Die Wächter von Ithilien

von Celebne
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Boromir Denethor II. Faramir
05.08.2012
16.09.2020
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Kapitel 8:  Trauer


Erichirions Leiche wurde im Morgengrauen von einem Wachposten gefunden. Der Heermeister lag in einer Blutlache und seine gebrochenen Augen starrten in den dämmrigen Himmel. Der Soldat gab sofort Alarm und in der hölzernen Festung wurde das Horn im Wachturm geblasen.
„Erichirion ist tot!“, riefen die Männer aufgeregt.
Faramir lag noch im Bett und wurde durch das laute Geschrei von draußen unsanft geweckt. Er fühlte sich jetzt nicht mehr so erschöpft wie gestern. Der lange Schlaf hatte ihm gutgetan. Auch seine Kameraden waren schon auf. Ein Junge aus Anórien mit strohblondem Haar kam aufgewühlt in die Unterkunft der Rekruten gelaufen.

„Der Heermeister wurde ermordet!“, schrie er mit hochrotem Gesicht.
„Erichirion“, flüsterte Faramir entsetzt und fuhr sich durch die roten Locken.
Er ahnte bereits, wer den gütigen Mann auf dem Gewissen hatte. Bestimmt hatte Baldor seine Hand im Spiel gehabt.

Boromir erwachte an diesem Morgen mit einem unguten Gefühl. Er hatte irgendetwas Seltsames geträumt und es hatte mit Faramir zu tun gehabt. Aber was er genau geträumt hatte, wusste er nicht mehr. Allerdings machte er sich jetzt noch mehr Sorgen als zuvor um seinen jüngeren Bruder.
Er stand auf und kleidete sich an. Zuerst einmal musste er noch einmal mit seinem Vater reden, der sich am Tag zuvor recht merkwürdig verhalten hatte. Wahrscheinlich hatte er einfach zuviel Wein erwischt. Anders konnte sich Boromir die plötzliche Meinungsänderung des Truchsess nicht erklären.
Als er seinen Vater im Speisezimmer aufsuchte, wirkte dieser tatsächlich recht verkatert. Er ließ sich von seinem Kammerdiener immer wieder ein kühlendes Tuch für seine schmerzende Stirn geben.
„Vater, wir müssen noch einmal über Erichirion reden“, begann Boromir vorsichtig, während er sich Brot und Honigwaben nahm.

„Schon gut“, winkte Denethor etwas kleinlaut ab. „Ich hatte gestern Abend zuviel von diesem schlechten Wein. Natürlich bleibt es dabei, dass Erichirion Faramir weiter ausbildet.“
Boromir atmete erleichtert auf und nahm einen Schluck Wasser, das mit Apfelmost vermischt war.
Trotzdem hatte er immer noch dieses komische Gefühl, dass etwas in Ithilien nicht in Ordnung war.
„Vater, ich möchte Faramir besuchen, wenn du es erlaubst“, sagte er schließlich.
„Meinetwegen, aber nicht heute“, brummte Denethor und starrte auf den Becher Ziegenmilch, den der Kammerdiener vor ihn hingestellt hatte. „Du musst mich vertreten. Ich bin unpässlich.“
Angewidert schob er den Becher weg.  Er mochte jetzt nichts trinken oder gar essen. Denethor wollte sich nur noch ins Bett legen, bis der Kopfschmerz verschwunden war.
Boromir sah seinem Vater kopfschüttelnd hinterher. Es kam aber glücklicherweise selten vor, dass der Truchsess einen über den Durst trank.

Aber am nächsten Tag eilte er schon sehr früh zu den Stallungen hinab, welche sich im sechsten Festungsring befanden. Dort wollte er seinen schnellsten Hengst Pistis satteln lassen, damit er gleich nach Ithilien losreiten konnte.

Inzwischen herrschte in der hölzernen Festung ein großes Durcheinander: alle Waldläufer wussten jetzt über den Meuchelmord an dem beliebten Hauptmann Bescheid. Man hatte Erichirion in seiner Kammer auf seinem Schreibtisch aufgebahrt. Das Kommando in der hölzernen Festung hatte übergangsweise Barihar, der große, ruhige Krieger aus Dol Amrod, übernommen. Baldor wusste, dass er sich im Moment noch nicht vordrängen durfte, was das Amt des Kommandanten betraf, um keinen Verdacht zu erregen. Aber seine Zeit würde schon noch kommen, schwor er sich.

Faramir wollte Erichirions Leichnam unbedingt noch einmal sehen, wie auch einige andere Rekruten. Traurig betrat er die Kammer des toten Hexenmeisters und betrachtete mit einem leisen Seufzen den Ermordeten. Man hatte Erichirion seine vollständige Lederrüstung angezogen, so dass man die Wunden in Bauch und Brust nicht sah. Trotzdem war der Schreibtisch und der Holzboden blutig. Tränen traten in Faramir Augen und einige jüngere Rekruten weinten sogar laut.
„Ihr müsst jetzt wieder gehen“, sagte Barihar sanft. „Wir müssen den Heermeister  für die Beisetzung vorbereiten. Er soll heute Abend verbrannt werden.“
Faramir nickte tapfer und warf noch einen letzten trauernden Blick auf den Toten.
„Hat man denn schon einen Verdacht, wer ihn ermordet haben könnte?“, fragte er Barihar noch.
„Darüber darf ich mit dir nicht reden, junger Faramir“, erwiderte dieser düster.

Den restlichen Tag bekamen die Rekruten frei und durften sich ausruhen. Faramir jedoch war sehr erregt. Am liebsten hätte er sich sofort Baldor vorgeknöpft, um ihn zur Rede zu stellen. Aber er wusste, dass er jetzt Ruhe bewahren musste. Ausgerechnet in diesem Moment kam Baldor ihm auch schon im Hof entgegen.
„Was für ein Jammer“, sagte er mit gespielter Trauer. „Erichirion hatte noch so viel vor. Aber er hatte hier in der Festung einfach zu viele Gegner.“
„Das ist nicht wahr!“, stieß Faramir erzürnt hervor. „Der Heermeister war sehr beliebt.“
Im Gegensatz zu Euch, ergänzte er im Stillen.
Weiter mochte er mit Baldor nicht sprechen. Zum Glück ging jetzt auch der ehemalige Ausbilder weiter.

Kurz nach Sonnenuntergang verließen alle Waldläufer und Rekruten die hölzerne Festung. Man hatte am nahen Bach einen Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der tote Heermeister gebettet war.
„Warum verbrennt man eigentlich Erichirion?“, fragte Faramir verwirrt den Übergangs- Kommandanten Barihar. „Das tat man doch seinerzeit nur mit den Altvorderen-Königen.“
„Es ist wegen der Orks“, erklärte Barihar geduldig. „Manchmal graben diese Schurken gefallene Krieger von uns aus und fertigen aus ihren Schädeln Trinkbecher, um sie zu verhöhnen.“
Faramir schauderte, als er das hörte.
Da Barihar nicht so ein guter Redner war, sprach ein anderer Waldläufer ein paar andachtsvolle Worte über Erichirion. Doch Faramir war das zu wenig. Mutig trat der junge Mann vor und erhob das Wort zum Erstaunen der älteren Waldläufer:
„Ich möchte auch etwas über Erichirion sagen, wenn Ihr erlaubt. Für mich war der Heermeister ein ganz großartiger Mann. Bei ihm habe ich sehr viel gelernt. Er war immer gütig und freundlich. Und wenn man einmal einen Fehler machte, war er geduldig und erklärte oft alles noch einmal, statt zu tadeln. Es machte mir große Freude ihm zu dienen. Ich werde ihn vermissen. Möge er in Frieden ruhen.“
Faramir wischte sich rasch über die Augen und trat zurück. Die anderen Rekruten pflichteten ihm bei und auch die meisten der Waldläufer raunten zustimmend.

Nur Baldor schaute grimmig drein. Barihar trat jetzt vor und zündete den Scheiterhaufen ein. Das Öl, welches man auf dem Holz verteilt hatte, fing sofort Feuer. Im Nur war die Leiche des Heermeisters nicht mehr zu sehen. Langsam liefen die Rekruten und die Waldläufer wieder zur Festung zurück. Niemand sprach ein Wort. Zwei Männer jedoch blieben zurück und achteten darauf, dass der Scheiterhaufen ordentlich abbrannte.

Faramir und seine Kameraden trotteten nachdenklich zu ihrer Unterkunft. Es gab noch ein Abendessen, doch so richtig Hunger hatte niemand. Jeder der Jungen hatte Angst, dass jetzt Baldor wieder ihr Ausbilder wurde.  
Plötzlich ertönte ein Horn vom Wachturm.
„Ein Reiter kommt!“, schrie der Wächter von oben. „Öffnet das Tor, es ist jemand aus Minas Tirith!“
Faramir durchfuhr ein freudiger Schrecken. Kam vielleicht jemand, den er kannte? Und dann sprengte auch schon Boromir auf seinem wilden Rappen zum Tor herein. Pistis hatte Schaum vor dem Maul und schnaubte wild. Boromir hatte sich wegen der aufkeimenden Dunkelheit sehr beeilen müssen. Ärgerlicherweise hatte Pistis ein Hufeisen unterwegs verloren und musste in Osgiliath neu beschlagen werden. Das hatte viel Zeit gekostet.
„Boromir!“, schrie Faramir erfreut und fiel seinem Bruder um den Hals. Er lachte und weinte zugleich.
„Was ist denn los?“, fragte der rotblonde Krieger erstaunt. „Du bist ja völlig durcheinander?“
„Erichirion wurde ermordet“, erzählte Faramir mit heiserer Stimme. „Wir haben seinen Leichnam gerade verbrannt.“
Boromir konnte kaum fassen, was er da gehört hatte, und starrte seinen kleinen Bruder ungläubig an.

tbc…
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