Zwölf Uhr

von kaonashi
KurzgeschichteRomanze / P12
19.07.2012
19.07.2012
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ZWÖLF UHR


»Warten Sie auf jemanden?«
Ein sanftes Lächeln zupfte an Lyras Mundwinkeln; der junge Mann bemerkte nicht die kleine, im Sonnenlicht matt glitzernde Träne, die sich einen Weg über ihre eingefallene Wange bahnte. Lyra nahm eine faltige Hand aus dem weichen Fell ihres Dӕmons und klopfte ganz sacht neben sich auf die Bank. Er war doch hier, irgendwie.
In diesem Moment schlugen die Glocken in der Ferne zwölf Uhr.
»Ja.«


Es war schon seltsam, wie viele Wendepunkte ihr Oxford in den letzten Jahrzehnten erlebt hatte, dachte Lyra träge, die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt. Pantalaimon hatte sich in ihrem Schoß zusammengerollt und sein braunes Fell schimmerte im Licht der Mittagssonne wie alte Bronze. Müde streichelte Lyra dem Marder über den Kopf.
       So Vieles hatte sich dem steten Wandel angepasst. Neue Erfindungen hatten die Leben der Menschen verändert; manchmal waren sie nur wie ein kleiner Kinderschritt nach vorne, manchmal aber wie ein heftiger Stoß zurück in die Vergangenheit, und doch zog alles nur an Lyra vorbei wie all die Züge, die an den Bahnhöfen einfuhren und wieder an ihr vorbei rasten, ohne dass sie selbst je eingestiegen war. Was letztendlich blieb, war eine Zukunft – sagten zumindest die Leute Tag ein, Tag aus, bewaffnet mit Aktenkoffern und streng verzogenen Mienen, immer in Hektik und nur mit einem halben Fuß zwischen Tür und Angel. Eine Zukunft, die Lyra im Vorbeistreichen vieler, unzähliger Jahre tiefe Falten ins Gesicht gegraben hatte.
       Es hatte nur mit einigen grauen Strähnen in ihrem Haar angefangen und einigen verpassten Besorgungen und Terminen. Manche Erinnerungen waren einfach aus ihrem Kopf entflohen wie ein kleiner Vogel, dem man die goldene Käfigtür in die Freiheit geöffnet hat, und Lyra hatte ihnen nur träge lächelnd hinterher gesehen, während ihre Finger an den kleinen Rädchen des schweren, goldenen Kompasses gedreht hatten. Manchmal hatte sie Dinge verlegt, ihren Hausschlüssel oder ihre Brille – ihre Augen sahen nicht mehr gut, kaum mehr ein paar Meter weit konnte sie alles klar erkennen; stattdessen sah sie stets durch einen milchigen Schleier, der die Welt trübte. Wie graue Watte, die ihr Oxford, ihr geliebtes Oxford, umhüllte, es weich bettete und den Lärm auf den belebten Straßen sanft dämpfte.
       Aus der Ferne hörte Lyra die ersten Glocken, die zwölf Uhr schlugen. Die eine war laut und erfüllt von einem endgültigen und metallischem Ton, die andere wiederum leise und zaghaft, und ihr Schlag verzögerte sich um einige Sekunden als wartete sie noch auf etwas Bestimmtes. Die Glockenschläge vermischten sich miteinander, noch während sie langsam verklangen, und verwoben sich zu einem endlosen, immer schwächer werdenden Echo, das in Lyras Ohren widerhallte wie der Gesang tausender Vögel. Sie hörte nicht mehr allzu gut. Aber zwölf Uhr würde Lyra selbst dann noch schlagen hören können, wenn sie eines Tages taub wäre.
       »Ach, Pan … glaubst du, er sitzt bereits hier, vielleicht genau an derselben Stelle, und lauscht den Glocken?«
       Fünfundsiebzig Jahre lang, an jedem Johannistag im Botanischen Garten auf dieser Bank, ihrer Bank. So, wie sie es sich einst, gekleidet in Kummer und verzweifelte Liebe, geschworen hatten. Lyra glaubte selbst jetzt noch, Wills raue, große Hände an ihren Wangen zu fühlen und seinen eindringlichen Blick zu sehen. Die stummen Tränen in seinen Augen. Den Mund, den er zu einer geraden Linie zusammengepresst hatte, um die Wörter, die lautlos zwischen ihnen schwebten, zurückzuhalten. Das Gefühl seiner warmen Lippen auf ihrer, wenn die Welt immer für einige Sekunden zum Stillstand gekommen war, bevor sie sich wieder weiterdrehte.
       Lyras Dӕmon hob müde den Kopf und sah sie lange Zeit einfach nur aus seinen dunklen Knopfaugen an. Wie immer. Wie jedes Jahr am selben Tag zur selben Zeit, wenn Lyra ihm diese immer gleiche Frage stellte und er ihr dann diese immer gleiche Antwort gab. »Warum glaubst du, sollte er es nicht tun?«
       Lyra nickte nur langsam, genau so wie immer. Die Augen hielt sie weiterhin geschlossen; sie fühlte das warme Sonnenlicht, das sanft auf ihre Lider schien und ihre ganze Wahrnehmung in glühendes Gold-Rot tauchte, das die ganze Welt in einem breiten Farbspektrum zergehen und an ihr vorbeifließen ließ, träge und zäh wie goldener Honig. Das Jetzt schien sich ein bisschen mehr von ihr zu entfernen, sich zurückzuziehen. Nur für einen flüchtigen Augenblick lang, während die Glockenschläge lautlos zusammen mit den weißen Wolken am Himmel fortgetragen wurden und sich irgendwo hinter Oxford in der Stille verloren.
       Aus der Ferne hörte Lyra Kinderlachen, das durch den Garten hallte und sogar das breite Lächeln und die Freude der Kinder in sich zu tragen schien und mit dem Wind durch die lauten Straßen Oxfords getragen wurde. So unschuldig, frei, glücklich. Wie es wohl wäre, wenn wir eine Familie zusammen gehabt hätten, nur er und ich zusammen, so, wie wir es uns damals gewünscht haben, als er einfach nur meine Hand gehalten hat und alles für einen Augenblick gut und schön war und die Welt um uns herum nicht existiert hat?, fragte Lyra sich in die Stille hinein. Ihre Hand wanderte fast automatisch zu der ledernen Tasche neben ihr auf der Bank, um den goldenen, in Samt gewickelten Kompass daraus hervorzuziehen und mit einigen geübten Griffen an den kleinen Rädchen zu drehen.
       Sie hielt inne.
Kannte sie die Antwort nicht längst? Natürlich kannte Lyra sie.
       Lyra hatte nicht mehr geheiratet. Obgleich des Versprechens an Will, irgendwann vielleicht einen Mann zu finden, den sie wieder liebte und nicht mit ihm zu vergleichen und fort weisen würde, hatten ihre Lippen nie andere als die seinen berührt. Nicht in Träumen – denn in Träumen war er immer da, immer er, nur er. Nicht in der trüben, in Watte gepackten Welt, die nicht die seine war – denn in der trüben, in Watte gepackten Welt saß er dort, in seinem Oxford, alt und voll Sehnsucht auf derselben Bank in demselben Botanischen Garten und wartete auf sie, obgleich sie sich schon lange zu ihm gesetzt hatte und im Geiste seine Hand hielt und den Glockenschlägen lauschte.
       Ob Will wohl eine neue Frau an seiner Seite hatte? Und wenn ja, liebte er sie so sehr wie Lyra einst oder war sie für ihn nur eine Art Ersatz, eine Familie, ein Halt, den er brauchte, um nicht abzurutschen und in Tiefen zu fallen, von denen er ihr schon damals erzählt hatte?
       Lyra hätte das Alethiometer danach fragen können. Hätte sich in ihr kleines Haus am Rande Oxford zurückziehen können, in die Kammer neben dem Schlafzimmer mit den hohen Regalen, und in den dicken Büchern die Bedeutung der aufeinanderfolgenden Symbole, welche die Nadeln das Kompasses zeigten, nachschlagen können. Hätte erfahren können, was Will tat, wie es ihm ging, ob er gesund war, einfach alles.
       Sie tat es nicht. Vielleicht aus Angst vor dem, was der Kompass ihr antworten könnte, vielleicht aber auch nur aus all der Liebe und Zuversicht in Will, dass er gerade jetzt in diesem Augenblick neben ihr saß, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen, seinen Dӕmon auf dem Schoß gebettet, genau wie sie.
       Die Glocken schlugen ein letztes Mal, dann verstummten sie. Zwölf Uhr war gekommen – und gegangen. Lyra glaubte zu hören, wie Will sich neben ihr träge von der Bank erhob, wie das alte Holz unter seinem Gewicht nachgab, glaubte, das dumpfe Geräusch zu hören, als die Absätze seiner Schuhe auf dem Pflasterstein aufkamen. Glaubte zu sehen, wie er sich ein letztes Mal sehnsüchtig nach ihr umblickte und mit geschlossenem Mund ein lautloses »Ich liebe dich« formte, ehe er den Garten verließ.
       »Ich liebe dich doch auch, Will«, antwortete Lyra leise und beobachtete Wills blassen Schatten, wie er in der Ferne als winziger Lichtpunkt verschwand, der erst am nächsten Johannestag wieder zu ihr zurückkehren würde. Nur für die bittersüße Schönheit des Augenblicks lang, so wie jedes Jahr. »Ich liebe dich doch auch.«
       Dann schloss Lyra wieder die Augen und erinnerte sich an damals. Damals, als die kleine, rote Frucht zwischen seinen Lippen und der flüchtige Blickwechsel zwischen ihr und Will alles gesagt hatte, was Menschen selbst in tausenden Jahren nicht mit Worten ausdrücken hätten können.
Lyras Finger strichen zitternd über ihre rauen Lippen und für einen kleinen Augenblick glaubte sie, den süßen Geschmack der Beere wieder im Mund zu schmecken.
       Selbst nach fünfundsiebzig Jahren noch.

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