, sagen wir mal - Lob“, begann er vorsichtig, „ich hatte doch heute im Cafe kurz das Gefühl, das du das gelinde anders siehst und mir eventuell sogar zutraust, die Sache mit dem Zeugenschutz selbst initiiert zu haben, als wollte ich immer noch Patrick loswerden...“ scheu sah er zur Seite, wie Kathrin das aufnahm, doch sie blieb ganz ruhig und schwenkte den Wein langsam im Glas herum während sie ihm konzentriert lauschte.
„Ich gebe zu dass mich dieser Gedanke kurz befallen hat, aber ich denke, dass du dich kaum sosehr ins Zeug gelegt hättest, dieses faule Angebot des Richters abzuwehren, wenn du selbst die Sache eingefädelt hättest. Und Patrick zweifelte jedenfalls nicht an dir, oder? Sonst hätte er dir dies Geschenk“, und sie wies auf den Karton auf dem Tisch, „nicht gemacht, selbst wenn er es vorgehabt hatte. Es ist dir ernst mit ihm, oder?“
Jo nickte langsam, aber machte immer noch ein zweifelndes Gesicht, er schien hin und her gerissen.
„Mich jedenfalls hast du in Gänze überzeugt von deinem aufrichtigen Bemühen um Patricks Wohl, heute, und ich war sehr, sehr beeindruckt.“ schloss sie.
„Wirklich?“, er sah fast erfreut auf, „Wovon?“ wollte er nun genauer wissen und hing buchstäblich an Kathrins Lippen.
Verwundert betrachtete sie seinen Ausdruck. Wie konnte es sein, da er nach nur wenigen Stunden so sehr mit sich und seiner perfekten Performance hadern konnte, wo er vor Gericht vor Selbstbewusstsein doch schier gestrotzt hatte. Diese Geschehnisse der letzten Monate waren nicht spurlos an Jo vorübergegangen und hatten ihn verändert.
„Ich habe leider Patricks Aussage zu Beginn nicht hören können“, erklärte sie geduldig, „aber in Dominiks Bericht und auch in Patricks Schlusswort habe ich, in fast jedem Satz, deinen ganz persönlichen Stil erkannt, auch wenn sie die Aussagen scheinbar in ihren ganz eigenen Worten formulierten. Dein nicht auseinander dividierbares Geflecht aus bestechender Wahrheit, vorsorglich ausgelassenen Fakten und unbelegbaren Unwahrheiten war unverkennbar.“
„War das so offensichtlich?“ wunderte sich Jo beunruhigt. „Oh nein“ lachte Kathrin nun und legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm, „das war sicher für den Richter, oder andere Außenstehende nicht ersichtlich, die kennen dich eben nicht so wie ich.“ sie nahm sie eine Nuss aus der Schale vor ihr und ergänzte: „Außerdem kann ich mich noch sehr lebhaft und gut erinnern wie du mich vorbereitet und verteidigt hast, damals gegen Novak. Das werde ich dir nie vergessen.“
„Zumindest deine Aussage heute stammte nicht von mir und sie war brillant in Inhalt und Vortrag“, wehrte Jo ab, und gab das Kompliment damit geschmeidig zurück, doch es war ihm anzumerken wie geschmeichelt er sich fühlte, „und wenn du wüsstest wie kurz die Revision vor dem Aus stand!“ er stellte sein Glas ab und ballte die Hand zur Faust.
„Der Richter hatte mich kalt erwischt mit diesem wahnwitzigem Vorschlag Patrick in den Zeugenschutz aufzunehmen und dafür den Prozess zu kippen – ich dachte ich verliere den Boden unter meinen Füßen. Es stand auf Messers Schneide.“
„Du kannst stolz auf dich sein Jo, auf das was du heute geschafft hast, nur deinem Können ist es zu verdanken das die Revision stattgefunden hat und Patrick wenigstens eine Chance bekommt.“
Jo sah auf Kathrins Hand, die immer noch kaum spürbar schmetterlingsleicht auf seinem Unterarm ruhte und legte seine freie Rechte, ganz sachte und vorsichtig, als befürchte er sie durch die Bewegung zu verscheuchen, darüber.
„Wenn es nur ausgereicht hat, Kathrin, wenn es nur ausgereicht hat.“ flüsterte er leise beschwörend.
„Hättest du mehr tun können?“ wollte sie wissen, Jo antwortete nicht sofort, er genoss trotz des so ernsten Themas die Eintracht mit ihr in diesem Moment. „Nein, ich denke mehr ging nicht.“ seufzte er schließlich. „Dann kannst du doch beruhigt abwarten was der Richter urteilt“.
Kathrin beschloss das heikle Thema zu wechseln und fragte deshalb, mit dem Finger über die Glasplatte des Couchtisches wischend: „Werden denn bis Heilig Abend deine scheinbar doch umfangreichen Bauarbeiten fertig? In diesem Staub möchte ich jedenfalls nicht Weihnachten mit Johanna und dir feiern. Was genau machst du da eigentlich?“
Jo atmete tief durch und antwortete beinahe routinemäßig „Kein Grund zur Sorge, bis Weihnachten ist alles tipp topp in Ordnung, es sind nur ein paar Ausbesserungs- und Reparatur arbeiten“ Die Zimmer im zweiten Obergeschoss sind quasi nicht betroffen, bis auf das Gästezimmer, du weißt der Spiegel im Bad dort...“
„Und wie wird das nächstes Wochenende, wenn Johanna, unter anderem zu Dominiks Geburtstag, kommt?“, fragte Kathrin ungnädig, „ Wie stellst du dir das vor?“
„Nun ich habe dir schon gesagt, dass ich eine Verpflichtung am Freitagabend habe und dann könnte Johanna sowieso nicht bei hier bei mir schlafen und ich dachte am Samstag unternehmen wir vielleicht zu dritt etwas mit ihr? Was meinst du? Wir könnten in ein Weihnachtsmärchen gehen, und du bringst sie dann am Sonntag zum Geburtstagsfrühstück vorbei?“ erläuterte Jo harmlos seine Pläne.
„Und wo soll das vielleicht stattfinden? Hier?“ entgegnete Kathrin und wies mit ihren Händen im Raum umher als herrsche das berüchtigte Chaos der Hottentotten.
„Ich habe noch nicht mit Dominik abschließend darüber gesprochen“, beeilte sich Jo zu erklären, „vielleicht frühstücken wir im Mauerwerk oder am Kolleplatz bei den Jungs in der Wohnung, schließlich ist es Dominiks Geburtstag, dann könnte das Familienfrühstück auch dort stattfinden.
Kathrin guckte immer noch skeptisch doch Jo versicherte eindrücklich: „...ich regle das keine Sorge und sage dir noch rechtzeitig Bescheid.“ und prostete ihr überlegen und doch charmant lächelnd und einem Augenzwinkern mit seinem Weinglas zu.
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