The Demon and the Doll

GeschichteHumor / P16
Afriten Bartimäus Dschinn Kitty Mariden Nathanael alias John Mandrake
10.07.2012
16.03.2013
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Hallo und herzlichen Willkommen bei Mad und Greedys Freakshow :D

Also wir wollten uns mal hier versuchen und würden uns freuen wenn dieses kleine Nebenprojekt auf Resonanz trifft ;-)

Viel Spaß!

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Ich spürte es ganz deutlich, dieses unangenehme Ziehen, das in etwa mit dem Gefühl zu vergleichen ist, das Zahnarztpatienten überkommt, noch bevor der liebe Onkel Doktor den Bohrer ansetzt. Hätte ich einen Mund besessen, ich hätte wohl ob meines Unglücks laut aufgeseufzt. Von abertausenden von Namen, hatte sich irgendein Idiot mit spitzem Hut genau meinen Aussuchen müssen.

Aber wer wollte es ihm verübeln, dass er der Versuchung erlegen war, den mächtigen Dschinn Bartimäus in seine Dienste zu zwingen oder bei dem Versuch zu sterben? Wobei ich natürlich auf letzteres hoffte. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, seitdem man mich das letzte Mal beschworen hatte. Zeit, Raum, Materie, das waren alles Dinge, die der andere Ort nicht wirklich kannte. Sie engten einen ohnehin nur ein und raubten einem einen großen Teil Persönlichkeit und Perspektive.

Was ich im nächsten Moment am eigenen Leib zu spüren bekam und zwar auf allen Ebenen gleichzeitig. Der vermaledeite Doktor, ließ sieben Bohrer auf sieben Zähne herabsinken, die mich flugs aus der Wärme des anderen Ortes in die kalte Welt der Sterblichen zwirbelten. Aber egal wie lange es her war. Ein Meister seiner Künste, wie ich einer war, verlor niemals sein Talent. Ich würde diesem unwürdigen Gewürm schon zeigen, dass er sich den falschen ausgewählt hatte. Also das volle Programm.

Noch unsichtbar, schaute ich mich im Raum um und zugegeben; ich war auf Anhieb überrascht. Was es braucht, um mich zu überraschen? Poster von Boygroups und flauschige Kissenbezüge, wo ich eigentlich einen Utensilientisch erwarte und eine aus hellem Holz bestehende Vertäfelung, wo eigentlich dunkle Eiche oder eine Nackte Kellerwand hätte sein sollen.

Dennoch, ich ließ mich nicht lange von der ungewohnten Atmosphäre ablenken, sondern sah mich pflichtbewusst nach meinem neuen Möchtegernmeister um. Dafür brauchte ich nur den Blick zu senken. Das erste, was ich feststellen musste war, dass es sich um eine Möchtegernmeisterin handelte, blondes Haar, braune Augen, mittelgroß, recht ansehnlich für einen Menschen. Ein Frischling also. Gut, Standartnummer für Einsteiger mit Extra Schwefelgestank, kommt sofort. Das Mädchen sah nicht aus als würde ihr das gefallen.

Der Raum füllte sich mit gelblichem Rauch. Ich kramte dieses Mal besonders tief in meiner Geräusche-Trickkiste. Es sollte immerhin unvergesslich werden. Auch der Gestank begann seine Wirkung zu zeigen. Sie legte sich den Ärmel ihres... Ja sie trug wirklich einen Pyjama. Nun auf jeden Fall hielt sie sich die Nase zu, schaute aus einer Mischung von Neugierde und Überraschung in die Ecken aus denen das Knirschen und Knarren kam. In der Mitte des Pentagramms materialisierte ich mich allmählich. Giftgrün begann an dieser Stelle freudig im Gelb zu pulsieren und ich brach unter Heulen und Fauchen aus dem Trüb heraus.

Gelbe Augen, ebenso gelbe, rasiermesserscharfe Zähne und vor allem ausreichend von beidem. Das reicht eigentlich auch schon als Beschreibung meines Gesichts vollkommen aus, denn viel mehr gab es nicht. Rund um die Ansammlung von Spitzen und Kratern aus Schuppen, die ich Gesichtshaut nennen durfte, hatte ich dem Lindwurm einen einschüchternden Hörnerkranz verpasst, der wie eine etwas tödlichere Version einer Löwenmähne wirkte. Den Rest des Körpers, hatte ich ebenso kurios gestaltet. Vier lange, schuppige Gliedmaßen, ein kräftiger, sich windender Schweif und zwei zugegebenermaßen etwas zu klein geratene Schwingen. Aber hey, ich wollte mir schließlich nicht meine Substanz am Rand des Bannkreises verbrutzeln.

So. Jetzt sei ein braves Gör und spring vor Schreck aus deinem Pentagramm und ich bin auch ein lieber Dschinn und mache es kurz und schmerzlos. Eigentlich hatte das nur eigennützige Gründe. Ich wollte schließlich nicht länger als nötig in dieser verkorksten Dimension verweilen. Doch die Rechnung ging nicht auf.

"Ach komm schon." meinte sie bloß augenrollend. "Ich habe keine Zeit für so was und könntest du vielleicht etwas leiser sein? Mach dir keine Mühe, ich gehe hier nicht raus. Ich brauch dich bloß kurz, also stell dich nicht so an. Und hör mit dem Gestinke auf." Sie machte eine Geste als hätte jemand mindestens einen fahren lassen.  Die zahlreichen Augen des Lindwurms fixierten die junge Zauberin, als sei sie ein Opferlamm, das man ihm darbrachte. "Du wagst es, so mit mir zu reden? Mit mir, Sakhr al-Dschinni, N´gorso dem Mächtigen und der Silbergefiederten Schlange.. Mit mir, der die Mauern von Uruk und Prag wieder aufrichtete?" Ich überlegte einen Moment. Obs wohl zu früh ist? Andererseits, es wäre nicht gelogen. Nicht im Geringsten. Warum also mein Licht unter den Scheffel stellen? "Mir, der ich ganz allein den Fürsten Nouda in die Knie zwang?"

"Ich habe keine Ahnung wovon du redest. Kannst du nicht einfach ein braver, kleiner Dschinn sein und mir zuhören und dann gefälligst tun was ich will? Also los jetzt!"

Gute Güte was war mit den Bälgern heutzutage los? Jetzt wurde die auch noch pampig.

Aber wenn sie wollte. Die Nummer kannte ich aus dem ff. "Sicher nicht. Ich werde jetzt hier rausgehen und dich in Stücke reißen. Da ist nämlich ein Fallfehler im zweiten Kreis, dritte Zeile links in meinem Pentagramm." Die tödliche Echse grinste, was angesichts der vielen Zähne gar kein so leichtes Unterfangen war. Zeitgleich nahm das Gesicht des Mädchens im Eiltempo das der hellen Vertäfelung an und sie begann eilends, die Farbe der Bannkreise zu untersuchen. Eine glatte Lüge meinerseits.

Aber mit etwas Glück würde sie in Panik geraten. Leider hatte ich das ganze Arrangement bereits auf Herz und Nieren geprüft, nichts zu machen. Auch sie hatte das anscheinend begriffen.

"Verdammte Scheiße! Das war nicht lustig!" Ihre Gesichtsfarbe kehrte allmählich zu ihr zurück. "Ich hätte vor Schreck einen Fuß hier raus setzen können!" "Genau das ist Zweck der Sache Dummerchen. Und jetzt entlass mich lieber, wenn ich dir einen gut gemeinten Rat geben darf. Kommst ja schon mal nicht damit zurecht, mich zu bannen, wie willst du meinem überlegenen Intellekt dann erst einen Befehl aufzwingen?" Ich ließ mir eine Nase wachsen, damit ich sie geringschätzig rümpfen konnte. Wenn die Kleine weiß, was gut für sie ist, hört sie auf mich. Aber ich glaub das weiß sie nicht. Irgendwie erinnert sie mich an jemanden...

Da bildete sich tatsächlich eine kleine Wutader auf ihrer Stirn. Passte gar nicht zu ihrem harmlosen Gesicht.

"Aber ich habe keine Zeit mehr! Dad wird fürchterlich sauer sein, wenn er das sieht! Du sollst doch bloß den verdammten Kleiderschrankschlüssel klauen, damit ich an meine Sachen komme! Verdammt! Ist das denn wirklich zu viel verlangt?" Ob der eigenen Lautstärke senkte sie die Stimme etwas und senkte die zu einer uncharmanten Geste erhobene Hand wieder. "Ts ts ts" machte ich gespielt erschrocken. "Solche Wörter von einer jungen Dame! Dein Vater hätte wohl dich, anstatt irgendwelcher Klamotten in einen Schrank sperren sollen." Ihr Kopf wurde entzückend rot. Vielleicht verließ sie den Kreis ja, wenn ich sie noch ein bisschen wütender machte...

Sie begann noch entzückender mit den Zähnen zu knirschen. "Du hast ja wohl mal gar keine Ahnung. Prager Silberfisch, mit dem Titel kommst du hier aber nicht mehr sonderlich weit. Scheint eine Weile her zu sein, dass du nützlich warst. Eingerostet nehme ich an. Aber gut, wenn du mir nicht helfen willst, warum sollte ich dir dann helfen? Ich kann dann also heute Abend nicht mehr weg und deswegen werde ich mich hier hinsetzen und dir irgendwas erzählen oder was vorsingen. Und sei gewarnt, ich singe scheußlich und habe eine beachtliche Ausdauer."

Sie verschränkte die Arme und drehte mir den Rücken zu. Als ob mich das interessiert. Im schlimmsten Fall lasse ich meine Ohrlöcher einfach verschwinden. Spontane Evolution war schon etwas Tolles. Jedoch wusste ich, dass es angesichts meines ständig wissbegierigen und vom Forscherdrang geplagten Geistes -böse Zungen schimpften es gern Neugierde und Dreistigkeit- nicht lange gedauert hätte, bis die Langeweile sich breit machte. Darum sagte ich: "Naja... Sag mir erst mal wo ich hier bin, wie du heißt und dann reden wir vielleicht über deinen kleinen Auftrag." Sag mir deinen Geburtsnamen und die Sache ist erledigt.

Langsam wandte sie sich mir wieder zu. Ich konnte ihr Siegerlächeln sehen. Aber es stand immerhin noch aus, wer als letzter lachen sollte. "Na geht doch. Also schön. Du bist in London, das ist das Haus meiner Eltern, ich bin Sam und du holst meinen Schlüssel." Sam. Verdammt, das kann ja alles heißen... "Geht´s vielleicht ein bisschen genauer?"

Der Lindwurm hatte es sich inzwischen im Bannkreis bequem gemacht, so gut es eben ging, wenn man einen vier Meter langen Körper auf einem Quadratmeter unterbringen musste. "Haha, sehr witzig. Bist du bald fertig? Es ist schon halb acht und ich habe eine Ewigkeit damit verplempert irgendeinen Namen in irgendwelchen Papieren zu finden und den ganzen Mist hier aufzubauen. Und steh wieder auf, das sieht ganz schön albern aus, wenn dein Aal-dings da so zusammengedrückt ist." Ich seufzte schicksalsergeben, was bei meiner jetzigen Gestalt klang, als würde ich die Knochen eines unglückseligen Bauern hervorwürgen und verschwand in einer weißen Rauchwolke. Als sich der Nebel lichtete, war die ekelhafte Echse verschwunden, abgelöst von einem jungen Ägypter mit Strohhut.

Ptolemäus fragte gelangweilt: "Was soll ich also tun, oh Meisterin?" Ich legte so viel Verachtung wie nur irgend möglich in die Respektsbekundung und wer mich kennt weiß, dass die Worte beinahe unter dem Druck des Pathos geplatzt wären. Sam linste unter den Hut. "Jetzt mach nicht so ein Gesicht. Wenn du schnell bist, sind es zwanzig Minuten deiner bestimmt wirklich unheimlich wichtigen Zeit, die du sonst mit wichtigen Dingen verbringst. Also, der Schlüssel ist in Dads Büro. Nicht mit dem Arbeitszimmer verwechseln, ja? Da würde ich nicht reingehen. Ich weiß nicht genau wo, aber er hat abgeschlossen und ich komme nicht rein. Versuch die offensichtlichen Sachen, er ist nicht gut in so was." "Büro nicht Arbeitszimmer, nicht reingehen, abgeschlossen, rein, nicht gut in so was. Okay. Geht´s auch mit ein bisschen mehr Theatralik? Ich bin etwas mehr... Epik gewohnt, weißt du?" Man konnte alles angemessen klingen lassen, wenn man nur genug `oder mein Zorn´ `niederer Dämon´ und `denn ich bin dein Herr, der dir gebietet´ einfließen ließ. Damit machte man sogar einen Abstecher in den nächsten Supermarkt zu einem Abenteuer aus Tausend und einer Nacht... nicht dass ich schon einmal solch niedere Aufgaben erledigt hätte.

"Ach bitte..." Sie fasste sich seufzend an den Kopf. "Wenn ich gewusst hätte, dass du so viel redest hätte ich mir wen anders besorgt. Aber dafür ist es jetzt auch zu spät. Wie wäre es mit: Beeil dich sonst kriege ich Hausarrest?" "Pft." Im alten Babylon hat Hausarrest noch Kerker bedeutet...  Aber ich sah aus zweierlei Gründen davon ab, sie darauf hinzuweisen. Erstens: Mein linkes Bein begann allmählich einzuschlafen. und zweitens: Ich wollte mir die Bude mal genauer ansehen. Im Allgemeinen brannte ich darauf, nicht nur zu erfahren, wo ich war, sondern auch wann ich war. Wie sich das gute alte England wohl während meiner Abwesenheit verändert hatte?

Nachdem die Formalitäten also geklärt waren und sie nichts mehr tun musste außer auf ihrem Hintern zu sitzen und zu warten, huschte ich durch den Flur auf das Treppenhaus zu. Altmodischer Stil, doch irgendwie auch anders. Wahrscheinlich eines dieser Häuser mit den vielen Etagen und den überflüssigen kleinen Räumen. Ich hatte mich in meiner plötzlich aufkommenden Unkreativität in eine stinknormale Hausfliege verwandelt, einfach in der Hoffnung man hatte die nicht auch schon ausgerottet. Unweigerlich musste ich an die Sache mit dem Einhorn denken, ein wirklich dummer Fehler. Mehr oder weniger geschäftig summte ich durch die Gänge. Verflucht protzig eingerichtet der Kasten. Muss wohl einem Spitzhut gehören.

Obwohl. Hätten die sich nicht nach Kittys Machtergreifung ändern müssen? Ich zuckte mit mehreren Achselpaaren. Wahrscheinlich lag das liebe Mädchen schon seit Jahren unter der Erde, ob jetzt friedlich entschlafen oder hinterrücks ermeuchelt sei dahingestellt. Obwohl ich aus Erfahrung und dem daraus resultierendem Pessimismus immer auf letzteres tippte. Während ich an alten Ölgemälden und angelaufenen Kerzenständern aus Echtgold vorbeiflog, überprüfte ich die sieben Ebenen auf Auffälligkeiten. Das Büro des Zauberers, der angeblich der Vater meiner Meisterin war, lag vermutlich in der Nähe seines Arbeitszimmers, das man auf keinen Fall mit dem Büro verwechseln durfte.

Und die magische Strahlung die dieses Arbeitszimmer abgab, war nicht zu überfühlen. Etwas widerstrebend flog ich daran vorbei und landete auf der Türklinke, hinter deren Tür ich das Büro vermutete. Eigentlich fast schade, dass ich mich nicht genauer umsehen konnte. Aber nach Hause zu kommen gewann immer noch haushoch gegen meine Neugierde. Auch hier war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Nun wenn man bloß seine schelmische Tochter vermutete, dann schützte man seine Räume wohl nicht besonders. Lag es an mir oder waren die Menschen unvorsichtiger geworden? Ein Fakt den man sich merken sollte.

Munter summend, wie es Fliegen, die nicht grade mit den Flügeln schlugen fremd war, krabbelte ich durch das Schlüsselloch. Im Büro des Hausherrn fehlte die glanzvolle Atmosphäre die dem Rest des Hauses so zu eigen war. Ein paar Regale mit Büchern, ein zwar teurer, aber schlichter Schreibtisch vor einer Fensterfront, deren Tür wohl auf einen Balkon führte. Mit dem lederbezogenen Bürosessel hinter dem Tisch, bildete das auch schon das gesamte Mobiliar des Raumes. Alles war penibelst geputzt und aufgeräumt, die Bücher fast liebevoll mit kleinen Aufklebern beschriftet, falls in den nächsten hundert Jahren der eingelagerte Titel auf dem Buchrücken verwischte. Hier ist wohl ein echter Korintenkacker zu Hause.

Aber so sind sie ja alle. Doch dann viel mir etwas ins Auge, was das klinisch-ordentliche Ambiente des Büros zerstörte, wie ein Ketchupfleck ein weißes Hemd. Über der Lehne des Bürosessels hing eine schlaffe, grellpinke Federboa. Zerzaust und auch etwas schmutzig hing das Ding da und versaute in aller Seelenruhe das Gesamtbild, beleidigend für das Auge jedes Bleistiftsspitzenkontolleurs oder Magiers. Ungewollt musste ich daran denken, was der Kerl wohl in seiner Freizeit damit machte. Eigentlich ein recht amüsanter Gedanke. Ein Magier, der mit rosa Puschelboa heimlich durch sein Büro sprang und Pirouetten drehte. Das wäre einen Blick und viele Fotos wert gewesen. Beinahe hatte ich meine Aufgabe vergessen. Offensichtliche Verstecke also. Ich landete gekonnt auf dem Schreibtisch und nahm die Gestalt einer Feldmaus an. So würde ich das gute Stück wohl am schnellsten sehen.

Etwas entging meinem geschulten Blick. Ich hatte mich so sehr darauf konzentriert nicht zu sehr an die Federboa zu denken, dass ich nicht daran gedacht hatte an sie zu denken. Das rosa Plüsch hob den nicht von dem Schwanz zu unterscheidenden Kopf. Sie ließ sich lautlos am Leder heruntergleiten und schlängelte über den Holzboden. Schlüssel. Schlüssel. Hm...Wo versteckt man einen Schlüssel? In einer Schublade? Wäre schon sehr abgedroschen und vor allem zu gewöhnlich. Ich machte einen Hopser und segelte vom Tisch auf ein Regal zu. Dabei bemerkte ich natürlich nicht, wie der Würgegriff einer Federboa hinter mir ins Leere fuhr und das gute Stück von der Tischplatte. In irgendeinem dieser Bücher ist fein säuberlich die Form eines Schlüssels herausgeschnitten worden und zwar aus mindestens hundertfünfzig Seiten. Möglicherweise... Nein. So dumm war niemand. Das Buch auf dessen Schildchen "Schlüsselband" stand, musste eine Falle sein. Wer war so beschränkt, das eine Buch, in dem sich ein so wichtiger Gegenstand befand, einfach...zu beschriften? Allerdings handelte es sich eigentlich nur um den Schlüssel, den der Vater benutzte um seine Tochter den Zugang zu ihren Abendkleidern zu verwehren. Und vielleicht besaß besagter Vater einen dermaßen berechnenden Intellekt, dass er vermutete, ein Dieb würde vermuten, dass es sich um eine Falle handelte! Das war doppelt ausgefuchst! Niemand traute sich das Buch anzurühren und gleichzeitig wusste der Eingeweihte genau, wo er seinen Schlüssel hinlegte, denn er hatte sich ja extra ein Schildchen dafür gemacht.

Grade wollte ich eine geeignetere Form annehmen und nach dem Buch greifen, da traf mich eine Stimme in den Rücken. "Oh... Nein, da klettere ich nicht extra hoch." Ich fuhr erschrocken herum. Die Federboa lag am Fuße des Regals und schaute mit missmutigem Blick nach oben -sofern das einem Kleidungsstück möglich war. Dann rollte sie sich zu einem flauschigen Haufen zusammen, trotzig und offenbar arbeitsscheu. Bei mir schrillten die Alarmglocken. Bartimäus, Bartimäus! Dein letzter Einsatz hat dir wohl die Substanz getrübt! Hast so ein auffälliges etwas gar nicht näher überprüft... Eilends bemühte ich mich, meinen Fehler zu korrigieren. Ich betrachtete die Federboa auf allen sieben Ebenen.

Eins bis fünf waren dabei in bester Ordnung, aber sechs und besonders die verfluchte Nummer sieben machte mir wie üblich einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Eine gute und eine schlechte Nachricht. Man hatte mich erwischt, aber bei dem weichen, fedrigen Etwas handelte es sich nicht um irgendwas großes, gefährliches, stattdessen war es bloß ein Foliot.

Ich zögerte nicht lange. Einer meiner flinken Gestaltwechsel, in diesem Fall in eine große Katze, und ich ließ mich auf meinen Gegner hinabstürzen. Zwar wischte mir der Kopf (Oder der Schwanz) des Wesens noch zwischen den Krallen hinweg, doch ein weiterer schneller Angriff und ich hatte auch diesen auf den Boden gepinnt. "Oh..." stöhnte die Boa und ich war nicht sicher ob aus Schmerzen oder gleichgültigem Missfallen. Ich sonnte mich in meinem Triumph, wie für Katzen -und mich- so üblich. "Du hast gedacht, du könntest mich aufhalten? Mich, den großen Bartimäus?" "Was für eine Maus? Ich dachte du wärst eine Katze..."

Offensichtlich hatte die Intelligenz der Foliot auch nachgelassen. Zumindest die dieses Exemplars war nicht ganz die höchste. "Ich bin Sakhr al-Dschinni, N´gorso der mächtige und die Silbergefiederte Schlange! Und keine Katze." "Könntest du trotzdem von mir runtergehen? Das ist unangenehm und Ah! Nicht dahin treten!" "Ich bleibe so lang mit meiner Tatze auf deinem Schwanz stehen wie ich will. In anderen Worten; bis du singst wie ein Vögelchen!" schöpfte ich die Tiervergleiche noch ein wenig weiter aus.  

Diesmal war es ein langgezogenes "Ah", das der Foliot von sich gab. "Sollte ich nicht eher fragen was du hier machst? Eigentlich schleicht sich niemand an Min vorbei." "Min? Pft. Der Name passt zu dir. Kurz und bündig. Genauso wie deine Substanz sein wird, wenn du mir noch mal blöd kommst!" Ich erhöhte den Druck auf dem sich windenden Körper noch ein wenig und ließ meine Krallen spielerisch ein Stück ausfahren. Nun kam doch etwas Leben in das träge Gebilde. "Hey! Pass doch auf wo du damit hinkommst! Und ich bin nicht Min, ich bin Yzal! Au! Mir wurde nicht gesagt, dass hier so was passieren kann!" Der Name klang jetzt auch nicht viel besser.

"Dieser Min, ist das auch ein kleiner Foliot, so wie du?" fragte ich gehässig. Die Boa besaß doch tatsächlich die Frechheit, erheitert zu glucksen. "Nein, das ist er beim besten Willen nicht. Verschwinde lieber, bevor er kommt und dich frisst. Könntest du jetzt von mir runtergehen? Ich will dir ungerne Drohen. Immerhin haben wir hier selten Besuch." Ich dachte nicht daran, mir von einem lachhaften Foliot vorschreiben zu lassen, was ich zu tun hatte. Diese Gesellen waren dafür bekannt, zur Übertreibung zu neigen und deshalb handelte es sich bei Min wahrscheinlich um einen Wurm, der diesem hier in Sachen Tödlichkeit aufs Haar glich. Mit einem spitzzahnigen Lächeln begann ich ein wenig mit der Pfote zu scharren. "Weißt du was? Ich werde zuerst dich und dann deinen Foliotfreund verspeisen. Dann werde ich mir den Schlüssel nehmen, ihn meiner Meisterin bringen und mich schnurstracks an den anderen Ort verziehen." Vorausgesetzt ich schaffe es mit so übervollem Magen zurück in ihr Zimmer.

Er biss die Federn zusammen als er den einen oder anderen Plüschfussel verlor. "Du suchst einen Schlüssel?" presste die Boa weiter heraus. "Dein Plan klingt nicht sonderlich -Ah!- gut..." "Der Schlüssel darf nicht aus seinem Versteck entfernt werden." meldete sich eine sanfte Stimme von irgendwo hinter uns. Meine buschigen Ohren zuckten und der bepelzte Katzenkopf fuhr in die Richtung in der ich den Sprecher lokalisierte. Jener entpuppte sich als relativ uninteressante Erscheinung. Ein Asiate im Frack eines Bediensteten, eines Butlers, stand im Türrahmen, die Schlitzaugen auf uns gerichtet. Er mochte in etwa so alt sein, wie Ptolemäus es gewesen war. Die Hände, die zweifellos in Samthandschuhen steckten, hatte er hinterm Rücken verschränkt.

Die Federboa räusperte sich. "Ah, Zen-Master! Wie schön dass du auch mal vorbeischaust! Ich stecke hier ein wenig... in Schwierigkeiten." Min legte den Kopf schief, ein gelassenes Lächeln im Gesicht, wie es ein Foliot gegenüber eines feindlichen Dschinns nicht hätte haben sollen. Überhaupt war der Kerl reichlich groß für einen Foliot und ich hatte ihn weder kommen hören, noch seine nahende Ankunft gespürt. "Das sehe ich. Möchtest du uns nicht einander vorstellen, Yzal?" Der Flederwisch räusperte sich erneut. "Min, das ist Partymaus. Partymaus, das ist Min." Der Butler faltete die Hände, die tatsächlich besamthandschuht waren, vor der Brust und verbeugte sich leicht. "Ich grüße dich, Partymaus."

"Es heißt Bartimäus, du unwissender, niederer...“ Als ich vorsichtshalber die siebte Ebene überprüfte, blieb mir das Wort Foliot im Halse stecken und mir wurde klar, dass der Kerl mich nennen durfte, wie auch immer er wollte. Was sich da im niedrigsten Spektrum der Magie vor mir befand, sah im höchsten ein wenig anders aus. Es hatte einen bunten, langgezogenen Körper mit einer weißen Mähne und einem großen, hornlippigen Maul in dessen Kiefer mehrere Reihen spitzer Zähne staken. Das Wesen sah so aus wie ein übergroßer Tausendfüßler, den man mit einer Echse gekreuzt hatte.

An den vielen Gliedmaßen blitzten tödliche Klauen aus Elfenbein auf, ebenso spitz wie die beinen Hornpaare am Kopf. Angesichts der schrecklichen Schönheit dieses Geschöpfs konnte mein Lindwurm von vorhin nur zurück in seine Höhle kriechen und anfangen, noch tiefer zu graben. Insgeheim hatte ich dasselbe vor, denn bei Min handelte es sich nicht im Entferntesten um einen Foliot. Wer immer der penible, schlüsselversteckende Zauberer war, er musste ziemlich mächtig sein, um sich mal eben einen Mariden als Butler leisten zu können. Die ägyptische Katze wich ein wenig zurück, ihr Fell sträubte sich.

"Kannst du jetzt von mir runtergehen?" fragte Yzal erneut, diesmal etwas mehr davon überzeugt, dass ich seiner Bitte nachkommen würde. Ich nahm auch die letzte Pfote von ihm und er schlängelte kichernd davon. Da hatte ich mich ja in etwas Schönes hineingeritten. Witzig, dass ich vor nicht allzu langer Zeit noch gedacht hatte die Sache wäre mit einer schnellen Schlüsselsuche gegessen. Irgendwie musste ich verduften. Die hämische Stimme der Boa riss mich aus den Gedanken.

"Ich würde zu gerne sehen wie du aussiehst, wenn jemand auf dir draufsteht." Klar, jetzt hatte sie eine große Klappe, wo sie sich um die Schultern des Mariden gewunden hatte. Der versetzte der Luft vor den ersten pinken Federn ein Fingerschnippen. Eine winzige Detonation versengte Yzal seine Federspitzen.

"Sun Tzu sagt: Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss. Wahrhaft siegt der, der niemals sein Schwert erhebt." Der Marid ließ von dem gemaßregelten Foliot ab und schwenkte zu mir um, was ausreichte, um jegliche Überlegungen zur Flucht meinerseits im Keim zu ersticken. "Bist du ein kluger Krieger, Bartimäus?" fragte er mit einer ernsten Stimme, die das freundliche Lächeln in seinem Gesicht Lügen strafte. Wie zuvorkommend, meinen wirklichen Namen zu benutzen…wenn du jetzt noch davon absehen würdest meine Substanz in alle vier Himmelsrichtungen zu verstreuen und mich einfach gehen lässt, könnte das eine wunderbare Freundschaft werden!

Ich schluckte. "Ja, Min, äh Sir! Äh, Zen-Master!" "Es freut mich wirklich das zu hören." Ich musste schlucken. Entweder war dieser Marid so ziemlich der beste Lügner, der ihm je untergekommen war oder er hatte tatsächlich kein Interesse daran mein Inneres nach Außen zu krempeln. Min fuhr fort, nun wieder in der butterweichen Stimme, die so gar nicht zu seiner wahren Gestalt passen wollte. "Dann schlage ich vor, dass wir den Meister aufsuchen und wir klären, was du hier wirklich wolltest. Wenn ich bitten darf. Er befindet sich unten im Esszimmer."

Esszimmer klingt gar nicht gut. Ich hab so eine Vermutung was der Zauberer auf die Speisekarte setzen wird. Trotz meiner düsteren Vorahnungen, trottete ich auf die mächtige Wesenheit zu, die Ohren angelegt, mein Schweif nervös zuckend. Min nickte mir ermutigend zu und nahm den Foliot mit spitzen Fingern von seiner Schulter.

"Und du machst dich jetzt endlich an die Arbeit." "Aber es ist so viel..." murrte Yzal unmotiviert. "Auch eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Außerdem wird es dich in Form halten. Fließendes Wasser fault nicht, Türangeln werden nicht wurmstichig." Vielleicht war es ganz gut, dass man ihm befehlen würde, mich zu fressen. Von innen musste ich wenigstens seine Binsenweisheiten nicht hören.

Yzal kroch davon, Bögen mit seinem Federkörper bildend wie eine übertriebene Karikatur eines Zeichentrickwurms. So gut kam ich offenbar nicht davon. Irgendeinen Weg musste es doch noch geben. Man hatte mich beim Versuch erwischt etwas zu stehlen.

Mit einem Schlag auf die Finger war die Sache bestimmt nicht erledigt. Ich schlich neben dem Frackträger her. Sonderlich bestechlich wirkte er auch nicht, aber ich hatte ja auch nichts anzubieten. Wer hätte gedacht, dass es mal so enden würde? Nicht sonderlich würdevoll, wenn ich das mal anmerken darf.

Aber man konnte es ja versuchen. "Ähm... Also dass ich versucht hab den Schlüssel zu stehlen, das geb ich zu." versuchte ich es mit Ehrlichkeit, zumindest einmal in meinem Leben, das sowieso nicht mehr lange wehren würde. "Über Vergangenes mach dir keine Sorgen. Dem Kommenden wende dich zu." erwiderte Min, ohne sich auch nur nach mir umzudrehen. "Ja, genau das ist ja mein Problem, weißt du?" Keine Antwort. "Diese `gefressen werden Sache´, die macht mir Sorgen. Ich sage auch alles! Meine ehrwürdige Meisterin hat nichts über eine Schweigepflicht erwähnt!" Ich zog es vor ein wenig Respekt für die Göre zu heucheln, immerhin wohnte sie hier.

Min lachte, ein glockenheller Laut der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Miss Samantha ist vieles, aber sicher keine ehrwürdige Meisterin. So ist es mit den Magiern, von Generation zu Generation. Sind die Alten nicht aufrichtig, so lehren sie die Jungen, Schurken zu werden. Doch bei diesem Zauberer bin ich mir selbst nicht mehr so sicher."

Na toll, ein Überläufer!

"Was meinst du damit?" fragte ich zaghaft. Das Hallen der auf Hochglanz polierten Butlerschuhe erstarb, als Min vor einer protzigen Flügeltür mit Goldgriffen stehenblieb. "Du wirst es sehen." singsangte er und öffnete. Das helle Licht des Speisesaales flutete den dunklen Korridor. Als sich meine Katzenaugen an die Lichtverhältnisse gewöhnte hatten und ich sah, wer dort am Tisch hockte, stellten sich meine Ohren vor Erstaunen auf und mir entwischte ein entrüstetes Miauen. "Nein!" fauchte ich.

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Das war Kapitel 1.

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