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In Theorie und Praxis

von KateRod
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lilly Rush Scotty Valens
01.08.2012
01.08.2012
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Theorie und Praxis

Theoretisch gab es nichts, was sie aus der Ruhe bringen konnte.

Genervt trommelte Kat Miller mit den Fingern ihrer rechten Hand auf die glatte Fläche der Fensterverkleidung des Autos, aber das Geräusch ging unter. Genauso wie ihre vorherigen, deutlich angenervten Blicke oder sämtliche anderweitigen Versuche, mittels verbaler und nonverbaler Kommunikation zu vermitteln, wie sehr ihr die Gesamtsituation auf die Nerven fiel.

Theoretisch machte ihr so etwas nichts aus.
Theoretisch hätte sie mit einem einzigen, äußerst bissigen Kommentar sofort die Ruhe erzeugt, die ihr genehm war, Ruhe, in der sie die hellen Wintersonnenstrahlen hätte geniessen können und ihr Gegenüber - welches sie mit seinem Verhalten so dermaßen irritierte - sprachlos oder beleidigt (oder beides) einfach nur schwieg.
Theoretisch lagen Theorie und Praxis für sie nicht so weit auseinander, wie es für viele andere Menschen war. Praxis war der Ermittlerin beileibe kein unbekanntes Wort, und sie tendierte dazu, Theorie auch in Praxis umzusetzen, sobald sie die Gelegenheit dazu hatte.
Aber anscheinend war heute nicht Kats bester Tag und nicht einmal das wundervolle Winterwetter, welches den ersten Tag des neuen Jahres sanft begrüßte, konnte sie heute aufmuntern. Nicht, während neben ihr im Wagen ein überaus gut gelaunter Scott Valens saß, der munter zu alten Schnulzen aus dem Jahre Wer-wusste-das-schon summte.
"Mamma mia", sang er sogar den Text mit. "Here I go again..." Kats Fingernägel gruben sich in ihren Arm. "Ich wusste nicht, dass Sie Abba hören, Valens." Ihre Stimme war pures Gift. In der Theorie wäre jeder Mensch an der Verärgerung in ihren Augen so klein mit Hut geworden. Praktisch bemerkte Valens es nicht einmal und warf ihr obendrein noch ein schiefes Grinsen zu. "Aber Sie erkennen es." Kat knirschte mit den Zähnen.

Heute schienen Theorie und Praxis Meilen auseinander zu liegen.

Den ganzen Tag.
Den ganzen Tag lang lief Scott Valens, ihr Kollege in der Mordkommission Philadelphia und der Partner ihrer Freundin Lilly Rush, bereits mit einem Grinsen auf den Lippen herum, welches jedem Honigkuchenpferd das Lächeln von den Lippen - von der Schnauze - gewischt hätte vor Neid. Als habe er den Sechser im Lotto gewonnen, als wäre ihm das Beste passiert, was das Leben zu bieten hatte, als...
"Der ist flachgelegt worden", sagte Vera wissend und grinste fies. "Aber so was von. Den hats erwischt - das ist ja schon fast peinlich."
Sein Kollege Will Jeffries fügte hinzu: "Wenn der danach immer so drauf ist, sollte das wohl öfter geschehen..." Kat stimmte keiner Aussage zu. Sie wollte die Frau, die den Frauenschwarm Valens so um den Finger wickelte, dass er sich wie der letzte Idiot verhielt, erst kennen lernen, bevor sie das glaubte. Der Mann schaffte es, nur einmal mit der Wimper zucken zu müssen, schon bekamen drei Frauen weiche Knie, zwei davon hatte er dann sicherlich an der Angel - aber dass er sich so dermaßen zum Deppen machte musste einen anderen Grund haben.
Aber da Valens nicht mit einem Sterbenswörtchen verriet, was genau ihm so gute Laune bereitete, wurde sein Verhalten irgendwann nicht mehr als lustig, sondern als langweilig betrachtet und schliesslich war es nur noch nervtötend. Mittlerweile wurde Kat richtiggehend schlecht, wenn sie den Mann ansah. Theoretisch machte ihr so etwas nichts aus. Praktisch war sie es einfach nicht gewöhnt, dass etwas vorging, von dem sie keine Ahnung hatte, und diese Tatsache – gepaart mit unglaublich enervierend guter Laune – verursachte ihr Magenschmerzen.

"Gehts Ihnen nicht gut, Miller?", fragte Valens in dem Moment und riss das Lenkrad des Wagens abrupt herum. Ihre Übelkeit verstärkte sich. Warum wirkte sich die Gemütslage von Männern immer gleich auf ihre direkten Handlungen - in diesem Fall auf ihren Fahrstil - aus? Theoretisch hätte sie auf der Stelle aussteigen und zu Fuß zum Präsidium zurücklaufen sollen, doch um diesen Entschluss in die Praxis umzusetzen, war es bereits zu spät. Sie konnte das große, graue Gebäude der Philadelphia Police bereits sehen. Fest presste sie die Lippen aufeinander und schwieg eisern.
"Sie sehen blass aus", grinste Valens sie von der Seite an. "Sie sollten mehr Sport treiben, öfter an die frische Luft gehen... Was meinen Sie, Lil?"
Erst warf er Kat, dann seiner Partnerin auf der Rückbank ein unverschämt fröhliches Grinsen zu. Lilly Rush im Fond des Wagens verzog wie immer keine Miene, wie schon den ganzen Tag lang nicht. Wenn noch etwas neben der guten Laune des Cubaners zur exponentiellen Steigerung von Kats Gereiztheit beitrug, dann war es Lils andauernde, ewige Ruhe und ihr Schweigen, mit dem sie all dies ertrug. Dabei war es ihr Partner, der sich so unmöglich aufführte - war ihr das Ganze nicht peinlich? Wäre Valens ihr Partner gewesen, dann... Sie rief sich zur Ordnung. Das war bloße Theorie. Solange Lilly Rush lebte, würde sie nur mit Scott Valens zusammenarbeiten.
Was es auch für sie bedeuten mochte - wie immer hielt sie sich auch aus dieser Diskussion heraus, liess sich nichts anmerken und zuckte lediglich die Achseln. Sie ignorierte sowohl Valens herausforderndes Grinsen als auch Kats wütendes Starren. In der Theorie hätte Kat ihr am liebsten den Hals umgedreht. In der Praxis war Lil ihre beste Freundin.

Gott sei Dank hielt der Wagen kurz darauf in der Nähe des Präsidiums, in einer Seitenstraße im Parkverbot.
"Alles aussteigen, die Damen, Endstation!"
Lil verließ den Wagen kommentarlos, Kat fluchtartig. Valens gab Gas und brauste in Richtung der Parkplätze, die für die Mitarbeiter der Mordkommission reserviert waren, davon. Erleichtert atmete die dunkelhaarige Frau auf und atmete die kalte Winterluft in vollen Zügen ein. Dann warf sie Lil einen strafenden Blick zu.
"Du weißt doch, was in den gefahren ist, oder?", fragte sie anklagend. Lil schüttelte nur stumm den Kopf. "Vielleicht hat er einfach nur gute Laune," sagte sie nach kurzem Nachdenken und begann den Aufstieg zum Haupteingang. Kat folgte ihr Kopfschüttelnd. "Das ist ja so was von anormal. Und vor allem nervtötend." "Aber nicht verboten." Lil blieb realistisch wie immer - und unparteiisch. "Vielleicht gehst du ihm einfach für den Rest des Tages aus dem Weg." "Leider ist es nicht verboten", knurrte Kat. "Können wir den Boss nicht so eine Regel einführen lassen? Man darf keine bessere Laune haben als derjenige, der die schlechteste Laune im gesamten Präsidium hat - ginge das?" Lil lächelte ein wenig. "Fragen kostet ja nichts."
Der Fahrstuhl kündigte sich gerade mit einem Glockenton an, als sie aufgeschreckt in ihre Jackentasche griff.
"Mein Handschuh!", rief sie erschrocken. "Er ist weg!" Kat sah zu, wie sie die Manteltasche durchforstete. "Hattest du ihn im Auto noch?", fragte sie hilfreich. Lil nickte hastig. "Er muss beim Aussteigen herausgefallen sein..." Sie machte auf dem Absatz kehrt. "Ich komme gleich nach", rief sie über ihre Schulter zurück. Kat nickte und trat in den wartenden Fahrstuhl. Nur noch 2 Stunden bis Feierabend.

Was Kat Miller nicht weiß
Tatsächlich fand Lilly Rush ihren Handschuh in der Nebenstraße, in der Scotty vor einigen Minuten gehalten hatte, um sie und Kat aus dem Wagen zu lassen. Erleichtert hob sie ihn auf und bürstete ein wenig Staub und Feuchtigkeit ab. Gerade wollte sie sich umdrehen, als eine Hand sie am Arm packte.
Lil wirbelte herum, instinktiv kampfbereit, als sie erfasste, wer sie festhielt: Scotty.
"Hey, Lil", sagte er und sein Lächeln ging ihr durch und durch. Die Berührung seiner Hand brannte sich durch den Stoff ihres Mantels und ihrer Kleidung hindurch, heiß und fest, und jagte elektrische Impulse durch ihr Nervensystem. Ihr Herz schlug heftiger, als sie ihn so dicht vor sich stehen sah, liess die Erinnerung auf sie einstürzen, wie es war, ihn zu berühren und wie unglaublich schwer, es nicht zu tun. Wie sie sich im Auto hatte zurückhalten müssen, um ihre Hände nicht in sein weiches, schwarzes Haar zu knoten, wie anstrengend, ihn nicht zu küssen, wenn sie wollte... Atemlos sah sie ihn an. Scotty schob sie ein Stück nach Hinten, bis sie mit dem Rücken gegen die Hauswand gedrückt dastand, und presste seine Lippen auf ihre. Lils gesamter Körper wurde weich, schmolz gegen seinen, schmiegte sich fest an ihn und badete in seiner Nähe. Die Hitze wurde unglaublich, das Blut rauschte in ihren Ohren, sie küsste ihn, so wie er sie küsste: atemlos, hungrig, voll Verlangen...
Erst, als der Mangel an Sauerstoff überwältigend wurde, liess er sie los. Keuchend holte Lil tief Luft, um ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Er war so nahe... Als sie ihren Blick hob, sah sie direkt in seine funkelnden Augen. Wieder verfing sich der Atem in ihrer Brust. Scottys Lippen kamen wieder näher, küssten sie, ihre Lippen, ihr Gesicht, ihren Hals, seine Hände verknoteten sich in ihrem Haar, sein Körper presste sich hart an ihren. Und als er an ihrem Ohr ankam, flüsterte er mit einem hörbaren Grinsen in der Stimme: "Und da wundern sich allen Ernstes die Leute, warum ich so gute Laune habe!"

Kat Miller oben in ihrem Büro im sechsten Stockwerk schälte sich aus dem Mantel und zerbrach sich zum hundertsten Mal am Tag den Kopf darüber, was es war, das sie nicht sah. In Gedanken versunken, warf sie einen Blick durch das Fenster und sah ihre Freundin und deren Partner die Stufen zum Haupteingang hinaufsteigen. Für einen kurzen Moment blitzte ein Gedanke in ihrem Kopf auf. Kat stutzte und sah genauer hin, da verschwanden die beiden bereits unter dem Vordach des Hauptportals. Für einen Moment starrte sie blind auf die Stelle, an der sie sie das letzte Mal gesehen hatte, dann schüttelte sie bestimmt den Kopf.
Nein, das war unmöglich. Aber was...
Aufseufzend liess sie sich in ihren Sessel sinken und machte sich daran, die liegengebliebene Arbeit auf zwei Stapel zu sortieren. Theoretisch hätte sie sich vorstellen können, dass Lil und Scotty eine Affäre hatten. Aber Praktisch... Praktisch war das unmöglich. Die beiden?
Niemals.

Lil und Scotty hatten wirklich Glück, dass für Kat Miller Theorie und Praxis an diesem Tag einfach unendlich weit auseinander lagen.

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soll ich weiter cold case ff schreiben ?
oder lieber mit was neuem anfangen ?
glg kate
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