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Geister geben niemals Ruhe

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Parodie / P12 / Gen
27.07.2012
17.08.2013
14
14.460
 
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27.07.2012 1.213
 
Teil 2 - Frutti di Mare


Gischt spritzte mir ins Gesicht, als ich das Deck betrat. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, das Meer schwappte lustlos zwischen den Kontinenten hin und her. Über der Reling hing ein Mann mit aschfahlem Gesicht, der in regelmäßigen Abständen die Fische fütterte.
"Es gab Ramen zum Mittagsessen", erklärte mir Groucho und führte mich nach vorne zu einer Kabine, um dort durch die geschlossene Tür zu verschwinden.
Seufzend klopfte ich an das metallene Schott.
"Wer ist da?" kam die verstellte Stimme des Marx-Brothers.
"Das weißt du ganz genau. Mach die Tür auf!"
"Aber ich habe gar nichts an!"
Genervt verdrehte ich die Augen. "Ich habe jetzt wirklich keinen Sinn für deine Scherze."
Ungeduldig drückte ich die Klinke und musste eine halbe Sekunde später feststellen, dass die Tür gar nicht verschlossen war. Da exakt in diesem Moment das Schiff nach Backbord (links für Landratten) kippte, stürzte ich mit verdutztem Gesichtsausdruck in das Innere der Kabine, wo ich mich auf einem alten Teppich wiederfand, den ich mir mit einem Pferd teilte.
"Oh nein", sagte ich, als mein Blick an den langen braunen Beinen des Hengstes hinauf glitt, um hinter dem langen Schädel des Tieres seinen Reiter auszumachen.
Es war nicht George C. Scott, wie ich es erwartet hatte, sondern ein Mann im Outfit eines Cowboys. Eigentlich war es sogar DER Cowboy schlechthin, der auf mich herab grinste.
"Gringo, du musst dir einen festen Stand verschaffen, wenn du mit so einem Dampfboot unterwegs bist", meinte der Geist von John Wayne.

Langsam rappelte ich mich auf und erblickte auf der anderen Seite des Zimmers einen ehrfürchtig auf den Duke schauenden Japaner, der die Uniform eines Schiffsoffiziers trug und offensichtlich der Kapitän dieses Dampfers war.
Daneben saß Grouchos Geist und studierte die neuste Ausgabe der "Nikkei-Zeitung".
Er hielt sie verkehrt herum.

"Okay, wer, was, wo, wann, wie und warum ich?", fragte ich etwas ungeduldig.
"Die Gegenseite, die restlichen Nägel, Tokyo, am besten sofort und weil wir keinen dümmeren finden konnten", antwortete Groucho, ohne von der Zeitung aufzublicken.
"Es geht um die Freiheit", ergänzte der Duke in patriotischem Ton.
"Toll dass ihr so mit Informationen um euch werft", sagte ich. "Wie wäre es zur Abwechslung mal mit konkreten Plänen?"
"Dieses Schiff ist die Maru Maru", sagte Wayne und stieg aus dem Sattel. "Es hat direkten Kurs auf Nippon und wird dort in wenigen Stunden anlegen. Dort treffen wir unsere Kontaktperson, die uns zum Fort bringen wird - dem Hauptquartier." Er lehnte sich in einer typischen Pose an die Wand. "Dort wirst du erfahren, wie es weiter geht."

Leider sollte das Ganze nicht so einfach werden, denn noch in der nächsten Sekunde stieß etwas gegen das Schiff.

Die Erschütterung riss mich von den Beinen und die auftretende Schlagseite wirbelte mich quer durch die Kabine. Zum Glück stoppte ein Schrank meinen Sturz, bevor ich durch das jetzt in der Bordwand klaffende Loch geschleudert wurde.
Hinter mir hörte ich den Kapitän irgendetwas panisch auf Japanisch schreien, bevor er von einem Tentakel gepackt und in die Tiefe gerissen wurde.
"Halt dich fest, Amigo", riet mir Wayne, doch es war zu spät. Glitschige Arme mit Saugnäpfen schlossen sich um meine Knöchel und zerrten mich unter Wasser.

In wilder Panik schlug ich um mich, doch das bewirkte nur, dass ich meine letzten Luftreserven verbraucht hatte, bevor ich auch nur einen Meter unter der Oberfläche war.
Aus den Augenwinkel konnte ich einen riesigen Kraken erkennen, dessen Papageienschnabel gierig auf und zu schnappte. Die zerfetzte Mütze des Kapitäns trieb an mir vorbei und gab mir einen kleinen Hinweis auf das mir zugedachte Schicksal.

Dann erschien Groucho in einem altmodischen Helmtaucheranzug neben mir. Er hatte meine Dose in der einen und eine brennende Zigarre in der anderen Hand. Bevor ich mir über dieses physikalische Wunder Gedanken machen konnte, hörte ich seine Stimme in meinem Kopf.
"Ich wünsche mir ein Boot, das uns nach Tokyo bringt".

Wie von selbst vollführten meine Hände die benötigten Beschwörungsgesten und mit einem leisen "Plopp" verschwanden wir aus den düsteren Untiefen und saßen einen Augenblick später in einem kleinen Dinghi, dessen Segel sich im Wind blähte.
"Nicht gerade die Queen Mary, aber es schwimmt", meinte Groucho anerkennend, als er den Helm absetzte.
"Was zum Teufel war das?", fiel mir keine bessere Frage ein. Nervös blickte ich zurück zu der untergehenden Maru Maru, über deren zerstörten Rumpf sich unzählige Tentakel schlängelten. Die Besatzung war in die Boote gegangen und suchte so schnell wie möglich das Weite, was meiner Meinung nach die beste Entscheidung in dieser Situation war.
"Tja, das ist eines der Probleme, wegen denen wir hier sind", sagte der Marx-Brother und griff  kurz über Bord, um den vorbeitreibenden Plastikkorb mit Bobby dem Biber an Bord zu nehmen.
"Seit dem Ende des Riesenäffchens hat es keine Aktivitäten der Gegenseite mehr gegeben - bis vor einer Woche plötzlich die ersten Monster in Tokyo auftauchten. Zuerst hielt man sie für Promotion-Aktionen für den neuen Godzilla-Film . . ."

Die letzten Reste des Schiffes verschwanden gurgelnd im Ozean. Ich sah gerade die anderen Boote am Horizont verschwinden, als John Wayne auf seinem Pferd über das Wasser an uns vorbei geritten kam. "Wir sehen uns in Tokyo", grüßte er kurz, dann gab er dem Mustang die Sporen und war bald außer Sichtweite.

Wir waren allein auf dem Ozean. Und im Boden unseres Dinghis war ein Loch, durch das salziges Wasser eindrang.

"Hey, ist das da vorne ein Haifisch?", meinte Groucho und zeigte auf die charakteristische dreieckige Rückenflosse.
"Hoffentlich", brummte ich. "Dann brauche ich mir keine Gedanken mehr ums ertrinken zu machen"




ZWISCHENSPIEL NUMMER 1: KEIN SCHELM, DER BÖSES DABEI DENKT


Wut brannte in seinen Venen, Zorn kochte in allen Fasern seines Körpers. Seine roten Augen rollten bedrohlich in ihren tiefen Höhlen. Ein unermesslicher Hass baute sich in ihm auf, als er sein stinkendes Maul öffnete, um gottlose Verwünschungen auszustoßen.
"Schatz! Du hast schon wieder vergessen, Bier einzukaufen!"
"Ach, halt die Klappe, du alter Saufkopp", kam die prompte Antwort.
"Aber das Spiel fängt gleich an", empörte er sich.
"Dann musste dir halt selbst was kaufen gehn!"

Grummelnd erhob er sich aus seinem Sessel, schlurfte zur Tür. Die schwieligen Hände langten nach dem Schlüsselbund auf der wackeligen Kommode, als es klingelte.
"Das wird hoffentlich meine Pizza sein", brummte er.
Ungeduldig riss er die Tür auf und wollte sich gerade beschweren, dass der Lieferdienst schon wieder 'ne Viertelstunde zu spät gekommen war, als er merkte, dass wohl kaum ein Pizzabote ein zwei Meter langes Schwert bei sich trägt.

Das war dann auch sein letzter Gedanke auf dieser Welt, bevor ihn die Klinge sauber in zwei Hälften spaltete.

"Hey, wenn du zum Kiosk gehst, bringste mir Zigaretten mit?", drang eine meckernde Stimme aus der Küche.

"RAUCHEN IST UNGESUND", tönte die Antwort des Schwertträgers durch den Flur.


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ANMERKUNG DES AUTORS: Tauchen in der Schwangerschaft erhöht den Meersspiegel!
Ansonsten bin ich sehr froh über jedes Review! Vielen Dank!
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