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Chaos Head

von LoveCat
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
15.07.2012
24.12.2016
55
146.051
63
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Dieses Kapitel
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15.07.2012 2.251
 
Hier bin ich nun, liege benommen in einem halbdunklen Zimmer auf einem eisernen Bettgestell. Auf dem Nachtisch stehen ein paar Blumen. Von wem die wohl sind? Vielleicht von Mom. Oder Louis… wo steckt dieser Spinner überhaupt? Wie konnte er mich nur diesem Penner überlassen?!
Ich durchforste mein Gehirn nach einer kleinen, hilfreichen Erinnerung, finde aber nur gellende Leere vor.
Merkwürdig. Vielleicht sollte ich ihn besser  ansimsen und fragen, was genau nach meinem Sturz los war. Automatisch greife ich in meine Hosentaschen, ich meine das würde ich, wenn ich welche gehabt hätte. Meine Jeans ist auf mysteriöse Weise verschwunden, so wie auch mein restliches Zeug. Ungläubig starre ich auf meine Hose. Meine rotkarierte Schlafanzughose. Meines Wissens, besitze ich keine rotkarierte Schlafanzughosen. Überhaupt, trage ich nie kariert.
Benommen steige ich aus dem Bett. Obwohl sich meine Beine wie Pudding anfühlen, hangle ich mich weiter, ins angrenzende Badezimmer. Ich klammere mich ans Waschbecken und werfe einen kurzen Blick auf mein Spiegelbild. Es sieht aus wie immer. Hellbraunes, zugegeben, ziemlich zerzaustes Haar, braune Augen, schmales Gesicht.
Nachdenklich fahre mit den Fingerspitzen über den rauen Verband an meiner Schläfe.
Verdammt, diese Kopfschmerzen bringen mich noch um…
Das plötzliche klopfen an der Tür bringt mich völlig aus dem Konzept, und als ich zurück in mein Bett schwanke, öffnet sich schon die Tür und Dr. Neubauer, mit einem weiteren Arzt im Schlepptau marschiert herein.
„Da bin ich wieder“, sagt der Doktor strahlend und lässt sich neben mein Bett auf einen Stuhl fallen.
„Ich möchte gerne noch ein paar Tests machen, du hast doch nichts dagegen?“
Nur äußerst widerwillig schüttle ich den Kopf. Wann sind wir eigentlich beim du angelangt?
„Sehr schön. Behalte bitte die Bleistiftspitze im Auge, während ich diesen hin und her bewege.“
„Okay“ Brav folge ich seinen Anweisungen.
„Sehr schön“, sagt er erneut und steckt den Stift zurück in seinen Ordner.
„Und jetzt habe ich noch eine klitzekleine Frage: Welchen Tag haben wir?“
Sprachlos starre ich ihn an. „Ähm, Donnerstag?“
„Ich meine natürlich das Datum, mein Lieber.“
Ich überlege kurz. Gestern war der 3te, dann ist heute logischerweise der 4te.
„Der 4. Oktober 2011“
Dr. Neubauer nickt ernst.
„Was?“, blaffe ich ihn jetzt schon fast aggressiv an. Langsam geht er mir echt auf sie Nerven.  „Stimmt was nicht?!“
Mein Blick wandert von einem zum anderen. Ich weiß genau, dass hier etwas nicht stimmen kann.
„Luka, heute ist der 17. Juni 2012.“
Er verzieht keine Miene. Nicht mal ein Blinzeln. Trotzdem muss ich willkürlich anfangen zu lachen.
„Ha, ha. War ja klar. Haben meine lieben Mitstudenten sie dazu angestiftet?“
Deshalb also war Ben auch hier. Wirklich, zum todlachen Leute!
„Ich mache keine Witze“, versichert mir Dr. Neubauer ernst.
„Ja, klar! Wessen Idee war es? Die von Ben oder Mia?“
„Anja“, wendet sich Dr. Neubauer nun an die junge Assistenzärztin.
Diese zieht nun eine Tageszeitung aus ihrem Kittel und hält sie mir unter die Nase.
Zögernd nehme ich sie entgegen.
„Sehen sie sich das Datum an“
17. Juni 2012.
„Hören sie, es kann unmöglich Juni 2012 sein! Ich meine, ich lag doch nicht im Koma oder?!“
„Nein“, versichert mir Neubauer sofort.
„Was ist dann los mit mir?!“
„Nun, es hängt wahrscheinlich damit zusammen, wie sie sich den Kopf gestoßen haben. Wir müssen noch einige Tests machen.“
„Bitte was?“
„Durch den Aufprall, flog ihr Hirn im Schädel herum und dadurch könnte ihr Erinnerungsspeicher Schaden genommen haben.“
„Ich verstehe nur Bahnhof.“
„Du leidest unter Amnesie.“
„Ich leide mit Sicherheit nicht unter Amnesie, und dass“ Ich wedle mit der Zeitung herum. „Beweist gar nichts! Ich meine, ich wüsste es doch, wenn ich unter Amnesie leiden würde!“
Okay, das klingt jetzt sogar in meinen Ohren unlogisch.
„Ich meine…“ Hilflos sehe ich zu meinen Ärzten, die mich sorgenvoll belächeln.
Scheiße. Was mach ich denn jetzt?
Irgendwoher höre ich ein Klopfen, aber es kümmert mich nicht. Jetzt ist ohnehin schon alles egal… Ich leide unter Amnesie.
„Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, haben sie es ihm schon gesagt.“, stellt Bens Stimme trocken fest. Ich blicke kurz auf. Sehe seine dunklen Haare, den athletischen Körper, den sarkastischen Ausdruck in seinen Augen, der mich immer daran erinnert, wie sehr ich diesen Typen verabscheue.
„Kriege ich fünf Minuten mit ihm allein?“
Dr. Neubauer wirft ein Blick in seine Unterlagen.
„Gut, ich schicke später jemanden vorbei, der dich zum CT begleitet.“
Er tätschelt mit kurz die Schulter und schlendert dann wieder samt Anhang hinaus.

„Was willst du eigentlich noch hier?“, blaffe ich Ben an, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen ist.
„Du meine Güte“ Ben lässt sich auf Dr. Neubauers Platz fallen und streicht sich durchs Haar.
„Das kann ja heiter werden…“
Er kratzt sich kurz am Hinterkopf und holt schließlich einmal tief Luft, bevor er beginnt: „Du erinnerst dich also wirklich nicht mehr an die letzten Monate?“
„Nicht, wenn es nach den Ärzten geht. Dann habe ich nämlich Amnesie.“
„Was ist das Erste, was die einfällt, wenn du an mich denkst?“
Verblüfft starre ich ihn an. „Hä? Wie meinst du dass jetzt?“ Auf einmal merke ich, wie mir die Röte ins Gesicht schießt. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Es ist wichtig“, erwidert er leise, aber todernst. „Sag schon.“
„Ähm. Naja, wir sind auf derselben Uni und studieren beide Grafikdesign.“
„Und?“
Und was?!
„Du… bist auch ein echt guter Sportler…?“ Was mache ich hier eigentlich? Wieso muss ich überhaupt mit ihm reden?!
„Wow, das ist alles?“
„Ja“, sage ich eisig. „Was soll ich denn noch sagen? Wir kennen uns praktisch gar nicht.“
„Wir sind zusammen.“
Ach du scheiße, will er etwa mit seiner neuen Freundin angeben? Mir doch egal mit wem er ins Bett geht…
„Du und Mia?“
„Nein. Du und ich.“
„Ja, schon klar. Verarsch mich nur weiter. Mit ‘nem Amnesie Kranken kann man’s ja machen.“
„Ich meine es ernst.“
„Sicher“ Ich verdrehe die Augen und lache, obwohl mir fast zum Heulen zumute ist. Ja, wirklich witzig. Ich wette Matze und Co. Stehen draußen vor der Tür und Lachen sich den Arsch ab.
„Du glaubst mir nicht.“
„Doch, klar!“ Ich versuche nicht verletzt zu klingen, sondern lege stattdessen all meinen Sarkasmus in meine Stimme.
„Dann muss ich wohl deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.“
„Wie?“
Auf einmal spüre ich weiche Lippen auf den meinen. Wie versteinert sitze ich da, während Ben mich an sich zieht und mit der Zunge in meinem Rachen rumstochert.
Okay, nicht gut…
Plötzlich merke ich, wie ein anderes Körperteil ziemlich eindeutig auf seine Berührungen reagiert.
Gar nicht gut!
„Luka!“ Die Tür fliegt auf, und Louis erscheint. Sofort läuft er knallrot an und sieht verlegen auf seine Fußspitzen.
„Tschuldigung, ich wusste nicht…“
In diesem Moment  kommt wieder leben in meinen Körper und ich kann mich aus Bens Griff lösen. Louis, mein bester Freund. Endlich, ich mustere ihn kurz. Für ne Sekunde hab ich schon befürchtet, Louis hätte sich in letzten Monaten auch total verändert, aber nix da. Er wirkt wie immer. Zottliges, schwarzes Haar, müder Blick und ein Fan-T-Shirt irgendeiner unbekannten Band, die nach Louis Musikgeschmack zu schließen, auch sehr wahrscheinlich unbekannt bleiben wird.
„Hey“, begrüßt er mich mit verlegener Stimme und schiebt sich seine Kopfhörer vom Ohr.
„Wieder alles klar?“
Was?! Ist das etwa alles was er dazu zu sagen hat? Ben ist grade über mich hergefallen, natürlich ist nicht wieder alles klar! Im Gegenteil, es ist alles total verwirrend!
„Tja, offensichtlich geht’s dir schon besser“ Hinter Louis steht noch Jemand.
„Matze?“ Der Blonde sah wie immer unverschämt gut aus, er trug ein grünes T-Shirt und Blue-Jeans.
In meinen Kopf fängt alles an sich zu drehen.  Dann merke ich nur noch, wie meine Beine sich automatisch in Bewegung setzen.
„Kann ich mal kurz mit dir reden? Allein!“ Ich warte keine Antwort ab, packe Louis am Arm und schleife ihn mit mir nach draußen auf den Flur.
„Alles in Ordnung?“, fragt Louis vorsichtig hinter mir.
„Ja, alles bestens“, erwidere ich kalt und laufe Barfuß den Flur entlang auf eine Glastür zu, die uns in ein leeres Treppenhaus führt und ich mich dort keuchend auf die erste Stufe setze.
„Scheiße Luka, soll ich einen Arzt holen?“
„Ich brauche keinen verdammten Arzt, sag mir lieber was zur Hölle hier eigentlich ab geht!“
„Was meinst du?“
„Ben hat mich geküsst!“
„Äh…ja?“ Ganz langsam lässt er sich neben mir auf die Treppenstufe sinken.
„Und, findest du das nicht… schräg?“
„Ähm…“ Ich sehe, wie seine blaugrünen Augen wirklich versuchen es zu verstehen.
„Wieso ist das schräg? Ihr seid doch zusammen.“
„Nein“ Entschieden schüttle ich den Kopf. „Sind wir nicht!“
„Ihr habt euch getrennt?!“
Klar, jetzt sieht er total entsetzt aus.
„Nein, ich kann mich von Niemandem trennen, mit dem ich nie zusammen war!“
„Und wieso bist du dann mit ihm zusammengezogen?“
„Ich bin nicht…“ In meinen Kopf macht es auf einmal Klack. „Ich bin was?!“
Louis schreckt kurz zusammen, während ich ihn an den Schultern packe und kräftig durchschüttle.
„Bist du dir absolut sicher, dass ich mit diesem Penner zusammengezogen bin?!“
„Äh…“
„Wieso hast du mich nicht aufgehalten?! Du bist immerhin mein bester Freund!“
„Ich…“
„Typisch, wenn ich dich einmal brauche…!“ Ich sehe in seine völlig verwirrten, überforderten Gesichtsausduck und lasse langsam meine Hände sinken.
„Sorry, ich wollt dich nicht so anfahren…“
„Was waren das grade?“
„Ich… offenbar leide ich ein bisschen unter Amnesie.“
„Du tust was?! Soll das ein Scherz sein?!“ Ihr sieht kurz über seine Schulter, als erwarte er ein Kamerateam, das ihm verkündet er wär in irgend ner Talkshow.
Ich muss leise Lächeln und habe sofort ein schlechtes Gewissen wegen grade.
„Ich kann mich nicht an die letzten acht Monate erinnern.“
Lous klappt die Kinnlade runter. „An gar nichts?“
„An weniger als Null. Was soll ich denn jetzt machen? Hab ich echt was mit Ben angefangen? Aber wieso denn, ich mag ihn nicht mal.“
„Also…“
„Ich meine was soll ich jetzt tun? Ich kann unmöglich mit ihm zusammenwohnen! Hast du was dagegen, wenn ich ne Weile zu dir ziehe?“
„Ehrlich gesagt… Ich meine, reg dich jetzt bloß nicht auf, aber als du zu Ben gezogen bist…“
Ich sehe ihm dabei zu, wie er händeringend nach den passenden Wörtern sucht.
„Ja?“ Skeptisch ziehe ich eine Augenbraue hoch.
„Ich bin vorübergehend bei Matze eingezogen.“
„Wieso das denn?! Sag mir jetzt nicht, dass du mit diesem Playboy liiert bist!“
„Nein, wir sind nicht zusammen. Nicht wirklich.“
„Wie jetzt? Bist du oder bist du nicht?!“
„Vielleicht ein bisschen“
„Man kann nicht mit Jemandem ein bisschen zusammen sein! Immerhin wohnt ihr doch schon zusammen!“
„Nur vorübergehend… bis ich genügend Geld für was Eigenes zusammen hab.“
„Aha.“ Ich kenne Louis Sparmethoden nur zu gut. Sie halten genau einen Monat lang, bis wieder ein neues Videospiel auf dem Markt erscheint und er seine Sparmaßnahmen auf den nächsten Monat schiebt.
„Na toll, dann bleibt mir nur noch meine Mom.“
„Du willst nach Amerika auswandern?“
Verdutzt hebe ich denn Kopf. „Wie bitte, ich will was?“
„Oh, klar du weißt es ja noch gar nicht. Deine Mom ist nach Amerika ausgewandert.“
„Mein Mom“ Ich kann nicht anders, ich tippe mit dem Zeigefinger auf mich selbst. „Ist nach Amerika ausgewandert?“
Meine Mom, Karin Plath ist die größte Reisehasserin die ich kenne. Schon als ich noch ganz klein war und unbedingt nach Disney World wollte, erklärte sie mir mit grummelnder, abgehackter Stimme, das Reisen die reinste Zeitverschwendung sei und wir unser Geld besser anlegen konnten. Daher bin ich als Kind nur in den Osterferien zu meiner Oma an den Bodensee gefahren und hab in den Sommerferien zusammen mit meiner Mom Geld in eine Sparbüchse gesteckt, statt in die Sonne zu fliegen, wie es alle anderen taten. Als Kind fand ich das echt scheiße, aber heute kann ich mir deshalb mein Studium leisten.
Niemals würde diese Frau nach Amerika auswandern.
„Sie hat da Jemanden kennengelernt“, erzählt Louis munter weiter.
„Meine Mutter, ist mit ihrem Lover nach Amerika ausgewandert?“ Meine Mundwinkel beginnen unweigerlich zu zucken.
„Klar, wieso nicht?“ Meine Mom und ein Lover. Diese Frau, die seit zehn Jahren kein Date mehr hatte und nur für die Arbeit lebt.
„Kann ich mal kurz dein Handy haben?“
„Klar“
Ohne nachzudenken suche ich ihre Nummer in der Kontaktliste raus und halte es mir anschließend ans Ohr.
Nach dem zweiten Freizeichen nimmt sie ab.
„Mom?“
„Luka! Alles in Ordnung Schätzchen? Ben hat mich angerufen und mir von deinem Unfall erzählt.“
„Er hat was?!“
„Alles okay? Du klingst so aufgebracht!“
„Ich.. ähm.“ Seltsam, Mom klingt ganz anders als sonst. Besorgt, ja… aber auch irgendwie… glücklich? So fröhlich, ein Schock fährt mir durch die Glieder. Seit wann hat sie so eine Friede, Freude, Eierkuchen-Stimme?
„D-du kennst Ben?“
„Sicher, immerhin ist er dein Freund.“
„Mein Freund“, wiederhole ich tonlos. Sie weiß es. Ich hab mich vor meiner Mom geoutet und sie nimmt es offensichtlich sehr locker auf. Andererseits… was heißt schon Freund? Louis ist auch mein Freund. Genau, bloß keine Missverständnisse aufkommen lassen!
„Schätzchen, bist du noch dran?“
„Du bist in Amerika“, sage ich leise und versuche mir meine Verzweiflung nicht anhören zu lassen, die sich grade in meiner Brust häuslich niederlässt.
„Ja, ich und Ed freuen uns schon wahnsinnig auf dich und Ben, wenn ihr uns in den Semesterferien besuchen kommt. Ihr kommt doch?“
„Äh, sicher.“
Ich kann ihr nicht die Wahrheit sagen. Sie ist glücklich, um alles andere muss ich mich selbst kümmern.
„Ich… Mom ich muss auflegen. Ferngespräch, du verstehst schon.“
„Bye“
„Ja, mach’s gut Mom“
Wortlos reiche ich Louis sein Handy.
„Meine Mom lebt mit ihrem Lover in Amerika, und ich lebe irgendwie mit Ben zusammen?“
Mit zittrigen Händen fahr ich mir übers Gesicht.
„Scheiße, was mach ich denn jetzt?“
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