Wunderschön

GeschichteRomanze / P16
23.07.2012
23.07.2012
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Wunderschön

Es roch nach welken Blättern und dichtem Laub, nach Moschus und Wärme, nach Geborgenheit und Mensch.
San hatte sich mittlerweile an diese Düfte gewöhnt. Dennoch setzte bei ihr jedes Mal auf´s Neue eine Gänsehaut ein. Es erinnerte sie daran, dass auch sie kein Wolf war. Aber ein Mensch war sie auch nicht. Weder das eine, noch das andere. Gefangen zwischen zwei Welten.
Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf. Die Anwesenheit von diesem Mann machte sie konfus.
Trotzdem sog San noch einmal tief die Luft in ihre Nase.
Ashitaka roch nicht nur nach Mensch. Gleichzeitig war da auch noch etwas anderes. Etwas, dass sich nur schwer definieren ließ. Weich und doch irgendwie hart, streng und doch irgendwie wohltuend. Es entzog sich einfach jeglicher Beschreibung.
Vorsichtig ließ sich das Mädchen schließlich neben seinem Lager nieder.
Er sah deutlich besser aus. Seine Haut war wieder braun, wie der starke Stamm einer Eiche, sein Atem wieder regelmäßig und kräftig und sein Appetit nahm mit jedem Tag, den sie ihn pflegte, mehr zu.
Trotzdem war er nur auf der Lichtung des Waldgottes bei vollem Bewusstsein gewesen, die restliche Zeit hatte der junge Mann vor sich hingedämmert.
Sanft strich sie eine Strähne seines Haares zurück. Es war weich und hatte die gleiche Farbe wie das Fell eines Bären.
Die junge Frau bemerkte, wie er bei dieser Berührung wohlig ein und aus atmete. Tief hob sich seine Brust.
Die Wolfsprinzessin gestand es sich nur ungern ein, aber sie schaute ihm gern beim Schlafen zu. Dann konnte niemand sehen, wie sehr sie es genoss, ihn ansehen zu können.
Außerdem hatte sie noch einen Menschen aus der Nähe betrachten können. Nun, da sich die Gelegenheit bot, wollte sie ihre Chance nutzen.
Sie rückte näher an den warmen Körper heran.
Zaghaft wanderte ihre Hand unter die Felldecke. Er war unbekleidet darunter.
Nur mit Mühe hat San ihm die ramponierte und von seinem Blut getränkte Kleidung entfernen können.
Als sie dabei an den Ausblick dachte, der sich ihr da geboten hatte, wurde ihr heiß.
Ashitaka war ansehnlich. Breite Schultern, eine schmale Taille und feine Muskeln, die sich unter seiner braunen Haut abzeichneten, machten ihn schön. Wie ihre Brüdern war er nicht so kräftig gebaut, aber die Beschaffenheit, wie und wo sich die Muskeln verbargen, ließen sie darauf schließen, dass er ein ausdauernder und guter Kämpfer war. Abgerundet hatte Jakul das Bild von seinem Charakter. Er war ehrlich, aufrichtig und mutig. Eigenschaften, die die Wölfe ebenso auszeichneten, was San daher von einem einfachen Menschen nicht erwartet hatte.
Plötzlich flatterten seine Lieder ein wenig und das Mädchen zog blitzschnell ihre Hand wieder zurück. Doch es war nur ein kurzes Stöhnen zu vernehmen, ehe der Patient wieder friedlich da lag wie zuvor.
Diesmal wartete das Mädchen länger, bevor sie es erneut wagte, ihre Finger auf Wanderschaft gehen zu lassen.
Sie strich über seinem Brustkorb, der noch immer von einem Verband umhüllt wurde. Fuhr tiefer mit ihrer Hand an seiner Seite entlang nach unten, bis sie seinen Hüftknochen streifte.  Dort hielt sie inne. Aber nur einen Moment, dann glitten ihre Fingerkuppen weiter.
Bis sie an ihr Ziel angelangt waren.
Schon als sie ihn entkleidet hatte, um ihn waschen zu können und seine Wunden zu versorgen, war ihr dieser schlaffe Hautlappen, anders konnte sie es nicht beschreiben, ins Auge gesprungen.
Jetzt für sie über die weiche Haut an dieser Stelle. Ganz sanfte streichelten ihre Finger auf und ab, als San bemerkte, dass sich etwas veränderte.
Skeptisch und mit Vorsicht zog sie Decke von seinen Lenden.
Um erstaunt fest zustellen, wie sich dieser Hautlappen mehr und mehr aufrichtete.
Fasziniert und auch irgendwie angezogen richtete sie sich auf und ging mit ihrem Kopf ganz nah heran. Sie zog tief die Luft ein und  roch an seinem aufrichteten Glied.
Der Duft war nicht unangenehm, aber fremd.
San wusste, wie sich die Tiere paarten, hatte sich aber noch nie Gedanken darum gemacht, wie das bei den Menschen von Statten ging. Das Mädchen kannte sich und ihren Körper gut.
Gerade als sie dieses Objekt ihrer Neugierde noch eingehender studieren wollte, bemerkte sie aus dem Augenwinkel, dass Ashitaka wach war.
Seine blauen Augen, die wie die tiefen Seen an dem Ort aussahen, wo der Waldgott lebte, schauten sie unergründlich an.
Dem Mädchen wurde noch heißer im Gesicht und hastig ging sie auf Abstand zu dem Menschen.
Mühsam guckte sie zu, wie sich der junge Mann aufrichtete. Seine Iriden hatten einen noch fiebrigen Glanz, doch sein Vorhaben war klar zu erkennen.
Auf allen Vieren kroch er auf San zu, welche sich nicht traute, sich zu bewegen.
Sie war bis an die Wand zurückgewichen und hatte nun, da Ashitaka direkt vor ihr wahr, keine Möglichkeit mehr, zu entkommen, es sein denn, sie würde ihn gewaltsam von sich stoßen. Doch das könnte seine Wunden wieder aufreißen lassen.
Daher saß San am Ende einfach ganz still und versuchte sie ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Im Tierreich würde diese Offenbarung einer Schwächte vielleicht den Tod zur Folge haben.
Ashitaka war bei ihr angekommen.
Er musterte sie. Sein Blick fühlte sich an, als würde es bis in ihr Innerstes sehen können, bis in die Tiefen ihrer Seele.
Ashitaka sah sie an, schaute wirklich nur sie an, so wie sie war.
Ganz langsam hob er seine Rechte.
San war verwirrt und gehetzt wich sie vor seinen näherkommenden Fingern zurück.
„Nicht!“, wisperte sie leise.
Der junge Mann hielt inne.
„Doch!“, hauchte er.
Seine Hand bewegte sich weiter und dieses Mal schrak sie nicht zurück.
Seine Haut traf auf die ihre und es war, als würden tausend kleine Raupen über ihren gesamten Körper krabbeln.
„Siehst du! Keine Angst!“, flüsterte er, zärtlich an ihr Ohr gelehnt.
Und tatsächlich. Sie fühlte sich ganz in diesem Moment, wie noch nie in ihrem Leben zuvor.
Sie war einfach nur San und Ashitaka akzeptierte es irgendwie. Das spürte sie. Er nahm sie so, wie sie war. Weder Mensch, noch Wolf. Zu zwei verschiedenen Welten zugehörig.
Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie auf die weichen Lippen. Ganz sanft und zart.
„Wunderschön!“, offenbarte er, ihr in die Augen blickend. „Du bist wunderschön!“