Pokerface (Folge 4)

von lizzy1813
GeschichteDrama, Krimi / P16
Eva Mayerhofer Jan Brenner Klaus Frings Kriminaldirektor Ritter Leonie Bongartz
28.06.2012
12.09.2012
4
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Eva legte das Handy langsam auf den Tisch und ging ein paar Schritte auf Martin zu, der sie entsetzt anstarrte. Verdammt! Jetzt bekam er die Quittung für dieses Lügengerüst, das im Begriff war einzustürzen und ihn und ihre Beziehung unter sich zu begraben.


„Sag mir dass das nicht wahr ist“, wiederholte Eva leise; unter ihrer Oberfläche begann es zu brodeln, Entsetzten, und vor allem Enttäuschung begannen in ihr aufzukochen. Unverständnis.

„Eva, ich -“


„Hast du auch nur die leiseste Ahnung was wir hier durchmachen? Vor allem was Leo durchmacht? Ich versteh nicht wie du einfach zuschauen kannst wie sie leidet! Sie muss mit dem Tod eines geliebten Menschen fertig werden, wir alle müssen mit Brenners Tod fertig werden, wie kannst du nur danebenstehen und schweigen?!?  
Ich versteh das nicht, wie kannst du nur? Brenner lebt, und du sagst einfach nichts! Wie konntest du auch nur eine Sekunde damit leben?!“



Martin schluckte. Wie sollte er Eva alles erklären? Dass Brenner ihn geradezu gezwungen hatte dicht zu halten? Es wären nur noch wenige Wochen gewesen… Oh man, warum musste dieser Trottel gerade jetzt anrufen?! Dann sollte er es doch Eva erklären.
Es stand ihm zu dass Brenner seine Beziehung rettete, und wenn es hieß dass er sein Versteckspiel aufgeben müsste. Martin würde es nicht noch einmal zulassen dass ihm Eva durch die Finger glitt, jetzt, wo es doch gerade so richtig schön angefangen hatte…


„Fuzzel …“, begann er, sah in ihre traurigen Augen und verstummte. Er hatte sie enttäuscht. Ob es nach so einem Vertrauensbruch noch eine Chance für ihn geben würde?


„Komm mir jetzt nicht mit Ausreden!“, entgegnete sie ihm scharf.
Sie war immer noch fassungslos – das war nicht ihr Martin! Ihr Martin hätte seine Kameraden nie leiden lassen!  

Da saß sie nun in ihrem bodenlosen schwarzen Loch und wusste nicht weiter. Wie sollte sie reagieren? Weinen? Sich freuen? Die beiden in Grund und Boden niedermachen? Dabei merkte sie nicht dass sie seit Minuten ins Nichts starrte, mit nicht mehr als einer dünnen Decke um ihren Körper geschlungen.

Leo hatte gelitten, sie litt in diesem Moment immer noch – und das für nichts und wieder nichts. Ob sie Brenner verzeihen konnte? Ob sie alle Brenner verzeihen konnten?
Sie war hin und her gerissen von ihren Gefühlen; Brenner lebte, sie sollte sich doch eigentlich freuen! Und trotzdem würde sie ihn in diesem Moment am liebsten zu Brei schlagen.
Das war doch nicht normal!
Sie konnte sich jetzt wirklich nicht freuen. Sie wusste überhaupt nicht was sie fühlte. Erleichterung weil jetzt endlich Klarheit herrschte? Zorn und Wut über diese Geheimnistuerei auf Kosten anderer?

Sie brauchte einige Momente um diese Information herunterzuschlucken. Als wäre dieser ganze Druck, der sich in ihr gestaut hatte, weg, und hätte nur noch diese endlose Leere zurückgelassen.

Wie wird wohl Leo reagieren wenn sie es erfährt?



Martin war inzwischen in seine Klamotten geschlüpft und reichte Eva ihre Sachen hin. „Wir fahren“

Sie nickte, und wenige Augenblicke saßen sie im Wagen. Die Räder rollten über die Autobahn, und die ganze Fahrt über wechselten sie kein Wort.
















Zu selben Zeit fluchte Brenner wütend vor sich hin. Warum hatte er angerufen, oder besser gesagt, warum musste Eva abnehmen? Er war so kurz vor seinem Ziel, und jetzt –

Nervös trommelte er mit den Fingern und sah auf die Uhr. In 10 Minuten würde Mia wieder kommen. Dabei konnte er sich gerade auf überhaupt nichts konzentrieren, obwohl seine Übungen wichtig waren. Ob Eva dicht hält?

Es war ein Risiko, denn es gab nun einen Menschen mehr der sich verplappern konnte und in gefährlicher Nähe zu Leo lebte. Es reichte wenn sie nur einmal kurz nicht aufpasste –
Nervös fuhr er sich durchs Haar.
Was sollte er jetzt machen? Blieb ihm etwas anderes übrig als es Leo persönlich zu sagen, bevor sie es von jemand anderem erfährt?

Er hatte seine Situation nicht mehr unter Kontrolle; und das machte ihn mehr als nervös. Eva war eine Variable die er jetzt nur schwer einschätzen konnte, quasi zwischen den Fronten.
Zu wem würde sie letztendlich halten – ihm oder Leo?
















Wie gewohnt nahm Leo zwei Tassen mit Kaffee ins Büro und stellte eine auf Brenners Platz. Frings war ebenfalls schon da und krümelte die Akten mit seinem Frühstück voll.

Wo Eva und Martin nur blieben? Sie kamen doch sonst immer pünktlich.
Da fiel ihr dieser intime Moment von der letzten Nacht ein. Ob die beiden jetzt- ? Sie schloss schnell die Augen und versuchte die Bilder zu verscheuchen.

Wenn es nicht Eva und Martin gewesen wären; sondern sie und Brenner. Wenn sie ihn voller Erleichterung in die Arme hätte schließen können…


Das Schicksal war grausam, soviel stand fest. Sie nahm einen Schluck Kaffee und startete ihren Computer. Vergeblich versuchte sie sich auf den flimmernden Bildschirm zu konzentrieren, denn immer wieder viel ihr Blick auf die Uhr. So spät kamen die beiden doch nie!


„Du Frings, -“, begann sie, wurde aber von Dr. Ritter, der eben hereinkam, unterbrochen.


„Ich muss sagen, das war wirklich gute Arbeit gestern Nacht, Gratulation. Knapp, aber bei Brenner sind wir ja nichts anderes gewohnt“

An Leos erstarrtem Gesichtsausdruck bemerkte er erst dass ihm etwas Fatales herausgerutscht war.
„Stimmt“, murmelte sie leise – man sah ihr an dass sie mit den Tränen kämpfte.


Ritter hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Dabei konnte er sich selbst nicht an die Situation, dass sein bester Mann verschwunden und möglicherweise tot war, gewöhnen. „Entschuldigen Sie“


„Ist schon in Ordnung“, schniefte Leo leise und zwang sich auf den Bildschirm zu schauen. Doch sie konnte nur Brenner sehen. Brenner, und den Wagen, der in den grauen Fluten des Rheins verschwand.



Fürsorglich tätschelte Frings ihre Schulter und bot ihr sein Schokocrossaint an. Schokolade soll ja bekanntlich ein Wundermittel gegen Trauer aller Art sein. Vermisste konnte sie dennoch nicht zurückbringen.

Gerührt versuchte Leo ein kleines Lächeln. Es kam nur selten vor dass Frings sein Essen verschenkte – und wenn er es tat, dann konnte man sich sicher sein dass es von Herzen kam.
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