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Die Königin der Piraten

von LadyAthos
GeschichteAllgemein / P12
17.07.2012
17.07.2012
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OT: Niewpoort in Flandern war früher wirklich als Piratennest bekannt, und ich fand es deswegen ganz passend, meine Geschichte in dieser Stadt beginnen zu lassen.
Ob die junge Frau Mylady ist? Das wird noch nicht verraten…lest einfach und urteilt dann selbst ;)

Niewpoort, Flandern, Juli 1664

Die meisten Reisenden mieden, wenn sie es irgendwie einrichten konnten, die kleine, eher an ein Fischerdorf erinnernde Hafenstadt Niewpoort an der flandrischen Küste nahe der Grenze zu Frankreich, da diese als Piratennest berüchtigt war. Die heruntergekommen wirkende Stadt bestand aus etwa vierzig bis fünfzig strohgedeckten, ärmlichen Fischerhütten, sowie um die fünfzig Fachwerk-und Steinhäuser, von denen die meisten übel beleumundete Spelunken oder Bordelle waren. Am Hafenkai reihte sich Schänke an Schänke, alle Häuser wirken heruntergekommen, und der Gestank nach billigem, selbstgebranntem Rum, Fischabfällen, Kot Urin und Schweiß schien gerade jetzt im Sommer wie eine schwere Dunstglocke über der Stadt zu liegen, nur hin und wieder brachte eine frische Meeresbrise etwas Abkühlung. In den Schänken und Bordellen gingen zwielichtige Gestalten, die meisten davon Piraten oder heruntergekommene Matrosen ein und aus. Hier wähnten sie sich in Sicherheit, weil ihresgleichen hier in der Überzahl war, und niemand es wagte, diesen als Piratenhochburg bekannten Hafen anzugreifen.
Als an diesem milden Julimorgen die Sonne aufging, und ihre Strahlen die verschmutzten Häuserfassaden für einen kurzen Moment in rotgoldenes Licht hüllten, wurde an der Kaimauer, in einem Haufen Fischabfälle, eine Leiche entdeckt, ein junger Mann, dem die Kehle durchgeschnitten worden war. Um einen solchen Fund machte man in Niewpoort kein großes Gewese, da das mindestens ein bis zweimal pro Woche geschah, wenn die Piraten nachts in Streit gerieten, oder irgendeinen armen Teufel ausraubten, der das Pech gehabt hatte, in diese Stadt, die von vielen als Vorhof zur Hölle bezeichnet wurde, zu geraten.
Meistens schaffte man die Leichen einfach weg und warf sie ins Meer. Die meisten Schiffe, die hier im Hafen vor Anker lagen, waren Piratenschiffe, wie die scharzen, meist mit Totenschädeln oder anderen düsteren oder martialischen Symbolen verzierten Flaggen verrieten. Ja, diese Stadt war ein Königreich der Piraten, und wer sich hineinwagte, war entweder gewalttätig, verrückt oder lebensmüde. Obwohl es noch früh am Morgen war, und die Sonne gerade erst aufging, hörte man aus einigen Schänken schon, oder besser gesagt immer noch, Gelächter, Gespräche und laute, zotige Gesänge. Hier in Niewpoort hatten viele Schänken und Bordelle die ganze Nacht hindurch geöffnet, und die Wirte verdienten gut an den vergnügungssüchtigen finsteren Gesellen, die hier im Hafen ein und aus gingen.

Die zierliche Gestalt, die an diesem Morgen am Hafenkai entlang ging, wollte so gar nicht in diese düstere, trostlose Umgebung passen. Es war eine blasse, blonde Frau , die kaum älter als Anfang Zwanzig sein konnte. Das hellblonde, lockige Haar, das ihr bis über die Schultern reichte, hatte sie nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden, der schwarze, breitkrempige Federhut auf ihrem Haupt verbarg den Blick auf ihr bildschönes, ebenmäßiges Gesicht mit den feingeschnittenen Wangenknochen, den großen blaßblauen Augen und den rosigen Lippen. Diese schöne junge Frau kam in Männerkleidung daher, sie trug eine schwarze Hose, und darüber einen schwarzen Leibrock, und über diesem ein Wehrgehänge aus Leder, und darüber einen langen, pechschwarzen Seidenmantel.
Normalerweise wäre eine Frau, die im Hafenviertel von Niewpoort unterwegs war, umgehend von irgendwelchen finsteren Gesellen ihrer Unschuld und dann ihres Lebens beraubt worden, doch dieser jungen Frau, die man hier nur als Justine Burton kannte, drohte keine Gefahr, denn hier kannte und fürchtete man sie. Justine war die Enkeltochter des berüchtigten Piratencaptains Jack Burton, der im Sommer 1640 von der französischen Armee auf hoher See besiegt, gefangengenommen und dann in Frankreich öffentlich hingerichtet worden war.
Justines Mutter Mary war die Tochter des gefürchteten Piratenanführers gewesen, und war vor einigen Jahren zusammen mit ihrer kleinen Tochter spurlos verschwunden, und damals hatte das Gerücht die Runde gemacht, die beiden seien tot. Erst viele Jahre später war eine blonde junge Frau aufgetaucht, die behauptete, jene Justine Burton zu sein, den Anführer einer Piratenbande im Zweikampf tötete, und dann dessen Schiff und Mannschaft übernahm. Und diese Mannschaft war Justine treu ergeben, niemals stellte jemand einen ihrer Befehle in Frage. Justine, die ebenso skrupellos wie ehrgeizig war, kaperte mit ihrer Mannschaft, einer Horde ehr-und gewissenloser Piraten, ein Schiff nach dem anderen. Mittlerweile war sie so zu beträchtlichem Reichtum gelangt, und obwohl auf sie ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war, bekam niemand sie zu fassen, weil sie sich ausgezeichnet darauf verstand, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.
Wenn sie in Frankreich unterwegs war, gab sie sich meist als vornehme adelige Dame aus, und reiste unter Decknamen wie Lady Clarick, Charlotte Backson, Anne de Breuil, Rose de Witt, Mylady de Winter, Marie de Giouli oder Catherina de Toulouse.
Zu Justine Burton wurde sie nur dann, wenn sie sich auf ihrem Schiff, das die Cher Prix genannt hatte, befand und auf den Weltmeeren für Angst und Schrecken sorgte.

Doch nun war sie wieder einmal in Frankreich an Land gegangen, weil sie fand, dass es allmählich Zeit wurde, ihren Plan in die Tat umzusetzen, ihren Schwur, den sie vor vielen Jahren geleistet hatte, zu erfüllen. Unbeeindruckt ging sie an der am Kai liegenden Leiche vorbei, und steuerte zielstrebig das Gasthaus “Zum Goldenen Anker” an, in dem zwei ihrer Piraten sie erwarteten, um ihr Bericht zu erstatten. Sie hoffte inständig, dass die Männer bei ihrer Recherche Erfolg gehabt hatten, denn sie wollte endlich ihren Hunger nach Rache gestillt sehen. Sie wollte die vier Musketiere finden, koste es was es wolle, das hatte sie sich geschworen. Sie wollte ihre Feinde leiden sehen, und dafür war ihr jedes Mittel recht, in ihrem Kopf hatte bereits ein perfider Racheplan Gestalt angenommen.
Hocherhobenen Hauptes, mit einer Haltung, als ob sie die Königin selbst wäre, betrat sie die alles andere als einladend aussehende Spelunke, steuerte den Tisch an, an dem die beiden Piraten saßen, und rümpfte angewidert die Nase, als ihr der Gestank von ungewaschenen Körpern, fauligem Fisch, Urin und Erbrochenem entgegenschlug. Die Schankstube war völlig verdreckt, der Boden sowie alle Tische und Stühle waren fingerdick mit Fett und Staub bedeckt, woran die meisten Gäste hier sich nicht störten.
Die junge Frau verzog angeekelt das Gesicht, als sie sah, wie hier einer der Fischer, die hier ihren kargen Lohn vertranken, in einer Ecke neben dem Kamin seine Blase erleichterte. Die füllige Wirtin, die eine arg verschmutzte Schürze trug und dreckige Hände hatte, rühte in einem über dem Kaminfeuer hängenden großen schwarzen Kessel, in dem eine Fischsuppe gemächlich vor sich hinköchelte, die alles andere als appetitlich aussah, und mindestens ebenso unangenehm roch.
Als die Frau Justine sah, blickte sie rasch zur Seite, und ihre Hände zitterten vor Angst, denn hier in Niewpoort kannte und fürchtete man die junge Piratin, die ihre männlichen Kollegen, was Grausamkeit und Kampfeslust betraf, noch bei weitem übetrumpfte. Viele hier nannten sie, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, “die Teufelin”.

“Verschwinde!”; fuhr Justine ungehalten eine junge Schankmagd an, die mit entblößten Brüsten auf dem Schoß eines der Piraten saß, und laut kicherte, als dieser ihre Brüste knetete. Die Magd, kaum älter als fünfzehn oder sechzehn, blickte sie ängstlich an, denn auch sie hatte schon viele Schauergeschichten über die berüchtigte Justine, genannt die Teufelin, gehört. Schnell wie der Blitz sprang sie vom Schoß des jungen Mannes und suchte das Weite.
“Habt ihr etwas herausgefunden?”; fragte Justine die beiden Piraten während sie sich hinsetzte, und dann nervös mit den Händen auf der verschmutzten Tischplatte zu trommeln begann, “habt Ihr herausfinden können, wo die vier Musketiere heute leben?”
Sie war lange auf hoher See gewesen, und ihre Fahrten hatten sie bis in die Karibik und in die neue Welt geführt, doch nun fand sie, dass es an der Zeit war, an diesen vier Musketieren blutige Rache zu nehmen. Gespannt wartete sie den Bericht ihrer Piraten ab.
“Es sind nur noch drei Musketiere, Captain”, antwortete der Ältere der beiden Piraten, und entblößte beim Grinsen seine nur noch aus blutigen Stümpfen bestehenden Zähne, “einer ist vor zweiJahren gestorben.”
Als Justine das hörte, grinste sie hämisch, und in ihren Augen funkelte der blanke Hass.
“Ausgezeichnet…damit wäre bereits eines meiner Probleme gelöst. Sagt, welcher der vier ist denn tot? Ist es Athos, der Comte de La Fére?”
“Nein es ist Porthos, er starb, weil er sich zusammen mit seinen Freunden gegen den König auflehnte. Der andere, Aramis konnte ins Ausland entkommen, er lebt heute in einem Kloster in Spanien, wo genau dieses Kloster liegt, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen.”
“Und die anderen beiden?”; verlangte Justine zu wissen, “was ist aus dem Gascogner und dem Comte geworden? Speziell mit diesen beiden habe ich noch eine alte Rechnung zu begleichen.”
“d´Artagnan ist in Paris, er ist Hauptmann der Musketiere und lebt bei einer Frau namens Madeleine zur Miete"erwiderte der blonde Pirat eifrig, “und der Comte de La Fére lebt mit seinem Sohn auf einem Gut namens Bragélonne in der Nähe von Blois.”
“Der Comte hat einen Sohn?”, fragte Justine und blickte den Piraten fassungslos an, “wie kann das denn sein? Hat der Comte denn eine Frau? Und wie alt ist der Knabe denn?”
“Der Sohn ist längst erwachsen, im Juli ist er dreißig geworden, Raoul heißt er. Er und der Comte leben mit ihren Dienern alleine auf dem Gut, und nur gelegentlich bekommen sie Besuch von einer älteren, vornehmen Dame, die immer zwei bis drei Tage dort bleibt”; erzählte der ältere Pirat, ein hagerer grauhaariger Mann mit Hakennase, dessen linkes Auge mit einer dunklen Klappe bedeckt war, “ob sie die Mutter des jungen Raouls ist, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.”
Erneut grinste die junge Frau hämisch, und während sie mit den Fingern auf der Tischplatte herumtrommelte, änderte sie ihren Racheplan in Gedanken noch einmal ab. Der Comte hatte also einen Sohn…sie schwor sich, dass sie dafür sorgen würde, dass der junge Mann vor den Augen seines Vaters starb, bevor sie den Comte selbst tötete, sollte er noch spüren, wie weh es tat, einen geliebten Menschen zu verlieren. Ja, sie wollte den Comte leiden sehen, koste es was es wolle.
“Trinkt Euren Rum leer und dann kommt, wir haben eine lange Reise vor uns”; befahl Justine ihren beiden Piraten, “wir reiten jetzt ins Loiretal, und unterwegs erkläre ich euch, was ihr zu tun habt.”
Als sie fünf Minuten später die Spelunke verließen, verzogen sich Justines Lippen erneut zu einem hämischen Lächeln, und ihre Augen funkelten so eisig kalt, dass man davon eine Gänsehaut bekommen konnte, wenn man sie anschaute.

Bragélonne, drei Tage später, Juli 1664

Die dunklen, dichten Wälder rund um Blois boten ein schönes Farbenspiel. Die Baumwipfel verloren sich im endlosen Sommerblau des Himmels, so dass das Geschrei und Gekreisch der Vögel kaum störte. Mit seinem durchsichtigen Blau überragte der Himmel die Eichen, Ulmen und Birken, die dicht gedrängt standen, das Sonnenlicht filterten, und dem Reiter angenehmen Schatten spendeten. Fast jeden Tag ritt Raoul hinaus in die Wäldern, manchmal zur Jagd, aber oft auch nur, um sich auf einer Lichtung niederzulassen, und ein wenig zu lesen oder einfach seinen Gedanken nachzuhängen. Für dieses Jahr hatte Angelique ihm prophezeit, dass er eine Frau aus gutem Hause treffen würde, seine Zukünftige, doch Raoul glaubte nicht so recht daran, dass dies wirklich geschehen könnte. Seit der Geschichte mit Louise war er jungen Frauen gegebenüber eher zurückhaltend und bisher war ihm noch keine begegnet, die sein Herz zum Pochen gebracht hatte, keine, die bei ihm dieses herrliche, unbeschreibliche Kribbeln in der Magengegend verursacht hatte.
An diesem Tag hielt Raoul auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald an, einem seiner Lieblingsplätze, an deren Rand ein kleiner Bach vorbeifloss, und setzte sich in den Schatten einer großen, jahrhundertealten Eiche, um ein wenig zu lesen und vor sich hin  zu träumen. Zur Jagd hatte er heute keine Lust, er wollte einfach nur die Natur genießen und in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Manchmal begleitete sein Vater ihn in den Wald, aber heute war Athos auf dem Gut geblieben, um alles für den morgigen Tag vorzubereiten, an dem sein alter Freund d´Artaganan sie auf Bragélonne besuchen würde. Raoul freute sich darauf schon sehr, denn der Gascogner war für ihn wie ein zweiter Vater, nachdem er mehrere Jahre an seiner Seite auf den Schlachtfeldern Europas verbracht hatte. Bereits gestern hatte er einen Hirsch und mehrere Hasen erlegt, aus denen Grimaud und die Köchin ein Festmahl für den Besuch aus Paris zaubern würden.

Nachdenklich blickte Raoul nach oben in das leuchtend grüne, dichte Blattwerk der Bäume, fragte sich, wie seine Zukunft wohl aussehen würde. Was, wenn er keine Frau fand, die zu ihm passte, die sein Herz berühren konnte? Unter den jungen Adeligen der Umgebung oder in Paris war keine gewesen, die ihm gefallen hatte, keine, in die er sich verliebt hatte. Sein Vater sagte ihm oft, dass er sich Zeit lassen müsse, dass man die Liebe nicht erzwingen könne, doch er glaubte fest an Angeliques Prophezeiung, und war überzeugt, dass es entweder in diesem Jahr, oder aber niemals passieren würde.
Als er dann in der Stille des Waldes, in der außer dem Zwitschern der Vögel, dem Rauschen des Baches und dem Rascheln der Blätter nichts zu hören war, plötzlich einen markerschütternden, gellenden Schrei vernahm, sprang er erschrocken auf, und versuchte auszumachen, aus welcher Richtung der Schrei gekommen war. Eine Frauenstimme, ganz eindeutig. Erneut ein lauter, schriller Schrei, der diesmal noch verzweifelter klang als beim ersten Mal, und außerdem vernahm er das höhnische Gelächter zweier Männer.
Die Schreie mussten von der linken Seite kommen, irgendwo im Gestrüpp hinter dem Bach…es konnte nicht allzu weit sein. Raoul war niemand, der eine Frau in Not im Stich ließ, also rannte er in die Richtung, aus der die verweifelten Hilfeschreie kamen, und als er über den Bach gesprungen war, und sich durch die hohen, leuchtend gelb blühenden Ginsterbüsche dahinter gezwängt hatte, erblickte er eine blonde junge Frau, die von zwei finster aussehenden Männern festgehalten wurde. Einer der Männer, der ältere hatte eine Hakennase und trug eine Augenklappe, der anderer war ein blondes, hageres Bürschchen von höchstens zwanzig Jahren. Die Männer versuchten der sich verzweifelt wehrenden Schönen die Kleider vom Leib zu reißen.
Raoul zog sofort seinen Degen und stellte sich den Männern entgegen.
“Lasst sofort die Frau los, oder ich schicke Euch in die Hölle, in die Ihr gehört!”; fuhr er die Männer an.
“Du glaubst doch nicht etwa, dass wir vor dir Angst haben, Bürschchen?”; meinte der Mann mit der Augenklappe spöttisch lachend, “sieh lieber zu, dass du zu deiner Mutter kommst, damit du dich unter ihren Röcken verstecken kannst, bevor wir noch richtig wütend werden…”

Der tapfere Raoul, der schon auf vielen Schlachtfeldern Europas an der seite von d´Artagnan gekämpft hatte, ließ sich so schnell nicht einschüchtern, mit hoch erhobenem Degen ging er auf die Männer zu, und stach einem von ihnen ohne weitere Warnung in den Arm, damit der Wegelagerer, denn für einen solchen hielt Raoul den Mann, die Frau losließ. Diese Männer würden nicht fair kämpfen, das war Raoul klar, als beide die Frau fallen ließen, die daraufhin ohnmächtig zu Boden glitt, und ihre Degen zogen, um gemeinsam auf ihn loszugehen. Zwei gegen Einen…so kämpfte kein Ehrenmann.
Zum Glück war Raoul ein geübter Fechter, und diese beiden Männer mussten schnell feststellen, dass sie gegen seinen geschickten und schnellen Kampfstil nicht ankamen. Einer der beiden feigen Kerle ergriff bereits nach ein paar Minuten einfach die Flucht und verschwand im dichten Wald, der andere versuchte weiterhin, Raoul beim Fechten in die Enge zu treiben, seinen Bauch oder seine Schultern zu treffen, doch der junge Vicomte parierte so geschickt, dass daran nicht zu denken war. Schon bald zeigte sich, dass der Gegner Raoul nicht gewachsen war, und der Mann rannte ebenfalls in den Wald hinein, nachdem Raoul ihm eine Stichwunde am Arm beigebracht hatte. Raoul verzichtete darauf, ihn zu verfolgen, denn er befürchtete, dass beide Männer ihm irgendwo im dichten Unterholz auflauern und sich gemeinsam auf ihn stürzen könnten.

Nun musste er sich erst einmal um die junge Frau kümmern, die noch immer ohnmächtig am Boden lag. Er holte ein sauberes Taschentuch heraus, tränkte es mit Bachwasser und legte es der Ohnmächtigen behutsam auf die Stirn.
“Könnt Ihr mich hören?”; fragte er, “habt keine Angst, sie können Euch nichts mehr tun, sie sind fort. Alles wird gut.”
Wenig später schlug die Frau leise stöhend die Augen auf, und blickte ihn ängstlich an.
“Wo bin ich?”; fragte sie mit zaghafter Stimme, während ein Zittern durch ihren schmalen, zarten Körper ging, “wer seid Ihr? Gehört Ihr auch zu denen? Was wollt Ihr von mir?”
“Habt keine Angst”; versuchte Raoul die verstörte Frau zu beruhigen, “ich habe die beiden Unholde verjagt, Ihr seid jetzt in Sicherheit. Ich bin Raoul de Bragélonne, und mein Gut ist nicht weit von hier. Ich werde Euch mitnehmen, Ihr könnt gerne bei uns übernachten.”
“Ich bin Maribel de Giouli”; stellte die blauäugige blonde Schönheit sich mit sanfter, melodischer Stimme vor, “diese Männer hat mein Onkel engangiert, sie sollen mich töten, damit er mein Erbe einstreichen kann. Meine Eltern hat er ebenfalls ermorden lassen…ich sah sie sterben, und nur ich konnte fliehen, ich bin den ganzen Weg von der Gascogne hierher geflüchtet, und doch haben sie mich eingeholt..ich hatte solche Angst..ich habe doch niemanden mehr…und mein Onkel hat mein Vermögen..ich weiss nicht, wohin ich jetzt gehen soll..”
Tränen liefen ihr über die zarten, ebenmäßigen Wangen, deren Porzellanteint ihre auffällige Schönheit noch betonte. Sie trug ein an den Rändern mit Gold verziertes Kleid aus roter Seide, was darauf hindeutete, dass es sich um eine Adelige aus gutem Hause handelte.
“Habt keine Angst, alles wird gut, hier seid Ihr in Sicherheit”; meinte Raoul, während er sie tröstend in den Arm nahm, und ihr sanft über den Rücken strich, “Ihr könnt auf meinem Gut bleiben, solange Ihr wollt. Dort wird Euch niemand etwas tun können. Und was Euren Onkel betrifft..mein Vater und ich werden uns für Euch einsetzen, damit das bittere Unrecht, das er an Euren Eltern und an Euch begangen hat, gesühnt wird, und er seine gerechte Strafe erhält.”
“Ich danke Euch, Monsieur Raoul”; hauchte die junge Frau mit schwacher Stimme, “ich hoffe, ich kann Euch Eure Hilfe eines Tages vergelten.”
“Schön gut, das ist doch nicht der Rede wert, das ist doch für einen Ehrenmann selbstverständlich”; winkte Raoul ab, “könnt Ihr laufen, oder soll ich Euch auf mein Pferd setzen?”
“Ich bin auf der Flucht tagelang nur gelaufen und meine Füße tun so weh..ich kann nicht mehr”; meinte die Schöne traurig, “ich wäre Euch sehr dankbar, wenn ich auf dem Pferd sitzen dürfte.”
Und so setzte Raoul Maribel de Giouli auf sein Pferd, und machte sich mit ihr auf den Rückweg nach Bragélonne. Als sie dort waren, wurde die junge Frau wieder ohnmächtig, und er hob sie behutsam vom Pferd, trug sie ins Gutshaus hinein, und legte sie dort auf die mit blauem Samt gepolsterte Couch vor dem Kamin. Als dann sein Vater hereinkam, und dessen Miene sich schlagartig verfinsterte, als er die ohnmächtige Schöne auf der Couch erblickte, verstand Raoul das Verhalten des Vaters nicht, und er verstand auch nicht, warum Athos von ihm verlangte, dass die Frau sofort das Gut zu verlassen habe.
Wieso verhielt sein Vater sich mit einem Mal so merkwürdig? Sonst half er doch immer Menschen die in Not waren.

Athos saß in seinem Schreibzimmer und schrieb gerade einen Brief an Aramis, als er sah, wie Grimaud Raouls Pferd zu den Stallungen brachte. Und so beendete er den Brief, um nach unten zu gehen, und gemeinsam mit Raoul im Salon ein Glas Wein zu trinken, und ein wenig am Kamin zu sitzen.
Doch was er im großen, gemütlichen Salon seines Hauses vorfand, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Raoul kniete vor der großen blauen Couch in der Nähe des wärmenden Kamins und wischte einer bewusstlosen jungen Frau, die ein bordeauxrotes Kleid trug, behutsam den Schweiß von der Stirn. Die blonden Haare, die ebenmäßigen Wangenknochen..diese Frau erinnerte ihn durch und durch an Mylady, und als die junge Schönheit dann die Augen aufschlug, schrie er erschrocken auf, als er in die blassblauen, funkelnden Augen der Mylady blickte.
“Vater..was habt Ihr?”, fragte Raoul ihn, während die Frau ihn einfach nur mit einem ängstlich und naiv wirkenden Blick, den Athos jedoch für gestellt hielt, anblickte.
“Wo habt Ihr diese Frau her, Raoul? Was hat sie hier auf Bragélonne zu suchen? Sie muss das Gut sofort verlassen!”
“Was ist mit Euch los, Vater? So verhaltet Ihr Euch doch sonst nicht…das hier ist Maribel de Giouli. Sie wurde von zwei Männern im Wald überfallen, Männern, die ihr Onkel damit beauftragt hat sie zu töten. Die Arme hat ihre Eltern sterben sehen, denn auch sie ließ ihr Onkel ermordet. Sie ist von der Gascogne bis hierher zu Fuß geflüchtet, und wenn ich nicht gewesen wäre, wäre sie im Wald von diesen Mistkerlen ermordet worden. Warum wollt Ihr sie fortschicken? Sie hat niemanden mehr, sie braucht unsere Hilfe!”
Athos blickte seinen Sohn sehr ernst an.
“Raoul, das da ist Mylady de Winter, meine Frau, von der ich Euch erzählt habe. Jene Frau, die damals mein Leben zerstörte, und die meine Freunde und ich richten mussten, weil sie mehrere Menschen ermordet hat. Sie ist eiskalt und kennt keine Skrupel, sie ist gefährlich, und ich will sie nicht hier auf Bragélonne haben.”
Kopfschüttelnd blickte Raoul seinen Vater an.
“Aber Vater…merkt Ihr denn nicht, wie absurd das ist, was Ihr da behauptet? Ihr und Eure Freunde habt doch damals selbst gesehen, wie der Henker Ihr den Kopf abschlug…also kann Maribel auf keinen Fall diese Mylady sein. Ihr müsst endlich mit Eurer Vergangenheit abschließen, Vater. Maribel ist eine arme, hilflose Frau, die von ihrem skrupellosen Onkel verfolgt wird, und nicht Eure Mylady von damals.”
“Mylady kam zurück, nachdem ich sie gehängt habe”; beharrte Athos, “vielleicht ist sie ein Geschöpf des Teufels, das nicht getötet werden kann….möglich wäre das. Und wenn dem so sein wollte, dann Gnade uns Gott, denn dann sind wir verloren.”

“Es gibt keine Dämonen und ähnliche Geschöpfe der Nacht, Vater”; meinte Raoul, “Maribel mag vielleicht durch Zufall dieser Mylady ein wenig ähneln, aber sie kann es auf keinen Fall sein. Sie ist höchstens zwanzig bis Mitte Zwanzig. Bitte, Vater, Ihr müsst doch einsehen, wie absurd das ist.”
Maribel blickte Athos ängstlich an und meinte dann, mit zaghaft klingender Stimme.
“Ich weiss nichts, was Ihr meint, Monsieur, ich kenne keine Mylady. Ich bin Maribel de Giouli, und ich bange um mein Leben, und habe gehofft, hier bei Euch Schutz vor meinem Onkel zu finden, denn er wird nicht eher Ruhe geben, bis ich tot bin.”
Als sie dann zu weinen anfing, nahm Raoul sie in den Arm, und strich ihr tröstend über den Rücken.
“Keine Angst, Ihr könnt hierbleiben, Maribel”; versicherte er ihr, “mein Vater wird schon noch einsehen, dass Ihr nicht die seid, für die er Euch hält.”
Als Raoul Maribel in den Arm nahm, stand er mit dem Rücken zu Athos, und so sah er nicht, wie Maribel Athos ein hämisches, kaltes Lächeln schenkte, und wie böse ihre Augen funkelten, doch Athos sah es, und in diesem Moment wurde ihm endgültig klar, dass er sich nicht geirrt hatte, und dass Maribel wirklich Mylady sein musste, die gekommen war, um sich zu rächen. Und man konnte sie nicht töten, anscheinend war sie unverwundbar, unsterblich. Und gewiss war sie gekommen, um ihn und Raoul zu töten, und gegen eine unsterbliche Rächerin hatten sie keine Chance.
“Ich bin so durstig”; sagte die junge Frau mit schwacher Stimme, und blickte Raoul bittend an, “holt Ihr mir ein Glas Wasser, Monsieur?”
“Selbstverständlich, Mademoiselle”; meinte Raoul freundlich, “ich bin gleich zurück, und ich bringe Euch auch etwas zu essen mit, nach dem Schreck und der langen Flucht seid Ihr gewiss auch hungrig.”
Nachdem Raoul hinausgegangen und damit außer Hörweite war, richtete die junge Frau ihren Oberkörper auf, und blickte Athos ängstlich an.
“Ich weiss nicht, was oder wen Ihr in mir seht, Monsieur, aber ich bin wirklich nicht die, für die Ihr mich haltet. Ich bin einfach nur eine verängstigte junge Frau, die eine sichere Zuflucht sucht.”
Athos war davon überzeugt, dass diese Angst nur gespielt war, dass es eine ihrer geschickten Maskeraden war. Raoul hatte sie bereits getäuscht, doch mit ihm sollte ihr das nicht gelingen.
“Ich weiss, wer Ihr seid, mir könnt Ihr nichts vormachen, Anne”, sagte er mit düsterer Stimme, “und meinen Sohn bekommt Ihr nicht, da müsst Ihr erst an mir vorbei. Notfalls schicke ich Euch erneut in die Hölle zurück, aus der ihr gekommen seid!”
Als die blasse junge Frau das hörte, fing sie an, kläglich zu schluchzen.
“Ich weiss wirklich nicht, was Ihr von mir wollt….ich kenne keine Anne…was habt Ihr nur gegen mich..ich habe Euch doch nichts getan…”
Athos musterte sie erneut mit finsterem Blick..sie sah genauso aus wie Mylady, ihm liefen aufgrund dieser Ähnlichkeit eiskalte Schauder über den Rücken. Nein, er war sich sicher, nicht verrückt geworden zu sein…er sah in seinen schlimmsten Alpträumen manchmal noch immer Myladys Gesicht, und in diesen Träumen sah es genauso aus wie das Gesicht dieser jungen Frau. Nein, Myladys Gesicht würde er niemals vergessen können, und wenn er hundert Jahre alt würde…es würde ihn auf ewig verfolgen.

Genau in diesem Moment kam Raoul wieder herein, und die junge Frau schluchzte nun noch lauter.
“Was habt Ihr?”; fragte der Vicomte und blickte sie besorgt an, “glaubt mir, Ihr seid hier in Sicherheit.”
“Euer Vater…er macht mir Angst”; klagte die Frau weinend und schmiegte sich an Raoul, “er sagt, ich wäre eine Dämonin, die er in die Hölle zurückschicken will….er ist verrückt…nein, hier kann ich nicht bleiben.”
“Doch Ihr könnt”; erwiderte Raoul und blickte seinen Vater verärgert an, “keine Angst, es wird Euch niemand etwas tun, Ihr steht unter meinem Schutz. Mein Vater meint es nicht böse…Ihr seht nur jemandem, der ihm einmal sehr weh getan hat, ähnlich…aber er wird bald erkennen, dass Ihr nicht die Frau seid, für die er Euch hält. Diese Frau ist seit über dreißig Jahren tot..und er kann noch immer nicht damit abschließen. Ihr bleibt hier, egal was er sagt.”
“Raoul…bitte, hört mir zu”; flehte Athos, “bitte glaubt mir…sie ist es…schaut Euch Ihre linke Schulter an, und Ihr werdet das Schandmal, die eingebrannte Lilie sehen….”
Athos war sich sicher, Raoul damit endgültig davon überzeugen zu können, dass er Recht hatte, und so war er doch sehr irritiert, als die junge Frau sanft lächelte und ihre linke Schulter entblößte.
“Seht Ihr?”; fragte sie Athos freundlich, “da ist keine Lilie…ich hatte nie ein Schandmal…glaubt Ihr mir nun, dass ich nicht die bin, für die Ihr mich haltet?”

Athos liefen eisig kalte Schauder über den Rücken, auf der linken Schulter der Frau war außer makelloser, zarter Haut nichts zu sehen. Wie war das möglich? Hatte er sich womöglich in dieser Frau geirrt, und diese Ähnlichkeit war nichts als ein Zufall? Oder vermochte der Teufel selbst ein Schandmal auszulöschen? Doch wenn er das konnte, warum hatte er Mylady dann nicht schon vorher davon befreit?
Nachdenklich blickte er die junge Frau an. Maribel war zu jung, um Myladys Tochter sein zu können, denn sie war höchstens Anfang Zwanzig, also mindestens zwölf bis vierzehn Jahre nach ihrer Hinrichtung geboren worden. Doch wie sonst ließ sich diese Ähnlichkeit erkennen?
Nein, er wollte diese Frau nicht in seinem Haus haben…doch Raoul würde darauf bestehen dass sie blieb…und er wollte nicht mit seinem Sohn streiten. Allerdings wollte er auch nicht sein Leben in Gefahr bringen, indem er der Frau erlaubte zu bleiben.
Auch ohne Schandmal könnte sie es sein, davon war er überzeugt, sie musste wohl eine Dämonin sein, oder ein ähnliches Wesen der Nacht.
Athos war verzweifelt, und fragte sich, ob es für ihn und Raoul überhaupt noch einen Ausweg gab, oder ob sie bereits rettungslos verloren waren. Am liebsten hätte er Raoul genommen, ihn und sich in eine Kutsche gesetzt, und sofort Bragélonne verlassen. Egal wohin, nur weit weg…notfalls sogar die neue Welt..Hauptsache sie konnte ihn und Raoul nicht finden….
 
 
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