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Trost, der zur Sünde wird

von Therondir
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Het
Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
14.07.2012
05.08.2012
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14.07.2012 791
 
Aufmerksam schritt der Superista über die finsteren Flure. In der Hand eine Fackel, die ihm den Weg leuchtete. Eigentlich benötigte er sie dafür nicht, denn nach den vielen Wochen, die er jetzt schon Hauptmann der päpstlichen Garde war, kannte er inzwischen jeden Gang und jede Biegung des apostolischen Palastes.
In regelmäßigen Abständen begegneten ihm zwei seiner Wachposten und er nickte ihnen zum nächtlichen Gruß zu.

Es war eine ruhige Nacht. Im ganzen päpstlichen Gemäuer herrschte vollkommene Stille, von dumpfen Schnarchgeräuschen abgesehen. Auch der Wind hatte sein leises Spiel eingestellt und bewegte kein Blatt mehr in den Bäumen und Gewächsen neben dem Kreuzgang.

Nichts schien daran zu erinnern, was vor den Toren des apostolischen Palastes heute Morgen geschehen war. Wie viele Bürger, Edelleute und einfaches Volk gekommen waren, um der Hinrichtung zuzuschauen.
An was Gerold sich allerdings erinnerte, war die bleiche Gesichtsfarbe des Heiligen Vaters, die an diesem Tag noch weißer wirkte, als die bepuderte Haut ohnehin schon war.

Es hat sie gequält, dachte er an die eigentlich so starke Frau unter den päpstlichen Gewändern. Die Frau, die als junges Mädchen nach Dorstadt kam, um an der Domschule unterrichtet zu werden und die ihn damals schon mit ihrem Wissensdurst in ihrer Neugier gefesselt hatte. Unter seinem Schutz war sie zu einer jungen Frau herangewachsen. Zu einer Frau, die in ihrem Geist frei und lebendig war, und in die er sich verliebt hatte. Sogar Richild, die ihm als junger Mann als Eheweib versprochen wurde, wollte er für sie verstoßen.

Und dann hatte er sie verloren, als er fortging, um dem Kriegsruf des Kaisers zu folgen. Er hatte alles verloren. Johanna, seine beiden Töchter, Dhuoda und Gisla. Seine Zukunft und seine Vergangenheit.
Doch inmitten von Zweifel und Hoffnungslosigkeit, in Zeiten, wo er sich sogar in der Schlacht den Tod herbeigesehnt hatte, da hatte er sie wiedergefunden. Die Frau, an die er sein Herz verloren hatte, hatte er in Gewändern eines geistlichen Gelehrten wiedergefunden. Als Johannes Anglicus aus dem Kloster zu Fulda.
Sie war es! Die Frau, die vorgab, ein Mann zu sein und jetzt durch eine göttliche Fügung über die Macht und den Segen der ganzen christlichen Welt verfügte. Und trotzdem hatte sie nichts unternehmen können, um bei Philippus Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Wer schon einmal die gütige Hand ausschlug, hatte jede weitere Milde verwirkt.

Unbewusst war Gerold zwischen den Säulen des Kreuzganges stehen geblieben und schaute zu den Gemächern Seiner Heiligkeit hinauf. Dämmrig flackerte dort noch Licht.

Alles in ihm drängte hinaufzugehen. Er wollte sie sehen, sich vergewissern, dass es ihr gut ging. Und doch würde er vor ihrer Tür weitergehen müssen.

Mit der päpstlichen Tiara hatte sie sich gegen ihn entschieden und ihn fortan nur noch zu ihrem engen Freund und Vertrauten erklärt.

Doch er wollte mehr! Viel mehr!

Er wollte, dass sie gemeinsam Mann und Frau waren. Wie an jenem Abend, als Johanna noch Nomenklator und damit freier war, hinauszugehen, wohin sie wollte.
An jenen Abend, als sie zu den Ufern des Tibers geritten waren und sich dort das erste Mal geliebt hatten.

Es würde das erste und das einzige Mal gewesen sein, dachte Gerold betrübt. Er konnte jetzt nur noch in seinen Träumen und in seinen Erinnerungen so nah bei ihr sein.

Denn jetzt war Johanna Papst und der apostolische Palast ihr Gefängnis. Ein Gefängnis, in dem sie jederzeit entdeckt werden konnten. Die Wände hatten hier Augen und Ohren.

Und ich bin ihr Judas, der sie verraten kann! Waren dann seine bitteren Gedanken.

Ein falsches Wort! Ein falscher Blick!

Er atmete tief durch, um seine Gefühle zu beruhigen, die ihn innerlich zerrissen. Er musste ruhiger werden, sonst wird eine unüberlegte Handlung ihr Verhängnis.

Nicht nur an Sergius‘ Seite war sie in Gefahr. Sie ist es jetzt auch an der meinen!

Damit wand er seinen Blick von Johannas Fenster ab und ging weiter die Flure entlang.

Mit klopfenden Herzen kam Gerold dann an die Tür zu der päpstlichen Kermenate und ging vorbei. Wie schmerzlich es bluten kann, wenn man wirklich liebt. Bei Richild und auch bei keiner anderen Frau, die er besaß, hatte er jemals so etwas verspürt.
Aber ihn erfüllte auch grimmiger Stolz, dass er dieser Versuchung wieder einmal widerstanden hatte.

Plötzlich hörte er nur wenige Schritte hinter sich die Tür öffnen und drehte sich erstaunt um. Im dämmrigen Licht aus ihrem Gemach stand Johanna. Als hätte sie auf ihn gewartet.

„H… Heiligkeit“, brachte Gerold heraus. Seine Mundwinkel drohten durch die päpstliche Anrede stets verräterisch zu zucken. Sah er doch in dem Papst immer nur seine Johanna.

„Hättet Ihr einen Moment, Superista?“, fragte Johanna ihn und er stellte fest, dass ihr diese Förmlichkeiten zu ihm viel leichter über die Lippen kamen.

„Immer, wenn Ihr es wünscht, Heiligkeit.“

Er folgte ihr in die Kermenate und schloss die Tür.


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