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Zwei ungleiche Brüder - können Dominik und Patrick die Vergangenheit hinter sich lassen?

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dominik Gundlach Dr. Hans-Joachim "Joe" Gerner Emily Höfer (Badak) Jasmin Flemming Katrin Flemming-Gerner Patrick Graf
07.08.2012
16.09.2020
127
330.648
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1 Review
 
03.07.2020 4.470
 
So - ein neues Kapitel zum Wochenende, wohl bekomms ....
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Als es an der Wohnungstür klingelte schreckte Emily vom Sofa hoch, sie war wohl eingedöst, seit sie den Fernseher auf lautlos gestellt und ihren Gedanken nachgehangen hatte, in den letzen Minuten, oder waren es Stunden gewesen?  
Bolle lag immer noch gemütlich an seinem, mit Schläue und Geschick von ihm eroberten, Platz zwischen Emilys Beinen. Nun hatte auch er, dem Geräusch folgend seinen Kopf gehoben und guckte wachsam zur Tür.
Wieder klingelte es, nun schon etwas ungeduldiger. „Typisch Phillip“ schimpfte sie gespielt streng zu dem Hund gewandt, „hat dein Herrchen wieder seinen Schlüssel vergessen?“
Bolle setzte sich erwartungsfroh auf und jaulte leise. „Lassen wir ihn rein? Was meinst du? Herrchen Phillip macht heute leckere Königsberger Klopse, da fällt bestimmt auch was für dich dabei ab.“
Sie stand auf, nahm sich noch einen von den Traubenzucker Bonbons, die noch vor ihr auf dem Tisch lagen und steckte die restlichen in die Tasche vom Morgenmantel.
„Pst - eiserne Ration – wir wollen ja keinen Ärger mit >Stieffrauchen Ayla<“ flüsterte sie dem Hund zu, kraulte ihm noch kurz die Ohren und ging beschwingt zur Tür.
Wieder klingelte es, diesmal in einer Art Rhythmus, mit kurzen und längeren Abständen, fast wie beim Morsealphabet. „Ich komm ja schon! Kein Grund hier das SOS zu funken, du müssten doch nur einmal an deinen Schlüssel denken...“ rief sie als sie zur Klinke griff und öffnete.
Patrick stand in der Tür, wie eine Erscheinung aus alten Zeiten, mit neuer und doch alt-vertrauter Frisur, in einem todschicken hellgrauen Anzug mit lila Nadelstreifen, stützte er sich lässig mit dem rechten Unterarm am Türrahmen ab und spielte mit der linken Hand am Klingelknopf, den Zeigefinger in der Schwebe.
„Du?“ wunderte sich Emily und klammerte sich matt an die Türzarge, doch dann kippte ihre Stimmung, die grenzenlose Enttäuschung und der durch und durch verpatzte Tag, einfach alles brach sich seine Bahn und sie motzte unvermittelt heftig drauflos: „Und?“ Was treibt dich hier her - meine Einladung wäre für heute Morgen, zum Frühstück gewesen, aber die hast du ja rundheraus abgelehnt.“
„Ich weiß doch“ murmelte Patrick leise, sichtlich getroffen von Emilys unvermuteter, heftiger Feindseligkeit. „Lässt du mich trotzdem rein? Nur kurz...bitte...“ bettelte er und legte alles in seinen treuherzigsten Blick.
Wortlos öffnete Emily die Tür nun sperrangelweit und trat, die Arme ablehnend verschränkend, zur Seite. Im Flur sah Patrick sich schnell um. „Ist noch wer zu Haus“, fragte er achtsam die Lage peilend, „dein Bruder John vielleicht?“
Emily schüttelte den Kopf: „John ist zum Mauerwerk, hatte irgendwelchen Papierkram zu erledigen und danach wollte ursprünglich Pia ihn beschäftigen, ob sie das noch macht weiß ich allerdings nicht. Und Phillip und Ayla sind auch noch unterwegs, im Jeremias und der Bibliothek. Nur ich sitze hier rum...“, schnurrte sie die Informationen herunter.
„Darf ich?“ fragte Patrick und deutete an, seinen Mantel ablegen zu wollen. „Meinetwegen“, brummelte Emily und schlurfte zurück ins Wohnzimmer.
Sie wusste selbst nicht, was sie von der Situation halten sollte. Einerseits freute sich etwas in ihr darüber, dass Patrick doch noch gekommen war, andererseits war sie gleichzeitig so ungeheuer wütend auf ihn, dass sie ihn glatt zum Mond wünschte.
Und die Tatsache das er so edel gekleidet und so offenbar unbelastet und gut gelaunt bei ihr angekommen war, irritierte sie zusätzlich, es wäre wenigstens eine klitzekleine Genugtuung gewesen, wenn es ihm ähnlich schlecht ergangen wäre, wie ihr, an diesem durch und durch verkorksten Tag.
So blieb ihr nur erleichtert zu sein, dass sie sich doch sorgfältig fertig gemacht und umgezogen hatte und Patrick nicht in Phillips ollen Klamotten  begegnen musste.
Flink hängte er seinen Mantel im Flur auf, ließ umständlich, wie aus Versehen, die Handschuhe fallen und schob, als er sich nach ihnen bückte um sie aufzuheben, die Pralinenpackung für Emily leise knisternd in ein paar himmelblaue Pumps, die unter der Garderobe standen.
Dann folgte Patrick, zufrieden vor sich hin lächelnd, Emily ins Wohnzimmer. „Du brauchst gar nicht so selbstgefällig gucken“, fauchte sie ihn an, „erst einem so gründlich den Tag vermiesen und dann sich auch noch dran weiden wollen!“ und auch wenn sie zornig klang, war sie irgendwie doch plötzlich auch den Tränen nahe.
Sie fühlte sich einfach unfair behandelt und konnte das schluchzen, das in ihrem Halse hoch kroch, nicht mehr unterdrücken, schlug jedoch abwehrend nach Patrick und stieß ihn zurück, als der zu ihr trat und sie tröstend in den Arm nehmen wollte.
Das war zu viel für Bolle, der eben noch friedlich mit Emily, hoch zufrieden auf dem Sofa geschmust hatte, bevor dieser Fremde auftauchte. Und nun weinte Emily und sein Beschützerinstinkt war geweckt. Böse knurrend sprang der Hund auf den überrumpelten Patrick los und biss herzhaft in dessen, eben noch nach Emily ausgestreckten, Arm.
„Bolle – nein- lass los“ rief sie erschreckt und griff beherzt in das Hundehalsband, um ihn von Patrick weg zu ziehen. „Aus Bolle - pfui“ Der Hund ließ so schnell von Patrick ab, wie er ihn angegriffen hatte. Am Ärmel des Jacketts zeigten sich jedoch dunkle Spuren von Hundespeichel und tiefe Abdrücke seiner Zähne, aber er hatte nur kurz zugeschnappt und deshalb weder den Stoff zerrissen noch Patrick verletzt, zumindest nicht körperlich.
Leise fluchend schlüpfte Patrick aus dem Sakko und besah sich den Schaden. Gekränkt murmelte er etwas was wie „Blöde Töle ey“ klang.
„Er wollte mich nur schützen“ verteidigte Emily weinerlich ihren Hund und schleppte den immer noch böse knurrenden Bolle auf den Flur, wo sie ihn ausschimpfte und in Aylas und Phillips Zimmer einsperrte.
„Entschuldige bitte“ sagte Emily zerknirscht, als sie wieder zurück ins Wohnzimmer kam, „Ich weiß nicht was in ihn gefahren ist“ Patrick versuchte grade den Stoff irgendwie zu trocknen und rieb mit seinem Taschentuch über die Flecken wobei er brummte: „...kennt man ja `der tut nix, der will nur spielen´...“
„Nicht rubbeln“, warnte sie und forderte, „gib her, ich mach das lieber“, als sie seine Aktion sah und trat rasch zu ihm, „der Anzug ist echt schick und sieht teuer aus“, sagte sie noch kleinlaut, als Patrick seufzend die Jacke an sie weiter reichte.
„Das geht alles wieder raus“ versicherte sie nun tröstend, ob sie Patrick damit meinte oder sich selbst, war dabei nicht klar. Sie machte in der Küche einen Handtuchzipfel nass mit dem sie auf die Stelle tupfte, bevor sie die trockene Seite auf den Stoff presste. Dann klappte sie das an der Wand lehnende Bügelbrett auf und bügelte mit dem Dampfbügeleisen ein weiteres  trockenes Tuch zwischen legend, vorsichtig über den Ärmel.
„Du wirst sehen, ich kenne noch alle Tricks.“ versprach sie, wechselte dabei das Tuch aus und gab nun Volldampf. „Siehste, die Fasern legen sich alle wieder in Form“ lächelte sie zufrieden und auch ein wenig erleichtert.
Patrick hatte die ganze Zeit stumm an der Tür gelehnt und zugeguckt, als sie die Jacke nun hochhob und ihm zeigte, neigte er zustimmend den Kopf, das war ja nun gar nicht so gelaufen, wie er sich das ausgemalt hatte.
„Tolle Qualität der Anzug“ bemerkte Emily leise und streichelte bewundernd am Revers über den Stoff, steht dir auch verboten gut, ist ganz neu oder?“ Da Patrick keine Anstalten machte die Jacke wieder entgegen zu nehmen, hängte sie sie auf einen Bügel, sagte noch ein wenig vorwurfsvoll „Weißt du, Selbstgespräche kann ich auch mit Bolle führen!“ Anschließend trug Emily das Jackett in den Flur, um es an die Garderobe zu Patricks Mantel zu hängen.
Als sie wieder an ihm vorbei schritt, hörte sie wie er leise  „Danke“ murmelte und, „ist von Jos Schneider“. „Gerner hat den bezahlt?“ fragte Emily und dachte dabei >na Geld hat der ja genug<. „Mhm - für den Prozess heute...“ Patrick unterbrach sich zerknirscht, diese blöde Steuersache war das Letzte was er ansprechen wollte, wusste er doch zu gut was Emily davon hielt.
Es war so naiv gewesen zu glauben, dass er sie so leicht mit ein bisschen Schokolade beruhigen konnte, das sah er nun ein. Sie war grundsätzlich enttäuscht und verletzt und am liebsten wäre er weggelaufen und hätte ein andermal einen Neustart versucht, nur nicht grade heute...
„Willst Du dich nicht setzen?“ fragte sie fast schüchtern, als sie wieder an ihm vorbei ins Wohnzimmer schritt, er roch den Duft ihrer frisch gewaschenen Haare und folgte ihr, ganz ohne nachzudenken, auf das Sofa. Emily machte den Fernseher nun aus.
„Wie...“ sie setzte nochmals an „wie ist es denn gelaufen?“ fragte sie dann beiläufig, während sie aus den Pantoffeln schlüpfte und die Beine hochzog und neben sich auf den Sofa ablegte. „Weiß nicht...“ stammelte Patrick. >Wollte sie das wirklich wissen? <, wunderte er sich im Stillen „Ich denke ganz gut soweit.“ fügte er noch hinzu.
„Und Morgen geht’s weiter?“ erkundigte sich Emily nun, und beschloss im Stillen, dann selbst dorthin zu gehen. Pia hatte Recht gehabt, sie hätte ihn unterstützen sollen, egal was sie davon hielt.
„Nein, diesmal gab es nur diesen einen Verhandlungstag und für das Urteil nimmt der Richter sich jetzt Zeit bis Dienstag, ich weiß nicht mal, ob es eine öffentliche Verkündigung gibt oder ob das Ganze einfach Jo, zugeschickt wird.“
„Ach - das geht dann direkt an Papi-Gerner?“ Patrick zuckte zusammen, da war er wieder Emilys Sarkasmus. Doch er versuchte, um des Friedens willen, ruhig zu antworten. „Nein - das geht dann, wie in solchen Fällen üblich, an meinen Rechtsbeistand.“
Emily schwieg kurz, ihr tat die Bemerkung über Gerner schon wieder leid und so rückte sie etwas näher an Patrick heran „...und was erwartet dein `Rechtsbeistand´?“ fragte sie etwas versöhnlicher und nestelte an dem untersten Knopf von Patricks schicker Weste.
„Na, ein Freispruch wird es nicht...“ begann Patrick, erschreckt sah Emily ihn an - also doch – hatte sie doch Recht gehabt mit ihren Befürchtungen. „Du musst aber nicht zurück in den Knast?“ brach es aus ihr heraus.
Und ganz plötzlich wurde es Patrick wohlig warm ums Herz – ein Blick, bei dieser der Frage Emilys in ihre großen, vor Schreck geweiteten, blauen Augen, reichte, denn er sah die Angst in ihnen, Angst um ihn, pure Anteilnahme und Sorge um ihn und keine Wut oder Empörung oder Enttäuschung.
Einen Bruchteil lang weidete er sich an diesem Blick, doch dann lächelte er sie zärtlich an und versicherte ihr: „Nein, keine Gefahr, der Deal mit der Staatanwaltschaft steht“ und strich dabei sachte mit dem Zeigefinger an Emilys Wange entlang.
„Und was soll der ganze Zirkus dann?“ fragte sie nur halb gespielt beleidigt. „Es geht in erster Linie um die Verkürzung der Dauer der Eintragung im Führungszeugnis, bisher stehen da 15 Jahre im Raum. Mit etwas Glück, wenn der Richter unserer Argumentation folgt, können wir die aussetzen oder zumindest drücken.“ erklärte er geduldig.
„Und dann? Dann kannst du was?“ fragte Emily patzig auch wenn sie schon lange ahnte wie die Antwort dazu lautete.
„Wieder zurück an die Uni und bis ich das erste Staatsexamen habe ist mein Führungszeugnis wieder sauber und ich könnte dann sogar zum Anwalt zugelassen werden...“ „Ein Anwalt wie Papi-Gerner?“ fragte Emily spitz und rückte ein Stück ab. „Ja. so wie Dr. Hans Joachim Gerner“, sagte Patrick betont sachlich und ging wieder nicht auf Emilys Provokation ein.
Emily schwieg wieder und biss sich auf die volle Unterlippe, sie war nicht gewohnt mit ihren Angriffen immer so ins Leere zu laufen und so war Patrick derjenige, der wieder das Wort ergriff: „Wäre das denn so schlimm?“
„Und was wenn es nicht klappt?“ bohrte Emily weiter und drückte sich um die Antwort die sie selbst noch nicht wusste.
Patrick seufzte >ja was dann? Doch den Zeugenschutz wählen? < ging es ihm durch den Kopf und er zögerte, >sollte er sie jetzt drauf ansprechen, ob sie mit ihm käme? Immerhin hätte sie ihn dann ganz für sich allein, kein Jo Gerner und kein Dominik würden mehr stören. Aber Sie hätte auch keinen anderen außer ihm – keine Brüder und keine Freunde...<
„Patrick?“, sie zupfte ihn sachte an der Weste, und unterbrach seinen Gedankenfluss.
Er sah auf sie herab, wie sie sich in seinen Arm geschmiegt hatte und erwartungsvoll ansah. Wollte er wirklich jetzt mit ihr diese Möglichkeit diskutieren? Nein! Er zuckte kurz mit den Schultern und sagte stattdessen „Darüber mache ich mir Gedanken wenn es soweit ist es ist besser immer nur einen Schritt nach dem anderen zu machen.“ Das dieser Rat von >Papi-Gerner< stammte ließ er sicherheitshalber unerwähnt.
Doch Emily brummte, als hätte sie seine Gedanken erraten, ein beleidigtes: „Na ja immerhin hast du ja noch Papi-Gerner in der Hinterhand, der findet schon irgendwas für dich!“ und es schwang tatsächlich etwas Eifersucht in dieser Bemerkung mit.
„Warum stört dich das sooo sehr, dass er mir jetzt Hilft?“ beschwerte sich Patrick, nun doch auf Emilys Stichelei eingehend, „er ist doch sogar hier gewesen, um sich bei dir zu entschuldigen nachdem...“
„Ja, schon...“, fiel Emily ihm ins Wort. „Und er hat dich dazu gebeten, zu unserer Familienfeier im Mauerwerk, erinnerst du dich und am nächsten Morgen hat er dich auch zum Frühstück eingeladen...“
„Ja, das war auch nett...“ gab sie zu. „Aber?“ Patrick blitzte sie mit seinen blauen Augen fordernd an, „Er hat mir verziehen Emily, und nun hilft er mir, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. So sieht es nämlich aus.“
Doch Emily schüttelte zweifelnd den Kopf: „Es ist nur“, sie druckste etwas herum, “Jo Gerner verzeiht nichts, niemals, zumindest nicht der Gerner, den wir so kennen gelernt haben. Ich weiß einfach nicht, was ich davon jetzt halten soll, ich traue dem einfach nicht, du hast schon mal geglaubt es käme wieder in Ordnung, wenn du nur ins Gefängnis gingest für ihn und wenn du Linostrami verpfeifst und dann hat er dich auf Nimmerwiedersehen nach Russland verschleppt...“ sie verstummte, Patrick war plötzlich ganz in sich gekehrt, und sie wusste nicht ob er sie überhaupt noch hörte.
Doch plötzlich bat er leise „Können wie dieses `Papi-Thema´ mal lassen, nur für heute...“ und er sah sie bittend von der Seite an. „Ich bin doch eigentlich zu einer Nikolaus-Überraschung hier...“ setzte er leise hinzu.
„Na du bist gut – die hast du doch abgesagt“, ereiferte Emily sich, „und dabei hatten Pia und ich das so schön geplant...“
„Schhh, nicht böse sein“ wisperte Patrick und hielt ihr, in einer Geste des Schweigens rasch den Zeigefinger vor den Mund, „wir können doch einfach was improvisieren!“ und er blickte ihr hypnotisierend verschwörerisch in die Augen und bemerkte verzückt, das es in Emilys Mundwinkel zuckte und sich ein zartes Lächeln auf ihre Lippen stahl.
Das aufdringliche Piepen Emilys Handys auf dem Couchtischchen vor ihnen unterbrach den magischen Moment abrupt und nachhaltig.
„Oh nee - nicht schon wieder“ stöhnte Emily genervt und richtete sich auf und griff nach dem Gerät um es zum Schweigen zu bringen.  
„Was ist denn“ fragte Patrick überrascht und bedauerte sehr, dass er unterbrochen und ihre mühsam erreichte Zweisamkeit gestört wurde. „Das war die Alarmfunktion zur Erinnerung“ teilte Emily Patrick mit, „die nächste Ration von Phillips super Pillen gegen du weißt schon was.“
Sie stand auf nahm ihr Glas mit Wasser vom Tischchen und verschwand im Flur, Patrick reckte seinen Hals und sah ihr forschend hinterher. Als er sah wie sie auf Höhe der Garderobe kurz stutzte und mit dem Blick den Schuh mit der Schokolade streifte, aber dann doch direkt nach hinten durch den langen Flur in ihr Zimmer verschwand, sprang auch er, leicht verwundert, auf.
Eilig folgte Patrick ihr und rief im Flur neckisch „Na guck an - nicht mal geputzt und doch was im Schuh, ich glaube du hast da was übersehen...“  Doch Emily fauchte, vor ihrem Bett kniend, die Schachtel mit den Medikamenten unter dem selbigen suchend: „Nee lass man, John ist da nicht besonders wählerisch...“
„John?“, fragte Patrick verblüfft, „was hat denn John damit zu tun?“ Emily tauchte neben ihrem Bett, mit dem gesuchten Kasten in der Hand wieder auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht: „Er hat Pia irgendwas in den Schuh gesteckt...na und? Das nervt mich grade total...“
Patrick stutzte >Pia? Das sind Pias Schuhe? < er ging zurück zur Garderobe >Fuck ey wieso muss ihm so ein Fehler unterlaufen< und schnappte sich die Schokolade und beschloss nun doch ganz konventionell vorzugehen.
„Na da hat der Nikolaus wohl den falschen Schuh erwischt, das ist nicht von John für Pia. Ich hab mich dummerweise nur im Schuh geirrt, die hab ich für dich mitgebracht, weil ich doch weiß, wie gerne du Schokolade hast...“
Die Zimmertür stand offen und er sah das Emily, die die Tabletten nun zusammen gesucht hatte und diese auf ihrer Bettdecke zu einem Häufchen legte um sie nochmals durchzuzählen, dass sie auch ja nicht ein Präparat vergäße.
Bestürzt guckte er auf den Haufen und vergaß die Schokolade, die er auf dem Nachttisch ablegte: „Was? Die alle nennst du eine Ration?“ Emily setzte sich nun neben die Pillen: „Ja genau so viele sind’s und dann wird einem wieder grottenübel von dem Scheiß“, maulte sie „aber es hilft ja nicht.“ Sie nahm schnell eine nach der andern und spülte sie mit großen Schlucken hinunter und stellte dann das Glas achtlos auf dem Boden ab.
„Vielleicht hilft ja dies“ wisperte er und nahm die angebrochene Rolle Traubenzucker vom Vormittag aus seiner Hosentasche und bot sie verlegen seiner Freundin an.
Emily erstarrte bei dem Anblick vor Erstaunen, „...wo...wo hast du denn...“ wunderte sie sich und tastet nach der Tasche ihres Morgenmantels.
„Von Tayfun, der wird von seiner Cousine damit förmlich zu geschmissen“, erklärte Patrick umgehend, „und als mir heute so flau wurde vor Gericht...“
„Dir war schlecht?“ hakte Emily nach und erinnerte sich zu gut, dass sie in der Vergangenheit öfter mit bekommen hatte, das etwas Patrick so auf den Magen zuschlagen vermochte, das er nicht anders konnte, als sich zu übergeben“
„Kotzübel, Emily, kotzübel vor Angst“, er ließ den Kopf hängen und die Rolle ermattet auf die Bettdecke fallen.
„Und die haben geholfen?“ Emily nahm sich eines der weißen Bonbons aus der Packung, zog Patrick zu sich heran und schielte ihm von unten ins Gesicht. „Mhm“ nickte er bestätigend, drehte sich aber dann ab und dann sah sich ein wenig im Zimmer um.
Die Blumen stachen ihm sofort ins Auge, Rosen und Vergissmeinnicht, und er konnte eine bestätigende Zufriedenheit, die sich auf seinem Gesicht breit machte, dass diese, seine Blumen, einen Ehrenplatz hatten, nicht unterdrücken. „Du hast hier ein wenig dekoriert?“ stellte er mit heimlicher Genugtuung fest und sah zu seiner Freundin rüber, doch Emily schmollte auf der Bettkante und schwieg.
„Ja ich weiß, Süße, du wolltest mir eine Überraschung bereiten – es tut mir leid das verdorben zu haben, ehrlich.“ versuchte er sie zu trösten, kam zu ihr zurück ans Bett getreten, setzte sich dicht neben sie und präzisierte: „Ganz ehrlich...“, und küsste sie sanft auf die Schulter.
„Schon gut – du hast dir den Termin ja nicht ausgesucht.“ rang sie sich endlich durch und lächelte ihn kurz zu bevor sie bestimmte: „Bleib hier, ich muss nur kurz ins Bad.“ und sie klopfte ihm dabei sanft auf den Oberschenkel.
Patrick öffnete seine Weste und streifte die Schuhe von den Füssen, als er sie ordentlich neben dem Bett abstellte, blieb sein Blick an dem kleinen, bunten Karton hängen. Er lupfte nochmals den Deckel und sah auf die vielen verschiedenen Medikamentenschachteln. Im Deckel klebte ein Kalenderblatt, auf dem sorgfältig die Tage im Dezember ausgestrichen worden waren, der 8.12. war in Rot markiert, Freitag, dieser Freitag. und hinter dem 11. und 12. waren kleine Fragezeichen.
Emily war unbemerkt zurückgekommen und stand in der Tür. Erst als sie diese hinter sich schloss sah Patrick zu ihr auf: „es tut mir so leid dass du diesen ganzen Mist hier ...“ er verschloss während er sprach den Karton und hob ihn an.
„Ist ja bald vorbei“, sagte sie ausweichend, „Phillip sagt die Medikamente wirken mit 100 % Sicherheit und wenn du dein Testergebnis hast, können wir sie wegschmeißen.“
>Nur wenn es negativ ist< dachte Patrick, aber er sprach es lieber nicht aus. Stattdessen schob er die Schachtel zwischen seinen Beinen wieder zurück unter das Bett.
Sein Blick blieb an einen Bündel Briefe, die auch auf dem Boden neben dem Bett lagen hängen und Emily die seinem Blick gefolgt war hob sie auf.
„Alles Rechnungen“ stöhnte sie und feuerte zu Patricks Überraschung die Briefe in den Papierkorb neben der Tür. Er sprang auf und eilte zu ihr „Emily bist du toll? Die kannst du doch nicht einfach so in den Müll werfen!“
„Ich kann sie aber auch nicht bezahlen, seit Tagen ist der Laden zu und ich habe keinen einzigen Kunden und Pia bringt mir die hierher ...“ beklagte sich Emily nun leicht verzweifelt und putzte sich umständlich die Nase.
„So schlimm steht’s?“ fragte Patrick, bedrückt durch diese unerfreuliche Neuigkeit an der er sich die Mitschuld geben musste, nahm den Papierkorb vom Boden und fischte die Briefe wieder aus dem Müll.
„Wenigstens habe ich noch den Auftrag von KF“ seufzte sie und nahm ihm das Bündel wieder ab, ging an ihm vorbei, ums Bett und legte sie auf der Fensterbank auf einen dicken Ordner, aus dem unordentlich, quasi an allen Ecken lose Blätter rausguckten, ab.
Patrick, guckte skeptisch auf diese merkwürdige Ablage, immer noch den Papierkorb im Arm haltend, und fragte misstrauisch, das Schlimmste befürchtend: „Und was ist DAS“ und zeigte auf den Ordner.
Emily guckte verständnislos: „Mein Geschäftsordner?“  
„Du hast EINEN Geschäftsordner, für ALLES? fragte Patrick überdeutlich und schüttelte leicht fassungslos den Kopf.
„Nein, ich habe noch mehr Papierkram in der WG und im Laden. erklärte Emily, die diesen Wirbel den Patrick grade machte, nicht so recht zu verstehen schien.
„Papierkram“ wiederholte Patrick und guckte mitleidig zu seiner Freundin, die trotzig, die Arme vor der Brust verschränkt, vor dem Fenster stand.
„Na vielleicht sollte ich mal über deine Geschäftsunterlagen drüber gucken? Das ist doch das mindeste was ich tun kann und ich versteh auch was davon“ bot er an und erntete eisiges Schweigen.
„Lass mich dir doch helfen“, versuchte er es nochmals, „schau, solange ich noch krankgeschrieben bin und nicht bei Metropolitan Trends schuften muss, habe ich viel Zeit und kann dir das hier ordnen und durchgehen.“
„Naja, sowas in der Art hat Pia auch schon gesagt...“ nuschelte Emily nachdenklich. „Na siehst du, wenn Pia das sagt, dann stimmt’s auch“ feixte Patrick kurz und fragte dann ganz ohne Spott: „ Also bist du einverstanden?“„Mhm ja, das kann ja nicht schaden und du verstehst ja echt mehr davon als ich...“ und sie umrundete wieder das Bett und kam auf ihn zu.
Grade als er den Papierkorb wieder an seinen Platz stellen wollte, entdeckte er noch eine zerknitterte Hochglanzbroschüre darin: „Und was ist das hier?“ erkundigte er sich diese herausklaubend.
„Pffft lass das mal wo es ist“, antwortete Emily unwillig und winkte müde ab. Fordernd schaute Patrick von dem Papier in seiner Hand zu Emily und zurück.
„Das ist von VISAGE-BERLIN einer privaten Make Up- und Stylingschule. Die hatte ich mal angeschrieben, nachdem Pia den Flyer angeschleppt hatte, weil ich doch die Friseurlehre bei Pias Spezi geschmissen hatte...“ gab sie nun Auskunft. „Und“ forderte Patrick.
„Da könnte ich die Ausbildung zum Visagist und Makeup-Artist in nur 2 Jahren machen ohne dieses langwierige Friseur- und Kosmetikerinlehregedöns, aber das ist viel zu teuer. Pro Trimester wollen die 3000 Euro haben inklusive Prüfungsgebühren, ganze 18.000 insgesamt. Die hab ich einfach nicht. Das hab ich Pia, die mal wieder total begeistert war und mir euphorisch dazu geraten hat, auch schon gesteckt. Ich habe eben keinen Papi-Gerner oder Paapsch wie Pia, der mir das mal eben bezahlt, und darum...“ sie nahm Patrick den Flyer aus der Hand „tschüß“ und sie warf ihn zusammengeknüllt wieder zurück in den Papierkorb in Patricks Händen.
„18.000 Euro“ murmelte Patrick Gedanken versunken.
„Ja und das ist nur für die Schule, nebenbei Arbeiten geht nicht, höchstens am Wochenende und Miete zahlen und Essen muss ich ja auch noch irgendwie.“ Sie drehte sich um und nahm wieder auf dem Bett Platz.
„Na dann“ seufzte Patrick und stellte den Papierkorb wieder neben der Tür ab, nicht ohne jedoch den Umstand zu nutzen, dass Emily nicht sehen konnte, dass er dabei die Broschüre wieder aus dem Behältnis nahm und sie sich, zu ihr umdrehend, in seine hintere Hosentasche steckte.
„Du brauchst doch so eine Schule gar nicht“, schmeichelte er daraufhin um sie aufzumuntern, „du bist ein Naturtalent. Emily. Du und ich wir gehören zu denen, die kämpfen müssen um das was uns zusteht. Nur das macht uns stark. Du wirst sehen du etablierst dich ganz schnell auch so am Markt mit deinem Style.“
Emily hatte nachdenklich, die von Patrick mitgebrachten Schokoladepralinen vom Nachtschrank genommen, sie wollte sich jetzt nicht mehr mit ihrem unerfreulichen Zukunftsaussichten und dem schleppendem Geschäft beschäftigen.  
„Wie kann man nur so trottelig sein und seine Schokolade in den falschen Schuh stecken.“ meckerte Emily leise, um endlich das Thema zu ändern, leise vor sich hin und dabei sie funkelte ihn, wie er da so vor ihr stand, von unten her belustigt an.
„Entschuldige bitte, ich bin halt aus der Übung.“  versuchte Patrick sich zu verteidigen, bevor er, einer plötzlichen Eingebung folgend, vor ihr auf die Knie sank „...kannst du mir noch einmal verzeihen?“
Emily zog die Stirn kraus und stand auf: „...lass das!“ befahl sie „Komm wieder hoch!“. „Bitte Emily ich meine es ernst“ erwiderte er nur, sie sah nach dieser Bemerkung etwas ungläubig auf ihn herab. Emily kannte diesen Bettelblick den Patrick just nun aufgesetzt hatte und wusste genau, dass er ihn geschickt einzusetzen vermochte und doch rührte er sie in dem Moment. Sachte strich sie ihm über den Kopf und die Haare aus der Stirn und sagte dabei: „Ich mag deine neue Frisur“
„Lenk nicht ab, bitte - Verzeih mir einfach, nur noch ein einziges Mal“ flehte er jetzt und schien es damit wirklich sehr ernst zu meinen.
„Das entscheide ich erst, wenn ich das dargebotene Geschenk inspiziert hab“ sagte sie geziert und angelte nach dem Päckchen, sie spielte, als habe sie alle Zeit der Welt, mit den Bändern am Verschluss und ließ diese durch die  Finger rinnen, bevor sie die Schleifen löste und die Tüte leise knisternd öffnete.
So herrliche Pralinen hatte Emily noch nie gesehen und wählte eine Weiße mit Pistazienflocken verzierte aus und kostete ein Eckchen. Mit einem satten Knack brach die dicke Schokoladenhülle und die cremig flüssige Füllung kam heraus, schnell stopfte sie die Praline ganz in dem Mund und lecke die Tropfen von den Fingern.
„Mhm die sönd but.“ sagte sie undeutlich. Patrick lag immer noch auf den Knien und betrachtete Emily sehnsüchtig auf ihre Entscheidung wartend. „Möchtescht bu koschten?“ fragte sie mit vollem Mund und beugte sich ohne auf eine Antwort zu warten, rasch zu ihm hinunter und küsste ihn ausgiebig.
Als sie sich von ihm löste und er ihr in der Bewegung folgte und sich streckte, stupste sie ihn spielerisch auf die Nasen spitze und flüsterte: „Es sei dir verziehen“ Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung erhob sich Patrick und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
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