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Geister geben niemals Ruhe

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Parodie / P12 / Gen
27.07.2012
17.08.2013
14
14.460
 
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27.07.2012 1.049
 
Teil 3 – Wanderer, kommst du nach Japan . . .


Die Lichter des Hafens kamen langsam näher.
"Gleich haben wir's geschafft", meinte Groucho fröhlich. "Dann wird wohl doch kein Fischfutter aus dir."
Ich brummte etwas Unbestimmtes. Müde und zermürbt von drei Tagen auf See hoffte ich nur noch auf ein bequemes Bett und genügend Alkohol, um mich in ein paar schöne Träume zu flüchten.
Mechanisch tauchte ich die Überreste von Bobbys Käfig in das Wasser, das im Boot stand und schaufelte eine gute Portion davon heraus ins Meer. Mit diesem improvisierten Eimer hatten wir uns überhaupt über Wasser halten können. Bobby fand es großartig, aus seinem kleinen Gefängnis befreit zu werden, doch leider entdeckte er ziemlich schnell, dass unser Boot zum größten Teil aus Holz bestand. Nachdem er den Mast angeknabbert hatte, musste ich ihn in eine kleine Blase verbannen, in der er jetzt mit ziemlich schlechter Laune neben unserem Boot dahin schwebte.

Der Bug unseres Dinghis stieß gegen die Kaimauer und ich ließ erschöpft den Eimer sinken. Meine Kleidung triefte vor Nässe, mein Gesicht zierte ein ziemlich dichter Dreitagebart.
Daher war ich nicht besonders gut auf die zwei Dutzend Japaner zu sprechen, die mit ihren Nikons, Canons, Fujis und allen anderen Fotoapparaten ein Blitzlichtgewitter veranstalteten.
"Keine Fotos, bitte", sagte Groucho und wandte in einer theatralischen Geste sein Gesicht ab. "Übrigens: Meine Schokoladenseite ist links."

Ich stieg mit grimmiger Miene aus dem Boot und drängte mich zwischen den neugierigen Menschen hindurch, um Bobby einzufangen, der in seiner Blase in Richtung eines Kirschbaumes schwebte.
Hinter mir hörte ich ein lautes Gluckern, als das Dinghi seine letzte Ruhestätte auf dem Grund des Hafenbeckens fand.

"Willkommen in Tokyo", begrüßte mich da eine Stimme, die mir sehr vertraut vorkam.
"Hep!", stieß ich überrascht hervor.

Sofort schwenkten alle Kameras herum, um den eleganten Geist fotografisch einzufangen.
Mit einer riesigen Sonnenbrille im Gesicht schenkte sie den neugierigen Fotografen ein bezauberndes Lächeln, bevor sie sich zu uns umwandte.
"Gut, dass ihr endlich da seid. John hat uns zwar gesagt, dass euch nichts passiert ist, aber wir haben uns doch Sorgen gemacht, weil ihr so lange gebraucht habt."

Hep schaute auf das trübe Wasser des Hafens, in dem einige Trümmer unseres Dinghis schwammen. "Warum habt ihr euch nicht einfach hierher gewünscht?"
Mit dem Daumen zeigte ich auf den Marx-Brother, der mit hochgezogenen Augenbrauen in einem Hochglanzmagazin blätterte."Weil Groucho lieber die neuste Ausgabe des Playboys haben wollte"
"Ich hab' nur noch einen Wunsch übrig!", protestierte er. "Den werde ich doch nicht für etwas verschwenden, dass wir auch so erreichen konnten."
"Moment mal! Das war der einzige Grund?", fragte ich zornig und entriss ihm meine Tabaksdose, die ich der verdutzten Hep in die Hand drückte.
"So! Jetzt ist sie meine Herrin. Sie hat jetzt drei Wünsche frei."
Bevor Hep etwas sagen konnte, nahm ich ihr die Dose wieder weg und gab sie zurück an Groucho.
"Voilá! Jetzt bist du der Meister! Dein Wunschkonto ist wieder voll."
Erst, als ich es aussprach, wurde mir bewusst, was ich getan hatte.
"Oh, nein!"
Groucho grinste von einem Ohr zum anderen. "Mann, mann, mann, das war ja viel einfacher, als ich dachte. Also, als erstes wünsche ich mir . . ."
"Augenblick mal!", unterbrach Hep ihn. "Soll das heißen, man bekommt immer wieder drei neue Wünsche, solange die Dose nur kurz im Besitz einer anderen Person ist?"
"Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können", bestätigte ich ihre Vermutung. An ihrem erstaunten Blick konnte ich erkennen, dass diese Tatsache ihr offenbar bisher unbekannt war.
"Das ist nicht gut", meinte sie kopfschüttelnd. "Wenn jemand von der Gegenseite die Dose in die Finger kriegt, könnte das den totalen Untergang bedeuten."
"Na, dann war es ja eine großartige Idee, die Dose und ihren Bewohner direkt hierher nach Tokyo zu bringen, wo Monstren aller Art die Meere durchpflügen", konnte ich meinen Ärger über die derzeitige Situation kaum im Zaum halten.

"Wir gehen besser zuerst einmal ins Hauptquartier", empfahl Hep und winkte ein Taxi herbei.
Die Türen schwenkten auf und wir quetschten uns auf die Rückbank des alten Subaru. Im Inneren roch es etwas modrig, und die dunklen Flecken am Himmel des Fahrzeugdaches sahen verdächtig nach vertrocknetem Blut aus.
"Nach Minato . . .", wollte Hep gerade den Taxifahrer auf unser Reiseziel hinweisen, als eben dieser sich ruckartig umdrehte.

Ich weiß nicht, was mich in diesem Augenblick mehr verstörte: Die Tatsache, dass es nur wenige Menschen mit vier glühenden, roten Augen gab. Oder die Abwesenheit einer Nase im Gesicht des Mannes. Vielleicht auch die schrecklich langen Reißzähne, zwischen denen noch die Reste der letzten Passagiere hingen.

Nein, ich denken, die Tatsache, dass die Türen des Fahrzeugs krachend ins Schloss fielen und der Wagen mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit los raste. Denn das bedeutete, dass wir in dieser automobilen Todesfalle gefangen waren.

"Verdammte Scheisse!", schrie ich, was natürlich überhaupt nichts an der Situation änderte, aber mir irgendwie passend erschien.
Hep, die selbst für ein Gespenst unnatürlich bleich im Gesicht war, rüttelte Groucho an der Schulter. "Worauf wartest du? Wünsch uns hier heraus!"
Zu meiner Verwunderung kam er dieser Aufforderung auch sofort nach.
"Ich wünsche, dass wir sofort ins Hauptquartier versetzt werden!"
Schnell führte ich die entsprechenden Bewegungen aus - das heißt, ich fuchtelte wild in der Luft herum und stieß ein paar lateinische Phrasen hervor. Normalerweise genügt das.


Nichts passierte.


Der Marx-Brother schüttelte kurz die Dose, rieb daran, blickte mich schließlich verwundert an.
"Wie lange ist es eigentlich her, seit du zum letzten Mal deine Kräfte aufgeladen hast?"
Entsetzt starrte ich auf meine Behausung. Natürlich, der Kristall!
Ohne seine Kraft war ich machtlos, nicht mehr als ein Akku, der dringend ans Ladegerät angeschlossen werden müsste.

Hep stieß einen spitzen Schrei aus, ich riss den Kopf herum und sah durch die Frontscheibe eine Gruppe von Schülerinnen über die Straße laufen, alle in den typischen blau-weißen Matrosenuniformen.

Unser Taxi raste direkt auf sie zu!


+++ Anmerkung des (hervorragenden) Autors: Willkommen beim ersten echten Cliffhanger dieser Geschichte! Falls ihr bis jetzt Spaß daran hattet, freut's mich.
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