Under My Skin

von chrissy76
GeschichteRomanze, Sci-Fi / P18 Slash
James T. Kirk Spock
24.07.2012
07.07.2013
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Faszinierend.

Die Wahrscheinlichkeit stand unter 32,67 %, dass gerade dieses Pairing mich packen würde.

Nie im Leben wäre ich da draufgekommen, und hätte ich nicht schon so viele Geschichten von unserer xxx-wow-xxx gelesen, die mich mitgerissen haben, hätte ich Spock und Kirk auch nicht so einen großen Vertrauensvorschuss entgegengebracht, hätte ich gar nicht zu lesen begonnen. Und ist nicht der beste Beweis für die Qualität einer Geschichte der, dass sie jemanden dazu verleitet, selber zur Feder/zum Laptop zu greifen und die Gedanken fließen zu lassen?

So ist mir xxx nicht nur eine liebe Freundin, sondern seit Neuestem auch eine Inspirationsquelle geworden*gg*, der ich viele schöne Stunden mit mir und Spirk verdanke. Und da ich denke, dass du, meine Liebe, im Moment doch deine Gedanken nicht beim Schreiben hast, hoffe ich, dass du vielleicht ein wenig Lesestoff für zwischendurch ganz gut brauchen kannst, und möchte mich mit dieser Geschichte bei dir revanchieren.

Ganz herzlich möchte ich mich  bei unserem Trekkie Silvana bedanken, die sich viel Zeit genommen hat, und deren fachkundige Kommentare einfach wirklich sehr hilfreich sind. Und die auch manchen Polster in ein Kissen verwandeln musste. :-)

Auch für meine Geschichte ist der Film 2009  mit Chris Pine und Zachary Quinto Voraussetzung, da ein Großteil der Handlung des ersten Teiles auch auf die Ereignisse im Film Bezug nehmen wird. Vielleicht ist das erste Kapitel ein wenig dunkel; das ist dem tragischen Anknüpfungspunkt geschuldet und bleibt nicht so.

Und nun – freue ich mich, wenn mich jemand begleitet auf der Reise in ferne Galaxien!

\\//     Live long and prosper!

Chrissy



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TEIL 1



1.



Natürlich hatte er es gefühlt.



Er fühlte es, und er fühlte es nicht. Er fühlte es nicht, weil die Emotionen von Ärger, Verzweiflung und blinder Wut jede seiner sonst so ungeheuer vielfältigen Wahrnehmungen überlagerten, aber er konnte es auch deshalb nicht finden, weder in sich selber noch im Außen, nicht auf seiner Haut, nicht unter ihr, nicht auf der des anderen, weil es so außerhalb seines Erwartungsspektrums war. Völlig unlogisch. Und in keiner Weise akzeptabel.

Und dennoch war es da, undeutlich und verzerrt, weggedrängt, verloren.

Die Hand, die sich fest und erbarmungslos um den Hals des anderen geschlossen hatte, zudrückte, würgte, spürte natürlich die andere, fremde, die sich quer über sie gelegt hatte, um zusammen mit der zweiten die seine verzweifelt und mit aller Kraft, aber dennoch völlig ohne Aggressionen, wegzuschieben, um den Druck wenigstens ein kleines bisschen abzuschwächen, Luft durch die Kehle in die Lungen zu bekommen, zu überleben, und spürte sie dennoch gleichzeitig nicht. Und doch war sie da, die fremde Hand des anderen, des Widersachers, dessen, der es gewagt hatte, ihn herauszufordern, ihm Dinge ins Gesicht zu schleudern, die ihn handeln ließen ohne nachzudenken, unbeherrscht, und der Hautkontakt mit all diesen widersprüchlichen Informationen setzte sich tief im Inneren des siedenden Vulkaniers in dessen fotografischem Gedächtnis ab, er würde jede noch so kleine Regung für immer gespeichert haben in seinem Gehirn, wenngleich es ihm in diesem Moment alles andere als bewusst war.

Doch er würde diese Erinnerungen wieder hervorholen können.

Jede einzelne von ihnen.

Zu gegebener Zeit.





Die Finger des anderen brannten auf seiner Haut, als würden sie Wundmale hinterlassen, er spürte nichts. Er fühlte eine Leere in sich, die ihn handeln ließ, als wäre er ferngesteuert, als wäre er selber nur eine hohle Puppe ohne Leben, bereit zu töten, mitgerissen von seiner eigenen wuttobenden Kraft.

Er sollte wissen, dass Vulkanier drei Mal stärker waren als Menschen, dass der Kadett Jim Kirk, den er in diesem Moment hasste wie noch nie jemanden zuvor in seinem Leben – er hasste nicht, nichts und niemanden, keine Kreatur, uns sei sie noch so ekelerregend und verbrecherisch, er hatte bisher keinerlei Erfahrung mit der menschlichen Emotion „Hass“ erleben können – dass dieser ihm gegenüber keine Chance hatte, dass es nicht logisch war, sich weiter in dessen Hals hineinzuschrauben, weil es seine Mutter nicht mehr zurückbrachte, weil es keinen Sinn hatte, wenn der junge Mann starb, oder wenn er selber dafür seine Karriere aufgab, sein ganzes weiteres Leben, weil er das eines anderen genommen hatte.



Wie oft war er in seinem Leben bereits herausgefordert worden, hatte gelernt, seine Emotionen zu zügeln, hatte schwerer  daran gearbeitet als jeder andere, hatte gebrannt und das Feuer tief in sich vergraben, klein gehalten, in Glut gewandelt, nach außen hin schwarz und unsichtbar; Feuer dennoch, und nie Asche.

Der grüne Schleier, der sich über seine Augen gelegt hatte, weil selbst in seinen Augäpfeln die blutgrünen Adern das Weiße beinahe überlagerten, ließ ihn nur unscharf seine Umgebung erkennen, die Schlagader an seinem Hals pulsierte und erzeugte auf seiner blassen Haut eine zartgrüne Linie. Er war ein einziges Fühlen, nicht mehr Denken, und die Logik und der kühle Verstand, die doch sein Lebensideal bildeten, waren unter dem Nebel verschwunden.



Nur ganz am Rand drangen Töne durch das dichte, stetige, laute Klopfen in seinen Ohren.

Ein Keuchen. Ein Würgen.

Kirk.

Atemlose, hörbare, zum Zerreißen dröhnende Stille.

Eingezogener, angehaltener Atem der Menschen, die ihn umringten.

Und dann undeutlich, wie weit entfernt, eine Stimme:

„Spock.“



Sie erreichte ihn nicht, zu weit weg,  war es sein Name, er wusste es nicht, er spürte nur den Druck seiner Hand in mittlerweile rote, heiße Haut, heftige kurze Bewegungen unter seiner Hand, Stöhnen.

Nebel.

Das Zucken unter seiner Hand verstärkte sich.



„Spock.“

Der Nachhall der Stimme versuchte, sich zwischen seine Empfindungen zu drängen.

Etwas unter ihm krümmte sich. Er achtete nicht darauf, es war lästig wie eine Motte. Was war es? Was – keuchte da? Wer – sprach da?



Nur langsam begann die Stimme, etwas in ihm zu erreichen.

Er sollte sie doch kennen, sie war entfernt, und doch vertraut.

Jemand sprach.

Jemand sagte etwas, was war es – war es --sein Name? Wer ----?



„Spock.“





Mit Entsetzen kam er zu sich.

Er erkannte, wem die Stimme gehörte: seinem Vater, Sarek, dem unnahbaren und strengen, aber weisen Lehrer, der ihn immer angehalten hatte, seine Emotionen zu kontrollieren, der, wenngleich er es auch nie gezeigt hatte, immer so stolz auf ihn, seinen Sohn gewesen war, dass dieser, unbeachtet seiner menschlichen Mutter, dennoch alle Fähigkeiten seines vulkanischen Erbes vorbildlich zu nützen verstand.

Sarek.

Vulkan. Nero.

Die Enterprise. Und er war der amtierende Captain.

Oh Gott.





Er sah seine Hand, die immer noch den Hals von Jim Kirk umschlossen hielt, lockerer jetzt, und dabei, sich zu lösen, wie in Zeitlupe, und da fühlte er es, in dem Moment, als er zögernd losließ, fühlte ihn, Jim, und dessen Hände auf seinem Armgelenk,  und Jim wand sich unter ihm, hustete, seine beiden Hände immer noch auf Spocks Hand, auf Spocks Haut, viel zu lange, fast als ob er seinerseits nun Spock festhalten wollte, sich an Spock festhalten wollte, ihn einfach nicht loslassen konnte, ihm etwas signalisieren wollte, bevor er sie endlich schützend über seine eigene Kehle legte, weil Spock mit einem heftigen Ruck endlich losgelassen hatte.

Und ihn für einen Bruchteil einer Sekunde nur noch mit seinen Augen festhielt.

Die Augen des anderen nur ganz weit entfernt wahrnehmend, wie sie sich zuerst erleichtert schlossen, dann aber die seinen suchten.

Fragend. Schuldbewusst.

Um Entschuldigung bittend.



Um Entschuldigung bittend? Nicht anklagend?

Was war das? Er konnte nicht denken.

Und doch wusste er, dass diese Augen ihn nicht betrogen, denn er hatte unter die Haut des anderen hineingespürt. Hatte dabei für den Bruchteil einer Sekunde, und nur für diesen kürzesten Moment,  in ein Universum hineingeblickt, verschwommen, aber weit, und warm, und tief, als ginge in seinem Geist ein Trichter auf mit unbegrenztem Radius, und der nahtlose Übergang vom tötenwollenden Tunnelblick in diese grenzenlose Erfahrung war mehr, als er aushalten konnte, und er fiel wieder in sein persönliches schwarzes Loch.



Die Stimme seines Vaters im Ohr wandte er sich weg von Kirk, weg von den Menschen, die ihn für eine kurze Weile „Captain“ genannt hatten, der stellvertretende Captain Spock von der Enterprise, in Vertretung von Captain Pike, der Gefangener des Verbrechers Nero war.



Nero.

Die Enterprise.

Vulkan. Das zerstörte Vulkan, die vielen Leben, die es gekostet hatte. Der Tod seiner Mutter, die um Haaresbreite nicht mit auf das sichere Schiff hatte gebeamt werden können. Die er hatte loslassen müssen, in den Tod fallen lassen müssen, er, Schuld, zu schwach, zu langsam, er hätte nur ein klein wenig schneller – fester –

Die Schwärze in seinem Inneren gewann an Intensität, die Trauer erdrückte ihn, drückte auf seine Blutbahnen, schnitt ihm die Luft ab, ließ keine Energie in seine Eingeweide fließen, in seine Gliedmaßen, doch sein Denken wurde wieder klar.



Natürlich hatte er sie geliebt.

Natürlich hatte Spock seine menschliche Mutter Amanda, die Frau Sareks, des Vulkaniers, geliebt. Mehr als alles, was er je gekannt hatte. Tief, und stark, und ohne es nach außen zu zeigen. Sie war sein Halt gewesen, sein Anker, seine Verbindung zu seinem Inneren.

Was fiel diesem jungen Kadetten ein? Ihm zu sagen, dass er niemals Gefühle für seine Mutter gehabt hätte? Für sie, die alleine ihn jemals ganz verstanden hatte? Die einzige, der er als Kind hatte blind vertrauen können, die ihn nicht und niemals ausgelacht hatte, seine Gefühle nicht nur ernst genommen, sondern auch geschätzt hatte, geliebt, seine menschliches Seite verstanden hatte, so dass der Halbvulkanier Spock wusste, was Liebe, was Mutterliebe war? Wer er – selber – war? Seine Mutter, die ihn geliebt und ihm gezeigt hatte, wie Liebe sich anfühlen konnte,  viel mehr als sein Vater, dem er doch auch vertrauen hatte können, doch der – ganz und gar der vulkanischen Tradition verhaftet, ihm immer wertschätzend, dennoch aber immer mit kühler Logik, begegnet war.





Sein Vater.

Sarek.

Oh Gott, wo war er? Was tat er hier? Was – wer – war das, unter ihm???

Er richtete sich auf, blickte um sich,  blickte auf den Kadetten Kirk, schaute auf seine Hände, als würden sie nicht zu ihm gehören, bemerkte erst jetzt klar und deutlich und nicht mehr durch den grünen Nebel, dass nicht nur er Kirks Hals gehalten, sondern auch  dass Kirk Spocks Hand mit der seinen umfasst hatte, sah in die Augen seines Vaters.

Tief atmete er ein,  bevor er den Satz sagte, der das Bekenntnis beinhaltete, das alle Vulkanier am meisten fürchteten, das sie am meisten herabwürdigte, das sie am unbarmherzigsten erniedrigte und bloßstellte:

„Ich gebe mein Kommando als stellvertretender Captain der Enterprise ab. Ich bin durch die Vorgänge auf Vulkan emotional kompromittiert und aus diesem Grund nicht fähig, das Schiff und die Crew zu befehligen.“





Drehte sich um und verließ die Brücke.





--------------



„Spock.“

„Vater.“

„Ich muss nichts erklären?“

„Nein, Vater.“

„Selbstverständlich weißt du…..?“

„Affirmativ, Vater.“



Er war geflohen, aber Sarek hatte ihn gefunden.

Im Transporterraum. Dort, wo er seine Mutter verloren hatte. An dem Ort, an dem etwas in ihm völlig irrational darauf wartete, dass diese sich hier und jetzt, eben ein wenig verspätet, materialisierte.

Aber sie war tot, unwiederbringlich verloren, in dem schwarzen Loch, das Vulkan jetzt war, gestorben mit Abertausenden von Vulkaniern. Und er hatte sie nicht retten können. Der kurze Moment, in dem er ihre Hand losgelassen hatte, hatte ihren Tod bedeutet.





Nach einem kurzen Gespräch hatte Sarek seinen immer noch völlig paralysierten Sohn in seine  Privaträume mitgenommen, die ihm auf der Enterprise nach der Zerstörung ihres Heimatplaneten und nach der Bergung der wenigen Überlebenden, die nun zur Bewahrung der vulkanischen Kultur bestimmt waren, zugeteilt worden waren, und hatte ihn, der so völlig willenlos war, auf einen Stuhl gesetzt. Er musste eingreifen, er musste seinen Sohn unterstützen, dieser Sohn, auf den er so stolz war, wenngleich er ihm dies auch über die Jahre immer viel zu wenig hatte spüren lassen, und der – halb Mensch, halb Vulkanier -  ein schweres Erbe zu tragen hatte. Und daran – hatte auch Sarek Anteil.  Und zum ersten Mal in seinem Leben nahm Spock die Hilfe seines Vaters an, um seine Gedanken zu ordnen. Und um aus seiner Schockstarre zu erwachen.

„Ich habe mich davontragen lassen, von Emotionen, Vater. Ich muss gestehen, dass ich Zorn verspüre. Ungeahnten Zorn, den ich nicht kontrollieren kann. Ich verspüre Zorn auf den Mörder meiner Mutter. Ich bringe Schande über dich.“

Spock schaute auf den Boden, fand keine Antwort dort, kein Verstehen, keine Entschuldigung.

„Es gibt keine Entschuldigung für mich, Vater, ich weiß es. Es --- tut mir ----- Leid……“



Vulkanier weinten nicht. Sie weinten nie, nicht einmal, wenn sie es waren, die die Mutter an der Hand gehalten hatten und sie ihnen entglitten war in den Tod. Sie kannten Trauer, ja, aber sie zeigten sie nicht.

Sie weinten nicht als Erwachsene, sie weinten nicht als Kinder. Selbst Kleinkinder wurden frühzeitig erzogen, unauffällig zu trauern, den Zorn still zu halten, Begierden zu unterdrücken und sie lediglich auszusprechen, in logische Worte zu kleiden, sobald sie dazu fähig waren.

Spock war immer ein wenig anders gewesen als die anderen Kinder, wissbegieriger, aber auch emotionaler. Aber er hatte gelernt, hart, und schwerer als die anderen. Hatte gelacht und geweint bei den Geschichten, die seine Mutter ihm vorgelesen hatte, hatte sich an sie geschmiegt, wenn sie ihm ein Lied aus ihrer Heimat vorgesungen hatte, hatte sich in ihre Berührungen gelehnt, ihre Hand geküsst, wenn sie ihn an sich gedrückt gehalten hatte und durch seinen schwarzen Haarschopf gefahren war.



Sarek wusste in diesem Moment genau, woran sein Sohn dachte. Nicht umsonst waren Vulkanier Telepathen, vor allem aber Kontakt-Telepathen, die über die Berührung der Haut eines anderen unzählige Emotionen und Gedanken ablesen konnten. Es war leichter, die Emotionen eines anderen über den Hautkontakt zu fühlen, als sie zu beschreiben, weshalb es durchaus üblich war, wenn man sich sehr vertraut war, den anderen anzufassen, um nichts erzählen zu müssen, und dennoch dabei zu erfahren, wie es dem anderen ging.



Doch Sarek musste seinen Sohn nicht berühren, um zu wissen, was ihn ihm vorging. Spocks Emotionen glühten immer noch laut und vernehmlich unter seiner mittlerweile beherrschten Oberfläche, und man musste kein Telepath sein um sich denken zu können, was gerade in dem jungen, aufrechten Mann vorging.

„Du musst dich nicht entschuldigen.“



Erstaunt sah Spock vom Boden auf, direkt in das Gesicht seines Vaters, und versuchte zu verstehen, was dieser gerade gesagt hatte.

„Was-------? Spezifiziere bitte ……“

„Du musst dich nicht entschuldigen, mein Sohn. Bei dem Kadetten, Jim Kirk – weil du ihn beinahe umgebracht hättest, ja. Aber nicht dafür, dass du Zorn empfindest.“

„Doch, Vater. Denn der Zorn in mir bebt, so dass ich nicht klar denken kann. Ich kann ihn nicht beherrschen.“

„Ich sehe doch, dass du es kannst, Spock. So, wie du hier vor mir stehst.“

„Ich hätte Kirk fast umgebracht.“

„Aber du hast es nicht, Spock.“

„Er hat mein Handgelenk gehalten.“



Ja. Zusätzlich zu all dem Irrsinn, der sich in ihm abspielte, war auch dieser Vorfall erschütternd. Und peinlich. Und verwirrend.

„Natürlich, Spock. Er musste. Er brauchte Luft. Zum Atmen.“ Ein Zucken ließ die Mundwinkel Sareks leicht nach oben gehen. „Das war in diesem speziellen Fall nicht kompromittierend, sondern logisch.“

Spock atmete durch. „Das ist richtig.“ Seine Schultern entspannten sich ein wenig. „Es gibt wohl Ausnahmesituationen.“

„In der Tat. Unlogisch erscheint in diesem Zusammenhang nur, dass du es als erwähnenswert erachtest.“

Spock schwieg.

Die Fülle der völlig unterschiedlichen Eindrücke verstörte ihn nach wie vor. Und als Vulkanier war er es einfach nicht gewohnt, verstört zu sein. Sicher, er kannte das Gefühl, aus seiner Kindheit, gut genug, er kannte alle Gefühle, hatte seine menschliche Hälfte als Kind nur zu gut kennengelernt, dennoch – er hatte sich entschieden, als Vulkanier zu leben. Und nun – gab es eine Situation, mit der er nicht gelassen genug umgehen konnte.

Sein menschlicher Anteil holte ihn ein und verlangte sein Recht, meinte, man könne ihm nicht alles zumuten, und es gäbe ein Zuviel.



„Denke daran, du solltest nicht alles, was du mit Menschen erlebst, den strengen Richtlinien der vulkanischen Kultur unterwerfen, Spock. Manches muss man – individuell behandeln.“

„Das sagst du mir? Vater?“

„Sei nicht zu streng mit dir, Spock. Und mit den Menschen. Auch wenn man dich anderes gelehrt hat. Kadett Kirk zum Beispiel weiß nicht, was unsere Hände für uns bedeuten. Und wie empfindsam sie sind, was sie fühlen können. Und dass es für uns – ein sehr spezielles Erlebnis ist, wenn man sie berührt.“ Wenn man sie länger als nötig berührt.

„Vermutlich hast du Recht, Vater, und er weiß es nicht. Und auch die anderen haben davon keine Kenntnis.“

Etwas in ihm begann, sich zu beruhigen, ein klein wenig aufzuatmen. Doch die Erleichterung schlug nach den nächsten Worten Sareks schnell in eine neuerliche Anspannung um.

„Siehst du, zumindest das relativiert sich schnell, dass Kirk deine Hände umfasst hat. Aber glaube nicht, dass ich deinen Zorn nicht verstehen kann. Denn sei dir sicher, ich fühle Ähnliches.“

„Du?“ Sein Erstaunen konnte Spock nicht verbergen.

„Ja ich. Ist das so unwahrscheinlich für dich?“

„Ich habe dich immer als sehr selbstbeherrschten Mann gesehen, der mit Gefühlen wenig anfangen konnte.“

Sarek warf einen traurigen Blick auf seinen Sohn.

„Und weshalb, denkst du, habe ich deine Mutter geheiratet? Hast du vergessen, was ich dir vorhin gesagt habe?“

„Weil es – für dich als Botschafter – eine logische Entscheidung war? Die fremde Kultur kennenzulernen? So hast du es mir früher gesagt, und ich hatte nie Grund, an deiner Erklärung zu zweifeln. Bis jetzt.“

„Das habe ich dir gesagt, Spock. Und es ist die Wahrheit. Aber eben nicht die ganze.“

Abwartend hielt Spock den Atem an. Es war offensichtlich, dass Sarek seiner Erklärung von vorhin noch etwas hinzufügen wollte.

„Es war der logische Grund, Spock, Amanda zu ehelichen. Dennoch gab es für mich noch einen weiteren.“ Er machte eine Pause. „Ich habe deine Mutter geliebt, Spock. Ich habe – sehr gegen unsere vulkanische Tradition – aus Liebe geheiratet. Du, Spock, bist ein Kind einer Liebesbeziehung, die schöner war, als ich mir jemals zuvor hätte vorstellen können.“



Eine simple Tatsache unter den Menschen und anderen Humanoiden, einander aus Liebe - aus sexuellem Verlangen – zu ehelichen, eine gemeinsame Wohnsituation zu schaffen, Nachwuchs zu zeugen, damit die Art nicht ausstarb, so etwas war unter den sich immer ein wenig überlegen fühlenden Vulkaniern ganz anders geartet. Nachwuchs zeugte man zu einer Zeit, die man Pon Farr nannte und die alle sieben Jahre stattfand, und das mit einem Partner, mit dem man viele gemeinsame Interessen teilte, weil so etwas das Leben einfacher und weniger anstrengend machte.

Gemeinsame Interessen waren gut, und mit der Methode der Gedankenverschmelzung fand man relativ leicht heraus, was zusammen passte und was nicht. Man tauchte in den Kopf des anderen ein, fand ähnliche Gedankenmuster, die zusammenpassten, und entschied sich dann, ein gemeinsames Leben aufzubauen.

Lust? Spiel? Keine für Vulkanier üblichen Begriffe, die eine sexuelle Verbindung kennzeichneten oder rechtfertigten. Zu viel war in der alten Zeit geschehen, zu viele Leben ausgerottet worden genau wegen dieser Emotionen wie Liebe und Begehren, weil diese immer auch Hass, Neid und Eifersucht mit sich gebracht hatten und damit Tod und Zerstörung.  Und die Vulkanier, telepathisch und feinsinnig wie sie waren, waren in ihrer Gefühlstiefe um so vieles mehr zu verwunden, so dass die Auswirkungen immer noch schlimmer waren als bei den Menschen.

Auf diese Weise hatten sie über die Jahrtausende gelernt, die tiefen Emotionen zu zügeln, zu beherrschen, so lange, bis sie beinahe nicht mehr wahrnehmbar waren, unter der Oberfläche verschwunden waren, und es als nicht gesellschaftsfähig galt, überhaupt welche zu haben.

Aus „Liebe“ zu heiraten, war abwegig, nicht logisch, überflüssig, und daher etwas, das es zu ächten galt.

So hatte auch Sarek nie zu seinem Sohn über die tiefe Liebe gesprochen, die er zu Amanda verspürt hatte. Und sein Geständnis war für Spock eine Neuigkeit, ein Bekenntnis seines Vaters zur Unangepasstheit, beinahe eine Beichte, die nachträglich so vieles in seinem eigenen Leben in einem anderen Licht erscheinen ließ.

Dass es die fröhliche, stets lächelnde liebenswerte Menschenfrau geschafft hatte, das Herz des Vulkaniers zu erobern, war Sareks bestgehütetes Geheimnis gewesen und hatte außer Amanda nie jemand zu hören bekommen. Nicht einmal Spock.

Der von diesem Bekenntnis bewegt vor seinem Vater stand und in die äußerst menschliche Emotion der Ungläubigkeit fiel, die nicht logisch erschien, weil sie nicht nötig war, da Vulkanier einfach nicht logen.

Aber manchmal eben nicht die ganze Wahrheit offenlegten.



„Du sagst, du hast – Mutter --- geliebt? Aus – Liebe – geheiratet?“

Spock schluckte.

„Ja, mein Sohn.“ Sarek streckte seine Hand aus, trat einen Schritt näher zu seinem Sohn. „Auch wenn es in unserer Kultur als nicht angemessen gilt. Auch wenn ich es verbergen musste. Ich sage es dir gerne noch einmal, auch wenn es überflüssig erscheint. Aber vielleicht sind Worte in diesem Fall nicht genug.“



„Was machst du da?“

Auch wenn Spock wusste, worauf sein Vater hinauswollte, konnte er nicht glauben, was dieser ihm anbot. Zu persönliche Gespräche hatten sie nie geführt. Es hatte immer so geschienen, als ob es für beide Seiten peinlich gewesen wäre. Unnötig.

„Komm. Ich will, dass du es weißt. Dass du es verstehst. Vielleicht kann es dir helfen.“



Zögernd folgte Spock der Aufforderung seines Vaters.  Er trat nahe an ihn heran, Sarek nahm drei seiner Finger und führte sie mit leichtem Druck an das Gesicht seines Sohnes.

„Du musst das nicht tun, Vater. Es ist für dich etwas sehr - Intimes.“

„Ich will, dass mein Sohn weiß, wer sein Vater ist. Du kanntest deine Mutter. Nun lerne auch mich kennen und das, was ich dir verschweigen musste. Wir sind nicht mehr viele, wir sollten offen zueinander sein. Vielleicht ist das Verbergen unserer wahren Natur gar nicht immer so eine erfolgversprechende Angelegenheit.“

Und dann sprach Sarek die alte Formel, während seine Fingerspitzen die Psi-Punkte im Gesichte seines Sohnes berührten:  „Mein Geist zu deinem Geist. Meine Gedanken zu deinen Gedanken.“



Spock schloss die Augen.

Ein Blitz fuhr durch seinen Kopf, es wurde hell, Licht wirbelte, als ob es sich um jede Gehirnzelle winden würde.

Muster tauchten auf, helle regelmäßige Muster in verschiedenen Grautönen, die sich zu farbigen Bildern verdichteten. Er nahm Grenzen wahr, die er nicht würde überschreiten dürfen, und doch spürte er, mit welcher Überzeugung Sarek ihm etwas Wichtiges zu vermitteln suchte, das Worte nicht genügend beschreiben konnten.

Und mit Bestimmtheit und Klarheit sah er Eindrücke aus Sareks Vergangenheit, sah er seine Mutter, jung, auf einer Wiese, in einem leichten Sommerkleid, und seinen Vater daneben, seine Mutter lachend, sie führte Sarek an der Hand, hüpfte mit ihm durchs Gras, und Sarek – bewegte sich langsam, lächelte erst leicht, dann mehr, und zum Schluss rannte er mit Amanda an der Hand laut lachend durch die Lichtung, auf einen Wald zu, drückte Amanda gegen einen Baumstamm und küsste sie.

Die Bilder verebbten, und neue stiegen auf. Amanda in einem Ballkleid, um sie herum viele Verehrer, doch sie hatte nur Augen für Sarek, und Sarek war – stolz, glücklich, genoss den Neid der anderen, bewunderte seine kluge Frau, tanzte und bewegte sich mit ihr zum Rhythmus einer Musik, die ihn anregte mitzusummen.  Amanda, wie sie ihren Mann streichelte und ihm die Schultern massierte, wenn er abends oftmals müde nach Hause kam und es ihm gelang, sich bei ihren Zärtlichkeiten zu entspannen. Amanda an Sareks Krankenbett, weinend, weil er schwer verletzt von einem Einsatz zurückgekommen war, und Sarek hob sich halb vom Krankenlager und küsse jede einzelne Träne aus ihrem Gesicht. Wieder verblichen die Bilder, wurden von Emotionen abgelöst, immer stärker, sie umfassten Spock und wirbelten ihn in ein Farbenmeer, bunt, pastell, es zog ihn mit sich in einen Freudentaumel, es war leicht, es war hell, es zog ihn nach oben, drehte und wirbelte ihn durch den Äther, er war eins mit dem Universum, eins mit allem Leben, doch bevor er das richtig auskosten konnte, schlich sich immer mehr und immer intensiver ein Grau- bis Schwarzton ein, ein schrilles, alles übertönendes Geräusch, ein scharfer, stechender Schmerz und ein Gefühl – welches – was war das – Angst? Zorn? Ungezähmte Trauer? Zutiefste Verzweiflung und Einsamkeit? Rache??? Rachsucht????? – und Spock zitterte.

„So fühlt sich die Liebe an?“

„Ja. Und so fühlt sie sich an, wenn sie einem zu früh genommen wird.“



Erschüttert taumelte Spock einen Schritt zurück, löste Sarek seine Hand von der Schläfe seines Sohnes.



Wortlos sahen sie einander in die Augen, ein Verständnis, das aufkam, eine Erleichterung, die den Jüngeren ergriff, ein Gefühl, nicht völlig falsch zu sein, sich zumindest vor seinem Vater nicht genieren, sich nicht rechtfertigen zu müssen für die Dinge, die er so gnadenlos fühlte und von denen er wusste, dass er sie nie im Leben jemandem würde mitteilen können.

Die Erleichterung, es nicht völlig allein tragen zu müssen, riss ihn mit sich, und er fiel auf das Sofa, das im Raum stand, das Gesicht in seinen Händen vergraben.

Und nur, wenn man sehr genau hinsah, bemerkte man, dass die Schultern des jungen Vulkaniers leise bebten.

Er erlaubte sich ganze 4 Minuten und 32 Sekunden sich zu sammeln, und auch wenn er nicht in Meditationshaltung war, so gelang es ihm doch, tief in sein Inneres hinabzusteigen und einige Dinge zu erfassen, die zuvor nicht in seinen Geist eindringen konnten.

Schließlich atmete Spock fest durch seine gespreizten Finger aus.



„Danke, Vater.“

„Und nun geh, mein Sohn. Du hast eine Pflicht zu erfüllen.“



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Spock bewegte sich auf die Brücke zu.

Auch, wenn in seinem Inneren immer noch ein Sturm tobte, schien er äußerlich wieder gänzlich ruhig. Er hatte Informationen über sich selber herausgefunden, die eine noch tiefere und längere Beschäftigung verlangten als die knappe Zeit gerade zuließ, doch für den Moment war er gerüstet, das Notwendige zu tun.

Er hatte sich hinreißen lassen seine emotionalen Schutzschilde hinunterzufahren, von dem jungen Kadetten mit den stahlblauen Augen. Viel zu blau, um keine Eindrücke zu hinterlassen, egal, wo er hinkam. Er hatte ihn quasi zum zweiten Mal dem Tod ausgesetzt, und dennoch – hatte er von dessen Seite keinen Hass verspürt.

Im Gegenteil.

Da war ein Mix aus so vielen verschiedenen Eindrücken gewesen, dass Spock Zeit benötigen würde, sie auseinanderzuhalten.

Bemerkenswert.

Er würde eingehend über die Informationen meditieren müssen, die sich ihm über die direkte Kontaktaufnahme mit Kirks Haut mitgeteilt hatten.



Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt dafür.

Jetzt galt es, ums Überleben zu kämpfen. Um das eigene, und um das vieler.

Sein Ego hatte nicht im Vordergrund zu stehen, wenn es um die Existenz eines ganzen Planeten ging. Reue oder eifersüchtige Gedanken waren unproduktiv. Was nötig war, war ein unverstellter Blick und der Wille für das Wesentliche.



Was dachte er da? Hatte er denn immer noch nicht seine Gedanken im Zaum?

Eifersucht? Auf Kirk?

Kadett Kirk war einer, der zwar immer wieder aneckte, aber auch einer, dem man immer wieder vergab. Er hatte Freunde in rauen Mengen, wusste sich beliebt zu machen, wo immer er hinkam,  und Spock wusste ganz genau, wo die Sympathien der Mannschaft zu finden wären, wenn es darauf ankäme, zwischen ihm und Kirk wählen zu müssen.

Sicherlich nicht bei dem wortkargen, schwarzhaarigen, immer auf Korrektheit und Ordnung bedachten Halbvulkanier, der es immer schon schwer gehabt hatte, Freunde zu finden.

Die Sympathien waren bei dem Musterknaben Kirk. Bei dem eloquenten, ständig lächelnden jüngeren Mann, blond mit blauen Augen, so blauen Augen, mutig, stark und geschickt, eine angenehme Erscheinung für jeden, der mit ihm ihn Kontakt trat, stets spaßend und ein wenig flirtend und nie zu viel, gerade dabei, aus der Kadettenschule auszuscheiden mit hervorragendem Erfolg – wenn er nicht einer unehrenhaften Entlassung ins Gesicht sehen müsste, weil er den Kobayashi Maru Test gefälscht hatte. Geschummelt hatte, betrogen hatte – warum, wusste Spock nicht zu sagen, nur, dass er seine, Spocks Autorität und Kompetenz angezweifelt hatte.

Und nun schon wieder.



Vielleicht hatten seine Kameraden von der Schule Recht gehabt, wenn sie ihn als Außenseiter betrachtet hatten, weil er durch seine menschliche Mutter nicht zu ihnen passte. Vielleicht hatten die Vorstände der Wissenschaftsakademie Recht gehabt, als sie meinten, seine menschliche Mutter wäre eine Behinderung in seinem Leben. Er gehörte nicht zu den Vulkaniern, er gehörte nicht zu den Menschen. Aber immerhin wusste er, dass sein Vater zu ihm hielt, auch wenn er hier und jetzt versagt hatte.

Spock hatte wie im Zeitraffer alles durchdacht, hatte genau in sich hineingehört, hatte es geschafft, seine Animositäten zurückzunehmen, hatte die Lehren Suraks noch einmal für sich Revue passieren lassen, hatte für sich erkannt, dass er zu weit gegangen war. Und er hatte sich entschlossen, die Betrachtung über seine Stellung zwischen Menschen und Vulkaniern auf später zu verlegen, und auch die Bedeutung der Eindrücke, die er von Kirk hatte.

Sie hatten keine Zeit zu verlieren.



Als er eintrat, schauten alle zu ihm.

Wie würde er reagieren?

Würde er mit Jim reden? Sich entschuldigen? Sich noch einmal auf ihn stürzen, ihn noch einmal bedrohen?

Spock streckte seine Wirbelsäule durch.

Richtete seine Schultern gerade.

Verlieren ohne das Gesicht zu verlieren.

Ohne seine Selbstachtung zu verlieren.

Ohne das Ansehen bei den Crewmitgliedern zu verlieren.

Noch einmal atmete er tief durch, Schilde oben, ganz oben.



Und zeigte er Crew, dass es möglich war, zum Gelingen des großen Ganzen eigene Animositäten zurückzustellen. Dass er bereit war, alles zu der Situation beizutragen, den Planeten Erde und Captain Pike zu retten.



„Mr. Chekov hat Recht. Seine Telemetrie-Daten sind korrekt.“

Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort der Rechtfertigung.

Sie mussten alle ihre Kompetenzen zusammenlegen und an einem Strang ziehen.

Er unterwarf sich dem Kadetten Kirk und anerkannte dessen Befehlsgewalt.





Und er verlor – nichts.

Im Gegenteil.
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