Trost, der zur Sünde wird

von Therondir
GeschichteRomanze / P12
Johanna von Ingelheim Markgraf Gerold
14.07.2012
05.08.2012
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14.07.2012 900
 
Inhalt: Johanna muss erkennen, dass sie in ihrem Pontifikat auch grausame Urteile fällen muss und Gott scheint sie in ihrem Kummer nicht hören zu wollen. Doch es gibt es im apostolischen Palast Jemanden, der sie versteht und der ihr auf weltliche Weise Trost spendet.

Disclaimer: Ich verneine jegliches Recht und Besitzansprüche der vorkommenden Charaktere und Situationen

Rating: ab 12

Genre: Romanze

Charaktere: Johanna und Gerold



Trost, der zur Sünde wird

Im Kerzenlicht beugte sich Papst Johannes Anglicus über Pergamente und Urkunden. Doch das Oberhaupt der Christenheit konnte den kirchlichen Schriften nicht die Aufmerksamkeit widmen, wie erwünscht. Schwere Gedanken hingen in der Luft und ließen sich nicht vertreiben.
Auch der junge Kammerdiener des Papstes, Senestinus, bemerkte, dass sein Herr sich mit etwas herumplagte. Aber was konnte ein Kammerdiener schon tun? Wie immer brachte er Seiner Heiligkeit das Nachtmahl, obwohl er wusste, dass Johannes Anglicus die Speisen nur spärlich anrühren würde. Dieser Papst neigte nicht zur Völlerei wie damals Papst Sergius. Schließlich hatte er lange Zeit als frommer Bruder in einem Kloster gelebt, bevor er als Pilger und Heilkundiger in die Ewige Stadt kam.

„Ich danke dir, Senestinus“, sagte Johannes Anglicus ohne von seinen Pergamenten aufzuschauen. „Du darfst dich entfernen. Heute Nacht werde ich dich nicht mehr brauchen.“

Gehorsam nickte Senestinus, schloss die Tür zu den päpstlichen Gemächern hinter sich und verschwand in den dunklen Gängen des apostolischen Palastes.

Jetzt endlich wagte es der Papst, sich erschöpft über das Gesicht zu fahren. Die Hände waren geprägt von der jahrelangen Arbeit im Kloster, doch waren sie schlanker und zierlicher als die vieler andere Männer.
Die Gesichtszüge waren markant und trotzdem hatte nie ein Rasiermesser die weiche Haut am Kinn berührt. Denn unter den kostbaren Gewändern aus Samt und Seide steckte der Körper einer Frau. Johannes Anglicus hieß in Wirklichkeit Johanna von Ingelheim. Eine Frau, die sich als junges Mädchen als Jungen ausgegeben hatte, um in die Bruderschaft des Klosters zu Fulda aufgenommen zu werden.
Alles, um den Zwängen einer Heirat zu entgehen und sich ihren Wünsch nach Wissen und Lehren zu erfüllen.
Von dort aus hatte der Herr ihre Wege von Fulda nach Rom geführt und sie in der Mönchskutte vom Leibarzt des Papstes, zum Nomenklator bis auf den Heiligen Stuhl Petri geleitet.

Bisher hatte sie diese Fügung als großes Geschenk und als Aufforderung gesehen, ihre Kräfte weiterhin für Gutes einzusetzen. Und für Neues, damit alte, unsinnige und ungerechte Sitten in der Kirche verschwanden.
Doch seit heute sah sie das Amt des Papstes auch als ein Kreuz, das schwer auf ihren Schultern wog.

Heute Morgen hatte sie mit ihrem Siegelring eine Unterschrift unter einem Pergament gesetzt, dass das Todesurteil für einen Menschen bedeutete. Den Namen des Verurteilten würde sie nie mehr aus ihrem Gedächtnis bannen können. Er schien ihr, wie eingebrannt.

Philippus hieß der Delinquent und er stand schon einmal wegen Betrugs vor dem Gericht von Rom. Damals hatte ihn Papst Sergius auf Anraten Johannas begnadigt, anstatt das geforderte Urteil, ihm die Zunge herauszuschneiden, zu verhängen.
Es sollte ein Zeichen der Milde und der Wille des Herrn sein, dass Philippus zu den aufrichtigen Bürgern Roms zurückfand.

Doch dann hatte ihr vor wenigen Tagen Anastasius dieses Pergament zukommen lassen, in denen Philippus des Pferdediebstahls bezichtigt wurde. Ein Verbrechen, worauf der Tod stand.

Er wollte mir damit meine Fehlbarkeit und Schwäche aufzeigen und mich bloßstellen, dachte Johanna erzürnt. Doch das traf sie nicht so tief, wie die Tatsache, dass sie den Tod eines Menschen selbst befehlen musste.
Sie hatte bereits Menschen sterben sehen und erinnerte sich nur unter Schaudern an den Überfall der Normannen in Dorstadt. Alle, die in der Kirche waren, hatten dort ihr blutiges Grab gefunden. Alle bis auf sie. Die Wehmutter Hrotrud aus ihrem Heimatdorf war verurteilt und einer Wasserprobe unterzogen worden und kläglich als unschuldige Frau ertrunken.
Von Benedikts Urteil, Papst Sergius‘ Bruder, der des Diebstahls und Verrats am Heiligen Stuhl überführt wurde und dem dafür die Hände abgehackt wurden, hatte sie nur gehört. Er war an seinen Verstümmelungen und dem großen Blutverlust gestorben.

Doch es war etwas anderes, als junges Mädchen unschuldig diese Gräueltat mitanzusehen, als wenn sie als oberster Herrscher eine Hinrichtung zu befehlen hatte. Sie fühlte sich, wie von Philippus Blut besudelt. Als klebte es immer noch an ihr.

Die Bilder von diesem Morgen stiegen wieder in ihr hoch und mit einem Seufzen rieb sich Johanna über die Augen. Jedoch konnte sie sie nicht vertreiben.

Ihr Superista, Gerold, der Hauptmann der päpstlichen Garde hatte ihr zu einem Tod durch das Schwert geraten. Richtig ausgeführt ging der Todesstreich kurz und ohne lange Leiden, als wenn der Verurteilte aufgehängt wurde und langsam erstickte, wie es eigentlich für Pferdediebe vorgesehen war. Doch Johanna wollte, wenn sie verurteilen musste, eine schnelle Vollstreckung.

Jetzt war es geschehen und sie fühlte sich so elend wie nie. So hilflos und so beschämt. Wenn sie betete und dem Allmächtigen von ihrem Kummer erzählte, schien er sie nicht zu hören. Er blieb stumm und ließ sie allein.

Obwohl ein Feuer in ihrem Kamin knisterte, fröstelte Johanna und zog sich die Gewänder enger um die Schultern. Sie hatte sich lange nicht mehr so verloren gefühlt und sie konnte sich niemanden anvertrauen… Niemanden außer…

… Außer vielleicht dem einzigen Menschen, von dem sie glaubte, er vermochte ihr mit seinen tiefblauen Augen direkt ins Herz zu blicken.

Zögernd lehnte sich Johanna auf ihrem Schreibtischstuhl zurück und schaute zur Tür ihres Gemachs.

Irgendwo dahinter, in den Gängen des Palastes, weilte er.


***
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