Der Herr der Klingen

GeschichteDrama / P16
Anthony Johanna Barker
30.06.2012
30.06.2012
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Kapitel 1 : Ein Hoffnungsschimmer


Seine Schritte erzeugten ein beängstigendes Echo , welches die Kellerwände hochkroch.
Toby schlappte die Treppen hinauf , immer noch das mit Blut besudelte Rasiermesser in der Hand.
Noch vor ein paar Minuten hatte er im Abfluss des Backkellers gekauert und zugleich , während er um sein Leben bangte , die Todesschreie von Mrs. Lovett anhören müssen , die ihm das Herz zerrissen.
Als die Turbulenzen vorbei waren und Mr. Todd ihm seinen Hals anbot , so als wüsste er was auf ihn zukäme , konnte der Brünette nicht widerstehen und schnitt ihm die Kehle durch. Aber durch seine Rache fand der nur geringen Trost für all das , was an diesem Tag passiert war.

Lauschend blieb er auf dem Treppenabsatz stehen. Hörte er da etwa das Wiehern von Pferden ?
Schnell steckte der das eingeklappte Rasierwerkzeug in seine Hosentasche und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht , um nachzusehen , was draußen vor sich ginge.
Vor der Tür stand ein großes Gefährt  , schwarz wie die Nacht , was gar nicht groß aufgefallen wäre , wenn die Laterne oben am Kutschbock nicht gewesen wäre.
Ein junger Mann sprang von der Kutsche und eilte die Treppen hinauf.
Verwundert beobachtete Toby , wie er  nach oben in den Babiersalon rannte und kurz darauf mit einer weiteren Person die Treppen hinunterpolterte.
Er hatte einen Arm um sie gelegt und die Mädchenstimme , bitterlich weinend , war nicht zu überhören. Egal was der junge Mann auch sagte , er konnte ihr keinen Trost schenken.
"Wer seid ihr ?!“ , brüllte Toby  und wollte schon nach der Rasierklinge in seiner Hosentasche kramen,  doch als er in die Gesichter der Erschrockenen blickte , erkannte er Anthony wieder.
"Du bist doch dieser Seefahrer !"
"Und du bist Mrs. Lovett's Dienstjunge , habe ich recht ? Wo ist Mr. Todd ? Hast du ihn gesehen ?" , fragte der Seemann und schaute an dem kleinen Jungen vorbei.
War .. , sprach Toby in seinen Gedanken zu sich selbst und blickte unscheinbar hinter sich zu den Treppen , die in den Backkeller führten.
Während das Mädchen wirre Worte vor sich hin flüsterte und drängte zu gehen , antwortete der Junge nur :
„Ich weiß nicht wo er ist. Ich kann mich nur erinnern , dass er ein paar Dinge erledigen wollte.“
„Mitten in der Nacht ? Ich wollte ihm für seine Hilfe danken , aber länger können wir nicht warten. Richtest du ihm meinen Dank aus ?“
Nickend ließ Toby die Beiden ziehen und sah ihnen nach , wie sie in die Kutsche einstiegen.
Was sollte er tun ? Es würde nicht lange dauern und die Polizei würde das Haus auf den Kopf stellen , ihn für all das Geschehene verantwortlich machen , nur um einen Schuldigen zu haben und ihn zum Tode verurteilen.
Rasch rannte der Junge in den Wohnbereich und bekam nicht mit , wie Anthony mit sich rang seinen Dank Mr. Todd persönlich auszurichten.
„Ich habe ihm nur per Zufall das Leben gerettet und dafür sind wir nun quitt. Trotzdem , ohne ihn hätte ich all das nicht bewerkstelligen können.“
„Bitte Anthony .. Lass uns schnell gehen. Wenn dieser Verrückte uns hier findet , bringt er uns auf der Stelle um !“
Verwundert hakte der Seemann nicht weiter nach und ging Johannas Bitte nach.
Ihm war es auch lieber schnell zu verschwinden , bis ihm Richter Turpin auf die Schliche kam.

Im Wohnbereich angekommen suchte Toby sich ein paar Klamotten zusammen und nahm einen Sack zur Hand , um die Sachen darin zu verstauen.
In Eile flitzte der Brünette  hinaus und sah mit Erschrecken , dass Anthony dem Fahrer das Signal zum Losfahren gab.  „Zum Hafen , bitte !“
Während er die Treppen hinaufschnellte , peitschten die Zügel , weswegen die Pferde wieherten und ihre Hufen über die gepflasterten Straßen schabten.
Ohne groß zu überlegen huschte der Junge in den Babiersalon und erstarrte kurzzeitig , als er das viele Blut auf dem Boden , Frisierstuhl und zuletzt am Fenster erblickte , doch er fing sich schnell und eilte zur Spiegelkommode , wo unter anderem die restlichen silbernen Rasiermesser in ihrer Schatulle lagen.
Er öffnete seinen Sack , räumte alles hinein was sich auf der Ablage befand , schulterte diesen und verließ den Salon so schnell er konnte.
Dabei übersah er die siebte Klinge , die in dem Blut auf dem Boden lag , die Sweeney Todd nach seinem letzten Opfer zur Ruhe gelegt hatte.
Von oben konnte Toby nur schwach die Lichtquelle der Kutsche erkennen , wie sie am Ende der Straße gerade in die Kurve einbog.

Nachdem er die Treppen hinuntergesaust war , verließ er das Grundstück und rannte durch die Nacht. Am Ende der Straße einen letzten Blick durch die Fleet Street werfend , verabschiedete er sich im Stillen , dann nahm er seine Beine in die Hand und schlug den kürzesten Weg Richtung Hafen ein.
Er nahm Abschied von der kurzen , glücklichen Zeit , die so tragisch enden musste - wo er vor wenigen Wochen noch geglaubt hatte sein Glück gefunden zu haben , doch das bevorstehende Unglück war nicht abwendbar. Der Dämon war zu stark für ihn.
Von Mrs. Lovett , die ihm so viel beibrachte , die ihm Zuwendung , zu essen und ein Dach über den Kopf gab , die ihm einen Sinn im Leben schenkte.
Aber auch von Mr. Todd , der ihm dies beschert , aber auch erst möglich gemacht hatte.
Welch eine Ironie ..

Am Hafen angekommen kam Toby schnaufend aus einer dunklen Gasse und versteckte er sich hinter ein paar Kisten und Fässern , den Weg nach einer Kutsche Ausschau haltend.
Es war viel los an den Pieren : einige Schiffe wurden beladen , viele Männer rannten hin und her und riefen sich Befehle und Aufgaben zu - aber weit und breit war keine Kutsche zu sehen.
Ob er sie vielleicht schon verpasst hatte ?
Mit vorsichtigen Schritten traute sich Toby aus seinem Versteck und ging am Pier entlang.
Die Müdigkeit machte es ihm schwer die Augen offen zu halten und wurde sogar ab und an von großen Seemännern angerempelt , die ihn zusätzlich beschimpften , aber das machte ihm nichts aus. Im Gegenteil , es hielt ihn wach.
Als er am Ende des Piers ankam und sich dem Menschentrubel entfernte , bekam der Junge plötzlich ein Gespräch mit , was immer lauter wurde , je mehr er sich den Häusern näherte :
„Sie müssen uns helfen !“
„Ich muss gar nichts. Dabei habe dir doch schon für ein Weilchen die Kutsche ausgeliehen.“
„Aber ich dachte , wir könnten für Arbeit auf Ihrem Schiff unterkommen. Nur bis zum nächsten Ort  !“
Die eine Stimme kam ihm durchaus bekannt vor. Er schöpfte Hoffnung.
„Hör mal , Junge. Ich habe dir geholfen , weil du in Not warst. Damit sind wir quitt. Dein restliches Geld reicht aber nicht für zwei Eintrittskarten , um auf meinem Schiff mitzufahren.“
„Aber wir können putzen und kochen , wir werden nicht im Weg sein !“
Anthonys verwunderter Blick richtete sich mit einem Mal auf Toby , der sich ihm und dem Kapitän genähert hatte.
„Was tust du hier ?“ , hakte er nach und lenkte dadurch auch die Aufmerksamkeit des Kapitäns auf ihn.
Dieser schaute ihn grimmig von oben bis unten an und fragte : „Gehört der Knirps zu dir ?“
„Nein , nicht direkt .. also …“ Anthony  haperte mit sich und versuchte die passende Antwort zu finden , die ihm die Lage nicht noch schwerer machen würde , doch Toby kam ihm zuvor :
„Ich habe zufällig euer Gespräch mitgehört.“
„Ach ja ? Das gehört sich für einen kleinen Bengel aber nicht.“
Statt darauf etwas zu entgegnen , griff er in den Sack und zog eine der silbernen Klingen heraus , um sie den Kapitän zu zeigen.
„Wenn ich für uns Drei bezahle , bekommen Sie die hier.“
Mürrisch begutachtete er das wertvolle Stück und schien nicht so recht begeistert zu sein.
Doch dann plötzlich , als Toby befürchtete , dass er das Angebot ablehnen würde und es schon wegstecken wollte , riss der Kapitän ihm das Rasiermesser aus der Hand und richtete seine aufgerissenen Augen sie.
Erst als Anthony ihn ansprach , ob alles in Ordnung sei , willigte er ein :
„Also gut. Aber das heißt nicht , dass ihr die Fahrt über faullenzen dürft. Schuften müsst ihr trotzdem !“
Ein Seufzer entglitt dem brünetten Seemann , als er zur Kutsche winkte und Johanna ein Zeichen gab , woraufhin sich die Tür öffnete und sie hinübergeeilt kam.
Er nahm ihre Hand und riss sie ohne Erklärungen mit sich , Toby rannte ihnen hinterher , auch wenn ihn das flaue Gefühl im Magen nicht losließ , dass seine Handlung unerwünscht war.

Am Bord des Schiffes herrschte arges Gedrängel. Viele der Seemänner warfen den Dreien böse Blicke zu , denen sie rasch entgehen wollten. Sie suchten sich eine ruhige Stelle unter einer der Treppen , um verschnaufen zu können.
Als Toby sich als Letzter hinsetzte und seinen Sack neben sich legte , griff Anthony grob nach seiner Hand.
„Hey ! Lass mich los !“ , zischte er und versuchte sich loszureißen , doch Anthony’s Griff war stärker als vermutet und sein ernster Blick schüchterte ihn ein.
„Woher hattest du das Rasiermesser ? Doch nicht etwa gestohlen von Mr. Todd ?“
„Was geht dich das an ? Du solltest mir lieber dankbar sein !“
Sein Griff lockerte sich , als er dies vernahm.
„Da hast du Recht. Und irgendwo bin ich es auch. Aber ich verstehe nicht wieso du hier bist. Mr. Todd und Mrs Lovett sind sicher sehr besorgt um dich. Und stinksauer.“
Die Schritte auf dem Schiffsdeck machten Halt und die Geräuschkulisse bat außer wenigen Gesprächen nichts mehr.
„Es gibt niemanden mehr dort , der sich um mich sorgt.“
„Wie meinst du das ?“
Der Kapitän betrat das Schiff und empfing die Begrüßung seiner Mannschafft.
„Sie sind tot , Anthony .. Und nicht nur das. Mr. Todd hat die ganze Zeit Menschen ermordet und am Ende sogar Mrs Lovett  ..“
Die Augen des Seemannes weiteten sich und gleichzetig bemerkte er die Stille am Bord. Die Schritte des Kapitän’s , die nun über ihnen waren , da er die Treppe hinaufgegangen war und Richtung Steuerkreuz lief , ließ ihn erschaudern.
Als der Ranghöchste seiner Mannschaft zurief , dass das Schiff ablegen konnte , entbrannte erneut lautes Getöse.
„Das glaube ich dir nicht !“ , zischte Anthony den Jungen an.
Der Anker wurde gelichtet und die Segel gesetzt.
„Aber ich erzähle dir keine Märchen ! Ich habe heute ein paar Leichen mit eigenen Augen gesehen. Im Backkeller , wo ich eingeschlossen wurde , weil ich Mrs Lovett erzählt hatte , dass mir Mr. Todd unheimlich vorkam. Und ich hatte Recht ! Aber sie stand auf seiner Seite. So hat er ihr es gedankt ..“
Plötzlich richtete sich Anthony’s Aufmerksamkeit auf seinen Arm. Es war Johanna , die an seinem Ärmel zog.
„Er sagt die Wahrheit. Während ich auf dich gewartet habe , saß ich in einer Kiste , da mich die Bettlerin erschreckt hatte. Er hat sie umgebracht .. Und auch ihn.“
"Ihn ?"
"Richter Turpin."
Toby unterbrach , um zu ergänzen : „Den Büttel hat er auch erwischt !“
Anthony griff sich an den Kopf.
Als er etwas entgegnen wollte , packte plötzlich ein Mann Toby am Kragen und zog ihn ins Freie.
„Ayyy , ihr Landratten ! Was faulenzt ihr hier so rum , eh ?! Geht gefälligst an eure Arbeit !“ , brüllte er ihn an und winkte Anthony und Johanna hinaus , die ohne zu zögern seiner „Bitte“ nachkamen.
Sie standen im wilden Gedrängel und wussten nicht so recht wohin , als der Mann , der sie eben noch angebrüllt hatte , ihnen Anweisungen gab. Er war ein Kopf größer als Anthony , hatte schulterlanges blondes Haar , das zu einem Zopf zusammengebunden waren , schmuddelige Kleider an und Mundgeruch. Besonders auffällig war eine große Narbe auf seiner Wange.
Er deutete auf Toby und rief : „Du da , geh runter in die Küche , der Koch braucht sicher jemanden beim Kartoffelschälen !“
„J-Ja Sir !“ Augenblicklich rannte er mit seinem Sack zur Türe , die ins Innere des Schiffes führte , wo er auch die Küche vermutete.
Dann wand sich der Mann an die beiden Verbliebenen , begutachtete sie von oben bis unten , was Johanna unangenehm war , weswegen sie ihren Blick senkte.
„Du bist schmächtig , du nutzt nur zum Schrubben der Böden .. doch du ?“ , murmelte er und deutete auf Anthony.
„Hast du bissel Ahnung von der rauen See ?“
Stolz hob der brünette junge Mann den Kopf und meinte : „Ja Sir , man mag es mir vielleicht nicht ansehen , aber ich bin auch Seemann. Ich habe mehr Zeit auf der See verbracht als auf dem Land."
„Hohohoo ! Soso , einer der ganz Harten , oder wie ?!“ , lachte ihn sein Gegenüber aus.
„Nun denn , Grünschnabel , dann hilf dem Käpt’n beim Navigieren. Aber mach ihm bloß keine Scherereien , kapiert ?“
Dann schnappte er sich einen Wischmopp , drückte diesen Johanna in die Hand verschwand in der Menge.
Anthony legte seine Hand auf ihre Schulter , um sie zu ermuntern.
„Keine Sorge , es ist nur für vorübergehend. Wirst du solange durchhalten ?“
Nickend stellte sich das blonde Mädchen näher zu ihm , damit nicht jeder mitbekam , worüber sie sprachen.
„Mach dir keine Sorgen. Beängstigend ist es schon zwischen all diesen Rüpeln , aber ich war noch nie außerhalb der Stadt und schon gar nicht auf einem Schiff.“
Sorge machte sich auf Anthonys Gesicht breit – er hatte nicht bedacht , dass Johanna keine körperliche Arbeit gewohnt war. Zudem durfte niemand herausfinden , dass sie ein Mädchen war , sonst wäre das Geschrei groß und die Nächte weiterhin von Alpträumen geplagt , die er seit ihrer Befreiung versucht abzuschirmen.
Sollte jemand sie auch nur berühren , würde er für nichts mehr garantieren.
Er drückte ihr einen leichten Kuss auf die Wange , als er sie leicht umarmte und sicher war , dass es nicht auffallen würde und flüsterte ihr zu :
„Wenn das wirklich wahr ist , was ihr mir erzählt habt .. dann können wir heilfroh sein , dass wir noch leben.“
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