Ein Nephalem unter Engeln

von Amai-ra
GeschichteFantasy / P18
Auriel Imperius Itherael Mephisto OC (Own Character) Tyrael
08.07.2012
09.11.2013
11
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08.07.2012 1.695
 
Kapitelupdate: 14.08.2016
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Der letzte gequälte Schrei verstummte langsam und hallte durch die kalten Flure und Kerker, während das manische Lachen des Dämons, der dafür verantwortlich war, immer lüsterner und befriedigter wurde. In ihrer Nase lag schon seit geraumer Zeit – es waren ihrem Gefühl nach etwa drei Tage – der Geruch von Tod, verbranntem und verdorbenem Menschenfleisch und anderen weitaus schlimmeren Dingen. Sie riss ihre Augen bei jedem Schrei, der von den dunklen Wänden widerhallte, auf und ließ ihren Blick verstohlen schweifen.

All das Leid, welches den Gefangenen hier in diesem Kerker widerfuhr, ließ sie keine Hoffnung mehr sehen diesen Ort lebend zu verlassen. Sie war hier mit anderen Menschen aus ihrem Dorf verschleppt worden. Doch wo sie sich befand, konnte sie nicht fassen. Es konnte nicht Sanktuario sein. Die Tochter eines Schmieds kam nicht darauf, was sie dies glauben ließ, aber sie war sich sicher, dass sie sich an einem schrecklichen Ort befand. War sie in den Brennenden Höllen? War es der Ort, mit dem Eltern ihren ungezogenen Kindern drohten? Ein Ort voller Grausamkeiten und ohne Widerkehr?

Das dunkle Blau ihrer Iris war matt und glanzlos geworden, jedes bisschen Leben war entschwunden und ließ unmenschliche Leere zurück. Sie hatte so viel Grausames gesehen. So viel, das nicht für ihre Augen – für die Augen eines Menschen – gemacht war. Auf ihrer Zunge lag ein Gemisch aus Speichel und bitterer, feuchter Luft. Sie wollte diese widerliche Brühe nicht herunterschlucken, auch ausspucken kam nicht in Frage, da sie ihren letzten Tropfen Speichel nicht verlieren wollte. Sie war oft an dem Punkt angekommen, dass sie sich beinahe übergeben musste. Nur einmal konnte sie es nicht mehr zurückhalten. Aber es kümmerte keinen Dämon, wie ihre Zelle aussah. Niemand scherte sich, ob neben den letzten lebenden Menschen die Leichen ihrer Mitmenschen verrotteten. Sie wagte es nicht, ihren Blick zu heben und um sich zu schauen, wo vor kurzer Zeit noch vier weitere Menschen zitternd und um ihr Leben flehend in der Zelle saßen.

Sie selbst blieb noch größtenteils verschont, da sie aus lähmender Angst ihre Stimme verloren hatte und nicht schrie und sich nicht gegen die Dämonen wehrte. Dämonen waren mehr an sich windenden und vor Schmerz und Angst schreienden Menschen interessiert. Doch wenn alle anderen Gefangenen sterben würden, dann würde man auch sie holen kommen.

Einer der beleibten Wächter hatte ihr nach ihrer Ankunft die Hände hinter dem Rücken mit Ketten verbunden und diese dann an der Wand, die nicht aus normalen Steinen zu bestehen schien, hinter ihr befestigt. Sie hatte ihm damals mit ihrem zittrigen und verängstigten Blick in die kleinen Dämonenaugen geschaut und nichts als Hass und Lust am Leid gelesen. Keiner dieser Ungeheuer kannte Mitleid oder zögerte eine Sekunde lang bei seiner Lieblingsbeschäftigung. Mit bebendem Herzen ließ sie alles über sich ergehen und wagte es nicht, sich zu bewegen. Als der nach Schweiß stinkende Dämon auch mit ihren vier Mitmenschen fertig war, drehte dieser sich belustigt um und versprach seien Gefangenen mit seiner unverständlichen Stimme einen langen, qualvollen Weg voller Schmerzen.

Jeder dieser fünf Bewohner Sanktuarios reagierte anders auf seine Gefangennahme. Einer schrie wie am Spieß nach seiner Mutter – es war ein junger Heranwachsender – und wurde schon nach kurzer Zeit den Flur entlanggeschleift, nachdem man ihm anstatt seine Ketten abzunehmen einfach die Hände abgeschnitten hatte. Ein anderer murmelte Verse aus den heiligen Schriften Akarats vor sich hin. Der alte Greis, welcher einer der Dorfältesten war, sprach allen Mut zu. Er glaubte unbeirrt an das Gute und dass sie alle erlöst werden. Die vierte Gefangene mittleren Alters versuchte sich vergeblich selbst das Leben zu nehmen, um nicht die Foltermethoden der Dämonen am eigenen Leib erfahren zu müssen. Was mit ihr geschah, wusste das Mädchen, das ihre Stimme verloren hatte, nicht, da sie zu der Zeit, als die Frau weggebracht wurde, vor Erschöpfung eingeschlafen war. Schlaf war etwas, was sich kein Mensch in dieser Hölle gönnte, da es einen ewigen Schlaf bedeuten mochte. Doch vielleicht war genau das der gnadenvollste Tod.

An ihrer rechten Schulter hatte sie eine leichte Fleischwunde, welche sich während ihres Aufenthaltes in dem Kerker entzündet hatte. Aufgrund dessen hatte sie erhöhte Temperatur und sie wusste, dass sie entweder der Wunde wegen sterben würde oder durch einen Dämon. An den stechenden Schmerz in ihrer Schulter hatte sie sich gewöhnt. Hämatome überdeckten ihren Körper, da die Dämonen nicht zimperlich mit ihren Gefangenen umgingen. Sie wusste, dass das erst der Anfang war, wenn die Dämonen sie holen kamen. Ihre Glieder und Muskeln schmerzten schon allein von der Vorstellung, was die Monster mit ihr anstellen würden. Es graute sie und die Angst war so tief in ihre Knochen versunken, dass sie ihre Augen nicht mehr öffnen wollte.

Immer dann, wenn sich ein Dämon in ihrer Nähe aufhielt und sich sein nächstes Opfer aussuchte, zitterte sie am ganzen Leib und spürte förmlich seinen verdorbenen Atem auf ihrer Haut. Auch wenn er sich am anderen Ende des Raumes befand, kam es ihr so vor, als ob er hinter ihr stand und sie mit seinen Händen jeden Moment umbringen würde.

Die Dämonen erbosten sich immer wieder darüber, dass die Menschen keiner physischen Belastung standhielten und schon nach kurzer Zeit an der Folter starben. Und sie lachten die Bewohner Sankuarios aus, was für mickrige und unbedeutende Kreaturen sie seien. Der Befehlshaber – Shenk der Aufseher – ordnete seine Untergeordneten an, nicht sofort alle Menschen abzuschlachten. Er wolle sich selbst mit einigen die Zeit vertreiben. Da die Menschenausbeute abnahm und keine neuen Gefangenen gemacht wurden, saß das Mädchen nun mehr als einen Tag alleine in ihrer Zelle und wartete auf ihren Tod.

In der ersten Nacht – wenn ihr Zeitgefühl sie nicht täuschte – hatte sie zwei Dämonen miteinander reden gehört. Sie sprachen über irgendwelche drei großen Übel und ihren zeitnahen Angriff gegen die Hohen Himmel. Sie verstand davon gar nichts. Aber etwas von diesem Gespräch war ihr hängen geblieben. Es war alles so surreal; Dämonen und Engel, wie die aus den Geschichten, die man sich in ihrem Dorf – ehemaligen Dorf, oder das, was noch übriggeblieben war – erzählt hatte. Aber wieso sollte sie den Wächtern keinen Glauben schenken? Der Übergriff auf ihre Siedlung war wirklich passiert. Die meisten Männer ihres Dorfes versuchten vergeblich gegen die Brut der Hölle zu kämpfen und ihre Familien zu verteidigen. Diejenigen, die sich ergaben oder gewaltsam niedergerungen wurden, wurden verschleppt und hierhergebracht.

Gerade als es für einige Minuten still geworden war, dachte sie, dass sie für eine kurze Zeit einschlafen konnte, da auch Dämonen nicht ohne Pause und Phasen des Ausruhens leben konnten. Auch sie hatten Grenzen. Doch etwas schlich sich an. Nein, es schlich nicht. Es war bereits hier in ihrer Zelle. Es war dunkel und böse. Die Tochter eines Schmieds spürte Hass. Tiefer, unbegründeter Hass. Sie hatte sogar kurz aufgehört, zu atmen, als sie die Entität hinter ihr spürte. Nein, nein, nein, dachte sie mit hämmerndem Herzen in ihrem Brustkorb. Es fühlte sich so an, als ob ihr Herz gleich zerspringen würde wie ein Glas, das auf dem Boden zerbricht.

„Atme“, zischte es durch die Luft wie tausend Vipern mit einem leichten Hall. Die Stimme war boshaft und Herrschaft gebietend. Sie konnte nicht anders als zu gehorchen. Sie atmete schnappend nach Luft. Und da traf es sie wie ein Schlag. Der Dämon berührte sie mit seiner Klauenhand am Rücken. Die Lebenskraft wich aus ihrem Körper heraus. Ihre Gedanken wurden düster und handelten von schmerzvollem Tod. Sie spürte Hass auf Sanktuario, Hass auf ihre Rasse. Und so viel Trauer. Unendliche Trauer, um ihre Familie, um ihr Dorf und um all die Dinge, die sie noch vor sich gehabt hätte, hätte sich der Überfall auf ihre Heimat nicht ereignet. Sie wollte noch nicht aus dem Leben scheiden.

Als die flüchte Berührung vorbei war, ließen auch die vernichtenden Gefühle von ihr ab und ihr Körper sackte in sich zusammen. Die Gefangene hatte kaum noch Kraft und auch ihr Bewusstsein schwand langsam. Sie bekam immer weniger von ihrer Umgebung mit. Nur noch das Wesen spürte sie und seine überlegene Macht. Der Dämon hinter ihr knurrte. Doch es hörte sich nicht so wild und bestialisch an, wie das von den Wächtern. Es war ein zorniges Geräusch, das sie erschreckt aufzucken ließ. Dann, mit einem Mal, war der Dämon nicht mehr in dem Raum. Sie zitterte und atmete laut. Sie war noch nicht tot. Sie lebte. Und dennoch freute sie sich nicht wirklich darüber. Vielleicht würde sie gleich schmerzlos einschlafen und ihr Geist ihren müden Körper verlassen?

Einige Minuten lang kehrte die Stille, die gnädig und zugleich einen Menschen verrückt werden lassen konnte, wieder ein. Die Menschentochter wurde schwächer und wäre fast eingeschlafen, als gedämpftes Grollen von weit her zu vernehmen war. Es ließ sie aus ihrer Starre aufschrecken. Das Geheul stammte jedoch nicht, wie zuerst vermutet, von einem Menschen, der auf grausamste Art und Weise in den Tod malträtiert wurde, sondern von einem der Dämonen. Weitere Schreie kamen hinzu und die Stimmen verloren sich in einem Chaos voller grausamer Laute. Aber auch Menschen waren nach kurzer Zeit vereinzelt im Hintergrund zu vernehmen. Hatte eines der Ungeheuer etwa einen Streit um einen Sklaven angezettelt, sodass sich diese Monster nun um ihr lebendes Hab und Gut prügelten?

Angestrengt und um ihr Bewusstsein ringend lauschte sie dem Spektakel, das hoffentlich bald enden und nicht zu ihr durchdringen würde. Langsam und immer näherkommend, wurden die Schreie immer lauter und nahmen an Quantität zu. Klingen schlugen gegen anderes todbringendes Metall und hinterließen nur das Sterben der Kreaturen. Allmählich verstummte das Wehklagen der Menschen und die Dämonen stießen ein letztes Gebrüll aus, bevor es leise zwischen den eisigen, modrigen Wänden wurde und sich nichts als Stille über den Kerkerkomplex legte.

Wer oder was hatte diese Schlacht gewonnen? Wer war als Sieger übriggeblieben? Das Herz pochte wieder brachial in ihrer Brust und schnürte ihren flachen Atem zu. Sie spürte ganz deutlich die Anwesenheit von jemandem, von mehreren Personen, doch hatte sie keine Schritte gehört. Leise wie der Wind kamen die Fremden in ihre Zelle. Niemand machte einen einzigen Laut, keine Stimme brach das Schweigen und keine Bewegung verriet ihre Positionen. Sie wollte – konnte – ihre Augen nicht öffnen. So sehr hielten sie die Angst und Schwäche zurück. Sie war unweigerlich dem Tode geweiht, ohne überhaupt erfahren zu können, wer ihr Schicksal besiegeln würde.
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