Die Sonnenuhr

KurzgeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
07.08.2012
07.08.2012
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Bei einem 'Deutsch-Geschichten-zu-unserer-Schule-Projekt' das ich mit einer Freundin, Steffi (http://www.fanfiktion.de/u/Yasashi), gemacht hab, ist diese Kurzgeschichte entstanden :3 ich hoffe sie gefällt euch ^-^
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Ich hatte mich schon seit der 5. Klasse gewundert, warum die Sonnenuhr am Uhrturm unserer Schule ungenau ging. Aber seit diesem einen düsteren, verschneiten Dezemberabend kenne ich den Grund dafür.
Nach meinem Schlagzeugunterricht wartete ich an der Treppe vor der Schule auf meinen Vater, der mich abholen wollte. Es war sehr kalt durch den Wind, der unter dem Vordach hindurch pfiff und mir den Schnee ins Gesicht wehte. Da er nach zehn Minuten des Wartens immer noch nicht da war und ich die Kälte schon durch meine Daunenjacke spürte, entschied ich, im Aufenthaltsraum zu warten. Ich setzte mich neben die Heizung, holte mein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Ohne dass ich es bemerkt hatte, war die Zeit wie im Flug verstrichen und als ich das nächste mal auf die Uhr sah war es bereits dreiviertel sechs. Von meinem Vater jedoch fehlte jede Spur. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich durch den heftigen Schneesturm, der in der Zwischenzeit aufgekommen war, nichts, bis auf zwei kleine, gelbe Lichtpunkte, die wohl von den Laternen auf dem Schulhof ausgingen. Ich zuckte zusammen, als ich plötzlich die Tür laut zuschlagen hörte. Nachdem ich den Schock überwunden hatte, sammelte ich mich und ging vorsichtig zur Tür und öffnete sie wieder einen Spalt, um nachzusehen, ob jemand in der Nähe war, der die Tür hätte zuschlagen können. Doch der Korridor war menschenleer. Es war erleichternd und beunruhigend zugleich, bis ich das offene Fenster am Ende des Flurs entdeckte. Eilig bewegte ich mich darauf zu, um es zu schließen, da sich auf dessen Fensterbank schon eine dünne Schneeschicht gebildet hatte. Zügig ging ich zum Aufenthaltsraum zurück. Als ich jedoch die Türklinke hinunterdrückte, bewegte sich die Tür kein Stück. Irritiert versuchte ich es erneut. Als sich die Tür aber immer noch nicht öffnen ließ, begann ich panisch an der Klinke zu rütteln. Da der Versuch die Tür zu öffnen nach einiger Zeit zwecklos erschien, ließ ich von der Klinke ab. Ich begab mich in die Aula, um nachzusehen, ob jemand dort war. Es war aber niemand zu sehen, also begann ich zu rufen. Es kam keine Antwort. Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es immer noch viertel vor sechs war. Sie musste stehen geblieben sein. Deshalb zog ich mein Handy aus der Hosentasche und stellte fest, dass es bereits viertel nach sechs war. Ich wählte die Nummer meines Vaters, weil ich wissen wollte, wo er blieb. Der Anruf wurde automatisch beendet. Ich hatte keinen Empfang. Im selben Moment hörte ich die Tür zum Keller zuschlagen. Eine Gestalt rannte in Richtung der Panoramahalle.
Ohne nachzudenken lief ich hinterher. Das musste der Hausmeister, Herr Wortmann, sein. Aber wieso hatte er es so eilig? Mehrmals rief ich seinen Namen, doch er reagierte nicht. Schnell hatte er die Treppenstufen überwunden. Ich war mit etwas größerem Abstand hinter ihm. Er erreichte den Keller und lief, wie es schien, ohne mühe die gesamte Strecke weiter. Mir ging langsam die Puste aus und Seitenstechen setzte ein. Was zum Teufel war hier los? Das Licht flackerte und ging schließlich ganz aus. Es war nun stockdunkel. Ich konnte fast nichts mehr sehen, ihn auch nicht. Also blieb ich stehen, um eine Verschnaufpause zu machen. Es war totenstill und ich traute mich kaum, laut zu atmen. Ein paar Meter entfernt flackerte das Lichtchen eines Lichtschalters auf. Ich ging darauf zu und betätigte ihn. Nichts passierte. Ich tastete mich an der Wand vorwärts, hier musste irgendwo die Tür zum Internat sein. Nach nur wenigen Schritten hatte ich sie schon erreicht. Sie war verschlossen, also ging ich vorsichtig den gesamten Weg zurück. Kurz bevor ich den Ausgang gefunden hatte, hörte ich ein Geräusch, das wie eine gequälte Katze klang. Mein Herz blieb für einen Moment stehen. War das Einbildung? Mein Gedanke war noch nicht zu ende gefasst, da ging plötzlich in einer der alten Umkleidekabinen das Licht an und Klaviermusik erfüllte den Keller. Ich wagte einen Blick in den Raum. Er war leer, bis auf eine alte, ungepflegte Katze, die es sich auf dem ebenso alten Klavier am anderen Ende des Raums bequem gemacht hatte. Bei genauerem Betrachten fiel mir auf, dass sich die Tasten des Instruments ganz von alleine bewegten! Das war zu viel für mich! Ich nahm meine Beine in die Hand und rannte so schnell, dass ich im Sprint bestimmt eine Eins mit Sternchen bekommen hätte. Die Musik verfolgte mich bis in die Aula. Ich wollte sie nicht mehr hören. Sie machte mir Angst. Ich lief weiter nach oben, doch auch im ersten Stock war sie noch laut und deutlich zu hören. Gerade als ich die Stufen in das zweite Stockwerk betreten wollte, ertönte hinter mir eine Stimme: „Na, mein Fräulein, was haben wir es denn so eilig?“ Ich fuhr entsetzt herum, doch da war niemand. „Wenn ich mich vorstellen darf?“ fuhr die Stimme fort, „Ich bin König Max II. Josef von Bayern aus dem Geschlecht der Wittelsbacher. Und wer seid ihr?“ War das die Möglichkeit? Das Portrait des Stifters unserer Schule lebte, hatte mit mir gesprochen. Alles was ich herausbrachte war ein schriller Aufschrei, der ein entsetztes, verwirrtes Gesicht des Königs zur Folge hatte. Ich konnte hier nicht länger bleiben, also nahm ich drei Stufen auf einmal um den zweiten Stock so schnell wie möglich zu erreichen. Auf halber Höhe flogen mir plötzlich vier kleine Vögel entgegen. Ich musste aufpassen, dass ich nicht über einen kleinen Hasen stolperte. Wo kamen all diese Tiere nur her? Wenigstens war die Musik leiser geworden. Ich betrat den Gang zum Biologie und Chemie Trakt.  Die Vitrinen standen weit offen und an ihren Wänden hingen Plakate, die einzelne Vogelarten vorstellten. Aber die ausgestopften Tiere selbst waren nicht mehr da. Waren sie wirklich zum Leben erwacht? Waren das die, die mir auf der Treppe entgegengekommen waren? Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich die Tür zum Bio-Vorbereitungssaal einen kleinen Spalt öffnete und ein kleiner Fuchs heraus schlich. Er hatte Federn im Fell und etwas Blut um seine Schnauze. Hatte er etwa eines der ausgestopften Federviecher gerissen? Ich bemerkte, dass meine Kinnlade ziemlich weit runtergeklappt war und schloss meinen Mund schnell wieder. War das vielleicht alles nur ein böser Traum? War ich beim Lesen eingenickt? Ich schloss die Augen und atmete ein paar mal tief durch, doch als ich sie wieder öffnete, waren die Vitrinen immer noch leer und der kleine Fuchs stand vor mir und sah mich mit seinen schwarzen Knopfaugen fragend an. Dann ging er weiter. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und öffnete die Tür zum Bio-Saal. Ich ging weiter, in den Lehrer-vorbereitungsraum und staunte. Überall flogen bunte Schmetterlinge durch den Raum. Das menschliche Skelett saß am Tisch und blättere in einem der Lexika. Eine Gans mit Schlangenkopf, Ziegenhörnern, Hundepfoten und Pfauenschweif, der Wolperdinger, der uns in der letzten Biologie Stunde gezeigt wurde, posierte erhaben auf der Fensterbank und ein Hühnerskelett pickte am Boden Erbsen, die ein Greifvogel auf seinem Beutezug wohl vom Regal gefegt hatte. Keines der Tiere beachtete mich, nur das Skelett sah nach einer Weile auf, mustere mich und widmete sich schließlich wieder seiner Lektüre. Der Schulgong riss mich aus meinem Staunen, dann ertönte eine Durchsage, wenn man das so nennen kann. Man hörte Vögel im Chor zwitschern. Im Hintergrund sang eine Frauenstimme und man hörte wie ein Mann etwas rief. Waren da etwa Menschen? Richtige Menschen, die mich aus meinem Traum, meiner wilden Fantasie rausreißen konnten? Ich warf einen letzten Blick in die lustige Runde der lebenden Bio Präparate und verließ dann geschwind das Zimmer, Stürmte die Treppen hinunter. Eine Frau in Latexanzug überholte mich. Sie flog über mich hinweg. Sie sah aus wie ‚Catwoman’  aus einem der Comics, die vor unserem Klassenzimmer aushingen. Ich musste schmunzeln. Als ich wieder am Gemälde von Max II. Josef vorbei kam, grüßte er mich mit einer angedeuteten Verbeugung und ich tat es ihm gleich, ging aber sofort weiter. Ich kam dem Sekretariat  immer näher und ich erkannte einen Mann und eine Frau, die sich vor dem Lehrerzimmer unterhielten. Mit Schrecken fiel mir auf, dass die Bilder der Q12 leer waren. Jetzt erkannte ich auch, dass die beiden Personen Orpheus und Eurydike sein mussten. Ich zog an der Tür und plötzlich verstummte das Paar. Sie verbeugten sich vor mir und ich nickte ihnen zu. „Das ist Orpheus und mich nennt man Eurydike.“ „S-sehr erfreut.“ Stammelte ich. „Könnt ihr, äh, können Sie mir vielleicht sagen, was hier los ist?“ Eurydike lächelte. „Komm mit, wir zeigen es euch.“ Fügte Orpheus an und nahm mich an der Hand. Sie war weich wie ein Babypopo und angenehm warm. Man könnte meinen er sei real, nicht aus einem gezeichneten Bild. Die Beiden führten mich in das dritte Geschoss. Dort brachten sie mich zu der schweren Eisentür, die zum Dachboden der Schule führte. „Ihr müsst hier nach oben gehen, dort wartet die Antwort auf eure Frage.“ „O-ok, danke.“ Und ehe ich mich versah, waren Orpheus und Eurydike schon wieder verschwunden. Die Tür ließ sich nur schwer öffnen, deshalb quetschte ich mich durch einen Spalt. Eine kleine, aber ziemlich steile Treppe führte nach oben. Vorsichtig ging ich rauf. Was würde mich dort erwarten? Weitere Tiere? Gezeichnete Wesen? Ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Am Ende der Stiege erwartete mich eine weitere Tür, die jedoch war aus Holz und leicht zu öffnen. Langsam und vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten und öffnete sie. Ich betrat die kleine Kammer, die sich dahinter verbarg. Es war gleißend hell und ich musste mir im ersten Moment die Augen verdecken, bis sie sich an das Licht gewohnt hatten. Nur ein kleiner Tisch stand mitten im Zimmer, sonst nichts. Mir fiel ein Fenster auf, das weit offen stand. Ich ging darauf zu und sah, dass der Schneesturm sich beruhigt hatte. War das alles? Habe ich etwas übersehen? Das Fluchen eines Mannes riss mich aus meinen Gedanken. „Scheiß klump!“  Ich lehnte mich aus dem Fenster: Unser lieber Hausmeister schraubte an der Uhr herum. Als er mich bemerkte, war er erstaunt, dann kroch er Richtung Fenster und ich machte ihm Platz, damit er herein konnte. „Was machst du denn noch hier in der Schule?“ „Ich, äh, mein Vater…“ „Ja ich verstehe dein Vater ist im Schneesturm stecken geblieben, oder? Und du bist nicht mehr rechtzeitig raus gekommen, nicht?“ „Ja…“ Nach einer kurzen pause sprudelte alles aus mir heraus. „Der König hat mit mir geredet! Und die Ganzen Tiere hier Leben! Der Fuchs hat ein Tier gerissen und das Skelett liest Biologie Bücher! Die Vögel machen Durchsagen und Orpheus und Eurydike haben mich zu ihnen gebracht!“ Herr Wortmann grinste. „Das ist erstaunlich, nicht war? Wundervoll, wie hier alles voller Lebensfreude ist!“ er lachte. Er sah so glücklich und verträumt aus. „Wie-?“  setzte ich an, doch der Hausmeister war schneller. „Du kennst doch die Sonnenuhr, nicht wahr?“ „Ja.“ „Ist dir schon mal aufgefallen, dass sie nie wirklich stimmt?“ „Ja.“ „Sie geht immer ein Stück nach. Und in der Nacht, in der die Sonne zu sehen ist, ist Tag für die Schule. Dann passiert das, was du heute erlebt hast. Alles was zum Leben erwachen kann, tut es und streunt durch das Gebäude. Ich liebe diese Tage. Aber ich muss Aufpassen, dass die Uhr ‚richtig’ geht, nicht, dass das alles schon passiert, während die letzten Schülerinnen noch ihren Nachmittags- oder Musikunterricht absitzen.“ Wieder lächelte er. Ohne auf eine Reaktion meinerseits zu warten, stieg er wieder raus und bastelte weiter an der Uhr. Ich blieb noch eine Weile sitzen, um das zu verdauen, was ich soeben erfahren hatte. Dann machte ich mich auf den Weg nach Unten. Von den Tieren fehlte jede Spur und als ich in der Aula ankam, wartete dort mein Vater auf mich. „Da bist du ja! Ich habe mir schon Sorgen gemacht! Tut mir leid, dass ich so spät dran bin, aber ich bin im Schneesturm festgesteckt.“ „Ist ok.“ Ich lächelte ihn an. „Ich hole nur eben noch meine Sachen.“ Also ging ich zum Aufenthaltsraum. Die Tür ließ sich ohne Probleme öffnen und ich packte mein Buch ein, nahm meine Taschen und verließ den Raum wieder. Auf dem Weg nach draußen sah ich auf die Uhr. Sie funktionierte wieder und zeigte zwanzig vor sieben an. Ist das alles so schnell gegangen? Es kam mir vor, als wären Stunden vergangen, seitdem ich der Gestalt gefolgt war. Wir stapften den Weg neben den zugeschneiten
Rosen
entlang. Ich hörte jemanden Fluchen und ich konnte ein lächeln nicht unterdrücken. Das war Herr Wortmann, der oben am Uhrturm an der Sonnenuhr schraubte, die anzeigte, dass Tag war. Also hatte ich mir nicht alles eingebildet? Das wäre doch auch zu schade, oder?
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