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Sweet Amoris (with OC)

von susu-sama
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Lysander
14.07.2012
18.09.2012
14
56.512
 
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14.07.2012 7.461
 
Der Rest der Woche verlief für mich erst mal nicht so toll. Castiel wurde immer aufdringlicher, besonders immer dann, wenn ein gewisser blonder Schülersprecher in der Nähe war. Zudem war Lysander seit zwei Tagen schon ziemlich merkwürdig drauf und er schien auch ein wenig verstimmt. Er hatte schon öfters jetzt gesehen, wie Castiel andauernd an mir rumhing, den Arm um mich legte oder mich auf die Wange küssen wollte. Ich versuchte zwar jedes Mal mich irgendwie aus den Armen des Rothaarigen zu befreien, aber es gelang mir kaum. Sein Griff war fest wie ein Schraubzwinger.
Was mir aber selbst zu schaffen machte, war, dass Lysander, wenn er es wieder einmal mitbekam und mitansah, gar nichts machte oder sagte. Er schien nach außen hin nicht einmal eifersüchtig zu sei, als ob es ihm egal wäre, ob sein Freund von einem anderem Kerl umarmt wurde oder nicht. Auch hatten wir beide kaum noch etwas miteinander unternommen. Und das alles nach nicht einmal einer Woche Beziehung.
Bald konnte ich aber selbst nicht mehr mit ansehen, dass Lysander keinerlei Gefühlsregung zeigte in der Schule zeigte, auch wenn wir ausgemacht hatten, es hier geheim zu halten. Würde ein anderer Lysander so befallen, würde ich zum Berserker werden. Wenn ich eifersüchtig war, dann aber richtig.
Am Freitagmittag war kurzfristig wegen einer Lehrerkonferenz die letzte Stunde ausgefallen. Ich wartete auf dem Gang auf Lysander, da wir kurz vorher gesimst hatten, dass wir uns noch kurz treffen würden.
Mir war allerdings ein wenig mulmig zu mute. In der Pause hing abermals Castiel an mir und diesmal hatte ich ihn auch einfach mal fest umarmt, weswegen er mich schlussendlich die ganze Pause lang nicht mehr losgelassen hatte. Eigentlich wollte ich Lysander nur dazu bringen, seine Eifersucht mal zu seigen. Zumindest dachte ich, dass er doch eifersüchtig sein müsste. Dass es stattdessen jemand anderen in Rage gebracht hatte, erfuhr ich erst einen Moment später.
Der Schulflur war leer, weil alle Schüler aufgrund der Konferenz früher aushatten und schon gegangen waren. Dementsprechend leise war es hier. Ich blickte auf, als eben diese Stille ein paar hastige Schritte unterbrachen. Allerdings gehörten die Schritte nicht zu demjenigen, den ich erhofft hatte.
Nathaniel ging relativ zügig in meine Richtung, was mich erst stutzen ließ. Ich dachte erst, er wolle ins Zimmer der Schülervertretung gehen, aber stattdessen kam er genau auf mich zu.
Ehe ich’s mir versah, hatte er meine Schultern gepackt und diese gegen die Wand hinter mir gedrückt. Perplex blickte ich in das ungewohnt wütende Gesicht des Blonden.
Wir hatten zwar nie sonderlich etwas miteinander zu tun gehabt, aber warum er sich gerade aggressiv mir gegenüber verhielt, war mir ein Rätsel. Ein wenig erschrocken blickte ich ihn an und wusste gar nicht, was ich jetzt tun oder sagen wollte. Nathaniel sah mit diesem wütenden und gleichzeitig irgendwie verletzten Ausdruck so ganz anders aus als sonst.
Der Schülersprecher sprach bis jetzt kein einziges Wort, er sah mich einfach nur an und drückte mich weiter gegen die Wand und hob mich sogar ein Stück nach oben, da er sich mit den Fingern in den Stoff um meine Schultern gekrallt hatte. Kleiner als er war ich auch noch, was allerdings kein Wunder war.
Erst nach einigen Momenten schien Nathaniel gewillt, etwas zu sagen.
»Du hast doch was mit Castiel, oder?«, fragte der Blonde unverblümt und mit lauter, vor unterdrückter Wut und Verzweiflung geschwängerter Stimme. Sein Blick war starr und kalt, aber ich erkannte, dass er den Tränen nahe war.
Mit großen, verwirrten und auch leicht eingeschüchterten Augen blickte ich ihn an. Seinem Blick konnte ich damit nicht länger Stand halten und ich schaute zur Seite. Genau in die Seite des Flurs, in welche meine Augen gewandert waren, stand Lysander. Wie angewurzelt sah er zu uns rüber, bevor er sich losriss und uns den Rücken zudrehte. Hatte er diese Frage gerade gehört? Und er schenkte dieser doch etwa keinen Glauben?
»Lysander.«, wollte ich rufen, aber heraus kam nur ein leises Flüstern. Der Weißhaarige hätte es eh nicht mehr gehört, da er einfach aus dem Flur verschwunden war.
Jetzt war ich es, dem beinahe die Tränen kamen.
»Shit….«, murmelte ich aber dabei, was nun Nathaniel zum Stutzen brachte. Der Blonde ließ mich mit verirrtem Blick schließlich los und ging einen Schritt auf Abstand. Ich musste mich erst einmal sammeln, bevor ich irgendetwas tun konnte.
»Das ist alles deine Schuld!«, schnauzte ich einen kurzen Moment später allerdings unseren Schülersprecher an, der aufgrund meiner Lautstärke noch etwas zurückwich. Lysander hatte das alles gehört und hatte es geglaubt. Tränen glitzerten in meinen Augenwinkeln. Kein Wunder, nachdem wie ich mich heute in der Pause benommen hatte. Ich war mit Lysander zusammen und umarmte einfach so vor seinen Augen einen anderen.
Den Schulflur entlang rannte ich raus und wäre beinahe gegen die Tür gelaufen. Diese verdammte Tür ging auch immer in die falsche Richtung auf.
Als ich auf den Schulhof taumelte, sah ich dort Castiel, diesen Elenden, rauchend an einem Baum lehnen.
»Ich hasse dich!«, schrie ich ihn an, bevor ich weiterrannte. Der Rothaarige blickte mir zwar noch irritiert hinterher, aber ich ignorierte es. Ich wollte nur noch nach Hause und mit Lysander reden, dass es nicht so war, wie es sich angehört hatte.
>Nicht weinen. Das wird bestimmt wieder gut. Du bist gleich daheim, dann rufst du ihn. Jetzt bloß nicht heulen!<, ermahnte ich mich rennend in Gedanken, während Tränen meine Wangen hinab kullerten.

Irgendwie hatte ich schließlich meine Wohnung erreicht, wo ich meine Schultasche erst mal in die Ecke schleuderte. Die Leute auf dem Heimweg hatten mich schon komisch angesehen, aber ich hatte sie einfach ignoriert.
Auf der Couch sitzend versuchte ich nun, ruhig zu atmen, um mich zu beruhigen. Ein und aus, und wieder ein und aus. Ein paar Mal wiederholte ich das das, während meine zitternde Hand mein Handy umklammerte. Ich war zwar, wie ich wusste, ziemlich nahe am Wasser gebaut, aber selbst diese Kleinigkeit hatte mich verdammt zum Heulen gebracht.
Ich musste Lysander jetzt aber anrufen. Er durfte das Ganze nicht falsch verstehen und ich musste es ihm erklären. Wir konnten doch nach diesen wenigen Tagen Beziehung unseren ersten streit anfangen. Dabei waren wir doch so ineinander verliebt.
Noch immer zitterte meine Hand, während ich Lysander aus meinen Kontakten auswählte und seine Nummer anrief. Es tutete zweimal, bis er abnahm.
»Lucio?«, hörte ich seine sanfte Stimme, da ich keine Begrüßung geäußert hatte. Statt der Worte flossen nur wieder die Tränen. »Ich…«, begann ich, brach aber schluchzend wieder ab. Ich fand einfach keine Worte, obwohl ich mir schon ein paar Sätze zusammengewurschtelt hatte.
»Weinst du?«, sprach Lysander fragend zu mir und der sanfte, beunruhigte Tonfall ließ meine Tränen erst recht nicht versiegen.
»Es tut mir leid. Es ist nicht so, wie Lysander gesagt… gefragt… was auch immer hatte. Ich hab nichts mit Castiel. Er ist in letzter Zeit nur einfach so aufdringlich. Ich will nichts von ihm. Ich will doch nur dich.«, platzte es schließlich wie ein Wasserfall aus mir heraus. Es herrschte kurz Schweigen, sodass ich dachte, Lysander hatte gar nicht alles verstanden, da ich so schnell geredet hatte. Noch einmal schluchzte ich; Unterdrücken konnte ich es einfach nicht.
»Verstehe.«, kam es schließlich von dem Weißhaarigen. Danach schwieg er wieder. Mehr hatte er nicht zu sagen? Ich verzweifelte immer mehr. Da hatten wir uns schon gefunden und ich machte alles kaputt. Ich gab mir die komplette schuld, denn immerhin war ich es, der Castiel nicht hartnäckig genug abgewiesen hatte und meinen eigenen freund mit ihm eifersüchtig machen wollte. Ich allein war schuld. Nicht Castiel, der überhaupt damit angefangen hatte; Nicht Nathaniel, der unbegründet sauer auf mich war, nur allein….
»Lucio? Bist du noch dran?«, unterbrach mich Lysander aus meinen Gedanken. Ich nickte, bis ich merkte, dass man es durch den Hörer ja gar nicht sehen konnte. Ein leises »Ja..«, gab ich deswegen von mir. Was sollte ich denn sonst sagen?
»Und da ist wirklich nichts dran, mit dieser Geschichte mit Castiel?«, fragte mich abermals mein Gesprächspartner vorsichtig. Man konnte seiner Stimme schon anhören, dass das ganze auch ihm nahe ging.
»Nein, natürlich nicht! Ich will dich, nicht Castiel. Und es tut mir leid. Ich habe ihn heute nur aus Spaß umarmt, das war nicht ernst gemeint. Und warum Nathaniel so ausgeflippt ist, weiß ich auch nicht. Es tut mir wirklich furchtbar leid.« Meine Worte prasselten abermals nur so dahin, obwohl ich mich eigentlich ruhig noch einmal entschuldigen wollte, damit er mir auch glauben würde.
»Okay.«, kam Lysanders beruhigt klingende Stimme zurück. »Dann hatte Luna also Recht gehabt.« hörte ich ihn noch leise murmeln, was mich zum Stirnrunzeln brachte. Was hatte Luna jetzt auf einmal damit zu tun?
Meine Tränen waren mittlerweile versiegt, aber ich fühlte mich dennoch unwohl. Schon wieder herrschte schweigen am Telephon. Ich wusste ja mittlerweile, dass Lysander nicht gern telephonierte, aber ich hatte ihn einfach anrufen müssen. Anders hätte ich mich nicht erklären können.
»Hast du morgen Abend schon was vor?«, fragte Lysander plötzlich, was mich überrascht aufhorchen lies. »Magst du vielleicht mit mir ins Kino gehen?«
Diese Frage brachte mein Herz erst zum Stocken, dann zum Rasen. Hatte er das gerade wirklich gefragt? Hatte er mir damit verziehen? Und.. war das nicht wie eine Einladung zu einem richtigen Date?
Statt durch Tränen wurden meine Augen nun durch Vorfreude zum Funkeln gebracht.
Konnte jetzt so schnell alles wieder gut zwischen uns werden? Ich hoffte es zutiefst. Und ich würde alles dafür tun, dass er mir auch wirklich verzeihen würde. Jede Kleinigkeit, was passiert war, würde ich ihm erzählen und erklären. Alles.
»Ja, Ja! Natürlich mag ich.«, antwortete ich mit freudiger, erwartungsvoller Stimme.

Es war alles wieder gut! Ich war so verdammt glücklich darüber.
Den ganzen Abend über hatte ich mit Lysander auf einer Internetseite, auf welcher wir beide angemeldet hatten, gechattet. Wenn er nicht reden musste, konnte er ja ganz schön gesprächig sein. Beim Chatten schrieb er teilweise halbe Romane und konnte sich ehrlicher ausdrücken, als wenn man ihm persönlich gegenüber stehe. Ich verstand ihn sogar irgendwie besser, da er seine Gefühle wesentlich besser beschreiben konnte. Auch mir fiel es leichter, mich noch einmal sachlich zu entschuldigen und meine Lage zu erklären. Ab sofort würde ich bestimmt öfters mit ihm schreiben. Außerdem hatte Lysander auf der Internetseite ein absolut heißes, gestochen scharfes Profilbild und wir beide hatten auch gleich unseren Beziehungsstatus geändert. Somit konnte ich mich richtig auf unser Date freuen.
Wer gedacht hatte, ich hätte in der Nacht auf Samstag viel geschlafen, der irrte. Zum Schlafen war ich viel zu aufgeregt und zu nervös. Dementsprechend früh stand ich auf, obwohl ich total übermüdet war. Fast eine ganze Kanne Kaffee trank ich alleine, damit die Müdigkeit irgendwie zu verdrängen war.
Die meiste Zeit verbrachte ich damit, mir zu überlegen, was ich anziehen solle. Mein Styling nahm auch mehr Zeit in Anspruch als üblich, aber das war es mir wert. Immerhin wollte ich für meinen Freund gut aussehen, und da gab ich mir damit eben Mühe.
Trotz dass ich so lange brauchte, mich fertig zu machen, war ich im Endeffekt verdammt früh dran. Wir hatten uns um 18 Uhr an einer großen Statue auf dem Marktplatz in der Stadt verabredet, der Film fing gegen 19:30 Uhr an. Und jetzt war es gerade einmal 17:30 Uhr.
Ich versuchte, mich auf dem Weg zum Treffpunkt nicht zu sehr zu beeilen. Zu nervös war ich allerdings, als dass ich noch langsamer machen konnte. In jedem Schaufenster, an dem ich vorbei lief, überprüfte ich mein Aussehen und ob meine sorgfältig hergerichtete Frisur noch saß. An einem Schaufenster, das mich so spiegelte, dass ich mich ganz darin sah, betrachtete ich mich nochmals von oben bis unten. Ich trug eine weite Hose mit langem Schlag, darunter Stiefel, die mich durch ein durchgehendes Plateau zumindest ein paar wenige Zentimeter größer machten. Über der Hose hatte ich ein engeres, einfaches Top an, dazu Armstulpen mit Nieten. Natürlich alles in schwarz. Lediglich der silberne Anhänger meiner Kette, die ich um den Arm trug, und ein paar andere silberne Applikationen hoben sich von dem schwarzen Stoff ab.
Und verdammt, war ich aufgeregt.
Trotz des ausgiebigen Checks meines Aussehens, hatte ich noch so viel Zeit übrig. Ich beschloß aber trotzdem, schon einmal zum ausgemachten Treffpunkt zu gehen.
Als die Statue, die auf einer offenen, weiten Fläche, auf der sich noch relativ viele Menschen tummelten, in Sichtweite kam, überraschte mich etwas. Unter dem Denkmal stachen weiße Haare über einem schwarzen, verzierten Mantel hervor. Ich begann zu rennen und hatte somit ziemlich schnell den Platz überquert, wobei ich einigen Menschen ausweichen musste, damit ich sie nicht umrannte.
»Lysander.«, rief ich leise aus, als ich ihn beinahe erreicht hatte. Getäuscht hatte ich mich nicht, so weiße Haare hatte nur er.
Lysander begrüßte mich mit einem warmen Lächeln, von welchem ich den Blick kaum wieder lösen konnte. Er war doch einfach nur zum dahin schmelzen.
»Du bist früh.«, meinte er schließlich mit einem leichten Schmunzeln in der Stimme, da ich ihn noch immer wie gebannt ansah. Dass er noch vor mir da war, betonte ich allerdings nicht.
Ich lächelte übers ganze Gesicht, als wir uns nun kurz umarmten. Zwar dauerte die Berührung nur einen kurzen Moment lange, aber sie reichte aus, um mein Herz zum Rasen zu bringen.
Hoffentlich gab es hier irgendwo noch ein ungestörtes Eckchen oder eine unbelebte Seitengasse.
Ein kurzes, verlegenes Schweigen herrschte, in dem wir uns lächelnd ansahen.
Wie auf Kommando gingen wir irgendwann aber einfach los, spazierten nebeneinander ohne festes Ziel her. Anscheinend wollten wir beide weg von dieser Menschenmasse auf dem Marktplatz. Mir war das nur Recht.
Dass wir vor dem Kino noch etwas essen gehen würde, hatten wir im Chat schon ausgemacht, sodass es leicht war, auch gleich ein Gespräch anzufangen.
»Was willst du essen?«, fragte ich ihn dann auch gleich, während ich ihn von der Seite ansah. Hoffentlich wollte er nicht wieder in irgendein teures Lokal gehen, aber selbst wenn, hatte ich diesmal vorgesorgt und genügend Geld eingesteckt. Im Fall der Fälle wäre ich dann eben fast pleite.
»Ist mir relativ egal. Was magst du denn?«, erwiderte Lysander fragend. Auch er sah mich dabei an. Am Liebsten würde ich ihn jetzt sofort küssen, aber so in der Öffentlichkeit würde er das bestimmt nicht wollen. Ich musste mich also noch gedulden.
»Mir ist es auch egal.«, antwortete ich schmunzelnd, woraufhin ich kurz nach oben zum Himmel sah. Dieser war noch tiefblau und nicht viele Wolken waren dort oben zu sehen. Im Sommer blieb es eben dann und wann noch so lange hell.
»Wollen wir das Wetter noch ausnutzen und uns irgendwo was zum Mitnehmen holen und noch irgendwo hinsetzen?«, schlug ich nun vor. Lysander schien meine Idee gut zu finden und zu nicken.
»Und an was hast du gedacht?«, fragte er noch.
»Pizza!« Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

Es roch so verdammt gut nach frisch gebackener Pizza.
Lysander und ich hatten den Weg zu einer Art Imbiss eingeschlagen, von welchem Luna mir mal erzählt hatte. Sie meinte, es gebe hier eine der besten Pizzen in der ganzen Stadt. Und ich als Pizza-Liebhaber musste das natürlich ausprobieren. Lysander war damit im Endeffekt auch einverstanden gewesen. Der Laden war bis auf uns beide leer, aber so lecker, wie es hier roch, würden bestimmt bald mehr Gäste angelockt werden.
Der Mann hinter der Theke hatte uns den Rücken zugewandt, da er sich um das Essen kümmerte. Das war jetzt endlich meine Gelegenheit. Ich zupfte leicht an Lysanders Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Als er lächelnd zu mir blickte, beugte ich mich zu ihm hoch, um ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen zu geben. Der Weißhaarige erwiderte, wenn auch nur ganz kurz und er schob mich ein paar Sekunden später auch wieder von sich.
>Menno.«, dachte ich mir, als sich der italienische Pizzabäcker wieder zu uns umdrehte und zwei leere Pizzakartons bereit stellte. Lysander lächelte mir daraufhin entschuldigend zu. Aber wenigstens hatte ich seine Lippen noch einen kleinen Moment lang spüren können.
Als ich allerdings eine Sekunde lang abwesend war, war Lys an die Theke und damit an die Kasse herangetreten und bezahlte die nun fertigen Pizzen. Ich murrte. Er sollte wirklich nicht alles für mich bezahlen, da fühlte ich mich nur schlecht.
Mit je einem Pizzakarton in der Hand machten wir uns schließlich auf den Weg zu einem nahegelegenen Brunnen. Ich meinte zwar zu meinem Freund, ich würde ihm das Geld für die Pizza geben, aber lehnte dies partout ab. Dass er mich einlud, war zwar süß von ihm, aber ich musste mich dafür doch auch revanchieren.
Als wir den groß angelegten Brunnen, der allerdings außer Betrieb war, erreicht hatten, setzten wir uns auf dessen dicken Rand. Bis ich den ersten Bissen Pizza nahm dauerte es nicht lange. Und Luna hatte recht behalten, als sie einmal zu mir meinte, dieser kleine, italienische Pizza backe (oder buk? Der Konjunktiv von backen ist komisch o.o einigen wir uns vielleicht auf ‚würde….. backen‘) absolut göttliche Pizza.
Während dem Essen lugte ich zu Lysander rüber. Er hatte eine Pizza mit Spinat und Spiegelei, ich eine Salamipizza. Als er meinen Blick bemerkte, hob er mir das Stück, an dem er gerade abgebissen hatte, vor die Nase.
»Willst du probieren?«, fragte er mich mit einem Lächeln.
Ich nickte und biss ein Stück von seiner Pizza ab. Spinat war nicht wirklich mein Fall, aber irgendwie schmeckte es. Und galt das Abbeißen an der gleichen Stelle auch als indirekter Kuss?
Natürlich bot ich ihm auch gleich einen Bissen von meiner Pizza an. Es war total süß zu sehen, wie Lysander von dem Stückchen abbiss, das ich in meiner Hand hielt.
Als er kaute klebte ihm ein Klecks Tomatensauce am Mundwinkel. Dem konnte ich nun wirklich nicht widerstehen! Ich beugte meinen Kopf zu ihm rüber und leckte ihm schnell den Tomatenklecks vom Mundwinkel. Als er mit leicht geweiteten Augen zu mir sah, waren seine Wangen leicht gerötet. Zu süß! Endlich jemand, der auch selbst mal rot wurde.
Das Schweigen, das nun herrschte, war ausnahmsweise angenehm. Es war eine verlegene Stille und außerdem waren wir beide ja am Essen.
Mit meiner Pizza war ich als erstes fertig und ich klappte den Deckel zu. Anschließend lehnte ich mich einfach mal an Lysanders Seite, der dies sogar zuließ. Der Weißhaarige hatte noch mit seinem letzten Stück zu kämpfen, stopfte es dann aber auch in sich rein. Wenn es um mein Lieblingsessen ging, aß ich es unter allen Umständen bis aufs letzte Stück auf. Dass ich durch das viele Fast Food, das ich oft zu essen pflegte, nicht zunahm, war dazu ein positiver Nebeneffekt.
Wieder blickte ich Lysander an, als auch er den Pizzakarton zugeklappt hatte. Als er seinen Kopf nun auch in meine Richtung drehte, kreuzten sich unsere Blicke.
Fasziniert schaute ich in seine verschiedenfarbigen Augen. Mir war bisher noch niemand begegnet, der von Natur aus verschiedene Augenfarben hatte, da war Lys eben etwas ganz Spezielles.
Tief schauten wir uns in die Augen, da keiner von uns beiden den Blickkontakt abbrechen wollte. Ein glückliches Lächeln hatte sich auf meine Züge geschlichen und ehe ich’s mir versah, lagen meine Lippen auf Lysanders. Der Kuss fühlte sich von beiden Seiten aus erst sehr überrascht an, wurde dann aber inniger und ganz zärtlich. Ich schloß meine Augen, um mich mehr auf dieses wunderschöne Gefühl konzentrieren zu können. Es war so schön, dass sogar Lysander zu vergessen schien, dass wir hier gar nicht alleine waren.
Ich war noch ein Stück näher zu ihm gerutscht, sodass ich mich nicht mehr so ganz zu ihm vorbeugen musste. Zwischen unseren Körper war nur noch wenig Platz, an dem unsere Hände lagen, die sich dort gefunden hatten. Lysander streichelte sanft mit seines Fingern über meinen Handrücken, über welchen sich ein wohliger Schauer legte.
Der Kuss schmeckte nach Pizza. Ich liebte Pizza. Und Lysanders Lippen. Einfach perfekt.
Als unsere Lippen sich langsam lösten, sahen wir uns ein zweites Mal in die Augen. Würde man uns von weiter weg beobachten, sah man bestimmt ein glückliches, frisch verliebtes Pärchen, das die Welt um sich herum vergessen konnte.
Der Zauber dieses Augenblicks war kurz, aber dafür umso intensiver.
Wir lächelten beide, als wir uns erhoben und die Pizzakartons in den nächstgelegenen Mülleimer warfen. Die Realität hatte uns nun wieder, was uns bewusst wurde, als wir gleichzeitig auf die Uhr schauten. Es war bereits 19 Uhr, der Film begann in einer halben Stunde.
Wir mussten uns also beeilen, um noch rechtzeitig zu kommen und Karten zu besorgen. Ein Glück, dass das Kino eh gleich um die Ecke war.

Das Kino hatten wir schneller erreicht, als gedacht. Lysander kannte ein paar Abkürzungen, mit denen man ganz schnell am Ziel war. Diese Schleichwege musste ich mir definitiv merken.
Als wir das Kinogebäude betraten, wollte ich direkt die Kasse ansteuern, um Karten zu besorgen. Diesmal wollte ich Lysander auf etwas einladen. Dieser allerdings hielt mich am Arm fest und zog mich von der Schlange wieder zurück. Fragend blickte ich ihn an.
»Ich hab Karten schon reserviert.«, erklärte er mir und zog mit diesen Worten auf zu einer anderen Kasse. Murrend musste ich feststellen, dass er an dieser Kasse für vorbestellte Karten gar nichts mehr zahlen musste; Er hatte dies also schon im Voraus getan, wahrscheinlich übers Internet. Jetzt hatte er mich schon wieder eingeladen.
Lächelnd kam Lysander mit den Karten zurück. Bedanken tat ich mich natürlich brav und ordentlich.
»Holen wir noch was zu trinken?«, schlug ich lächelnd vor und ging bereits an die Kasse, die Getränke, Popcorn und Sonstiges verkaufte. Es war gerade leer, sodass ich mich nicht anstellen musste.
Ich orderte eine Cola, dazu eine große Portion Popcorn. Lysander fragte ich auch gleich, was er trinken mochte und als er es ebenfalls bestellt hatte, schob ich ihn einfach ein Stück zur Seite. Diesmal war definitiv ich mit Zahlen dran!
Ohne auf sein »Ich lade dich…« zu hören, zahlte ich. Es war zwar nicht viel im Vergleich für das, was Lysander schon gezahlt hatte, aber ansonsten würde ich ein noch viel schlechteres Gewissen bekommen. Nächstes Mal würde ich ihn auch zum Essen einladen.
Als die Getränke dastanden, gab ich zuerst Lysander das Seine, bevor ich meine Cola in eine, das Popcorn in die andere Hand nahm. Die Riesenportion war zwar etwas Schwierig zum Balancieren, aber es ging schon. Lysander bot mir zwar seine Hilfe an, aber ich lehnte ab. Der Weg zu unserem Kinosaal war zum Glück nicht weit, sodass ich es ohne Komplikationen schaffte und ohne, dass mir etwas herunterfiel.
Der Weißhaarige hatte mir die Türe aufgehalten, da ich ja keine Hand frei hatte, bevor er mir den Weg zu unseren Plätzen wieß. Sie waren in der hintersten Reihe, relativ in der Mitte. Perfekte Sicht also auf die Leinwand, wenn nicht gerade irgendein Riese vor einem saß.
Erleichtert ließ ich mich auf dem Kinosessel nieder und stellte endlich die Colaflasche ab. Das Popcorn klemmte ich zwischen meine Knie, da ich erst einen Schluck trinken wollte. Lysander tat das Selbe, nur, dass er Bionade trank. Auf dem Weg zu den Plätzen hatte auch er sich bedankt.
Einen kurzen Moment später fing auch schon der Saal an, sich zu verdunkeln und die Werbung begann zu laufen. Werbung im Kino war immer so stumpfsinnig. Und gleich würde wieder ein Verkäufer hereinkommen und fragen, ob noch jemand ein Eis wollte. Garantiert nicht.
Das Popcorn stellte ich zwischen mich und Lysander und sagte ihm, dass er sich bitte bedienen soll. Ich war zwar noch satt von der Pizza, aber etwas Süßes konnte man immer essen. Zumindest meiner Ansicht nach.
Lysander lächelte und griff einen Moment später in das süße Popcorn. Auch ich nahm mir eine Hand voll und sah kurz vor zur Leinwand. Eine Sekunde später blickte ich aber schon zu meinem Freund zurück.
»Sag mal, was für einen Film gucken wir eigentlich? Und wie heißt der?« Erst jetzt fiel mir ein, dass ich das alles gar nicht wusste. Typisch Ich eben.
Lysander nannte mir den Filmtitel, welcher mir allerdings gar nichts sagte.
»Naja, das ist so eine Art Horror-Thriller-Psycho-Film. Ich hab da den Trailer gesehen und fand ihn interessant. Zwar etwas blutig, aber doch ganz gut.«, erklärte er mir, woraufhin sich leicht mein Gesicht verzog, was man in der Dunkelheit zum Glück nicht sehen konnte.
Horrorfilm? Hoffentlich war der nicht allzu schlimm wie der, den wir letzt auf DVD angesehen hatten. Dass der Film eigentlich erst ab 18 war, wusste ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht.
Der Saal füllte sich immer mehr, während auf der Leinwand mittlerweile Trailer von bald laufenden Filmen gezeigt wurden. Einige davon klangen interessant, manche wiederum nicht.
Lysander und ich griffen abwechselnd in die Popcorntüte und ich hatte das Gefühl, er gehörte auch zu der Fraktion, die vor dem Film das Meiste Popcorn aßen.
Der Film begann.
Gut, der Anfang war schon mal harmlos. Alles ruhig, alles gechillt, frohe, feiernde Menschen. In einem Wald. Verdammt. Alle doofen Filme, nach denen ich nicht schlafen konnte, spielten irgendwann in einem Wald. Okay, aber noch war nichts passiert.
Ich griff wieder in das Popcorn, diesmal gleichzeitig mit Lysander. Unsere Hände berührten sich für einen kurzen Moment, was mich unwillkürlich zum Lächeln brachte. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung und bemerkte, dass er das Selbe getan hatte.
Sein Kopf kam mir auf einmal näher und während sich unsere Hände in der Popcorntüte noch immer berührten, küsste er mich zärtlich. Ich schloß für einen Moment die Augen. Wir waren zwar in der Öffentlichkeit, irgendwie, aber es war dunkel. Noch dazu saßen wir in der hintersten Reihe und zumindest der Platz rechts neben mir war noch frei. Ob jemand neben Lysander saß, sah ich nicht.
Nach diesem Kuss sahen wir beide wieder nach vorne an die Leinwand.
Der Film begann langsam wirklich gruselig zu werden. Die Stimmung wurde anders und bei manchen Momenten lief es mir kalt den Rücken herunter.
Dies nutze ich nun allerdings aus, indem ich in meinem Sitz ganz zur Seite rutschte und mich an Lys‘ Seite kuschelte. Dieser guckte mich erst verwundert, dann lächelnd an. Nach einem kurzen Moment spürte ich, dass er seinen Arm um meine Schultern gelegt hatte. Ich lächelte, da ich ihm so nahe sein konnte, obwohl der Film zunehmend ekliger wurde.
Die nächsten Szenen waren wirklich nicht appetitlich. Zombieähnliche Viecher griffen Menschen, die sich mit allerlei Waffen verteidigten, an. Blut, Gedärme, Innereien und sonstige Sachen, von denen ich nicht wissen wollte, was das darstellen sollte, spritze durch die Gegend und landete teilweise auf den Protagonisten. Dies alles wurde auch noch so furchtbar realistisch dargestellt.
Als einem Menschen nun aber der Oberkörper durch eine Klingenwaffe, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war, geöffnet wurde, konnte ich nicht länger zusehen. Ich drehte den Kopf zur Seite und lehnte meine Stirn gegen seine Schulter.
>Nur ein Film.. das ist nur ein Film… das kann niemals in der Wirklichkeit passieren.<, dachte ich mir wieder. Ein markerschütternder Schrei erklang und ich zuckte erst einmal zusammen. Ich spürte auf einmal Lysanders Hand auf meinen Hinterkopf. Er streichelte vorsichtig durch meine Haare und küsste mich kurz auf die Stirn. Vorsichtig sah ich zu ihm hoch., bedacht darauf, lieber nicht zur Leinwand zu blicken.
Gerade war es verdächtig ruhig. Nur ein Geräusch, das nach Schritten klang, war zu hören. Noch immer blickte ich nicht nach vorne, obwohl im Moment nichts zu sehen war. Aber diese Stille konnte eh nichts Gutes bedeuten.
Auf einmal kreischte fast das ganze Kino. Anscheinend war gerade etwas wirklich Erschreckendes passiert und ich wollte gar nicht wissen, was genau. Lysanders Haltung war die gleiche geblieben, nur ich hatte die Augen zugekniffen, obwohl ich nicht einmal irgendwas sah.
Den Geräuschen nach zu urteilen war es gerade nicht sehr magenfreundlich und ich wollte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was solche Geräusche verursachte.
Auf einmal spürte ich, wie der Weißhaarige seinen Kopf auf meinen legte.
»Sieh am besten jetzt nicht hin.«, flüsterte er leise und ich glaubte, auch er hatte gerade den Blick abgewandt. Wenn er dies tat, musste die Szene ja wirklich eklig sein.
Mittlerweile hatte ich mich wirklich verdammt eng an Lysanders Seite gedrückt, sodass mir die Sessellehne schon ein wenig in der Seite weh tat. Aber das war egal. Ich konnte und wollte Lysander jetzt nicht loslassen. Meine arme hatte ich nämlich um seine Mitte geschlungen, als dieser gellende Schrei los ging. Ich beschloß jetzt lieber auch, mich nicht mehr allzu sehr auf den Film zu konzentrieren.
Lysander schien das zu bemerken, da ich erst seine Hand an meinem Kinn spürte, dann seine Lippen auf meinen. Zum zweiten Mal hatte er mich jetzt hier geküsst.
Ich erwiderte natürlich sofort und war wirklich froh, über diese schöne und süße Ablenkung. Am liebsten hätte ich mich noch auf seinen Schoß gesetzt, aber das wäre wohl zu auffällig gewesen.
Den Rest des Filmes über küssten wir uns wieder und ich blieb so eng an eine Seite gekuschelt. Der Weißhaarige hatte auch die ganze Zeit über seinen arm nicht von mir genommen. Irgendwie hatte ich es allerdings noch geschafft, meine Cola leer zu trinken und vom Popcorn war auch nicht mehr wirklich viel übrig.
Ich war heilfroh, als das Licht im Saal endlich anging. Vorsichtig löste ich mich aus Lysanders Umarmung und sah, als ich nach vorne blickte, dass wir nicht die einzigen waren, die Arm in Arm dagesessen waren. Naja, bei so einem Film bot sich das auch an.
Langsam erhoben wir uns von unseren Plätzen und ich fand es schade, dass wir uns beim Verlassen des Saals gar nicht mehr berührten. Lysander war für einen Moment mit seinem Handy beschäftigt und auch ich sah mal nach der Uhrzeit. Hui, schon nach 23 Uhr. Zum Glück war ja Wochenende.
Schweigend, da der Weißhaarige gerade eine SMS tippte, gingen wir Richtung Ausgang. Hinter uns hörte ich allerdings zufällig ein ziemlich abfälliges Gespräch und ich konnte mir denken, dass wir gemeint waren.
»Ey, ich schwör. Die haben die ganze Zeit rumgeknutscht. Voll die Schwuchteln.« Das war die Stimme eines Teenagers. Am liebsten wäre ich ja jetzt zu diesem hingegangen und hätte ihm meine Meinung gesagt und ihm eine reingehauen. Ich hasste es, wenn so abfällig geredet wurde.
Lysander schien diese unfreundlichen Worte allerdings auch gehört zu haben, aber er regte sich, zumindest äußerlich, nicht darüber auf. Stattdessen legte er wortlos seinen freien Arm eng um meine Schultern und zog mich demonstrativ an seine Seite. Ich lächelte. War schon eine gute Aktion von ihm.
Schließlich traute ich mich nun auch, einen Arm um seine Hüfte zu legen und wie ein normal aussehendes Pärchen verließen wir das Kino.

Lysander nahm auch draußen den Arm nicht von mir, was mich sehr freute; Dass er allerdings schon wieder was auf seinem Handy tippte, weniger.
Mit langsamen Schritten liefen wir nun eine von Straßenlaternen beleuchtete und von wenigen Menschen bevölkerte Straße entlang. Schweigend und entschuldigend blickte Lysander mich an, bis er plötzlich stehen bleib und anscheinend etwas abschickte.
»Sorry, aber Leigh, mein Bruder, versucht gerade, mich zu überreden heute nicht mehr nach hause zu kommen, weil seine Freundin spontan bei ihm übernachtet.«, erklärte er mir seufzend. »Wir wohnen ja zusammen und, naja….« Er brach den Satz ab und schaute leicht verlegen zur Seite. Ich konnte mir da nur denken, was er sich nicht zu fragen getraute.
»Dann schlaf doch heute bei mir.«, bot ich ihm freudestrahlend an.
Bingo. Er druckste ein wenig herum. Ich würde mich ja freuen, wenn wir später nicht getrennte Wege gehen mussten.
»Uhm… wäre das denn echt okay? Ich hab ja auch nichts dabei und so …«, meinte Lysander nun zögerlich darauf. Er war einfach viel zu süß, wenn er sich so schüchtern und zurückhaltend verhielt.
»Klar.«, erwiderte ich ein wenig stürmisch und umarmte ihn einfach auf offener Straße. Da gerade eh niemand zu sehen war, ließ er es zu. »Ich kann dir doch auch was leihen, ist doch kein Problem.«
Ich schmiegte mich relativ eng an Lysanders Brust, da ich ihn in diesem Moment einfach nicht loslassen wollte. Der Weißhaarige legte daraufhin sogar auch seine Arme um mich, woraufhin ich nun zu ihm hochsah. Wie automatisch fanden sich anschließend unsere Lippen, von welchen ich auch gar nicht mehr ablassen wollte.
Lysander konnte einfach so verdammt gut küssen. Und ich hatte irgendwie das Gefühl, er blühte nachts ein wenig mehr auf, als sonst.
Der Kuss hielt relativ lange an und ein zufriedenes Seufzen kam aus meinem Mund, als dieser gelöst wurde. Wir hielten uns auch noch in den Armen, als eine kleine gruppe Menschen an uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei lief.
Allerdings lösten wir uns dennoch langsam, wobei ein glückliches Lächeln mein Gesicht zierte. Auch Lysander schien zu lächeln, was man aber nicht so gut erkennen konnte, da der Schein der Straßenlaterne ihn von hinten beleuchtete.
Wir beschlossen, uns langsam mal ein wenig vorwärts zu bewegen, auch wenn ich noch stundenlang hätte dastehen und ihn küssen können.
Gerade einmal ein paar Schritte waren wir gegangen, als ich vorsichtig nach Lysanders Hand griff. Es freute mich, dass er diese nicht wegzog, sondern sie vielmehr drückte. Im Moment hatte er anscheinend keine Hemmungen, mich irgendwie in der Öffentlichkeit zu berühren. Vielleicht lag es daran, dass derzeit hier eh kaum jemand unterwegs war.
»Wollen wir noch einen kleinen Spaziergang machen?«, unterbrach Lysander fragend die allabendliche Stille. Er sprach ein wenig leiser als sonst, was gerade aber auch irgendwie zu der Stimmung passte.
»Gern. Aber du musst den Weg kennen, ich verlaufe mich sonst.«, antwortete ich ihm, was ihn leise zum Kichern brachte. Dass ich mich leicht verirrte, stimmte allerdings wirklich.
Lysander bog an der nächsten Kreuzung links ab und ich überließ ihm einfach mal die Führung, da ich ja auch nicht wusste, welchen Weg er einschlagen würde. Die ganze Zeit über hielten wir die Hand des jeweils anderen und drückten diese ab und zu leicht.
Als ich sah, welches Ziel Lys allerdings ansteuerte, schluckte ich. Okay, wir waren gerade in einem absolut heftigen Horrorfilm gewesen und er wollte über einen Friedhof spazieren?!
Ich zögerte immer mehr, je näher wir diesem Ort kamen und schließlich zog Lysander mich ein kurzes Stück nach vorne, da er nicht gesehen hatte, dass ich ein kleines Stück hinter ihm war.
Schluckend trat ich daraufhin wieder an seine Seite und drückte seine Hand gleich noch etwas fester.
»Sollen wir lieber woanders lang gehen?«, fragte der Weißhaarige mich am Eingang des Friedhofs besorgt. Ich schüttelte als Antwort vehement den Kopf.
»Nee, ist schon okay.«, meinte ich nun auch dazu, damit ich nicht als noch größerer Angsthase dastand, als ich eh schon war.
Ich schluckte noch ein weiteres mal, bevor wir den großen, dunklen, einfach nur gruselig aussehenden Friedhof betraten.

Als wäre die Atmosphäre eines Friedhofs bei Nacht nicht schon schlimm genug, musste der Wind auch noch lauter als üblich durch die Bäume streifen und diese dadurch zum Rauschen bringen. Dazu kam, dass es hier kaum Licht gab, außer eben ein paar vereinzelten ewige Lichter auf den Gräbern.
Die ganze Zeit drückte ich mich eng an Lysanders Seite, um ihn die ganze Zeit bei mir zu wissen und auch, weil mir einfach kühl war. Der Wind fühlte sich irgendwie eisig an und auch die Wolken meinten es nicht gut mit mir. Zuerst spürte ich nur einzelne Tropfen auf der Haut, dann begann es nach und nach immer mehr zu regnen. Wir machten zwar einen Schritt schneller, aber dennoch wurde ich nass genug, da ich keine Jacke dabei hatte. Die dünnen Armstulpen schützten ja auch nicht vor Nässe und Kälte.
Lysander schien auch das irgendwie mitbekommen zu haben, da er den Arm, den er wieder um mich gelegt hatte, herunter nahm.
»Wenn dir kalt ist, kann ich dir meine Jacke geben.«, meinte er besorgt, während er schon dabei war, seinen Mantel auszuziehen.
»Dann wirst aber du frieren.«, protestierte ich, während sich eine Gänsehaut auf meinen Arm ausbreitete. Lysander war eben schlau genug gewesen, etwas Warmes zum Anziehen mitzunehmen, im Gegensatz zu mir. Deswegen war es auch meine Schuld, dass ich fror und eben wegen mir, sollte sich Lysander nicht der Kälte aussetzen.
Der Weißhaarige ließ sich allerdings nicht beirren und zog seinen Mantel nun ganz aus und wollte ihn mir um die Schultern legen. »Ich hab ja wenigstens noch ein langes Oberteil an.«, meinte er dabei. Wonach ich ihm allerdings auswich.
Es war zwar wirklich nett und süß und toll von ihm, dass er mir seine Jacke anbot, aber sein eigenes Oberteil war ja auch eher relativ dünn.
»Du könntest dich aber erkälten oder irgendwas. Also zieh deine Jacke wieder an. Wir können uns ja vielleicht ein wenig beeilen.«, meckerte ich noch immer. Dass ich mittlerweile zitterte und die Arme um mich geschlungen hatte, nahm ich eher am Rand war.
Ich hörte Lysander noch seufzen, bevor er endlich wieder in seinen Mantel schlüpfte. Dies tat er allerdings nur mit einem Arm, mit dem anderen fing er mich ein und drückte mich wieder an seine Seite. Die Mantelseite mit dem Ärmel, in den er nicht geschlüpft war, legte er stattdessen um meine Schultern und den Arm ebenso. Mit seiner Hand hielt er den Stoff der Jacke fest, sodass mein Rücken und mehr oder weniger meine Seiten von dem dicken Stoff umhüllt wurden. Von vorne kam zwar der Wind noch, aber die Wärme, die Lysander trotz allem ausstrahlte, macht das wieder wett.
»Besser so?«, fragte er nach einem Moment, woraufhin ich mit einem Lächeln antwortete. Man konnte es zwar nicht sehen, aber egal.
Ich legte nun auch einen Arm um seine Seite, krallte meine Finger leicht in den Stoff an seinem Rücken und beugte mich zu ihm nach oben.
»Danke.«, flüsterte ich leise, bevor ich seinen Lippen einen sanften Kuss aufdrückte.
Der Weißhaarige erwiderte diesen auch gleich. Erst sanft und verspielt, dann immer inniger und leidenschaftlicher küssten wir uns. Keiner wollte von dem jeweils anderen ablassen und wir taten es erst gezwungenermaßen, als wir beide richtig Luft holen mussten. Der Friedhof, die Kälte und der Regen waren in diesem Moment vollkommen in Vergessenheit geraten.
Ich lächelte zufrieden, während wir langsam weiter gingen und ich mich so eng an Lys drückte, dass er immer mal wieder ein wenig zur Seite wankte.

Der Weg über den Friedhof war gar nicht so weit, wie ich gedacht hatte. Vielleicht lag es ja aber auch einfach an Lysanders Nähe.
Ich war dennoch froh, als wir die Ruhestätte der Toten hinter uns ließen und uns wieder in mit Leben gefüllte Gebiete begaben. Nach wenigen Metern erkannte ich auch das Viertel, in dem ich wohnte. Ich musste mal fragen, ob dieser Weg eine Abkürzung gewesen ist. Nicht, dass ich nachts alleine dort laufen würde. Garantiert nicht!
Nach ca. 5 Minuten hatten wir auch schon meine Wohnung erreicht. Es freute mich, dass Lysander dabei war und bis zum Morgen hier auch nicht mehr gehen würde.
In meiner Wohnung war es, im Vergleich zu draußen, warm und vor allem trocken. Nachdem wir unsere Schuhe auszogen, wurde als erstes Lysanders Mantel zum Trocknen aufgehängt. Der Regen hatte nicht nachgelassen, sodass dieser schon ein wenig tropfte und vor allem durchweicht war.
Der Rest meiner Kleidung war auch ein wenig klamm, sodass ich mich dieser auch gleich entledigte. Mich störte es nicht in geringster Weise, nur in Boxershorts vor Lysander herumzulaufen, eher im Gegenteil. Der Weißhaarige hingegen wurde leicht rot und sah mich ab sofort lieber nicht mehr genauer an, auch wenn er es unbewusst dennoch tat.
Während Lysander sich nun auch auszog, suchte ich in meinem Schrank etwas, das ihm passen könnte. Ich hatte ihm gesagt, dass er seine restlichen Sachen am besten auch aufhängen sollte, damit sie morgen auch trocken wären.
Ich kramte immer noch in meinem Schrank, während Lysander vorsichtig und ebenfalls nur mit Shorts bekleidet herein kam. Beinahe hätte ich Nasenbluten bekommen, als ich mich zu ihm umdrehte. Ich musterte ihn genauestens von oben bis unten und meinen Blick konnte ich gar nicht mehr abwenden. Lysander schien das irgendwie unangenehm zu sein, denn er spielte nervös mit den Fingern an seinen Haarspitzen rum.
Hastig drehte ich nun meinen hochroten Kopf wieder zu meinem Schrank. Wenn er noch länger so vor mir stehen würde, käme ich noch auf falsche Gedanken.
»Ähm… ich glaub, ich finde nichts, was dir auch nur ansatzweise passen könnte.«, meinte ich nun und blickte auf den Boden vor mir. Dass ich eigentlich ein einziges Oberteil hatte, was mir wirklich meilenweit zu groß war und Lys anziehen konnte, verschwieg ich ihm einfach. Nein, ich hatte keine Hintergedanken.
»Oh, okay… Würde es dich denn arg stören, wenn ich nur äh… so schlafen würde?«, fragte er nun vorsichtig, wobei ich ihn wieder ansah. Schnell drehte ich mich allerdings erneut weg und schloß erst mal meinen Schrank.
»Nö. Ich hab beim Schlafen meistens auch nur Shorts an.«, sprach ich, wobei ich hoffte, dass meine Stimme einigermaßen normal klang. Jetzt musste ich mich nur noch beherrschen, ihn nicht einfach anzuspringen.
»Willst du noch einen Tee zum Aufwärmen?«, fragte ich, um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken. Lysander nickte.
Meine Teeauswahl war zwar beschränkt, um genau zu sein hatte ich nur Pfefferminztee im Haus, aber der Weißhaarige war zufrieden damit. Gedanklich schrieb ich mir eine Memo, dass ich beim nächsten Einkauf Tee mitnehmen würde.
Das Heißgetränk mit Pfefferminzaroma nahm ich mit ziemlich viel Kandiszucker zu mir, Lysander trank es ungesüßt. Es herrschte Schweigen und irgendwie waren unsere beiden Wangen rötlich gefärbt. Gewiss gab es auch ein merkwürdiges Bild ab, wie zwei Kerle nur in Boxershorts an einem kleinen Küchentisch saßen und Tee tranken.
Als die beiden Tassen leer waren, stellte ich sie einfach in die Spüle. Abwaschen konnte ich auch morgen noch.
Ich wollte Lysander als erstes noch ins Bad lassen, aber er lehnte ab. Er meinte, er würde Leigh noch einmal schreiben, dass bei ihm alles klar war, damit sein Bruder Bescheid wusste, dass es ihm gut ginge. Anscheinend machte dieser sich wohl ziemlich schnell Sorgen um Lysander.
Im Bad brauchte ich eh nicht lange und so lag ich ein wenig nervös in meinem Bett und wartete. Ich hörte aus dem gegenüberliegenden Badezimmer Wasser plätschern und das leise Knittern eines Handtuchs.
Es dauerte nun nicht mehr lange, bis das letzte Licht in meiner Wohnung gelöscht wurde und Lysander im Dunkeln den Weg zu meinem Schlafzimmer fand.
Mein Herz klopfte immer mehr, je näher er meinem Bett kam. Ich beobachtete ihn, sofern ich denn etwas erkennen konnte, wie er die Bettdecke ein Stück zur Seite machte, um sich schließlich auf die Matratze zu legen. Als er nun auch unter der Decke lag, rutschte ich gleich ganz nahe an ihn heran. Ein wenig nervös lächelnd kuschelte ich mich an ihn und ich nahm zu meiner Zufriedenheit war, wie Lysander auch gleich einen Arm um mich legte.
Ich wusste nicht, wie weit er in unserer ersten gemeinsamen Nacht, in der wir alleine waren, gehen würde oder wollte. Bei ihm würde ich mich aber gewiss auf alles einlassen.
Lysander lag auf dem Rücken, sodass ich mich an seine Brust schmiegen konnte. Sein Kopf war in meine Richtung gedreht und ich konnte schwören, dass auf seinen Wangen ebenfalls noch ein leichter Rotschimmer lag.
Sein Körper fühlte sich warm an und ich konnte es nicht unterlassen, meine Fingerspitzen ein wenig über seine breiten Schultern wandern zu lassen. Zögerlich begann er nun einen Moment, mir über den Rücken zu streicheln, was mich zu einer Art Schnurren brachte. Es war verdammt schön, so von ihm berührt zu werden.
Langsam wurde ich zumindest ein wenig mutiger und ich drückte meine Lippen auf Lysanders Hals. Er zuckte kurz zurück und als ich ihn ein wenig liebkosen wollte, merkte ich, dass er dort wohl kitzelig war. Das würde ich mir aber mal merken.
Mit den Lippen wanderte ich nun ein Stück nach oben, sodass ich ihn richtig küssen konnte. Er erwiderte es so zärtlich wie immer und genießend schloß ich meine Augen.
Wieder wurde unser Kuss leidenschaftlicher und inniger, bis sich sogar unsere Zungen fanden. Ich hatte mich derweil immer mehr an ihn gedrückt, sodass ich jeden Muskel von ihm an meiner Haut spüren konnte. Auch seinen Arm hatte er enger um mich gelegt, sodass ich mich gar nicht hätte von diesem griff befreien konnte, was ich natürlich auch gar nicht wollte.
Unsere Körper erhitzten sich immer mehr, was irgendwie auch natürlich war. Als Lysander sich schließlich bewegte und seinen Arm Weg nahm, dachte ich zuerst, er würde sich über mich legen oder mich von sich runter auf die Matratze drücken wollen. Aber nichts von alldem geschah.
Er drehte sich einfach nur auf die Seite und legte so nun wieder den Arm um meinen Rücken. Mein Herz hatte aus Aufregung angefangen zu rasen, wobei ich das Gefühl hatte, man könnte es hören.
Lysanders Brust war nun genau an meine geschmiegt und unsere Beine berührten sich auch immer wieder. Mein Herz würde sich wegen dieser Berührungen so schnell bestimmt nicht beruhigen.
»Lass uns damit noch ein wenig warten, ja?«, flüsterte mir der Weißhaarige leise und sanft ins Ohr. Offenbar hatte er meine Anspannung richtig gedeutet. Allerdings hieß das auch, dass er ebenfalls daran gedacht hatte.
Unter den nächsten, sanften Küssen schliefen wir schließlich irgendwie ein.
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