Jan Brenner, morgen wirst Du sterben! (4. Staffel, 4. Folge)

GeschichteRomanze, Thriller / P12
Eva Mayerhofer Jan Brenner Klaus Frings Kriminaldirektor Ritter Leonie Bongartz
28.07.2012
01.01.2013
15
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Die meisten Menschen in Köln hatten Feierabend, waren auf dem Nachhauseweg oder bereits bei dem gemütlichen Teil des lauen Sommertags angekommen. Die Hektik des Tages war wie weggewischt. Alles ging nun etwas ruhiger und gediegener zu. Am Golfclub Larchenhof herrschte zwar  reges Treiben auf den Golfbahnen, die Sportler genossen es jedoch - sichtlich entspannt - ein paar Golfbälle durch die Gegend zu schlagen. Am nahegelegenen Chorbuscher Wald waren ein paar Jogger unterwegs, die auf die Rundstrecke um den Chorbuscher See einbogen. Nach ein paar Metern kam ihnen ein Pärchen händchenhaltend entgegen. Die Jogger und das Paar grüßten einander. So schnell wie sie sich begegneten trennten sich ihre Wege schon wieder. Das Paar ging weiter und konnte hören, wie sich die Jogger flinken Schrittes auf dem geschotterten Weg sich immer weiter von ihren entfernten. An dieser Stelle des Sees war nun keine Menschenseele mehr weit und breit zu sehen.

Das Paar steuerte schließlich eine hölzerne Bank am Wegesrand an. Die Frau begutachtete die Bank kurz skeptisch. Sie wollte sicherstellen, dass sie sich mit ihrer Jeanshose nicht in irgendwelchen Dreck oder in Speisereste setzte. Dem Mann fiel auf, dass die Rückenlehne der Bank bekritzelt war. Es prangten Sprüche wie "Ich war hier" oder "Marion, ich liebe dich über alles!" darauf. Ein Spruch erregte jedoch besonders seine Aufmerksamkeit:

"Lebe dein Leben, sei glücklich und lache. Denn es gibt Menschen, die ohne dein Lachen nicht leben können."

Er schaute kurz rüber zu der wunderbaren Frau, die er an seiner Hand halten durfte und schmunzelte. In diesem Spruch lag wirklich viel Wahres! Trotz des schönen Sommerabend und der entspannten Stimmung am See hatte es fast den Anschein als wäre sein Lächeln, das sonst so klar und strahlend war, eher gequält. Nachdem Beide Platz genommen hatten, legte der Mann seine starken Arme sanft um die Schulter der Frau. Sie erwiderte seine Umarmung und legte daraufhin ihre Hand oberhalb  seines Knies ab. Beide schauten sich lange in die Augen und küssten sich dann innig. Sie wirkten wie frisch verliebt, aber dennoch irgendwie sehr vertraut miteinander. Es schien so, als würde die Beiden eine tiefe Liebe zueinander verbinden. Die Frau lächelte nachdem sich ihre Lippen getrennt hatten. Die Sonne spiegelte sich herrlich im Wasser des Sees und tauchte die Gegend in ein schönes Licht. Beide richteten nun den Blick auf den See. So saßen sie auf der Bank, fast regungslos, als würden sie einem Künstler Modell für ein Gemälde stehen wollen.

Nur ein paar Meter von dieser idyllischen Szenerie entfernt stieg ein grün gekleideter Mann im Schutz des Waldes auf den hölzernen Hochsitz. Beim Hochsteigen hatte er etwas Mühe sich festzu-halten an der doch recht instabil wirkenden Leiter, da er in seiner rechten Hand ein Gewehr trug. Im ersten Moment hätte man ihn tatsächlich für den Förster halten können, wäre da nicht die Sturmmaske gewesen, die sein Gesicht bedeckte. Nachdem er oben auf dem Hochsitz angekommen war, zog er aus seiner Jackentasche ein Objektiv heraus. Mit ruhiger Hand schob er das Objektiv in die dafür vorgesehene Führung ein. Mit einem leisem Klicken rastete es ein. Der Mann schaute nun durch das Objektiv. Auf dem See konnte er einen weißen Schwan entdecken, der gemütlich vor sich hin paddelte und immer wieder ein paar schnatternde Geräusche von sich gab.

<<Wirklich ein schönes Tier, so rein und unschuldig!>> dachte er als er den Schwan fixierte, um die Schärfe im Objektiv richtig einstellen zu können. Nachdem er mit der Einstellung des Gewehr zufrieden war, setzte er es kurz ab und atmete tief durch. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es in einer Minute 18:00 Uhr sein würde. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen - Punkt 18:00 Uhr, keine Sekunde früher, keine Sekunde später! Er würde warten bis er das Glockengeläut der Kirche im nahegelegen Pulheim hören würde. Insgeheim erhoffte er sich, dass das Glockenspiel seinen Schuss übertönen würde. Der Schütze schloss kurz die Augen, atmete dreimal tief ein und aus. Vor seinem geistigen Auge sah er schon die tragischen Bilder, die sich gleich am Rande des Sees abspielen würden.

Nach diesem Moment, den er gebraucht hatte, um seine Konzentration zu bündeln, öffnete er die Auge. Mit ruhiger Hand legte er das Gewehr an und richtete die Waffe auf sein Ziel aus. Sein Opfer sollte weder irgendein vorbei eilender Jogger noch irgendein Tier im Wald noch der Schwan sein. Nein, er zielte auf den Mann, der neben der jungen Rothaarigen auf der Bank saß! Das Fadenkreuz, das sein Opfer durch das Objektiv markierte, wanderte nun von den Beinen des Mannes über seinen Bauch nach oben bis zur Brust. Er hielt noch einen Moment inne. Für den Bruchteil einer Sekunde beschlichen ihn Zweifel, ob er den Abzug wirklich betätigen sollte. Aber ein Gefühl, tief in seinem Inneren, sagte ihm immerzu, dass er es einfach tun musste; egal wie stark seine Zweifel waren! Der wunderbar ruhige Abend, der über dem See lag, wurde durch das beginnende Glockengelaut sanft unterbrochen. Die Kirchenglocke setzte zu ihrer allabendlichen Melodie an.

"Die Zeit ist nun gekommen, Brenner!" sagte der Schütze leise.

Im nächsten Moment betätigte er den Abzug. Die Kugel schoss aus dem Lauf der Waffe heraus. Der Rückstoß war heftiger als erwartet und brachte den Mann auf dem Hochsitz leicht aus dem Gleich-gewicht. Schnell hatte er sich wieder ausbalanciert. Er presste sein rechtes Auge erneut an das Ob-jektiv, um zu sehen, ob der Schuss erfolgreich sein Ziel getroffen hatte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. bis er sah, dass er tatsächlich genau getroffen hatte. Der Mann, der niemand anderes als Kriminalhauptkommissar Jan Brenner war, sank getroffen  mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Bank in sich zusammen.

Leonie Bongartz, die die ganze Zeit neben ihm auf der Bank gesessen hatte, stieß einen markerschütternden Schrei aus! Sie hielt Brenners Hand, konnte die wohlige Wärme seines Körpers spüren und den angenehmen Duft seiner Haare riechen.

"Jan, bleib bei mir. Hörst du!? Jaaaaaaan, du darfst nicht sterben!" schrie sie so laut wie es ihrer zarten Stimme möglich war.

Der Schwan flatterte durch den Lärm aufgeschreckt hektisch davon. Von der ein auf die anderen Sekunde schien die Idylle nun einer gespenstische Stille gewichen zu sein. Auch die Kirchenglocken verstummten urplötzlich, so als wollten sie andeuten, dass eben gerade ein Menschenleben ein viel zu jähes Ende genommen hatte...
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