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Fünf vor Zwölf

von Maline
KurzgeschichteFamilie / P18 / Gen
Daryl Dixon Merle Dixon
26.06.2012
29.06.2012
2
10.299
7
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
26.06.2012 4.738
 
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Ein kleines Vorwort:
So, also hier offiziell von mir mein erster Beitrag zu The Walking Dead. Ich hab mich lang genug davor gedrückt ;)
Geplant ist ein TwoShot, der schon beinahe fertig ist. Kapitel Nr. 2 (also das letzte Kapitel) wird in den nächsten Tagen folgen. Nur noch ein bisschen Überarbeitung und Lückenfüllerei.

Die Idee: Daryl und Merle kurz vor dem eigentlichen Serienbeginn oder wenn man es so nennen will „Was haben die zwei Dixonbrüder wohl getan, als die Zombiehorden übers Land herfielen?“
Geschrieben hab ich das Teil eigentlich nur, weil ich diese Vorgeschichte inhaltlich für eine längere FF brauchte, aber siehe da: „5 vor 12“ hat sich selbstständig gemacht und ist ne eigenständige FF geworden. Welch Schlingel…

Ansonsten freue ich mich natürlich über Reviews jeglicher Art. Ob nun Kritik, dass die Charaktere fürchterlich ooc sind, Verbesserungsvorschläge oder Lob. Ich bin für alles gewappnet ;)

Viele Grüße & hoffentlich viel Spaß beim lesen

P.S. offiziell darf diese FF nun den Titel "Malines FF mit dem meisten Gebrauch von 'Scheiße!'" tragen


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Fünf vor Zwölf - Teil I



Dieses gottverdammte Licht! Stöhnend grub Daryl sein Gesicht zurück in das platte Kissen, das selbst durch Aufschütteln nicht sonderlich viel bequemer geworden wäre. Dabei fühlte sich sein Hirn doch ohnehin schon wie mit der Axt gespalten. Die Sonne indes schien unbeindruckt in all ihrer Fröhlichkeit weiter und schien die verdammte Axt nur noch tiefer in sein Hirn zu treiben und noch mal genüsslich dran zu rütteln.

„Verfluchte Scheiße“, presste Daryl zwischen zwei Atemzügen hervor und versuchte seine Augen zusätzlich mit seinem Arm abzuschirmen. Dass seine Worte nicht einmal halbwegs verständlich artikuliert waren, nahm er nicht wahr und wenn es so gewesen wäre, dann wäre es ihm scheißegal gewesen.

„Gottverdammte Scheiße.“

Anscheinend hatte er sich gestern ein wenig zu intensiv mit seinem guten Freund Johnny Walker unterhalten, dabei war er schon lange nicht mehr jung genug, um einen derartigen Absturz einfach weg zu stecken. Verdammt, er hätte es doch besser wissen müssen, als sich derart abzufüllen.

Die Minuten schienen ineinander zu verschwimmen. Zeit verging. Die Schatten veränderten ihre bizarren Formen.
Hätte es eine Uhr in Daryls Schlafzimmer gegeben, dann hätten die Zeiger wohl unbarmherzig immer weiter getickt, so aber blieb Daryl von Wissen verschont, lag in diesem eigenartigen Zustand zwischen Schlafen und Aufwachen auf seiner durchgelegenen Matratze und versuchte die Welt um sich herum zu ignorieren. Das hätte er womöglich den ganzen Tag durchgehalten, wenn seine völlig ausgedorrte Kehle ihn nicht schließlich doch aus dem Bett gezwungen hätte. Dem Sonnenstand nach zu urteilen musste es mittlerweile nach Mittag sein.

Kaum hatte Daryl die Beine jedoch über den Bettrand hinweggeschwungen, fluchte er abermals auf und ließ sich wie ein Mehlsack wieder zurück auf die Matratze fallen. Protestierend quietschten die uralten Federn unter seiner Last auf.

„Scheiße. Gottverdammte Scheiße!“, knurrte er mit zusammengepressten Augen, während sich seine Hände auf seine Fußsohle pressten. Natürlich hatte er es gestern geschafft, seine Johnny Walker-Flasche direkt neben seinem Bett zu zerbrechen und sich im Suff nicht darum zu kümmern, die Scherben wenigstens irgendwie auf die Seite zu schieben. Das einzig gute war, dass er schnell genug reagiert hatte, so dass die Scherben nicht die dicke Hornhaut seiner Fußsohlen durchdrungen hatten. Gott, wenn ein Tag schon so anfing, dann sollte er am besten gar nicht erst aufstehen.
Daryl war schon versucht, sich einfach wieder in sein Kissen sinken zu lassen, die Decke über den Kopf zu ziehen und die Welt auszuschließen – so wie er es bis gerade eben erfolgreich getan hatte- als ihn seine kratzende Kehle an seinen Durst erinnerte. Verflucht, er fühlte sich ausgedorrt wie die Sahara.

Nach einem kleinen Moment der Überwindung klappte der zweite Anlauf Aufzustehen schon besser als der erste. Ja, Daryl schaffte er es doch tatsächlich den Flur hinunter bis in die Küche zu wanken. Sein Kopf nahm ihm diesen kleinen Ausflug zwar verdammt übel, aber die Aussicht auf den Medikamentenvorrat in einer der Küchenschubladen und das lang ersehnte Glas Wasser trieb ihn trotzdem weiter.

„Oh Mann, was ein Scheißtag.“ Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er sich endlich über die Spüle lehnte und das Wasser direkt aus dem Hahn trank. Auf der Abtropfwanne stapelte sich das Geschirr der letzten drei Tage. Bald würden ihm die Teller ausgehen und er würde wohl oder übel abwaschen müssen. Verdammt, wie sehr er sich darauf doch schon freute…

Seufzend hielt er die rechte Hand unter den Wasserstrahl und fuhr sich schließlich damit übers Gesicht, als könne er somit die Kopfschmerzen und die Erschöpfung einfach wegwischen.
Na ja, wenigstens hatte dieser ganze Mist auch etwas Gutes. Ihm war immer noch so schlecht, dass ihn sein leerer Kühlschrank ausnahmsweise nichts ausmachte. Er hätte vermutlich ohnehin wieder alles ausgekotzt, was er jetzt gegessen hätte.

Unweigerlich streifte sein Blick die alte Kaffeedose, die auf dem obersten Regalbrett neben zwei weißen Suppenterrinen thronte. Die makellosen Terrinen waren mit einer dicken Schicht Staub bezogen. Die Kaffeedose hingehen…
Daryl wusste nur zu gut, dass nicht mehr sonderlich viel Geld darin übrig war. Gestern hatte er ein paar Scheine heraus nehmen wollen, nur um festzustellen, dass sich Merle bei seinem letzten Besuch augenscheinlich doch etwas mehr Geld geliehen hatte, als eigentlich vereinbart. Nicht, dass Daryl seinem Bruder überhaupt erlaubt hatte auch nur einen lausigen Dollar aus der Dose zu nehmen.

Ja, wenn er sich jetzt recht daran erinnerte, dann hatte er allein wegen dem verfluchten Geld seinen Abend in Bourbon ertränkt…

Wenn er den gesamten Inhalt der Dose zusammenkratzte, würde er sich eventuell ein paar Tiefkühlgerichte leisten können. Vielleicht auch eine Flasche Limo, wenn er etwas tiefer in seinen leeren Taschen wühlte und nur das billige Zeug kaufte. Trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Leitungswasser oder dem Johnny Walker…

Merle, dieser verfluchte Scheißkerl! Natürlich hatte er sich mehr genommen. Vermutlich hatte der Penner seine ganze Bärenklaue in die Kaffeedose gesteckt und alle Scheine heraus gezogen, die er zwischen die Finger bekommen hatte. Wofür Merle Daryls Geld verschleuderte konnte dieser sich nur ausmalen. Für ein paar Weiber, Alkohol und vermutlich noch ein paar Weiber, die ihm als Dank nur nen Tripper spendieren würden.
Oder aber Merle würde das Geld für das gottverdammte Motorrad ausgeben. Hatte er bei seinem letzten Besuch nicht irgendetwas von neuen Bremsschläuchen und Zündkerzen erzählt?

Seufzend wankte Daryl zum Küchentisch hinüber und ließ sich wie ein nasser Sack auf einen der morschen Stühle plumpsen. Der Lack blätterte unter seinen Fingern ab, als er fahrig über das spröde Holz strich.
Ja, das Motorrad war Merle schon immer wichtiger gewesen, als sein kleiner Bruder und so, wie Daryl Merle kannte, würde er sich jetzt, da er genug Geld hatte, auch so schnell nicht mehr hier blicken lassen.
So hatte Merle es schon immer gehalten. Er tauchte auf, sobald ihm das Geld ausging, machte zwei oder drei Tage auf Friede-Freude-Familie und pumpte seinen kleinen Bruder dann in seiner eigenen, so unsubtilen Art um Geld an. Natürlich immer nur für unglaublich wichtige Dinge und mit dem fadenscheinigen Versprechen, es ihm spätestens in der nächsten Woche zurückzuzahlen. Daryl hatte von Merle noch nie auch nur einen einzigen Dollar gesehen und wenn er Merle jemals darauf angesprochen hätte, hätte der ihm womöglich die Zähne eingeschlagen ohne mit der Wimper zu zucken.

Manchmal glaubte Daryl wirklich, dass er sich bei seinem Aushilfsjob in der Werkstatt nicht für sich selbst abrackerte, sondern einzig und allein um Merle zu verhalten. Dabei hätte er gewettet, dass Merle mit seinen vielen kleinen krummen Geschäften an einem Tag weitaus mehr verdiente, als Daryl in einer ganzen Woche.
Wenn Daryl das Haus nicht gehabt hätte, hätte er sich samt seinem nichtvorhandenen Geld vermutlich augenblicklich in einem schäbigen Trailerpark voll sozialem Bodensatz einmieten können. Oder gleich unter der nächst besten Brücke. Nicht, dass er da nicht hingepasst hätte…
Es war ein böser Scherz des Schicksals, dass es gerade dieses verdammte Haus war, dass Daryl immer wieder dazu brachte, Merle das Geld zu geben.

„Was glaubst du, was die Bude wert ist, kleiner Bruder?“, sagte Merle immer, wenn er merkte, dass Daryl sich sträubte ihm das geforderte Geld zu leihen. „Hm? Ein paar zehntausend Dollar? Bedenk doch mal: du hast das Haus, den Stall, die Scheune, die ganzen beschissenen Hektar Land. Wie viel sind die wohl wert? Tja und was hat der arme alte Merle? Hm? Was hab ich geerbt? Nichts. Ich habe nichts, außer dem Motorrad.“

„Tja, wenn du öfter mal hier gewesen wärst, anstatt dich dauerhaft im Knast einzumieten, dann hättest du das Haus gern bekommen. Ich wollte diese scheiß Hütte nie haben, Merle!“

„Aber jetzt hast du sie, Darlena, also rück schon mit dem verdammten Geld raus.“

Dass Merle ebenso gut wie er in diesem Haus wohnen konnte, überhörte sein älterer Bruder immer geflissentlich. Stattdessen schwang er sich mit dem zusammen geschnorrten Geld lieber wieder auf sein Motorrad und verschwand dorthin, wo er vermutlich hergekommen war. Weg von der Scheune und dem halbverfallenen Hühnerstall, der längst verwaist war und wie die Scheune außer Spinnen und dahin rostenden Geräten niemanden mehr beherbergte. Weg von der Einsamkeit und dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatten und an dem so viele Erinnerungen hingen, dass es Daryl regelmäßig die Galle die Kehle herauf trieb.
Ja, Merle konnte all das einfach hinter sich lassen, während Daryls schlechtes Gewissen ihn hier hielt. Jahr um Jahr. Vermutlich bis ans Ende seines gottverdammten Lebens. So gerne er einfach abgehauen wäre – genau so, wie er es schon einmal getan hatte – er blieb, weil er das Gefühl einfach nicht los wurde, dass er es seinen Eltern schuldig war. Irgendwie, auf diese seltsam verquere Art und Weise, die er sich selbst nicht einmal erklären konnte.
Der kleine Acker, der vor Langer Zeit von seinem Großvater und später von seinem Vater bestellt worden war, war schon seit unzähligen Jahren verwildert und überwuchert, die Gebäude und Geräte auf dem Anwesen verfielen und rosteten zu großen Schrotthäufen dahin, doch Daryl blieb einfach hier.

Motorgeräusche ließen ihn schließlich aufblicken. Er erhob sich, schlurfte zur Spüle hinüber und schob den einstmals weißen Spitzenvorhang beiseite, der wohl zuletzt in den Jahren seiner Mutter blütenrein gewesen sein mochte, aber nun schon seit etlichen Jahren vergilbt und fleckig war. Wenigstens lenkte er so erfolgreich von der schmierigen Fensterscheibe dahinter ab.

Als Daryl den Truck erkannte, der die Schotterstraße – wohlgemerkt die einzige, die das Haus überhaupt mit der Außenwelt verband - zum Anwesen entlangfuhr und dabei eine Staubwolke hinter sich herzog, stöhnte er und widerstand nur schwer dem Drang, einfach wieder ins Bett zu gehen und sich unter der Decke zu vergraben. Er wollte sich jetzt wirklich nicht mit irgendwelchen Typen rumschlagen. Selbst wenn dieser Typ sein Teilzeitboss war, der vermutlich nur nachsehen wollte, ob Daryl noch lebte, oder er endlich den Schuppen hier gewinnbringend verscherbeln konnte.
Eigentlich mochte Daryl Steve. Wirklich. Immerhin ließ der Kerl ihn schwarz in seiner Werkstatt arbeiten, wann immer Daryl Geld brauchte und zahlte ihm seine Stunden sofort bar aus. Und das, obwohl Daryl keinerlei stinkteures Papier vorlegen konnte, das ihm eine richtige Ausbildung attestierte. Nicht dass er für das Zerlegen alter und eigentlich schrottreifer Traktormotoren irgendeine beschissene Ausbildung gebraucht hätte…

Noch während Daryl zur Haustüre hinüberging und auf die schmale Veranda hinaus trat, musste er aber auch daran denken, dass er immer nur die Drecksarbeit zugeschoben bekam, wenn er denn mal in der Werkstatt aufkreuzte. Schnaubend versuchte er den Gedanken zu verdrängen, dass er sich demnächst in eben jene Drecksarbeit stürzen musste, wenn er wenigstens wieder etwas Geld verdienen wollte.

Die Dielen knarrten unter seinen nackten Füßen, als er bis zu den beiden Treppenstufen ging und sich dort gegen das nicht weniger morsche Geländer lehnte, um auf Steve zu warten.
Wie erwartet fuhr der staubbedeckte Truck bis beinahe vor die Haustüre, ehe er stoppte und die Fahrertüre schwungvoll aufgestoßen wurde.

„Hey, Dixon!“ Steve, ein Mann um die fünfzig, dessen Silhouette bereits leicht aus dem Leim zu gehen schien, sprang aus der Fahrerkabine und hob grüßend die Hand. „Du warst schon ne Weile nicht mehr in der Werkstatt. Wir haben dich vermisst.“ Er schnitt eine Grimasse, um seinen Worten die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

„Hab heute ein bisschen verschlafen“, erwiderte Daryl trocken und zuckte die nackten Schultern. Das Holz des Geländers bohrte sich in seinen Rücken, doch er war dankbar dafür. Es half ihm, seinen noch immer schwimmenden Gedanken einigermaßen an die Gegenwart zu ketten.

„Verschlafen?“ Steve kam näher und zog dabei eine Augenbraue bis unter den Saum seines ölbeschmierten Cappy. „Es ist fast 16 Uhr, Mann. Außerdem siehst du echt beschissen aus.“

Verdammt, hätte Daryl nur zwischenzeitlich auf die Uhr in der Küche gesehen, dann hätte er sich vielleicht eine bessere Ausrede einfallen lassen können. So zuckte er nur abermals die Schultern und verschränkte die Arme beinahe trotzig vor seiner nackten Brust. Tatsächlich wusste er selbst, dass er momentan sicherlich nicht sonderlich viel her bot. Nur in seinen Boxershorts, mit dem wuchernden Dreitagebart und der Alkoholfahne, die er immer noch haben musste…

„Ist ja auch egal, Mann.“ Steve war endlich an den Treppenstufen angelangt. Anstatt zu Daryl hinaufzusteigen, verharrte er jedoch unterhalb der Veranda und verschränkte die Arme vor seinem dreckigen Shirt. „Ich bin eigentlich auch nur auf’m Durchweg. Wollte rüber nach Smyrna fahren. Soll irgendeinen abartigen Verkehrsunfall gegeben haben. Ich wollt mir die Sache mal ansehen.“

„Smyrna ist aber ein ziemlich weiter Weg, nur um sich nen Verkehrsunfall anzusehen.“

Schnaubend lachte Steve auf: „Meine Frau verlangt schon seit drei Wochen, dass ich rüber fahr, um irgendeinen scheißteuren Blumendünger für ihre Petunien zu kaufen und wenn ich schon dabei bin, kann ich meine Sensationslust gleich befriedigen. Anscheinend stand irgendein Kerl mitten auf der Straße. Haben ihn überfahren wie ne verdammte Wildsau. Und der Kerl ist danach einfach in den Wald abgehauen, nur sein Arm lag anscheinend noch auf der Straße rum. Ist das zu glauben?“

Angewidert verzog Daryl das Gesicht und spürte sein letztes Mittagessen gegen seinen Magen rebellieren. Er schluckte dreimal schwer und schloss für einen Moment die Augen. „Verdammte Scheiße“, murmelte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, was Steve mit einem Nicken quittierte. „Das kannst du laut sagen, Mann. Auf jeden Fall schau ich mir die Sache mal an. Und da ich sowieso hier vorbei gekommen bin, dachte ich mir: schau ich mal beim alten Dixon rein, wenn der Herr sich schon zu fein ist, in der Werkstatt nen Finger krumm zu machen.“

„Ich komm morgen wieder, Steve. Wirklich. Heute war nur… heute ist nicht so ganz mein Tag.“

„Hm, versteh schon.“ Steve zog abermals seine Augenbraue in die Höhe, als wisse er nur zu gut, was Daryl heute davon abgehalten hatte, sich ein paar Dollar in der Werkstatt dazu zu verdienen. „In letzter Zeit mal wieder was von deinem Bruder gehört?“

„Pfff.“ Schnaubend zog Daryl die Schultern in die Höhe. Sobald das Gespräch sich in Merles Richtung wandte, spürte er unweigerlich eine schwelende Wut in sich. „Der ist bestimmt in Atlanta, oder sonst irgendeinem Drecksloch. Wär’ er hier, würde der Penner mir sowieso nur auf der Tasche liegen.“

Steves Lachen klang zu laut in Daryls Ohren. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er sich innerlich schon nach der nächsten Aspirintablette sehnte. „Wenn dich heute Abend der Schlag trifft, ist deine Leiche verwest, bis jemand auch nur auf den Gedanken kommt, nach dir zu suchen, das ist dir schon klar?“, sagte Steve scheinbar leichthin.

Daryl fuhr sich durchs Haar, als hätte er diesen unausgesprochenen Vorwurf nicht gehört, ehe er ausgiebig gähnte: „Pass auf, dass sie dich in Smyrna nicht auch überfahren, wie ne verdammte Wildsau.“ Seine Worte ließen keinerlei Frage daran, dass für ihn dieses Gespräch beendet war.
Und Steve verstand. Er hob zum Abschied grüßend die Hand und wandte sich wieder zum Gehen ab: „Und ich erwarte dich demnächst mal wieder in der Werkstatt. Ausgeschlafen und ohne Alkfahne, klar?“

„Glasklar.“ Daryl stand noch immer auf der Veranda, als von Steve und seinem Truck nicht mehr als eine Staubwolke übrig war, die sich nur langsam wieder auf den vereinsamten Hof zu legen begann.
Er war allein. Wieder einmal.

Stumm ließ er seinen Blick hinüber zum Waldsaum gleiten, der das kleine Haus und das ehemalige schmale Getreidefeld an der Nordseite umsäumte. Er hätte sich vielleicht Geld sparen können, indem er auf die Jagd ging und sich statt einem Tiefkühlgericht einfach sein Essen für die nächsten zwei oder drei Tage fangen würde. Aber diesen Gedanken verwarf er so schnell, wie er gekommen war. Mit dem Kater, den er immer noch hatte, hätte er sich vermutlich eher selbst eine Kugel ins Knie gejagt, als auch nur einen mickrigen Feldhasen zu treffen.  
Eine Brise frischte von Süden her auf und trieb Daryl das schweißnasse Haar aus dem Gesicht. Sein Vater hatte immer gesagt, dass aus dem Süden nie irgendetwas Gutes kam. Die schweren Gewitter und Stürme kamen immer stets von Süden, da sie über dem Meer an Kraft zulegen konnten, ehe sie wie Wellen gegen die nördlichen Gebirgskette Georgias brandeten und dort einfach jeden Scheiß abließen, den sie so in ihren schwarzen Innereien mit sich geschleppt hatten.
Nein, vom Süden war wahrlich noch nie etwas Gutes gekommen.

Schwerfällig wandte Daryl sich ab. Aspirintablette. Jetzt brauchte er eindeutig zwei davon.


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Am nächsten Tag berichteten die Nachrichten kurz über den Verkehrsunfall, von dem Steve erzählt hatte. Außerdem von einer scheinbar besonders schweren Form von Tollwut, an der sich zwei Jäger in Columbus angesteckt hatten, aber Daryl hörte ohnehin nur mit halbem Ohr zu, denn was interessierten ihn schon irgendwelche Idioten im beschissenen Columbus?

Noch immer ölverschmiert von der Werkstatt hing er in dem alten durchgesessenen Fernsehsessel und konnte seine Augen kaum mehr offen halten. Wie ein unstetes Rauschen floss die Stimme des Nachrichtensprechers im Hintergrund dahin, begleitet vom gelegentlich flackernden Bild des Fernsehers.

Daryl hatte alle Lichter im Haus ausgeschalten, um den Fernseher einschalten zu können. Bei den alten Leitungen des Hauses reichte das Licht im Badezimmer gepaart mit einem eingeschalteten Mixer, um alle Sicherungen in der Hütte rausspringen zu lassen. Nicht dass Daryl so etwas wie einen Mixer überhaupt besessen hätte, aber er hatte wirklich keine Lust in den Keller runter zu wandern und den verdammten Sicherungskasten zu suchen.

Er war erledigt und selbst die Aufgabe sein Glas aufrecht zu halten, schien seiner Hand zu viel zu sein. Wieder einen Tag hatte er sich abgerackert wie ein gottverdammter Esel nur um ein paar mickrige Dollars zu verdienen.
Steve war nicht in der Werkstatt gewesen. Anscheinend krank. Sein Stellvertreter Dave hatte sich zwar geziert wie Schlampe, die ihre Jungfräulichkeit nicht hergeben wollte, hatte letztendlich aber genau den gleichen Betrag rausgerückt, den Daryl auch von Steve erhalten hätte.
Von dem Geld hatte er zumindest den Tank seines Trucks füllen und sich anschließend noch ein paar Konservendosen und Tiefkühlpizzas leisten können. Das auftauende Essen lag vergessen im Kühlschrank, weil Daryl weder den Nerv noch die Kraft hatte, sich aus seinem Sessel in die Küche zurück zu hieven und das Zeug in den Ofen zu schieben.

Manchmal, aber auch nur manchmal, dachte Daryl daran, dass Merle mit seiner Drogengeschichte die Sache eigentlich verdammt richtig machte. Der Sack krümmte kaum einen Finger und musste Geld im Überfluss verdienen. Allein die Tatsache, dass er sich zusätzlich Daryls Geld unter den Nagel riss, blieb Daryl schleierhaft.
Gut, er selbst hatte bei Steve einen Job ohne viel Papierkram oder Steuerabgaben und Daryl war wirklich verdammt dankbar, dass er überhaupt irgendwie etwas Geld verdienen konnte, aber manchmal wünschte er sich wirklich einen etwas einfacheren Beruf. Einem, bei dem er einfach den ganzen Tag lang seinen Arsch auf einem Schreibtischstuhl platt drücken konnte und nicht, wie jetzt, das schwarzarbeitende Mädchen für alles war, dem man zur Not die größte Drecksarbeit andrehen konnte.

Ein altbekanntes Röhren ließ Daryl unvermittelt auffahren. Für einen Moment fühlte er sich komplett orientierungslos, während seine Hände ziellos im Halbdunkeln umhertasteten und dabei gegen sein Glas stießen. Klirrend kippte es um, wurde jedoch trotzdem nicht beachtet.

Daryl klopfte das Herz bis zum Hals, als er den flimmernden Fernsehbildschirm erkannte und die blinkende Anzeige darüber, die ihm verriet, dass es 23.55 Uhr war.
23.55 Uhr ?
War es nicht gerade eben erst halb sieben gewesen? War er nicht gerade eben erst aus der Werkstatt gekommen und hatte seinen müden Kadaver völlig erledigt vor dem Fernseher geparkt?
Daryl versuchte seinen verkrampften Körper aus dem Sessel aufzuraffen, während er die Stirn in die Hände grub. Wie immer, wenn er unvermittelt aus dem Schlaf gerissen wurde, schien alles in seinem Kopf zu einem zähen Brei zu verschwimmen, bei dem es schwer war, einen klaren Gedanken fassen zu können.

Ein Rumpeln auf der Veranda ließ ihn abermals zusammenzucken.
Das Motorrad… Merles Motorrad.

Wieder rumpelte es vor der Haustüre, gefolgt von einem Fluchen. Zweifelsohne Merle, der sich an der Türe zu schaffen machte, was ohne Licht angesichts des rostenden Türschlosses wirklich kein Zuckerschlecken war. Und noch ehe Daryl sich tatsächlich aus dem Sessel hieven konnte, schwang die Haustüre auf und knallte lautstark gegen die Wand.

Spätestens jetzt wäre Daryl hellwach gewesen.

Abermals tönte Merles fluchende Stimme zu Daryl ins angrenzende Wohnzimmer herüber, ehe sein Bruder anscheinend den Lichtschalter gefunden hatte und flackernd das Licht im Flur aufflammte.
In seinem noch immer schlaftrunkenen Verstand wunderte Daryl sich tatsächlich darüber, dass nicht anstandslos die Sicherungen durchbrannten, da der Fernseher immer noch lief. Aber scheinbar hatten die uralten Leitungen heute einen guten Tag.

„Da hol mich der Teufel!“ Merles grollender Bass übertönte den Fernseher spielend. Der ältere Dixonbruder stand so plötzlich im offenen Türrahmen, dass Daryl vermutlich noch immer so verdattert drein starrte, wie er sich fühlte.
Gott, wie tief hatte er geschlafen, dass er so neben der Spur war?

„Junge, wenn ich gewusst hätte, dass du wach bist, hätte ich mir ja keine Sorgen machen müssen, deinen verdammten Schönheitsschlaf zu stören.“ Lachend verschränkte Merle die Arme vor der Brust und lehnte sich in den Türrahmen. „Dabei hab ich mir so Mühe gegeben.“

Daryl schnitt eine Grimasse und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, um wenigstens etwas der Müdigkeit zu vertreiben: „Was willst du hier, Merle? Ist mein Geld schon alle?“

„Ach komm schon, Darylina. Kann ich nicht einfach mal nach meinem Schwesterchen sehen, ohne gleich etwas zu wollen?“

Daryl antwortete lediglich mit einem schneidenden Blick, ehe er die Schultern zuckte und sich endgültig aus dem Sessel zwang. In einer steifen Bewegung schaltete er den Fernseher aus. „Mach was du willst. Ich geh ins Bett. Du weißt, wo du pennen kannst…“

Und falls Merle das nicht wusste, war es Daryl egal, wo sein Bruder seinen Arsch betten würde.

Unweigerlich legte sich seine Linke auf die Hosentasche seiner verdreckten Jeans. Er hatte das Geld, das Dave ihm heute gegeben hatte, noch in der Hosentasche stecken. Sobald Daryl also schlief, konnte Merle seine Finger noch so tief in die Kaffeedose stecken wie er wollte. Außer einem Knopf und einer 50 Cent-Münze würde er darin nichts finden.

„Daryl.“

Dieses eine Wort, ließ Daryl tatsächlich inne halten. Merle nannte ihn nie bei seinem Namen. Er gab ihm Frauennamen, nannte ihn kleiner Bruder, Schwesterchen oder Jungchen; Schwuchtel oder Drecksack, wenn er nicht nach Merles Pfeife tanzte. Aber nie niemals nannte Merle seinen Bruder einfach nur Daryl.

Langsam hob Daryl den Blick und musterte seinen großen Bruder mit zusammengezogenen Augenbrauen. Kein Wort kam über seine Lippen, doch das schien Merle nicht zu stören. Statt seinem aufreizend süffisanten Grinsen, wirkte sein Mienenspiel mit einem Mal bitter ernst. Falten gruben sich in seine Stirn.

„Willst du denn wirklich gar nicht wissen, warum ich gekommen bin?“

Nein, wäre die ehrliche Antwort gewesen, denn das einzige, was Daryl momentan wollte, war in sein Bett zu kriechen und mindestens 15 Stunden zu schlafen. Dennoch schwieg er und starrte Merle unter halbgeschlossenen Lidern heraus direkt an.
Merle brauchte keine weitere Aufforderung, doch noch immer ließ sein großspuriges Grinsen auf sich warten.

„Ich komm direkt aus Smyrna, Brüderchen. Weißt du was da los ist? Die Hölle. Die gottverdammte Hölle. Hast du das von dieser Tollwut gehört? Bullshit, sag ich dir! Absoluter Bullshit. Das ist keine Tollwut. Ich weiß, wie Tollwut aussieht und du, kleiner Bruder, weißt es genau so gut. Zwei von diesen Kranken sind mir über den Weg gelaufen. Sind einfach auf dem Nichts aufgetaucht und denen hing kein weißer Schaum vorm Maul und das einzig irre an ihnen war, dass sie tot waren und trotzdem die Straße hoch- und runtergestakst sind, als wären sie bei Amerikas neue Superschlampe. Ich hab dem Kerl ne Kugel in die Brust gejagt. Direkt ins Herz und noch mal eine direkt in den linken Lungenflügel und soll ich dir was sagen?“ Merle war ohne Vorwarnung so nahe an Daryl heran getreten, dass dieser sich unweigerlich zurücklehnte. Aber Merle gab nicht nach. Er folgte Daryl Bewegung, bis sie kaum noch eine Daumenlänge voneinander trennte. „Es hat den Bastard nicht gejuckt. Es war ihm scheißegal, dass ich ihn gerade zum verdammten Nudelsieb gemacht hab. Er ist einfach weiter gelaufen, hat rumgesabbert wie ne Schwuchtel angesichts ner Horde Rugbyspieler und wollte mich beißen. Bis ich ihm ’ne Kugel direkt ins Hirn gejagt hab. Ich glaube das ist das einzige, was bei diesen Drecksäcken wirkt.“

Merle starrte Daryl mit einem Blick an, der kein Entkommen duldete. Seine Augen bohrten sich in seinen jüngeren Bruder und wichen selbst dann nicht von ihm ab, als Daryl einen abrupten Schritt zurück trat.

„Was hast du genommen, hm? Crystal Meth? Speed? Extasy? Alles zusammen? Du weißt, dass die Scheiße sich nicht mit dem Antibiotika verträgt…“ Er wollte sich an Merle vorbeischieben, doch Merles Hand legte sich wie eine Eisenzwinge um seinen Oberarm: „Das war keine verdammte Halluzination, du Drecksack. Ich weiß, was ich gesehen habe und ich sage dir: die Welt versinkt in nem tiefen Haufen Scheiße, wenn sich diese Krankheit ausbreitet. Das waren Zombies, Daryl.“

Mit mehr Gewalt als nötig gewesen wäre, riss Daryl sich endgültig von Merle los und stampfte davon, ohne seinem Bruder einen weiteren Blick zuzuwerfen. Zombies. Zombies! Himmelherrgott noch mal. Daryls Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten: „Du solltest dich selbst mal reden hören. Verfluchter Arsch…“

Die Dielen stöhnten unter seinen stampfenden Schritten, die Türe, die er hinter sich zuschlug, schien fast aus den maroden Angeln zu springen.
Mit einem wutschnaubenden Tritt stieß er einen schmalen Hocker um, ehe er sich wie ein Stein aufs Bett fallen ließ.
Zombies! Er hatte Merle schon oft genug gesagt, dass die Drogengeschichte irgendwann mal ein verdammt böses Ende nehmen würde, aber jetzt hatte der Arsch eindeutig über die Stränge geschlagen.
Zombies. Gottverdammte lebende Tote.
Knurrend wälzte Daryl sich auf seine rechte Seite und versuchte komplette Leere in sein überfrachtetes Gehirn zu bringen.
Doch seinen lang ersehnten Schlaf fand er lange nicht.


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Am Morgen war Merle tatsächlich immer noch da, auch wenn er noch übellauniger als ohnehin schon wirkte. Über die Zombie-Geschichte verlor keiner von beiden mehr ein Wort, so wie allgemein nur wenig zwischen den Brüdern gesprochen wurde. Alles in allem also ein ziemlich normaler Tag.

„Wohin gehst du, Schwesterchen? Hast du mal wieder nen Maniküretermin?“, grollte Merle, der halb unter seinem Motorrad lag, als Daryl samt Schrotflinte auf die Veranda trat. Tatsächlich war Daryl insgeheim erleichtert, dass Merle scheinbar von seinem Idiotentrip runter und wieder der Alte war.

„Jagen. Dir ist vielleicht entgangen, dass es im Kühlschrank ein bisschen mau aussieht. Ich hatte deinen kleinen Besuch leider nicht auf meinem Einkaufszettel eingeplant, sonst hätte ich dich bestimmt mit einem Zehn-Gänge-Menu überrascht.“

Merle richtete sich tatsächlich halb auf uns stützte sich auf seine ölverschmierten Hände: „Du gehst allein?“

Es war nicht wirklich eine Frage und trotzdem erkannte Daryl in Merles Gesicht abermals diesen eigenartigen Ausdruck, den er bereits gestern dort bemerkt hatte. Ja, wenn er Merle nicht so gut gekannt hätte, hätte Daryl ihn beinahe besorgt genannt. Aber das hier war Merle. Dieser gottverdammte Arsch.

Schnaubend schulterte Daryl die Schrotflinte und spuckte in hohem Bogen in den staubigen Hof: „Willst du mitkommen und mein Händchen halten?“

Schlagartig verfinsterte sich Merles Miene wieder. „Hast du mal wieder deine Tage, was?“
Ohne ein weiteres Wort verschwand sein Oberkörper wieder halb hinter seinem Motorrad. Das deutliche Zeichen, dass das Gespräch für Merle beendet war. Nicht, dass es Daryl irgendetwas ausmachte.

Als er den Hof überquerte und seinen Weg quer über den verwilderten Acker zum Waldrand suchte, bemerkte er nicht, dass Merle ihn keine Sekunde lang aus den Augen ließ.



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Noch als kleine Anmerkung:
Viele lassen Daryl in einer Wohnwagensiedlung leben oder ähnliches. Ich hab mich für die Farm-Variante entschieden. Einfach allein deshalb, weil er in Staffel 2 scheinbar mühelos a.) weiß wie man ein Pferd sattelt und b.) auch darauf reitet.
Wenn man so was nicht auf einer Farm lernt, wo dann? ;)


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