Sentas Urlaubsvertretung

GeschichteHumor / P6
Freddie Faulig Sportacus Stephanie
20.07.2012
14.10.2012
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Die Sommerferien waren angebrochen. Wie üblich hatten die meisten Bewohner ihre Urlaubspläne schon längst im Voraus geschmiedet und freuten sich jetzt auf ihre wohlverdienten freien Wochen. Andere mussten sich noch ein wenig gedulden und auf ihren gemeinsamen Familienurlaub warten. Die Erwachsenen hatten es nicht so einfach wie die Kinder, die jetzt den ganzen Sommer über frei hatten. Dafür wurde die Vorfreude umso größer. Manche Leute verreisten, andere wollten ihren Urlaub lieber Zuhause verbringen, was beileibe kein Fehler war. Wenn man keine zu hohen Ansprüche stellte, war Lazy Town ein recht erholsames und schönes Städtchen auf einem ebenso schönen Flecken Erde. Man brauchte kein Luxushotel, wenn man es sich Zuhause behaglich machen konnte. Man brauchte keinen großen Swimmingpool und keinen Strand, wenn der eigene Garten, ein Planschbecken und der See genügten. Wer überfüllte Campingplätze scheute, der konnte außerhalb des Städtchens einen ruhigen Fleck suchen. Für alle Sportversessenen gab es hier genug Platz. Vor allem hatten die Kinder sehr viel Raum zum Spielen und es gab immer jemanden, der auf sie achtete – Sportacus.

Aber wenn einem der Sinn nach etwas ganz Anderem stand – ja, dann hatte man natürlich wie immer die Qual der Wahl. Senta hatte auf jeden Fall ihre Wahl schon lange getroffen. Morgen würde ihr Urlaub beginnen und während sie im Büro noch aufräumte, schwärmte sie immer wieder Meinhard vor: „Ich freue mich ja so! Erst werden meine Cousine Tessie und ich uns ein paar Tage in einem richtig teuren und vielgerühmten Wellnesshotel verwöhnen lassen, danach erleben wir eine Woche auf einem Kreuzfahrtschiff! Tja, und danach – wir werden sehen! Die Zeit wird uns auf keinen Fall lang werden. Drei ganze Wochen Urlaub! Ein Traum!“
„Ich weiß, ich weiß“, sagte der Bürgermeister und lächelte. Er freute sich aufrichtig für sie. Senta erledigte mit Eifer die letzten Arbeiten.  Bevor sie ging, wollte sie alles in bester Ordnung wissen. Die Sekretärin war sowieso immer sehr akkurat, aber sie plagte immer ein wenig die Sorge, dass in ihrer Abwesenheit etwas geschehen könne, womit Meinhard nicht zurecht käme. Es war nicht so, dass sie gar kein Vertrauen in den Bürgermeister hatte! Aber manchmal wirkte Meinhard doch etwas hilflos, wenn etwas ganz Neues oder Unvorhergesehenes auf ihn einprasselte. Dann wusste er überhaupt nicht mehr, was er tun oder lassen sollte.

Es gab allerdings noch eine Sache, womit sich Meinhard schwer tat, nämlich das schnelle Tippen von Briefen. Das konnte wirklich nur Senta. Aber da zur Zeit Sommerferien waren, hatte er sich in diesem Punkt niemals sorgen müssen. In der Urlaubszeit gab es kaum etwas zu tun.
„Alle Rechnungen sind beglichen, alle Akten sortiert und alles was zu kopieren war, ist kopiert, die letzte Post ist gerade rausgegangen“, zählte Senta zufrieden auf.
„Sehr gut!“, lobte Meinhard. „Und jetzt habe ich noch einen letzten Auftrag für Sie!“
„Und der wäre?“
„Machen Sie Feierabend, meine Liebe. “
„Was, jetzt schon?“
„Sie haben doch bestimmt noch zu packen.“
Senta winkte ab. „Ach, das habe ich schon alles erledigt.“
„Haben Sie denn auch nichts vergessen? Ich zum Beispiel muss mich immer mehrmals vergewissern, dass ich alles habe. Im allerletzten Moment fällt einem doch noch etwas ein.“
„Sie haben recht, aber ich habe wirklich alles, was ich brauche. Aber wissen Sie was? Wir könnten ja, wenn Sie möchten, zusammen früher Feierabend machen und einen Eiscafè zu uns nehmen. Wir werden uns eine ganze Zeit lang nicht sehen, wir beide...“ Meinhard nickte zustimmend. „Sie werden mir auch sehr fehlen, das können Sie mir glauben.“
„Nächstes Jahr machen wir aber zusammen Urlaub!“
„Auf jeden Fall!“
Erst vor Kurzem war auch wieder Stephanie in Lazy Town angekommen. Sie saß mit ihren Freunden auf einer Bank und während sie von Zuhause erzählte, schleckten alle ein Eis. Ein „Willkommenseis“, sozusagen. Sportacus hingegen nippte an einem selbstgemachtem Bananenmilchshake. „Kannst du denn nicht einfach zu uns ziehen?“, fragte Ziggy. „Weißt du, Stephanie, du fehlst uns allen richtig, wenn du wieder weg fährst.“
„Sie ist doch gerade erst angekommen“, meinte Trixie, „und du redest schon vom Abschied!“
„Aber recht hat er“, sagte Pixel. „Es wäre schön, wenn du immer hier wärst.“
„Das geht leider nicht“, sagte Stephanie. „Zuhause habe ich auch Freunde und ich gehe dort zur Schule.“
„Vergiss diese Freunde einfach!“, sagte Trixie leichthin. „Wir sind doch deine Freunde, und du kannst in unsere Schule gehen.“
„Ich kann sie nicht einfach vergessen. Aber es gibt noch andere Gründe. Meine Eltern müssten ihre Arbeit aufgeben, wenn sie hierherziehen. Der Weg wäre sonst viel zu weit. Nur ob sie in Lazy Town eine Arbeit finden, die ihnen gefällt, weiß ich nicht. Aber ein bisschen traurig ist das alles schon, das stimmt.“
„Das finde ich eigentlich nicht“, sagte Sportacus. Alle schauten den Superhelden ganz erstaunt an. „Immer wenn sie zu uns kommt, dann freue ich mich riesig und denke mir jedesmal etwas für sie aus. Ich liebe diese Wiedersehensfreude und kann Stephanie immer mit etwas Neuem überraschen. Und der Abschied ist eigentlich kein richtiger Abschied für mich, denn sie ist ja nicht aus der Welt.“ Er zwinkerte Stephanie spitzbübisch zu. „Es gibt also keinen Grund, traurig zu sein.“
Ziggy sah noch nicht recht überzeugt aus. „Mir fällt es trotzdem immer schwer. Und ich weiß nie, was ich dann zum Abschied sagen soll, und...“
„Also ich wüsste schon, was ich sagen soll!“, rief eine laute Stimme hinter ihnen. Es war Freddie Faulig, der plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Diesmal wollte er nicht wie sonst im Hintergrund bleiben. Heute hatte er den Schalk im Nacken sitzen und wollte die Leute mal so richtig ärgern. „Stell dir vor, ich könnte sogar singen!“, rief Freddie. „Hört her: „Hau ab und komm nie wiiieeeder, hau ab und komm nie wiiieeeder...genau das werde ich tun, wenn sie endlich geht!“
„Das kannst du versuchen, aber keiner wird auf dich hören“, sagte Sportacus ruhig.
„Wenn das so ist, dann nehme ich das hier!" , und Freddie holte ein Megaphon hervor und ließ es gleich ertönen. „HAU AB UND KOMM NIE WIIIEEDER!!“ Die anderen erschraken und hielten sich die Ohren zu.
„Hähä, schön laut, was?“, meinte Freddie und grinste breit.
„Ich dachte, du liebst die Stille?“, fragte Meini.
„Das ja, aber meinen eigenen Krach liebe ich auch.“
„Dann gehe dahin, wo du welchen machen kannst! Aber nicht hier!“, sagte Pixel genervt. Freddie wandte sich an Sportacus. „Aaaach, Sportafloppi! Ich habe da eine Botschaft für dich!“ Er brüllte wieder ins Megaphon: „HAU AB UND KOMM NIE WIIIEEDER, HAU AB UND KOMM NIE WIIIEEDER!“
„Was ist denn hier für eine Grölerei?!“, rief Senta. Sie war mit Meinhard auf dem Weg ins Cafè. „Was bin ich froh, dass ich morgen in den Urlaub fahre!“
„Ach, Sie verlassen Lazy Town?“, fragte Freddie und wollte gerade wieder ins Megaphon brüllen, aber Sportacus entriss es ihm rechtzeitig.
„Ach stimmt ja!“, fiel jetzt Stephanie ein und sie sprang von der Sitzbank. „Das hatte mir Onkel Meinhard schon erzählt! Freuen Sie sich schon?“
„Und wie! Ich fahre mit meiner Cousine zusammen. Erst lassen wir es uns gutgehen und erholen uns in einem Wellnesshotel. Das ist wie ein Jungbrunnen! Dort wird man verwöhnt, massiert und eingeölt.“
„Eingeölt?“, fragte Freddie scheinbar interessiert. „Wie bei den ägyptischen Mumien? Ja, dann verstehe ich das. Sie wollen sich also für alle Zeiten haltbar machen lassen, um nicht zu vertrocknen? Reichlich spät, würde ich sagen. Aber wer weiß, vielleicht ist ja noch nichts verloren.“
Trixie unterdrückte mit aller Mühe ihr Lachen und Stephanie warf Freddie so einen kalten Blick zu, dass er hätte auf der Stelle erstarren müssen. Aber den juckte das herzlich wenig. „Wenn das Hotel jedoch wirklich sein Geld wert ist“, sprach er ungeniert weiter, „also wenn man es schafft, dass Sie um Jahre - also wirklich um Jaaaahhhrrreeee - und ich meine um JAAAHHHHREEEE...!“
„Freddie! Jetzt ist es aber gut!“, mahnte Sportacus eindringlich.
„Ich war ja noch nicht fertig! Also wie schon gesagt - wenn die das schaffen, dass Sie um - na Sie wissen schon - ein paar Jahrhunderte jünger aussehen - hey, was ist das Motto von denen? Wir machen Unmögliches möglich?!“
„Mach nur so weiter, Freddie Faulig“, und Senta hob drohend die Hand. „Wundere dich nur nicht, wenn du dir einen Satz heiße Ohren einfängst!“

„Ach Gottchen, ach Gottchen!“, meldete sich Meinhard endlich einmal zu Wort. „Ich würde an deiner Stelle die Drohung beherzigen.“
„Hast du eigentlich nicht noch was anderes vor, Freddie?“, fragte Meini.
„Jetzt wo du es sagst“, fiel Freddie ein und tat so, als würde er auf eine imaginäre Armbanduhr sehen, „ich wollte ja meinen Nachmittagsschlaf halten.“
„Dann geh' jetzt aber auch“, drängte Trixie und rief ihm hinterher: „HAU AB UND KOMM NIE WIIIEEDER!“ Freddie sah sie verärgert an. Bevor er ging, wollte er noch sein Megaphon wiederhaben, aber Sportacus ging auf Nummer sicher.
„So schnell kriegst du das hier nicht zurück. Das werde ich eine Weile behalten, damit du hiermit keinen Ärger machen kannst.“
„PFF!“, machte Freddie bloß und ging endlich seiner Wege. Wäre er wirklich nicht so müde gewesen, dann hätte er sich prompt eine Gemeinheit ausgedacht und sich so gerächt.
„Unverschämter Kerl!“, sprach Senta, nachdem er sich entfernt hatte. „Und Meinhard, Sie hätten ja auch etwas energischer durchgreifen können!“
„Nicht ärgern, nur an den Urlaub denken“, ermunterte sie Sportacus. Senta atmete laut aus. „Ja, das stimmt“, sagte sie. „Na, erst gönnen wir uns mal den Eiscafè!“
Schnell war der Tag vergangen und der lang ersehnte Urlaub stand bevor. Senta wurde gegen zehn Uhr von ihrer Cousine abgeholt und von allen rührend verabschiedet. „Kommen Sie gut erholt wieder!“, rief der Bürgermeister ihr ein letztes Mal hinterher, bevor Senta ins Auto stieg.
„Erholen Sie sich auch gut, Meinhard! Machen Sie sich nur keinen Stress!“
„Ich werde es versuchen!“ Kaum hatten Senta und ihre Cousine Tessie die Stadtgrenze erreicht, hörten Sie plötzlich: „HAU AB UND KOMM NIE WIIIIEEEDER, HAU AB UND KOMM...“
„Was ist denn das?!“, rief Tessie erschrocken.
„Kümmere dich nicht drum“, sagte Senta ernst und drehte das Radio an. „Jetzt genießen wir endlich unseren Urlaub!“
„Ach Gottchen, ach Gottchen! Und weg ist sie!“, sagte Meinhard traurig und gleichzeitig besorgt.
„Ja, aber doch nicht für immer“, beruhigte ihn Stephanie.
„Aber mir fehlt sie jetzt schon. Und ich habe ein kleines bisschen Angst.“
„Wovor denn, Herr Bürgermeister?“, fragte Meini.
„Ich habe immer Angst, wenn Senta nicht da ist. Ich könnte ja ihre Hilfe brauchen.“
„Und wenn sie da ist“, prustete Trixie dazwischen, „dann haben Sie erst recht Angst, hihi! Jedenfalls sind Sie dann ziemlich kleinlaut!“
„Es würde dir auch nicht schaden, hin und wieder mal kleinlaut zu werden“, bemerkte Pixel.
„Sie sollten ruhig mehr Selbstvertrauen zeigen“, riet Meini. „Das kommt bei Ihren Wählern sonst nicht gut an.“
„Ach Gottchen, das stimmt wohl. Aber ich frage Senta eben gerne um Rat. Es ist nie verkehrt, sich eine zweite Meinung einzuholen.“
„Du hast ja uns, Onkel Meinhard“, und Stephanie nahm ihn fest in den Arm. Sportacus und alle anderen nickten zustimmend.
„Sie können mich ruhig fragen, wenn Sie mal auf die Idee kommen, einen Lollipop - Spielplatz zu bauen!“, sagte Ziggy.
„Warum sollte er dich fragen und was ist ein Lollipop - Spielplatz“, fragte Meini monoton.
„Weil ich dann 'ja' sagen würde, und ein Lollipop - Spielplatz ist ein Spielplatz, wo mein Lollipop und ich spielen können! Oder ist der Spielplatz vielleicht aus Lollipops? Hmmm...Würde das denn überhaupt gehen? Was meinen Sie, Herr Bürgermeister?“
„Nein, das geht ganz bestimmt nicht“, antwortete er lächelnd.
„Können Sie nicht mal Senta anrufen und sie fragen..? Nur um ganz sicher zu gehen.“
Stephanie sah den Jungen mahnend an. „Ziggy..!“ Aber der Bürgermeister nahm es ganz gelassen.
„So, jetzt wo Senta ihren Urlaub beginnt, könnte ich für heute auch nach Hause gehen. Im Rathaus gibt es im Moment keine Arbeit für mich, und im Notfall bin ich ja immer zu erreichen. Beinahe wie Sportacus, haha!“
„So ist es richtig“, bestätigte Sportacus. „Ab und zu braucht jeder mal Urlaub. Ruhen Sie sich für eine Weile aus.“
„Aha? Jeder braucht Urlaub?“, sagte Stephanie und sah den Superhelden feixend an. „Dein letzter Urlaub ist ja auch schon ein Weilchen her.“ Der Superheld wurde auf einmal recht verlegen, denn er wusste genau, worauf Stephanie hinauswollte. Das Mädchen sah es einfach gerne, wenn Sportacus sich hin und wieder mal erholte. Doch Urlaub, wie er ihn selbst einmal erlebt hatte – mit reinem Nichtstun – war ihm ein Greuel. Auch wenn es nur für eine einzige Stunde wäre.

„Eigentlich fühle ich mich noch recht erholt. Und du weißt ja: Leute zu retten und Sport zu treiben ist mein Lebenselixier!“
„Naja – wir werden sehen“, sagte Stephanie mit einem Augenzwinkern. Während sich die Gruppe langsam löste und Ziggy immernoch über seinen Spielplatz nachdachte - vor lauter Nachdenken hätte er sich beinahe mit seinem klebrigen Lolli am Kopf gekratzt - hatte Freddie Faulig das Gespräch von Zuhause aus verfolgt. Ihm gefiel, wie nervös der Bürgermeister bei Sentas Abwesenheit schien.
„Ich habe es schon immer gewusst“, sagte Freddie mit einem Grinsen. „Der Bürgermeister ist ein Weichei. Lässt sich von seiner Sekretärin herumkommandieren und kriegt vor ihr das große Zittern, aber wenn sie mal für ein paar Tage weg ist, ist ihm das auch nicht recht!“ Freddie Faulig tippte sich mit dem Finger nachdenklich gegen das Kinn. „Auf Senta scheint der Bürgermeister kaum verzichten zu wollen, dabei kann der Job doch nicht so schwer sein! Kaffee kochen, Nägel lackieren, telefonieren und schreiben...da ist doch nichts dabei, oder? Ich könnte das ja mal herausfinden! Und ich könnte außerdem allen beweisen, wie unfähig der Bürgermeister in Wirklichkeit ist! Ich werde mich einschleichen und dafür sorgen, dass er abgesetzt wird, und dann...“, Freddie schlug die Hände zusammen und rieb sie voller Vorfreude, „dann werde ich Bürgermeister! Ganz fair und ohne jede Schummelei. Da kann mir keiner was anhängen, hahaha!“

Er marschierte zu seinen durchsichtigen Verkleidungsröhren. Mit der ersten Verkleidung hätte er wie Rotkäppchen ausgesehen. Freddie sprang laut singend wie ein kleines Mädchen umher. „Lalalalaaaaa...! Neee! Zu kindisch!“ Mit der zweiten Verkleidung glich er praktisch der Königin von England bis aufs Haar. Freddie zückte eine englische Teetasse, wobei er den kleinen Finger abspreizte. Er verzog würdevoll das Gesicht und sprach mit verstellter Stimme den Satz, den die englische Königin angeblich immer zu sagen pflegte: „We are not amused!“ Er lächelte gequält. „Neee! Zu königlich!“ Er warf die Tasse von sich. An der dritten Verkleidungsröhre ging er einfach vorbei, weil sie leer war. In der vierten Röhre war nur eine Schaufensterpuppe, die seinen Morgenmantel trug. Freddie war verwirrt. „Ja, Moment mal! Das kann doch nicht sein! Huh?!“ In der dritten, leeren Röhre tat sich was. Es surrte und murrte, aber der Mechanismus schien zu klemmen. Freddie klopfte erst gegen die Röhre, dann trat er einmal dagegen. Umsonst. „Pfff...Also da muss ich wohl einmal nachsehen!“ Er ging rasch das Treppchen runter und stellte sich rechts seitlich neben das Podest, auf dem die Röhren standen. Er öffnete quietschend eine kleine Tür und ging hinein.

„Mal sehen, wo hakt's denn? Alles muss man selber machen! Da kann ich mir ja gleich einen altmodischen Kleiderschrank anschaffen, wenn ich hier jedes Teil reparieren muss! Aaahhh ja! Da haben wir's! Das kleine Rädchen da...HEY! HILFE! Nein!! AAHHHHH!!“
Im Inneren der dritten Röhre gab es einen Ruck – und Freddie kam von unten hineingefahren, fix und fertig verkleidet als rothaarige Sekretärin im dunkelroten, modischen Hosenanzug und lilafarbener Bluse mit Rüschen. Die Haare waren kunstvoll hochgesteckt und von den Schläfen aus hing jeweils eine gelockte, lange Strähne. Freddie trug violette, glitzernde Ohrstecker, eine dazu passende glänzende Brosche und mehrere Ringe am Finger. Er hätte sich ja gerne im Spiegel gesehen, aber wie sollte er aus der Röhre kommen? Freddie sah sich hilflos um und stampfte einmal mit dem Fuß auf. Das bewirkte, dass er plötzlich mit einem Schrei durch die Röhre fiel. Nach einer kleinen Weile taumelte er rechts unten durch die Tür. Er klopfte sich die Kleidung sauber. „Uuufff – da unten müsste dringend geputzt werden!“

Währenddessen war der Bürgermeister in sein Büro zurückgekehrt. In sein Büro? Aber er wollte doch nach Hause! Meinhard musste schon selbst darüber lachen. „Die Macht der Gewohnheit! Immer führt mich mein Weg ins Rathaus! Aber ich kann wirklich getrost nach Haus gehen.“ Er sah sich wohlgefällig um. „Hier ist alles in bester Ordnung und zumindest heute wird nichts mehr anfallen, denke ich.“ Er drehte sich um und wollte gerade zur Türe hinaus, als ihm Freddie Faulig in Verkleidung direkt entgegenkam und sich in den Weg stellte. Seine Lippen waren dunkelrot geschminkt, die langen Fingernägel passend lackiert und er hatte einen rostroten, aber leichten Lidschatten aufgelegt. Meinhard renkte sich beinahe den Hals aus, nur damit er dieser vermeintlichen Dame ins Gesicht sehen konnte. Sie war schon ohne ihre hohen Schuhe eine recht große Person.
„Ach Gottchen – guten Morgen! Sie wünschen?“ Freddie setzte ein honigsüßes Lächeln auf.
„Guten Morgen! Tia Tüchtig ist mein Name! Ich habe einen Vorstellungstermin. Ich sollte mich bei Ihnen als Urlaubsvertretung bewerben, und zwar als Sekretärin. Ich hatte mich auf die Stellenanzeige gemeldet.“
„Stellen – äh – bitte was – Anzeige..?“, stotterte Meinhard perplex. „Davon weiß ich nichts!“
„Aber Ihre alte Sekretärin hatte...“
„Wieso alt? Meine Sekretärin ist überhaupt nicht alt! Sie ist mittel, also, mittelalt, oder mitteljung...“ Meinhard sah sich vorsichtig um. „Ach Gottchen, ein Glück, dass Senta jetzt nicht hier ist! Ich glaube, das waren die falschen Worte...auf jeden Fall ist sie alles andere als alt!“
„Ich wollte sagen: Ihre vorherige Sekretärin...also die hat die Stellenanzeige aufgegeben.“
„Gute Frau, das muss ein Irrtum sein. Davon hätte sie mir erzählt. Haben Sie diese Anzeige bei sich?“
„Natürlich!“ Freddie Faulig hielt Meinhard ein Stück Papier in Din-A4 Format unter die Nase. Er hatte den Text selbst und mit sehr viel Geduld getippt.
„Ich habe noch nie so viele Fehler in einem Satz gesehen“, sagte Meinhard erschrocken. „Überhaupt sieht das alles sehr unsauber aus. Und das soll von meiner gewissenhaften und fleißigen Sekretärin stammen?“
„Doch, doch“, sagte Freddie und machte eine winkende Handbewegung. „Die arme Frau war ja vooollkommen überarbeitet! Sie war gerade dabei, die Anzeige an einen Baum zu pinnen, da habe ich sie darauf angesprochen und wir haben einen Termin vereinbart. Mir ist sofort aufgefallen, wie sie gezittert hat! Sie war ja ein richtiges Nervenbündel!“ Jetzt begann auch Meinhard am ganzen Körper zu zittern. „Ach Gottchen, ach Gottchen, ach Gottchen! Die arme, arme Senta! Ich habe ihr immer gesagt, dass sie zuviel arbeitet! Aber gut, dass sie jetzt im Urlaub ist!“
„Sie hat wohl in ihrem ganzen Stress den Termin vergessen. Das kann ja mal vorkommen, nicht? Können wir denn gleich ins Büro gehen?“
„Natürlich, kommen Sie nur. Wir klären das sofort ab.“

Beide gingen hinein. Freddie setzte sich seltsamerweise gleich in den großen Sessel des Bürgermeisters. „Ach Gottchen – das ist aber mein Sessel “, erklärte Meinhard, worauf Freddie die Hand vor den Mund nahm und ein damenhaftes Kichern ertönen ließ. Nein,noch würde ihm dieser Platz nicht zustehen. „Das tut mir aber leid!“, kicherte er. „Ein Versehen!“
„Nichts für ungut!“, sprach der Bürgermeister versöhnlich. Er holte für Frau Tüchtig einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber. „Haben Sie schon als Sekretärin gearbeitet?“,
„Jjja!“, log Freddie.
„Dann wissen Sie, was eventuell auf Sie zukommt.“ Freddie glaubte es zu wissen.
„Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Sie viel zu tun bekommen“, sagte Meinhard. „Wir haben Urlaubszeit und da ist es immer etwas ruhiger. Dafür können Sie natürlich früher Feierabend machen.“ Plötzlich öffnete sich die Tür und Stephanie kam herein. Sie entschuldigte sich aber sofort, als sie sah, dass ihr Onkel mitten in einem Gespräch war. „Ich hätte anklopfen sollen, tut mir leid.“
„Ist schon in Ordnung. Ist denn etwas passiert?“
„Nein, nein...ich wollte dich nur etwas fragen, aber das kann ich auch später tun.“ Meinhard drehte sich zu Frau Tüchtig. „Das ist meine Nichte Stephanie!“, stellte er vor.
„Ja, ich weiß“, seufzte sie ergeben.
„Ach? Sie kennen sie?“
„Naja – wer kennt sie nicht?“, versuchte sich Freddie herauszureden und lächelte gekünzelt. Meinhards Brust schwoll vor Stolz an und Freddie begriff, dass das die Gelegenheit war, dem Bürgermeister Honig ums Maul zu schmieren. „Die Kleine kennt ja wirklich jeder. Und erst ihren tollen Tanz! Ding Däng Twiggiwiggi Pong...!“, und er legte sich die Hände an die Ohren, wippte auf dem Stuhl hin und her und grinste dabei übertrieben.
„Ja, so ähnlich“, meinte Stephanie und lächelte schüchtern. Das man sie überall erkannte machte sie zwar stolz, aber auch verlegen.
„Haben Sie noch Fragen, Frau Tüchtig? Nein? Kommen Sie morgen um acht Uhr. Ihren Vertrag machen wir dann auch noch fertig.“

Auch am nächsten Morgen gab es wenig zu tun. Meinhard verbrachte den Tag allerdings ganz alleine im Büro und entschied sich, schon vor der Mittagspause nach Hause zu gehen. „Wie macht sich denn die neue Sekretärin?“, fragte Stephanie nebenbei, als sie ihrem Onkel beim Kochen half.
„Sie war heute gar nicht da.“
„Oh?“ Es wurde Abend. Stephanie und ihr Onkel aßen wie gewohnt zusammen in der Küche. Danach setzte sich der Bürgermeister vor den Fernseher, während seine Nichte sich in ihrem Zimmer beschäftigte. Plötzlich klopfte es heftig an der Haustür. Meinhard fuhr vor Schreck zusammen und sah auf die Uhr: Es war fast halb neun. „Hm, wer könnte das noch sein?“, murmelte er. „Vielleicht Sportacus? Bestimmt ist etwas passiert! Ach Gottchen!“ Er öffnete die Tür. Vor ihm stand die erboste neue Sekretärin.
„Frau Tüchtig!“
„Sie halten wohl nicht viel von Pünklichkeit?“, schimpfte sie sofort. „Ich stehe vor dem Rathaus und warte, und warte, und warte...und waaaarte!“
„So ähnlich erging es mir heute auch“, bestätigte Meinhard.
„Aber Sie sagten doch, dass ich um acht Uhr zur Arbeit erscheinen soll!“
„Ja, genau. Aber ich meinte damit acht Uhr in der Früh und nicht acht Uhr abends!“
Freddie erstarrte. Da hatte er sich einen peinlichen Fehler geleistet. Er klammerte sich verlegen an seine violette Handtasche. „Tja also, wissen Sie...in meiner alten Firma hatte ich immer nachtsüber gearbeitet...und deswegen...“
„Machen Sie sich keine Gedanken. Es gibt wirklich schlimmeres. Möchten Sie nicht hereinkommen und eine Tasse Tee trinken, wenn Sie schon einmal hier sind?“
„Nein, nein, vielen Dank!“ Freddie drehte sich sofort um. „Ich entschuldige mich für die Störung und wünsche Ihnen einen schönen Abend! Bis morgen!“
„Bis morgen, Frau Tüchtig!“ Meinhard schloss die Tür und Freddie stakste auf seinen hohen Absätzen verärgert davon. „Das muss einem aber auch gesagt werden!“, grummelte er vor sich hin. „Wenn er acht Uhr sagt, wie soll man denn dann wissen....acht Uhr in der Früh! Welcher gescheite Mensch geht um diese Zeit schon arbeiten?!?“

Am nächsten Morgen quälte sich Freddie umständlich aus dem Bett, aber er war pünktlich im Rathaus. „Womit fangen wir nur an?“, fragte sich Meinhard. „Ich könnte Ihnen erst einmal alle Räumlichkeiten zeigen.“
„Wenn's sein muss“, grummelte Freddie dunkel, verbesserte sich aber kieksend. „Jaaa, ich bin schon gaaanz gespannt!“
„Sie sind ja eine ganz Eifrige, will sagen, eine ganz Tüchtige!“, bemerkte Meinhard lachend.
„Und wiiieee!“ In den darauf folgenden zwei Stunden unterdrückte Freddie die aufkommenden Gähnanfälle. Meinhard war in seinen Erzählungen sehr ausführlich. „Hier unten lagern die ersten originalen Stadtpläne von Lazy Town! Damals war die Stadt natürlich noch ein Dörfchen... Übrigens hat es auch eine ganze Weile gedauert, bis sich das Dorf zu einer Kleinstadt entwickelte. Lazy Town war immer ein wenig...naja, rückständig. Aber gut Ding will ja bekanntlich gut Weile haben, nicht?“ Freddie sagte nichts, er schnarchte nur. Er war eingeschlafen und lehnte mit geschlossenen Augen und offenem Mund am Türrahmen. „Frau Tüchtig?“ Freddie ließ ein lautes, undamenhaftes Grunzen ertönen und sprang auf.
„Habe ich Sie gelangweilt?“, fragte Meinhard.
„Ach woher denn...ich habe nicht geschlafen...ich hatte nur die Augen geschlossen, um mir alles besser vorstellen zu können!“
„Da bin ich aber froh! Ich allerdings könnte im Moment einen Kaffee vertragen, und Sie ganz bestimmt auch. Sind Sie bitte so nett und kochen welchen für uns? Ich mache in der Zeit einen kleinen Spaziergang. Wenn mich jemand am Telefon verlangt, sagen Sie, ich bin in einer Besprechung und rufe dann später zurück.“
„Aber das wäre ja glatt gelogen!“, rief Frau Tüchtig empört.
„Nein, das stimmt nicht! Ich rufe ganz sicher zurück!“
„Ich meine das mit der Besprechung!“
„Ähm – naja, dann sagen Sie, dass ich gerade telefoniere!“
„Das ist aber auch gelogen!“
„Es muss ja niemand wissen, dass ich gerade einen Spaziergang mache, auch wenn ich im Moment nichts anderes zu tun habe. Das macht auf die Bürger ansonsten einen schlechten Eindruck.“
„Wer sagt das?!“
„Senta!“
„Vergessen Sie die Pute! Ich meine – also man sollte iiimmmer die Wahrheit sagen!“
„Da haben Sie natürlich recht....Dann...dann...sagen Sie, ich mache eine Stadtbesichtigung! Das entspricht ja auch der Wahrheit. Es dauert nicht lange. Bis dann!“
„Tschüssi, tschüssi!“, rief Freddie winkend. Im nächsten Moment war er sich aber bewusst, dass er vor einem großen Problem stand. Was hatte der Bürgermeister ihm aufgetragen? Kaffee kochen! Freddie Faulig hatte in seinem ganzen Leben weder Kaffee getrunken noch gekocht. Wie zum Teufel sollte er das jetzt anstellen?! Aber es stimmte ja: Das gehörte seines Wissens nach zu den Aufgaben einer Sekretärin.
Das Nägel lackieren beherrschte er tadellos, das Tippen ging gerade so, aber wie man Kaffee kochte, das hatte er vergessen zu üben. Irgendwo in den hinteren Räumen gab es aber eine kleine Küche. Das hatte Freddie zum Glück noch behalten, bevor er zwischendurch eingeschlafen war. So eilte er sofort dorthin und wühlte in den Schränken. „Tee, Milchpulver, nochmals Tee, ah, KAFFEE!“
Er öffnete die runde Dose. „Das soll Kaffee sein?! Das ist bloß Pulver! Das kann man doch überhaupt nicht trinken!“ Freddie schnupperte. Also zumindest kannte er den Duft, und das hier roch eindeutig nach Kaffee. Aber wie sollte er den zubereiten? „Ach, vielleicht ist das ja genauso wie mit Kakao!“ Freddie war erleichtert. Kakao hatte er sich schon mal gemacht, sogar mit den einfachsten Mitteln, sprich: Mit einem Topf, etwas Milch und einem Bunsenbrenner. Aber Letzteres konnte er nicht finden. Doch was hier vor ihm stand, sah einem Herd nicht unähnlich. Damit konnte er eventuell etwas anfangen. Freddie bückte sich und suchte im unteren Schrank laut klappernd nach einem Topf. Den fand er. Im Kühlschrank fand er allerdings keine Milch, sondern nur sehr kleine Plastikbecher mit Kaffeesahne. Er zog von den Bechern die Laschen ab und goss die Sahne in den Topf. Es war eine höchst mühselige Arbeit. Als alle verbraucht waren, hatte er noch nicht einmal die Hälfte des Topfes voll. Wieviel sollte er eigentlich kochen? Am besten wäre es doch, wenn er den Topf voll bekommen würde. „Aber ich habe doch keine Sahne mehr!“, seufzte Freddie und dachte plötzlich an das Milchpulver. Das war die Lösung! Warum war er nicht sofort darauf gekommen?

Er schüttete das ganze Milchpulver auch noch hinzu, vermengte es mit Wasser und kochte es auf. Jetzt fehlte nur noch der Kaffee. Freddie schüttete die halbe Dose hinein und rührte kräftig mit dem Kochlöffel um. Mit Unbehagen sah er, dass das Milchpulver verklumpte, und er zerdrückte die Klumpen am Topfrand. Nur das Kaffeepulver löste sich überhaupt nicht auf und Freddie wusste nicht, warum. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er sogar daran, Sportacus zu Hilfe zu holen, aber die Idee verwarf er sogleich wieder. Niemand durfte an seinen Fähigkeiten zweifeln. Und ausgerechnet jetzt klingelte auch noch das Telefon! Sentas Urlaubsvertretung verließ die Küche, rannte mit klappernden Absätzen ins Büro, räusperte sich und hob den Hörer ab. Er durfte nicht vergessen, dass er eine Frau spielte. „Halloooo!“, rief Freddie.
„Bin ich verbunden mit dem Bürgermeisterbüro?“, fragte ein Mann am anderen Ende.
„Also wenn Sie das nicht selbst wissen, kann ich Ihnen auch nicht helfen!“, blaffte Freddie und warf den Hörer auf die Gabel. Im gleichen Augenblick war ihm aber bewusst, dass er eventuell zu unfreundlich gewesen war. Doch schon im nächsten Moment ergab sich für ihn eine neue Chance.
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