Love, Death & Demons

GeschichteAllgemein / P16
Benjamin Barker Mrs. Lovett
26.06.2012
08.07.2012
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26.06.2012 2.587
 
Mister Todd hörte hinter sich die Tür klirren. Kundschaft, dachte er zufrieden und gleichzeitig auch gleichgültig. Er drehte sich um und setzte das gekünstelte, höfliche Lächeln auf, dass er sich im Umgang mit seinen Kunden angewöhnt hatte. Aber es war ein leeres Lächeln ohne jegliche Freude. Es war nur ein kurzer Gruß an sein Opfer, bevor es sterben musste.

Das Zimmer, das seine Kunden jeden Tag betraten und im Allgemeinen nicht wieder verließen, war recht dunkel und kahl, zwar kam genug Licht durch die großen Fenster, aber der Mangel an Pflanzen oder anderem Schmuck ließ den Raum düster und trostlos wirken. Nur ein Stuhl, ein niedriger Schrank mit einem kleinen Spiegel darüber und eine Liege in der Ecke füllten den kahlen Raum. Nur seinem ausgezeichneten Ruf und seinen hervorstechenden Fähigkeiten hatte Todd es zu verdanken, dass sich überhaupt Kundschaft in seinen Laden begab.

Einladend wies der Barbier auf den Stuhl, der in der Mitte des Raumes stand. Sein Opfer ließ sich ahnungslos darauf nieder, in Erwartung einer guten Rasur. Mister Todd wandte sich von dem Mann ab, der ein glückliches Lächeln aufgesetzt hatte und auch allgemein wie ein zufriedener Mann wirkte. Todd war das gleichgültig, ob er glücklich war, ob er Familie hatte, das war vollkommen egal, ein Opfer war wie das andere, ein Stück seiner Rache, aber ansonsten als Mensch vollkommen gleichgültig. Warum sollte er schließlich auf das Glück anderer Menschen Rücksicht nehmen? Ihm war doch auch alles genommen worden, warum verdiente es also dieser Mann, anders behandelt zu werden? Waren sie nicht alle gleich? Verdiente es nicht schließlich jeder, zu sterben?

Es interessierte den Barbier nicht, wer dieser Mann war und woher er kam, lange würde er sowieso nicht auf diesem Stuhl sitzen. Todd nahm ein Rasiermesser aus der reich verzierten Schachtel auf seiner Kommode und sah es zärtlich an. Seine Werkzeuge der Rache, im Gegensatz  zu  Menschen  immer  treu,  immer  da,  sie widersprachen nicht, sie zweifelten nicht, sie waren des Barbiers einzige Freunde.

Er konnte sich noch an den Tag erinnern, an dem er diese Rasiermesser in seine Hände gelegt bekam. Sein Vater hatte sie ihm auf dem Sterbebett überreicht und somit hatte er sein Erbe angetreten und war Barbier geworden, ein Beruf, der ihn unendlich stolz gemacht hatte, jedes Mal, wenn er die Rasiermesser seines Vaters führte und wusste, dass er ihm Ehre machte. Niemals hätte er gedacht, dass er eines Tages mit diesen Messern morden würde.

Sorgfältig schärfte Todd das Rasiermesser und wandte sich dann wieder seinem Opfer zu. Er ging langsam um den Mann herum, fast wie ein Raubtier, das auf seine Beute lauerte. Der Mann hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand. Er saß ruhig da und summte sogar leise vor sich hin. Solche übertriebene Fröhlichkeit sollte verboten werden, dachte Todd angewidert.

Er hob den Arm mit dem Rasiermesser und bevor sein Kunde etwas anderes tun konnte als erschrocken zu schauen, zischte die Klinge auch schon durch die Luft und mit einem metallisch nachklingenden Geräusch ritzte das scharfe Messer die Kehle des Mannes durch. Er griff sich röchelnd an die Gurgel, als das Blut aus der Wunde spritzte und das Hemd des Barbiers befleckte. Dann rührte sich das Opfer nicht mehr und mit einer gleichgültigen Routine drückte Todd mit dem Fuß das Pedal am Stuhl und die Leiche glitt über den Schacht in den Keller.

Vollkommen unberührt von seiner Tat wischte Mister Todd das Rasiermesser an einem Lappen sauber, als Misses Lovett mit einem Tablett hereinkam, auf dem sein Mittagessen stand. Sie schaute kurz auf Todds blutbespritztes Hemd und dann auf dem Boden, auf dem ebenfalls Blut war. Es schockte sie nicht, sie war so oft mit dem Tod in Berührung gekommen und die Tatsache, dass der Barbier hier gerade erst einen Menschen getötet hatte, ließ sie vollkommen kalt. Für sie bedeutete es nur gutes Fleisch und gutes Geld. Allerdings musste sie später den Boden wieder wischen, dabei hatte sie eigentlich schon alle Hände voll zu tun, ihren Laden zu führen und sich im Haushalt um alles zu kümmern.

„Was haben Sie denn hier schon wieder für eine Sauerei gemacht, Mister  T?“,  tadelte  Misses  Lovett lächelnd. „Können Sie denn beim Morden nicht etwas weniger Blut verspritzen?“ Todd ging nicht auf ihre Scherze ein. Er sah von seinem Rasiermesser auf und der Pastetenbäckerin ins Gesicht. Misses Lovetts Lächeln schwand. Er sah sie finster an, genau wie jeden Tag. Sie hätte es wissen müssen. Auch gab er ihr keine Antwort auf ihre scherzhafte Frage. „Stellen Sie das Essen auf die Kommode.“, sagte er mit einer leisen, düsteren, aber dennoch klar vernehmbaren Stimme.

Misses Lovett gehorchte und blieb dann etwas unsicher im Raum stehen. Mister Todd stellte sich wie so oft an das Fenster und starrte finster hinaus. Draußen liefen die Menschen hin und her, Händler priesen ihre Ware an, an der Ecke stand ein Mann mit einem Hund. Todd beachtete sie kaum, das einzige, was er bewusst wahrnahm, war der Dreck auf den Straßen, das düstere Wetter und die heruntergekommenen Bettler... Abschaum in einem Loch voller Unrat mit dem Namen London.

Da er Misses Lovett nicht das Zimmer verlassen hörte, drehte er sich nach einer Weile wieder um. „Was ist denn noch?“, fragte er. Misses Lovett blickte zu Boden, sie wollte seine klaren Augen, die so voller Hass und Wut standen nicht sehen. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ein wenig mit ihm zu plaudern, aber seine harsche Stimme stimmte sie um. „Nichts...“, murmelte sie und verließ den Raum. Sie ging die Treppe nach unten und durch eine Tür zurück in ihren Laden, wo schon die Kundschaft wartete.

Routiniert begann sie Kunden zu bedienen, wie immer war der Laden voll und es herrschte reger Andrang. Dann ging sie nach unten, um nach den Pasteten im Ofen zu schauen. Als sie den Keller betrat, rümpfte sie die Nase, hier unten herrschte eine ziemliche Unordnung, noch ein Punkt auf ihrer Liste der Dinge, die noch zu tun waren. Und während sie ihrer Arbeit nachging, dachte Misses Lovett darüber nach, dass Todd sie erneut ohne ein Gespräch weggeschickt hatte.

Wie jeden Tag. Jeden Tag brachte sie ihm das Essen nach oben. Jeden Tag versuchte sie, sich ihm anzunähern und jeden Tag wies er sie zurück. Jeden Tag stellte sie einfach nur das Tablett hin und verließ den Raum wieder, um ihn allein zu lassen. Später würde sie das Tablett wieder holen und wieder würden sie kaum ein Wort miteinander sprechen.

Misses Lovett seufzte traurig. Sie bemühte sich so um ihn, versuchte immer wieder, ihm ihre Liebe zu zeigen, aber er sah es gar nicht, er sah keine ihrer Bemühungen. Er war ihrer Liebe und Zuneigung gegenüber vollkommen blind. Sie lebten zwar zusammen in einem Haus, aber was teilten sie sonst noch? Nichts, nur das Geschäft mit dem Tod und Pasteten. Als kurzzeitig keine neue Kundschaft hereinkam, gönnte sich Misses Lovett einen winzigen Moment der Ruhe, aber ihre Gedanken kreisten weiter unruhig um Mister Todd. Misses Lovett setzte sich in ihrer Wohnung trübselig in einen Sessel. Sogar normale Geschäftspartner reden sicher mehr miteinander als wir, dachte sie bitter. Der Barbier war in gewisser Weise ihr Geschäftspartner, aber für sie war er noch viel mehr als das. Warum sah er das nur nicht?

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Während Misses Lovett über ihre Beziehung oder besser gesagt Nicht-Beziehung zu Mister Todd nachdachte, tat Todd das Selbe oben am Fenster, nur in einer anderen Richtung. Jeden Tag kam diese Frau nach oben und brachte ihm das Essen. In dem Punkt hatte er nichts einzuwenden. So musste er nicht selbst kochen und es war angenehm, das Essen gebracht zu bekommen. Aber wenn sie das Tablett hingestellt hatte, warum konnte sie dann nicht einfach gehen und ihn in Ruhe lassen? Ständig versuchte sie mit ihm zu reden. Der Barbier wollte nicht reden, er wollte nur in Ruhe gelassen werden und seine Rache erreichen.

Sie störte. Sie störte Todd einfach nur. Er könnte jetzt gleich nach unten gehen, mit einem kurzen Schnitt durch ihre Kehle wäre es vorbei mit dem ewigen Generve dieser Frau. Aber nein, unnötig, vollkommen unnötig. Und dumm noch dazu. Sie lebte sowieso nur aus einem Grund. Sie ließ die Leichen verschwinden, genauer gesagt, verarbeitete sie zu Pasteten. Ohne sie würde er die Beweise seiner schrecklichen Taten weniger gut verstecken können.

Eigentlich hätte sie schon sterben müssen, nur weil sie wusste, wer er wirklich war. Aber Todd hatte den Nutzen an Misses Lovett entdeckt und dafür musste er eben hinnehmen, dass sie ihm auf die Nerven ging. So war das nun mal, er konnte nichts daran ändern. Für Mister Todd  war  sie nur ein Stück in seinem Plan, den Richter zu ermorden.

Sie hatte keine weitere Bedeutung, er hegte keine Zuneigung für sie. Sie war da, sie erfüllte die Pflicht, die er ihr angedacht hatte und ja, ab und zu wollte sie reden. Aber der Barbier verstand es, sie abzuwimmeln. Ein paar zwanghaft gewechselte Worte am Tag musste er eben als Opfer bringen, um jemanden zu haben, der seine Schandtaten verwischte.

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Misses Lovett goss sich ein Glas Gin ein und stürzte den Alkohol schnell herunter, ein angenehm warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie leckte sich ungeniert die Lippen und ging wieder an ihre Arbeit. Aber ablenken konnte sie das auch nicht. Es nützt nichts, darüber nachzudenken, mach dich doch nicht selbst unglücklich, schimpfte sie sich selbst aus. Entweder er redet irgendwann mit dir oder er tut es nicht, nachgrübeln bringt da auch nichts. Aber sie musste einfach darüber nachdenken. Sie liebte diesen Mann! Und es tat ihr weh, jeden Tag so abgewiesen zu werden.

Nicht eine nette Geste bekam sie von ihm, niemals ein nettes Wort, nicht einmal ein Dankeschön für ihre Bemühungen! Einfach nichts! Sie gab ihm so viel und bekam doch nichts zurück. Es war, als würde sie für zwei Menschen eine Feier vorbereiten, aber nur einer kam und der Ehrengast fehlte. Mister T fehlte... Nein, er war da und doch nicht da. Sie sah ihn ein paar mal am Tag, aber er sagte kaum etwas. Und fast nichts ließ auf seine Anwesenheit schließen, nur die blutigen Hemden in der Wäsche und die Leichen im Keller.

Misses Lovett spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen und sie versuchte sie wegzublinzeln. Hör auf zu heulen!, sagte sie sich ärgerlich. Das bringt doch auch nichts! Du musst einfach weitermachen und dich weiter um ihn bemühen, er kann doch nicht ewig blind bleiben! Das sagte sie sich, aber sie wusste nicht, ob das wirklich so war. Er lebte nun schon zwei Monate hier und er war noch kein bisschen aufgetaut, nicht einmal ein winziges bisschen. Wie lange also würde es dauern, ihn zumindest ein bisschen offener zu bekommen? Misses Lovett wollte nicht darüber nachdenken, aber es war auch egal. Die Zeit zählte nicht, nur das Ziel war wichtig. Sie liebte ihn, sie würde ihn ewig lieben und sie würde um seine Zuneigung kämpfen und wenn es noch so lange dauerte!

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Als Misses Lovett nach ein paar Stunden nach oben kam, stand Mister Todd immer noch am Fenster. Nein, berichtigte sie sich im Stillen, er stand schon wieder am Fenster. Das Tablett war leer, wie immer, wenn sie wieder nach oben kam, um es abzuholen und er hatte ein frisches Hemd an. Das blutige Hemd konnte sie nirgends entdecken, daraus schloss Misses Lovett, dass er es bereits auf den Wäschestapel getan hatte. Allerdings musste er dazu nach unten und Misses Lovett hatte trotz ihrer scharfen Ohren nichts gehört. Der Barbier verstand es wirklich, sich unbemerkbar zu verhalten. Allerdings war ihr vielleicht auch durch die Arbeit im Laden nichts aufgefallen.

„Hat es Ihnen denn geschmeckt, Mister T?“, fragte Misses Lovett betont munter. Keine Antwort, wie immer. Aber mittlerweile erwartete sie auch kaum mehr eine Reaktion. Jeden Tag stellte sie diese Frage, jeden Tag ignorierte er sie. Sie seufzte, nahm das Tablett und wollte schon wieder nach unten gehen, da hielt sie Todds Stimme auf. „Ja, es hat sehr gut geschmeckt.“ Dafür, dass er ein Kompliment machte, klang seine Stimme merkwürdig hohl, trotzdem wandte sich Misses Lovett überrascht um, überhaupt etwas von ihm zu hören. „Freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat!“, sagte sie lächelnd.

Zögerlich sah Misses Lovett vom leeren Tablett zur Tür und dann zu Mister Todd. Eigentlich wäre es jetzt wieder Zeit zu gehen, aber andererseits... er hatte ihr schließlich endlich geantwortet. War damit nicht ein erster Schritt getan?

Einer inneren Aufforderung folgend trat Misses Lovett neben Mister Todd an das Fenster. „Warum stehen Sie hier denn den ganzen Tag herum und starren finster nach draußen?“, fragte sie sanft. „Warum gesellen Sie sich nicht einmal zu mir und wir unterhalten uns ein wenig?“ Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und trat noch etwas näher an ihn heran. Ein Fehler, wie sie gleich darauf feststellen musste. Dem Barbier hatte es schon nicht gefallen, dass sie sich so nah an ihn herangestellt hatte und ihm solche Fragen stellte, aber das gefiel ihm noch weniger, wie sanft sie redete, als wäre er ihr Liebhaber oder so etwas! Und dass sie ihm auch noch zärtlich die Hand auf die Schulter legte!

Abrupt wandte sich Todd halb um, so dass er Misses Lovetts Gesicht sehen  konnte.  Die schnelle Bewegung erschreckte Misses Lovett und sie zog ihre Hand zurück. „Haben Sie etwa ein Problem damit, dass ich den ganzen Tag am Fenster stehe?“, fragte er drohend. „N-nein, hab ich nicht!“, sagte sie verunsichert und wich einen Schritt zurück. „Dann sollten Sie mich besser nicht mit solchen Fragen belästigen!“, knurrte der Barbier. „E-es tut mir leid...“, stammelte Misses Lovett. In seinen Augen stand blanker Hass und in seiner Stimme lag unkontrollierbare Wut.

Misses Lovett stolperte erst noch ein paar Schritte rückwärts. Sie brach unter seinem schrecklichen Blick fast zusammen, konnte sich aber auch nicht losreißen. Dann gelang es ihr jedoch und sie lief schleunigst aus dem Zimmer und die Treppe hinunter.

Unten drückte sie sich gegen eine Wand und versuchte sich zu beruhigen. Ihr Herz raste und ihr Atem flog, als wäre sie gerade sehr weit gerannt. Als sie den Blick seiner Augen gesehen hatte, hatte sie panische Angst durchzuckt. Hass stand immer in seinen Augen und sie hatte diesen Hass auch schon oft jäh aufflackern sehen, wenn er mordete oder jemanden sah, den er gerne morden würde. Aber nie war der Blick dabei auf sie gerichtet gewesen und nie war sie dabei so nahe gewesen, dass seine Augen sie durchbohren konnten mit diesem Hass. Misses Lovett schloss die Augen, um sie vor diesen schrecklichen Bildern zu verschließen. Aber dennoch sah sie Todds Augen immer noch klar vor sich, voller Wut, voller Hass, voller Tod...
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