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Feuer der Freiheit

von Luthien17
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
25.07.2012
30.04.2017
51
90.878
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25.07.2012 1.224
 
Roma    1500

„Signor Ferrerioni! Im Namen des Papstes, machen Sie die Tür auf!“
Es war eine tiefe, raue Stimme, die wütend nach meinem Vater rief. Jemand hämmerte gegen die aus Eichenholz gemachte Tür.
Bei jedem Hämmern zuckte mein Vater, der in der hinteren Ecke des Raumes im Schatten stand, heftig zusammen.
Er war ein älterer Mann, die kurzen schwarzen Haare hatten bereits graue Strähnen bekommen, und er trug ein Hemd aus Leinen sowie eine Lederhose.
Ja, er sah aus wie ein reicher Mann, was er durchaus war, aber das änderte nichts an seiner Angst, die ihm ins Gesicht geschrieben war.
Meine Mutter stand mit meiner kleinen Schwester hinter einer Säule und weinte hemmungslos.
Weinen hilft Vater auch nicht!, dachte ich verärgert.
Meine Mutter war eigentlich eine starke Frau, ließ sich von meinem Vater nie unterkriegen und war immer diejenige, an die man sich wandte wenn mein Vater außer Haus war.
Aber in dieser Situation war sie überfordert, sie war überfordert, wenn es darum ging, dass es die Wachen des ganzen Viertels darauf abgesehen hatten, meinen Vater zu töten.
Und mein Problem war, dass ich es verschuldet hatte.
Ich hätte vor zwei Tagen nicht einfach durch die Straßen dieses Borgia Viertels laufen sollen.
Das war ja der Grund, weshalb mich die Wachen angegriffen hatten, und das war der Grund, warum mein Vater, der mir zur Hilfe geeilt war, eine von ihnen umgebracht hatte.
Nicht, das ich mich nicht selbst hätte verteidigen können. Aber meine Mutter sagte immer, es gehört sich nicht für ein Mädchen aus Roma, eine Waffe mit sich rum zu tragen.
Ich hatte ihr schon immer gesagt, dass einem von uns das früher oder später zum Verhängnis wird, aber sie wollte nicht auf mich hören.
Meinen Vater hatte ich überreden können, mir das Kämpfen beizubringen.
Und so hatte sich unser Keller über die Jahre in ein Waffenarsenal verwandelt. Wenn ich Zuhause war, legte ich meinen Dolch nie beiseite, mein Vater hieß das immer gut.
Und irgendetwas sagte mir, dass ich es jetzt in die Hand nehmen musste. Ich musste mich jetzt den Wachen stellen, und auf das Einzige hoffen, worauf ich hoffen konnte.
Heute Mittag war Niccolò Machiavelli, ein Geschäftspartner meines Vaters bei uns gewesen und hatte sich unsere Situation genau angehört. Er war nicht der freundlichste Mann, den ich je getroffen hatte, aber er war höflich und hilfsbereit, auf seine schräge Art und Weise.
Er hatte uns gesagt, er würde wissen, wenn Leute vor unserer Tür stehen würden und fordern, dass wir aufmachen. Und er hatte versprochen, dass wenn dies der Fall sein sollte, würde er Hilfe schicken.
Also war es wohl meine Aufgabe, die Wachen möglichst lange hinzuhalten.
Ich machte mit meiner Hand eine Bewegung, die meiner Familie bedeuten sollte, sich zu verstecken.
Mein Vater starrte mich mit seinen grünen Augen an.
„Auf keinen Fall!“, zischte er.
Wieder ertönte die Stimme von draußen.
„Wenn Ihr nicht die Tür aufmacht, Signore, dann müssen wir sie wohl gewaltsam öffnen!“
Ich wiederholte das Zeichen an meine Familie.
„Ich weiß, was ich tue!“, flüsterte ich und wartete, bis sie sich im Keller versteckt hielten.
Dann atmete ich tief durch, glättete meine Bluse und öffnete langsam die Tür.
Ich befahl mir, meinem Gesicht nichts ansehen zu lassen.
Vor mir standen fünf Wachen, vier von ihnen trugen eine rot-schwarze Rüstung und einen Eisenhelm. Keiner von ihnen verzog eine Miene.
Der fünfte Mann, der Mann der die ganze Zeit den Versuch unternommen hatte, unsere Tür einzuschlagen, trug eine schwarze Lederrüstung und einen langen, roten Umhang, der seinen hohen Stand in diesem Viertel verdeutlichte.
Er trug keinen Helm und entblößte so seine langen, rotbraunen Haare die sich ordentlich gekämmt um seine Schultern schmiegten.
Als er mich sah, verzog er seinen Mund zu einem Lächeln und seine weißen Zähne blitzten mir entgegen.
„Soso, der Signore traut sich nicht, mir selbst die Stirn zu bieten und schickt seine Sklavin vor!“
„Seine Tochter!“, korrigierte ich ihn scharf.
Ein Ausdruck der Verwunderung huschte über sein Gesicht.
„Nun denn, dann eben seine Tochter. Wie lautet Euer Name, mein Kind?“
Ich starrte ihm wütend ins Gesicht.
„Mein Name ist Alessia Diana Ferrerioni!“, sagte ich leise.
„Mich nennt man Accursio Vanzetti!“, erklärte er mir.
Ich zog die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Also, Signore Vanzetti, wie kann ich euch dienen?“
Vanzetti sah mich noch eine Weile lang verdattert an als ob er es nicht erwartet hätte, dass ich danach fragen würde. Offensichtlich ging er davon aus, dass ich es bereits wusste.
„Cesare Borgia hat mich mit einem Haftbefehl zu Eurem Vater geschickt!“
Ich hielt seinem intensiven Blick stand.
„Wie lautet die Anschuldigung?“
Vanzetti hob die Hände, sein Gesicht verzerrte sich zu einer Zornesmaske.
„Wie die Anschuldigung lautet?“, wiederholte er und seine Stimme schnellte eine Oktave in die Höhe, „Ihr wart dabei, Mädchen! Er hat eine Wache dieser Stadt getötet, und das betrachtet der Papst sowie sein Sohn Cesare als Rebellion.“
Ich sah ihm nach wie vor in die Augen.
„Die Wachen hatten kein Recht mich anzugreifen, aber darum geht es ja nicht, ich hab verstanden. Die Frage ist nur: Was wollen sie noch hier?“
Das wurde ihm zu viel.
Er packte mein Handgelenk.
„Ich will euren Vater!“, schrie er mir ins Gesicht. Ich machte mich los und schlug seine Hand weg.
„Er ist aber nicht da!“, sagte ich langsam und deutlich, und versuchte, den Mann für dumm zu verkaufen.
Dieser atmete tief durch.
„Er ist also nicht da? Wieso hat es dann solange gedauert, bis Ihr mir die Tür geöffnet habt?“
Ich grinste leicht.
„Weil ich Euch nicht gehört habe, werter Herr!“
Natürlich war das die schlechteste Ausrede, die man in einer solchen Situation bringen konnte, aber das war mein Ziel.
Vanzetti holte aus und schlug mit der flachen Hand in mein grinsendes Gesicht, im gleichen Zeitpunkt hörte ich das Rauschen eines Umhangs, das mit Sicherheit nicht der Vanzettis war, und an der Mauer hinter Vanzetti sah ich einen Schatten von unserem Dach runter auf Vanzetti springen.
Ehe ich mich versah spritzte das Blut auf meine Kleidung, eine Klinge hatte Vanzettis Brust durchbohrt.
Dieser riss die Augen auf und ging zu Boden, die Klinge wurde aus seiner Brust gezogen und der Mann, der vom Dach gesprungen war, beugte sich über ihn.
Er trug eine weiße Rüstung, aber diese war anders als die der Wachen. Sie kam mir bekannt vor und doch hatte ich sie noch nie gesehen.
Mein erster Gedanke war jedoch, warum der Mann nicht mehr angegriffen wurde, immerhin hat Vanzetti vier Leibwachen. Oder hatte.
Aber als ich mich nach diesen umsah rannten sie bereits die Straße runter, flohen vor dem Mann, der jetzt Vanzetti in die Augen starrte.
„Ihr mischt euch in Angelegenheiten ein, die Euch nichts angehen, Assassino!“, röchelte Vanzetti und spuckte dem Mann ins Gesicht.
„Sie betreffen Rom!“, antwortete der Mann, „sie betreffen die Gerechtigkeit!“
Aber letzteres schien Vanzetti nicht mehr mitbekommen zu haben. Blut lief ihm aus dem Mund und seine Augen starrten blicklos in den Himmel.
Der Mann schloss die Augen von Vanzetti und murmelte: „Requiescat in Pace!“
Dann stand er auf und drehte sich kurz um.
Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, eine Kapuze tauchte es in tiefe Schatten. Dann nahm er Anlauf und floh über unsere Hauswand.
Ich wusste, man würde mich nicht wegen Mordes beschuldigen. Denn jeder, der hierherkommen würde, wird wissen, dass es ein Assassine war, der Vanzetti umgebracht hatte.
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