Tigerherz

von Saarkind
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
Katherine Pierce
18.06.2012
18.06.2012
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Hallo, meine Lieben!

Ich will mich gar nicht lange mit Vorreden aufhalten. Ich liebe es einfach über Katherine zu schreiben, und herauszufinden, wer sich hinter den Masken verbirgt, die sie zu tragen pflegt. :D

Ein riesengroßes Dankeschön an die wunderbare nicinici, für tolles und unglaublich ausführliches Feedback nach jedem Probelesen. <3 <3 <3

Viel Spaß beim Lesen.
Über eure Meinungen würde ich mich sehr freuen. Ich beiße nicht *grins*
Danke :)


LG
Saarkind



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Tigerherz


Ein Hotelzimmer. Ein Bett. Ein nackter Mann. Zwei Einstichpunkte an seinem Hals.

Immer die gleiche Szene. Immer das gleiche Spiel.

Katherine zog die Lederjacke über und schlüpfte in ihre schwarzen Rockport-Stiefeletten. Ohne den schlafenden Mann auch nur eines Blickes zu würdigen, verließ sie das Zimmer, und durchquerte die eleganten Räume der Suite, als würde sie schweben. Vor dem großen Jugendstilspiegel im Flur blieb sie stehen und betrachtete sich. Ihr gefiel, was sie im Spiegel sah. Ein rasches Durchwuseln ihrer Locken, ein letztes Nachzeichnen ihrer Lippen. Sie war soweit. Die Nacht war vorbei... und der Tag hatte längst begonnen.

Sie machte sich nicht die Mühe ihre Anwesenheit zu verbergen. Der Mann in der Suite würde sich an nichts erinnern, und in einer Stadt wie New York war das Untertauchen in der Normalität ein besserer Schutz als das heimliche Verschwinden durch eine Nebentür. Mit einem Lächeln auf den Lippen schritt sie durch den luxuriös gestalteten Eingangsbereich des Hotels. Sie bezahlte ihre Zimmer selten selbst, sie überließ das meistens ihren Opfern. Der diensthabende Manager an der Rezeption nickte ihr beflissen zu. Katherine ignorierte ihn. Distanz war ein Zeichen von Stärke.

Kurz darauf stand sie auf dem roten Teppich vor dem Hauptportal des Four Seasons, und sog die frische Mittagsluft ein. Die Sonne blinzelte durch das Hochhauslabyrinth. Unbewusst tastete sie nach ihrem Lapislazuli-Amulett, das sie vor dem tödlichen Biss der Sonne schützte, - eine Geste der Versicherung, die ihr in über fünfhundert Jahren so selbstverständlich geworden war, wie das Atmen oder der Verzehr von Blut.

"Meine Dame, wünschen sie, dass ich die Fahrbereitschaft rufe, oder benötigen sie vielleicht ein Taxi?" Der Hotelportier in seinem maßgeschneiderten Livree sah sie mit erwartungsvoller Zurückhaltung an.

"Was meinen sie?" fragte Katherine charmant. "Wird das Wetter so bleiben, oder sollte ich mich lieber auf Regen gefasst machen?"

"Es wird ein schöner Tag," erwiderte der Portier freundlich. "Ein sehr schöner."

"Dann benötige ich keine Fahrgelegenheit."

"Wie sie möchten. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in New York." Der Portier zog sich dezent zurück.

"Danke."

Sie neigte ihren Kopf und schenkte dem Portier einen Hauch von Verführung. In der nächsten Sekunde verschanzte sie sich wieder hinter einer undurchdringlichen Maske von Gleichgültigkeit und Hochmut. Ohne auf die Richtung zu achten, ging sie los. Sie hatte kein Ziel, sie wollte einfach nur das Leben in sich aufnehmen: Das bunte Blinken und Glitzern von Manhattan. Es war eine halbe Ewigkeit her, dass sie zuletzt mit der Masse von Menschen in den Straßenschluchten dieser faszinierenden Stadt verschmolzen war. Noch länger war es her, dass sie reiche Beute unter den Auswanderern aus der alten Welt gemacht hatte. Gegenwärtig war ihr Hunger gestillt, und der Zeitpunkt der nächsten Jagd stand noch in den Sternen.

Schon nach wenigen Metern erreichte sie die Park Avenue, jene breite Straße an deren südlichen Ende der markante Bau des einstigen Pan Am-Gebäudes wie ein breitschultriger, gedrungener Wächter über dem 34-stöckigen Altbau des früheren New York Central Buildings verharrte. Unmengen von Fahrzeugen dröhnten über den Asphalt, irgendwo war immer ein drängelndes Hupen zu vernehmen. Schlipsträger eilten an ihr vorbei, in einer Hand ihre Laptops, in der anderen die unvermeidlichen Pappbecher mit Starbucks-Kaffee. Zwei aufwändig gestylte Kunstpuppen mit Pudeln an pinkfarbenen Hundeleinen stöckelten ihr entgegen, eine Wolke schwatzhafter Schulmädchen quasselte hingebungsvoll in ihre Smartphones. Katherine gab sich völlig der Flut an Eindrücken hin -  der Duft des Lebens war nirgends präsenter als im Zentrum von Manhattan.

Eine Weile folgte sie der Park Avenue nach Norden, vorbei an imposanten Finanzhochhäusern oder anderen Hotels der höchsten Preiskategorien. In vielen von ihnen hatte sie irgendwann einmal ihre Signatur hinterlassen. Nicht in Form einer Fährte, der ein Jäger hätte folgen können, sondern in Form all der kleinen Verbrechen, die ein Vampir im Lauf seiner Existenz beging. Sie nahm sich Zeit, um die Passanten zu beobachten; die kleinen Gesten, wie der rasche Zeitabgleich auf einer Armbanduhr, das kritische Mustern von Schaufenster oder Reklametafeln, sowie die abschätzenden Blicke, die sich die Menschen untereinander zuwarfen, sich ständig vergleichend, um den eigenen Platz in diesem Universum der Oberflächlichkeit zu bestimmen. Die Blicke, die sie selber erntete, ließen sich recht sauber trennen: Männer bewunderten sie zumeist verstohlen, Frauen versuchten einzuschätzen, ob sie ein Maßstab oder eine Konkurrentin war. Wenn sie nur wüssten, dass sie in ihrer ganz eigenen Liga spielte? Nicht eine konnte ihr das Wasser reichen. Doch hin und wieder wünschte sie sich, sie könnte für einen kurzen Moment eine von ihnen sein.

Ein Pärchen überholte sie. Die Frau kramte in ihrer Handtasche herum, während er tapfer eine halbe Wagenladung von Einkaufstaschen mit sich herumschleppte. Direkt vor Katherine blieben sie plötzlich stehen. Sie diskutierten, wo sie zum Mittagessen einkehren sollten. Die Frau wollte ein Restaurant mit Aussicht, der Mann wollte eine Pizza. Katherine seufzte. Auf ihrer Menükarte stand ständig das gleiche: Blut. Alles andere verzehrte sie aus Geschmacksgründen, - nur manchmal würzte sie mit einer Prise Sentimentalität.

An der nächsten Kreuzung wandte sie sich wieder nach links, und eilte durch die Fassadenschlucht einer Querstraße. Es interessierte sie nicht, ob es die 68th, 69th oder 70th Street war, denn im Gewimmel all der Hochhäuser gab es kaum Unterschiede. Dies änderte sich, als sie die 5th Avenue erreichte, an deren Flanken sich die berühmtesten Gebäude die Hände reichten: Das Empire State Building, das Rockefeller Center, das General Motors Building sowie die legendäre St. Patrick's Cathedral.

Die Menschenmassen verdichteten sich hier in fast unerträglichem Maße. Ihre Gedanken sprangen zurück in eine längst vergessene Zeit: Wie wäre sie mit den brutal verschärften Sinneseindrücken fertig geworden, wenn sie in der heutigen Zeit ihre Transformation vollzogen hätte? Sie mochte nicht einmal ansatzweise daran denken. Sie hasste Schwäche. Noch mehr hasste sie das Eingeständnis derselben. Um sich abzulenken besann sie sich wieder ihres Rituals, die Feinheiten des Lebens aufzusaugen. Ein McDonalds mit randvollen Tischen. Ein Taxi, um das sich zwei Fahrgäste stritten. Ein Mitarbeiter der Stadtreinigung, der mit einer spitzen Metallstange  Papiermüll vom Bürgersteig auflas. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Als Pflock wäre sein Arbeitsmittel erschreckend gut geeignet.

Hastig schaute sie sich um, und beschleunigte ihren Schritt. Der Straßenkehrer beachtete sie nicht. Schnell überquerte sie die nächste Kreuzung, bevor sie ihre Wahnvorstellungen mit einem Augenblinzeln beiseite fegte. Mit gefasster Gelassenheit ging sie weiter. Von der anderen Straßenseite lockte der Central Park. Nachdenklich verlangsamte sie ihr Tempo. Am Straßenrand wartete eine überlange Limousine mit geöffneter Tür auf drei Männer in Designeranzügen. Sie waren jung, sie sahen gut aus, und der Geruch des schnellen Gelds und erfolgreicher Börsengeschäfte haftete an ihnen, wie ein teures Aftershave. Sie waren in einer aufgeregten Konversation vertieft und ignorierten den Chauffeur, der geduldig auf ihr Einsteigen wartete. Als Katherine an ihnen vorbeischritt, stockte ihr Gespräch. Mit unverhohlenem Interesse begutachteten sie sie. Instinktiv straffte sie ihre Haltung. Sie war eine Jägerin, aber sie war auch eine Frau. Selbst Jahrhunderte änderten nichts daran. Für einen Moment besserte sich Katherines Laune. Bis sie die schwangere Frau bemerkte, die von einem besorgten Mann gestützt, mit einer Hand sanft über ihren Mutterbauch strich.

Da war er wieder, der vertraute Stich in ihrem Herzen. Der eine Verlust, der sich nicht rückgängig machen ließ.

Ja, sie war eine Frau. Sie lebte wie eine Frau. Sie dachte wie eine Frau. Und sie fühlte wie eine Frau. Aber sie war nie eine Mutter. Das schmerzte.

Das schmerzte immer wieder.

Mit einem Mal waren die Sinneseindrücke zu viel für sie. Sie spürte, wie das Blut in die Adern unterhalb ihrer Augen schoss. Sie brauchte Abstand von den herumwuselnden Menschen, bevor sie ein Massaker veranstaltete. Mit wilder Entschlossenheit eilte sie über die Straße, mitten durch den Pulk heranbrausender, hupender Autos. Geschickt wich sie ihnen aus, ungeachtet der unzähligen Passanten, die ihr seltsames Verhalten verfolgten. Doch die einzigen Personen, die sie wahrnahm, waren die schwangere Frau und ihr Mann.

Sie musste fort von hier... an einen Ort, an dem sie wieder atmen konnte.

Eilig schlug sie einen Weg ein, der sie durch die wogende Passantenmenge in den Central Park führte. Mit schnellen Schritten tauchte sie in die Formation aus Bäumen, Blumen und Wiesen. Es gab unendlich viele Grünanlage in der ganzen Welt, aber nur wenige waren so bekannt wie Manhattans grüne Lunge. An einem Tag wie diesen war der Park voll von Menschen. In diesen Minuten hatten sie für Katherine keine Bedeutung. Immer tiefer drang sie in den Park ein: Weg von der Hektik der vollen Straßen. Weg von der Frau und dem Leben, das in ihr erwachte. Natürlich war der Central Park alles andere als der perfekte Ort, um diesen einen Makel ihres Lebens zu vergessen. Doch das Zwitschern der Vögel und die frische Luft zwischen den Blätterkronen der Bäume halfen ihr, ihre Sinne wieder unter Kontrolle zu bekommen. Auf einer freien Bank in der Nähe der Bethesda Fountain ließ sie sich nieder, und schloss die Augen.

Ein Traumgebilde stürzte sich auf sie...


Sie spürte seine Wärme, sie spürte seinen Atem. Sie spürte das kräftige Pochen seines kleinen, trotzigen Herzens. Sie hielt seinen Leib ganz fest in ihren Armen, drückte ihn gegen ihre Brust, und spendete ihm die Wärme ihres Mutterleibs. Ihre Hände zitterten, nur ganz leicht - sie hatte Angst das kleine Lebewesen womöglich zu verletzen. Sie lachte, dieser Gedanke war so absurd; sie war seine Mutter - niemals würde sie das Baby verletzen.

Ihr Baby.

Ihre Tochter.

Ein Geschenk des Himmels.

Kostbar, lebendig, und schon jetzt so trotzig, wie sie es selber war. Sie neckte das junge, sich windende Lebewesen mit ihrem Zeigefinger. Eine kleine, unbeholfene Hand wickelte sich um ihren Finger. Ihr Herz vollführte einen Satz: So wie das Baby nach ihr verlangte, ihren Schutz einforderte, so wollte sie es ihm schenken. Ab jetzt, für immer, würde sie für ihre Tochter da sein. Sie wog den kleinen Leib in ihrem Armen. Mit geröteten Lippen küsste sie das Baby auf die Stirn. Roch seinen lieblichen Duft, spürte seine Wärme, und hielt...

Nichts.

Kein Körper. Kein Leib... Kein Baby. Einfach nur... Nichts.



Sie schlug die Augen auf. Ihre Hände waren leer. Doch der Abdruck des kleinen Körpers, die Illusion seiner Wärme, die waren noch vorhanden. Unfassbar präsent - wie so oft. Hilflos hantierte sie mit ihren Händen in der leeren Luft herum, benahm sich so, als wäre der Leib ihres Babys noch da. Die Innenseite ihres Unterarms strich über ihren Bauch. Da war nichts, gar nichts... wo der Leib ihrer Tochter hätte sein sollen. Kälte zog durch ihre Glieder. Das Sonnenlicht, das auf den Schwingen sanfter Strahlen durch den Blätterwald des Central Parks auf sie herabblickte, erreichte sie nicht, erwärmte sie nicht... oder ihre verwundete Seele. Sie empfand nur noch Leere.

Ziellos starrte sie auf ihre bloßen Hände. Was hatte sie in all den Jahren mit diesen Händen schon angerichtet? Sie hatte Seelen verführt, sie hatte Leben genommen. Sie hatte ein Leben gegeben... und es nie wertschätzen können. Was hätte sie dafür gegeben, die Zeit zurückzudrehen? Wieso hatte sie damals nicht gekämpft? Sicher, sie hatte geschrien und versucht sich aus den Armen ihrer Mutter zu befreien. Mit Tränen in den Augen hatte sie ihrem Vater hinterhergeschaut, als er mit dem neugeborenen Kind in den Armen das Haus verlassen hatte. Sie hatte gejammert, sie hatte gebettelt. Sie hatte ihre Mutter angefleht, ihr die Tochter nicht zu nehmen.

Flehen. Schreien. Betteln. Jammern... So viele Worte. Aber sie hatte nichts unternommen, um ihre Tochter zurückzugewinnen.

Mit finsterem Blick starrte sie auf den Kiesweg. Mausfarbene Krümel verunstalteten die Spitzen ihrer Stiefel. Wo war die Kraft, von der sie seit Jahrhunderten zehrte? Wo war der Stolz, der sie am Leben hielt? Sollte sie nicht stark und unbezwingbar sein, frei von Gefühlsduseleien und Schuldgefühlen?

Trotzig hob sie den Kopf. Vor ihr erstreckte sich eine Wiese aus kurz geschnittenem Gras und munter tanzenden, weiß-goldenen Margeriten. Sträucher und Bäume, die vor Lebenskraft strotzten, flankierten den idyllischen Flecken. Nicht weit von ihrer Sitzbank entfernt, leuchtete das Wiesengrün im Glanz der Sonne. Kinder liefen darauf herum. Sie jauchzten, tobten und waren völlig in ihrem spannenden Nachlaufspiel gefangen.

Ihre Mundwinkel zuckten, am liebsten hätte sie geschrien. Sie blieb stark, sie musste es einfach sein... Trauer war kein Fremdwort für sie, aber seit dem Tag, als sie ihre Familie in Bulgarien begraben hatte, hatte sie keine Träne mehr vergossen. Katherine Pierce weinte nicht. Die verräterische Nässe, die sich urplötzlich in ihren Augenwinkeln sammelte, zählte nicht.

Sie weinte nicht. Niemals.

Verstohlen senkte sie ihren Blick und wischte sich heimlich mit ihren Fingern über die Augen.


~ . ~ . ~



"Hey, fang mich! Du kriegst mich nicht!"

Mit unbändiger Freude schrie April ihre Herausforderung heraus. "Fang mich doch. Ich bin viel schneller als du!" Juchzend wich sie Kevin aus, der mit einem plumpen Ausfallschritt versuchte sie zu erhaschen. Mit einem Satz sprang sie aus seiner Reichweite. Ihr zitronengelbes Rockkleidchen wirbelte durch die Luft. Behände rannte sie in die entgegengesetzte Richtung. Kevin war viel zu langsam für sie. Mit geröteten Backen suchte er sich ein anderes Ziel zum Fangen aus.

April war schon sechs, fast sieben. Seit einem Jahr ging sie in die Schule. Sie war alt genug, dass sie auch mal alleine spielen durfte, solange sie in der Nähe ihrer Klassenkameraden blieb, die von ihren Eltern in den Central Park begleitet wurden. Für einen kurzen Moment wurde April traurig. Papa musste heute lange arbeiten. Er arbeitete bei einer großen Bank, in einem dieser riesigen Hochhäuser. Und er trug immer einen schicken Anzug, wenn er zur Arbeit ging. Mama war zuhause. Sie vermisste sie. Doch dann zog ein glückliches Glitzern über Aprils Gesicht. Mama bekam bald ein Baby, in einigen Wochen bekam sie ein richtiges Schwesterlein. April freute sich schon. Sie musste ihrer Schwester nur klarmachen, dass ihre Spielsachen nun mal ihre waren.

April war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie beinahe gefangen worden wäre. Sie hatte nicht mitbekommen, dass Benny inzwischen an der Reihe war. Benny war viel schneller als Kevin, und April musste sich mächtig sputen, dass Benny sie nicht vor einem der beiden Freimale erwischte. Das Freimal auf dieser Seite der Wiese war ein kleiner, krummer Apfelbaum, der etwas abseits schon im Schatten stand. Schwer atmend hielt April sich an seinem Stamm fest und streckte Benny die Zunge raus. "Frei, frei, frei!" schrie sie triumphierend. Von nun an musste sie bis fünfzig zählen; erst nach Ablauf der Zeit zählte das Freimal nicht mehr.

Eins. Zwei. Drei. Vier...

Langsam fing April an zu zählen. Sie war richtig stolz auf sich, denn sie konnte wirklich schon bis fünfzig zählen. Nicht alle Kinder, die mitspielten, konnten das richtig. Die kleineren schummelten. Aber das war egal. Sie waren ja auch nicht so schnell wie April. Nur Suzanna, die war noch schneller. Aber die war ja auch schon neun.

Zwölf. Dreizehn. Vierzehn...

April schaute sich um. Inzwischen hatte Benny einen kleineren Jungen erwischt. April wusste seinen Namen nicht, er ging noch in den Kindergarten. Der Junge tappste herum, die meisten Kinder waren zu schnell für ihn. Gelangweilt ließ April ihren Blick weitergleiten. Zwei große Jungs warfen sich eine Frisbee-Scheibe zu, ein dritter saß im Gras und beobachtete seine Freunde. Hinter ihm gingen ein Mann und eine Frau über einen Kiesweg, der Mann schob einen azurblauen Kinderwagen vor sich her. Eine Joggerin in buntem Sportdress überholte sie. Ein munterer Pferdeschwanz wippte ihr hinterher.

Dreißig. Einunddreißig. Zweiunddreißig...

April lief für ihr Leben gerne. Wenn sie größer war, wollte sie auch so tolle Laufschuhe. In einem Werbeprospekt hatte sie neulich angekreuzt, welche sie sich von Santa Claus wünschen wollte. Die Joggerin verschwand hinter einer Gruppe Bäume und gab den Blick auf eine Parkbank frei. Eine Frau saß auf ihr. April kaute auf ihren Lippen. Sie trug eng anliegende, schwarze Kleidung, und erinnerte sie ein bisschen an Shego, die gemeine Assistentin von Dr. Drakken und Gegenspielerin von Kim Possible, ihrer Lieblingsheldin. Doch Shegos zweite Farbe war Grün und sie hatte schwarzes Haar. Die Frau auf der Bank trug ein lila Top, ihr Haar war lockig und kastanienbraun. Lila war Aprils Lieblingsfarbe. Nicht ganz so kräftig vielleicht, aber allemal besser als Gelb, Blau oder eben Shegogrün.

Auf ihre Art und Weise war sie sogar wunderschön. Verspielte Ketten ringelten sich um ihren Hals, an den Armen trug sie große, glitzernde Ringe. Ihre Lippen waren sanft geschminkt und passten zu ihrem schicken Top. Mit großen Augen musterte sie die schöne Frau. Mama war schöner. Mama hatte ja auch langes, honigblondes Haar und blaue Augen, wie eine richtige Märchenprinzessin. Aber wie eine Prinzessin sah auch diese Frau aus. Eine traurige Prinzessin - April bemerkte, dass die Frau mit einer Hand ihre Augen rieb.

April blinzelte und guckte genauer hin. Weinte die schöne Frau etwa? April wurde sofort traurig. Mama hatte geweint, als Oma zu den Engeln geflogen war. Papa hatte geweint, als Mama ihm so ein komisches, verzerrtes Foto von ihrem großen Bauch gezeigt hatte. Sie selber hatte geweint, als Minky, die Katze ihrer besten Freundin Lucy fortgelaufen war, um mit Oma bei den Engeln zu spielen. Papa hatte sie in den Arm genommen und sie getröstet. Minky ging es gut, bei den Engeln wurden Katzen zu kleinen Tigern. Und außerdem hatte sie selber auch ein Tigerherz, und das war stark und verjagte alle Tränen. April hatte sofort aufgehört zu weinen. Ihr gefiel die Vorstellung, dass sie ein Tigerherz besaß. Sie mochte Tiger. Sie ging gerne zu ihnen im Zoo und schaute ihnen zu.

Vielleicht kannte die traurige Frau auch jemanden, der nun mit den Engeln spielte? Aber sie war doch eine Prinzessin, da wusste sie bestimmt, dass man nur ein Tigerherz brauchte, um die Tränen zu verjagen. April zog die Stirn kraus. Aber vielleicht hatte ihr das noch niemand gesagt?

Hastig schaute April sich um. Überrascht stellte sie fest, dass die anderen Kinder beim zweiten Freimal am anderen Ende der Wiese herumtobten. April bemerkte außerdem, dass sie völlig vergessen hatte weiterzuzählen. Nachdenklich runzelte sie die Stirn und kaute auf ihrer Unterlippe. Hmm, dann ist es eh' egal, dachte sie. Wenn keiner ihr hinterherlief und sie fangen wollte, brauchte sie auch nicht zu zählen. Und außerdem... wenn sie ganz schnell war, konnte sie der Frau von dem Tigerherz erzählen.

Prinzessinnen durften einfach nicht weinen! Selbst wenn sie ein bisschen aussahen wie Shego.


~ . ~ . ~



"Bitte, weine nicht."

Katherine blinzelte überrascht und hob den Kopf. Vor ihr stand ein kleines Mädchen. Sie war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, hatte glattes, honigblondes Haar, das von einer violetten Haarspange mit winzigen Sternen halbwegs gebändigt wurde, und schöne, blaue Augen. Sie trug nagelneue, violette Sandalen, etwas hellere Leggings und darüber ein herrlich mädchenhaftes, zitronengelbes Rockkleid mit farblich perfekt abgestimmtem Blümchenmuster über einem weißen T-Shirt. Wie aus dem Nichts war sie vor Katherine aufgetaucht und musterte sie aufmerksam mit neugierigen, verträumten Augen.

"Du darfst nicht weinen," erklärte das Mädchen noch einmal, während sie schüchtern ihre Hände an ihr Rockkleid klammerte.

"Aber ich weine doch nicht," antwortete Katherine trotzig. Mit einer raschen Bewegung wischte sie sich sicherheitshalber nochmals über die Wangen und schnaufte einmal schnell durch.

"Und wieso putzt du dann deine Augen?"

"Weil..." Sprachlos starrte Katherine das kleine Wunder vor ihr an. "Weil... na, schön," gab sie zu. "Ich habe geweint. Ein ganz klein bisschen. Aber jetzt ist es vorbei."

"Wirklich?"

Katherine nickte. Unbeholfen rang sie sich ein Lächeln ab. Mit Kindern hatte sie überhaupt keine Erfahrung.

Das Mädchen schob ihre Unterlippe vor. "Warum hast du geweint?"

Katherine versteifte sich. Was war denn das für eine Frage? "Ich... also..." Sie seufzte und holte tief Luft. "Ich habe einen schlimmen Fehler gemacht, weißt du?"

"Dann musst du aber nicht weinen." Das Mädchen schaute sie mit großen Augen an. "Mein Papa sagt immer: 'Fehler sind nicht schlimm. Man kann aus ihnen lernen, damit man sie nicht wieder macht.'"

Katherine spürte einen Stich in ihrem Herzen. "Du hast einen klugen Papa," flüsterte sie heiser. Sie musste sich räuspern und fügte rasch hinzu: "Aber sag mal, meine Liebe, solltest du mich überhaupt ansprechen? Du kennst mich doch gar nicht..."

"Das macht doch nichts. Du warst so traurig."

"Und dann sprichst du einfach wildfremde Leute an?"

Die Wangen des Mädchens röteten sich. Schief lächelnd guckte sie Katherine an. "Du... du tust mir bestimmt nichts, denn... du bist doch eine Prinzessin."

"Ich?" Verblüfft lehnte Katherine sich zurück. "Wie kommst du denn darauf?" fragte sie leise.

"Weiß nicht," antwortete das Mädchen mit einem ausweichenden Piepsen. "Du siehst einfach aus wie eine Prinzessin." Das Mädchen kaute erneut auf ihrer Lippe und ergänzte: "Naja, die richtigen Prinzessinnen haben ein weiß-goldenes Kleid und eine glänzende Krone. Und ein weißes Pferd mit so einem bunten Federschmuck... Glaub ich. Das hast du nicht, aber..."

"Aber?" fragte Katherine gespannt.

"Ich finde, du bist genauso schön wie eine richtige Prinzessin."

Katherine hob eine Augenbraue. "Schön..." Der Stich in ihrem Herzen weitete sich. Sie wusste nicht, wie viel länger sie dieses liebe, unschuldige Mädchen ertragen konnte. "Weißt du..." Katherine zögerte. "Wie heißt du eigentlich?"

"April," antwortete das Mädchen freundlich.

"April ist ein schöner Name. Ich bin Katherine."

"Hi, Katherine."

"Hi, April."

Aprils Lächeln verwandelte sich in ein fröhliches Strahlen. Katherine fühlte, wie ihr Herz rausgerissen wurde. Wieso hatte sie all das fortgeworfen?

"Weißt du, April," brachte Katherine nur mühsam hervor, "du darfst dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen. Nicht alle Prinzessinnen sind gut, bloß weil sie wie eine Prinzessin aussehen. Es gibt auch böse Prinzessinnen. Sehr böse."

"Wirklich?"

"Ja. Wirklich."

"Mmhhh." April schaute betreten auf ihre Füße, dann hob sie trotzig den Kopf. "Aber das macht doch nichts," erklärte sie mit bestimmter Miene. "Dann kommt ein Prinz, oder ein weiser Zauberer, und der macht die böse Prinzessin wieder zu einer guten."

"Uh?" Mit geöffnetem Mund starrte Katherine das Mädchen an. Himmel...! Das führte langsam viel zu weit. Dieses Mädchen besaß eine unerklärbare Macht über sie, die Katherine Angst einjagte. Unvermittelt holte sie tief Luft und fokussierte sich auf Aprils blaue Augen. Erwartungsvoll sah April ihr entgegen. Das Blau ihrer Augen schlüpfte in Katherine Gedanken, und erinnerte sie an die Leere in ihren Händen...

Katherine stutzte, blinzelte und atmete wieder aus. "April, magst du Geschichten?"

"Eine Geschichte?" Ein Leuchten huschte über Aprils Gesicht. Rasch schaute sie sich um, und guckte nach den Kindern, die weiter hinten, unter der Obhut ihrer Eltern, auf der Wiese spielten. Verschmitzt blinzelnd wandte sie sich wieder Katherine zu und nickte. "Au ja. Was für eine Geschichte?"

"Von einer Prinzessin..."

"Eine Prinzessin?" Aprils Augen strahlten. Eifrig wiederholte sie ihr Nicken.

Katherine seufzte. "Also gut, April. Dann werde ich dir jetzt eine Geschichte erzählen. Von einer Prinzessin, die auch einen schlimmen Fehler gemacht hat. Bist du bereit?"

April nickte erneut und setzte sich im Schneidersitz auf die Wiese neben ihrer Bank. Katherine rollte mit den Augen... und fing an zu erzählen.


~ . ~ . ~



Erwartungsvoll stützte April das Kinn in ihre Handflächen, während sie sich mit den Ellenbogen auf ihren Knien abstützte. Ein winziges Stückchen von schlechtem Gewissen regte sich in ihrem Hinterkopf: Sie durfte wirklich nicht mit fremden Leuten reden. Aber die anderen Eltern waren ja noch dahinten auf der Wiese. Mrs. Parker, Bennys Mutter, hatte sie bestimmt gesehen, als sie eben zurückgeschaut hatte. Und außerdem... Katherine war viel zu nett, um ihr etwas Böses zu tun. Gespannt hing sie an Katherines Lippen und lauerte mit klopfendem Herzen auf die Geschichte, die ihre neue Freundin gleich erzählen würde...

"Es war einmal ein fernes Land," fing Katherine endlich an. "Da lebte ein reicher Mann. Er war kein König, aber er hatte viel Gold und Silber, besaß viel Land und befahl sogar seine eigenen Ritter. Dieser Mann hatte eine Tochter. Sie war sein einziges Kind. Gerne hätte er noch einen Sohn gehabt, trotzdem liebte er seine Tochter und verwöhnte sie. Er machte ihr ständig Geschenke, kaufte ihr Spielsachen von fahrenden Händlern oder beauftragte seine Ritter, welche von ihren Abenteuern mitzubringen. Für ihn war sie eine Prinzessin. Seine Prinzessin. Doch was ist eine Prinzessin ohne einen Prinz?"

Katherine legte eine Pause ein und blickte April in die Augen. April nickte, Katherine hatte völlig Recht. Zu einer Prinzessin gehörte immer ein Prinz. Kim Possible hatte ja auch ihren Ron.

"Allerdings gab es ein Problem. Der reiche Mann und die Prinzessin hatten unterschiedliche Vorstellungen von einem Prinzen. Die Prinzessin wünschte sich einen tapferen Krieger, einen schönen, gutaussehenden Prinzen, der sie anhimmelte und ihre alle Drachen der Welt zu Füßen legen konnte. Ihr Vater wünschte sich einen klugen, wohlhabenden Mann für seine Tochter, einen Gemahl, der ihr einen noch größeren Palast bauen konnte, und bei dem es egal war, ob er schön oder hässlich war, oder ob er sie liebte oder sie einfach nur mochte. Darüber gerieten der Vater und die Prinzessin in einen schlimmen Streit. Die Prinzessin erklärte, dass sie nie einen Prinzen heiraten würde, der sie nicht genauso liebte, wie sie ihn, und dass sie selber nach einem Prinzen suchen würde, der all ihre Anforderungen erfüllte. Ihr Vater drohte sie einzusperren, bevor sie irgendeinen dahergelaufenen Vagabunden erwählte, der ihr schöne Augen machte. Doch der Vater brachte es nicht über sein Herz, seine Drohungen umzusetzen - zu sehr liebte er seine Tochter. Die Prinzessin dankte es ihm auf ihre ganz eigene Art und Weise: Sie schlich sich heimlich davon, um sich selber einen Prinzen zu suchen."

Gebannt folgte April Katherines Worten. Sie hatte eine seltsame Art ihre Geschichte zu erzählen. Ihre Stimme schwang voller Emotionen, ihre Augen wurden von einem unbestimmten Glanz eingenommen, und als sie die Stelle erreichte, bei der die Prinzessin entschloss, sich davonzuschleichen, wanderte ihr Blick weit in die Ferne - oder in das ferne Land, von dem sie erzählte. April wurde ein wenig unwohl; sie hoffte, dass die Prinzessin den richtigen Prinzen fand. Doch mit dem untrüglichen Gespür eines Kindes, bekam sie gewisse Zweifel.

"Sie hat doch ihren Prinzen gefunden," fragte April ungeduldig. "Nicht wahr?"

Katherine blinzelte irritiert. "Ja..." Der Fokus ihrer dunklen Augen richtete sich langsam wieder in die Gegenwart. "Aber nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat..."

April wollte protestieren, das klang überhaupt nicht gut, aber Katherine erzählte schon wieder weiter.

"Die Suche der Prinzessin währte einige Zeit. Die Männer, die sie fand, waren entweder tapfer, kräftig, gutaussehend oder reich. In den ein oder anderen verliebte sie sich sogar, doch keiner von ihnen erfüllte all ihre Wünsche. Stattdessen erweckten sie einen unsteten Geist, einen kleinen, ungezügelten Kobold, der das Herz der Prinzessin mit einem bösen Zauber vergiftete. Ein Zauber, dessen Namen man nur ganz leise, und erst wenn man alt und weise ist, benennen darf..." Katherine beugte sich vor und legte einen Zeigefinger verschwörerisch auf ihre Lippen. "Lust."

Lust? Das hörte April zum ersten Mal. Lust war doch kein böser Zauber. Lust bekam sie... auf Süßigkeiten!

"Dieser Zauber verwirrte die Prinzessin. Sie wollte immer mehr davon, bekam nie genug, und suchte sich die Männer nicht mehr nach ihren Vorzügen aus, sondern nur noch nach der Fähigkeit das Zaubergift für einen kurzen Moment zu bannen. Sie verheimlichte, dass sie verzaubert war - ihrem Vater ebenso wie ihrer gesamten Familie. Doch Einen konnte sie nicht täuschen. Einen vermochte sie nicht zu belügen. Der liebe Gott schaut auf all seine Kinder herab, auch auf die Prinzessin... Und er war traurig, weil sie sich weigerte, gegen das Gift anzukämpfen, weil sie stur und bockig war, und das Gift bald mehr genoss, als all die anderen, wundervollen Dinge im Leben. Schließlich duldete Gott nicht länger, dass die Prinzessin immer und immer wieder die gleiche Missetat beging. Und so machte er ihr ein Gabe... in der Hoffnung, sie zur Vernunft zu bringen."

"Eine Gabe?" fragte April atemlos.

Katherine nickte und flüsterte traurig: "Ein Geschenk."

"Aber...," hob April an, "ein Geschenk, das ist doch was..."

"Ja, April. Ein Geschenk ist etwas Gutes. Doch die Prinzessin war mittlerweile viel zu böse geworden, um das Geschenk überhaupt zu verdienen." Katherine blickte auf. "Du weißt doch sicher, April: Geschenke sind nur für brave Kinder bestimmt, richtig?"

April nickte.

"Und? War die Prinzessin wirklich brav?"

April musste kurz nachdenken. "Nein. Ich... glaube nicht. Wenn sie auf ihren Vater gehört hätte, oder auf den lieben Gott..."

"Genau."

April sah, dass Katherine sich auf die Lippen biss. Warum tat sie das? War ihre Geschichte wirklich so traurig? Mit schiefem Mund sah sie Katherine an. Sie mochte keine traurigen Geschichten. Sie hoffte so sehr, dass die Prinzessin noch ihr Glück fand... Mit bangem Blick sah sie Katherine an und hörte ihr weiterhin zu.

"Und so schenkte Gott der Prinzessin ein Kind. Ein kleines, rotwangiges, schreiendes Baby. Doch der Vater der Prinzessin war inzwischen so verärgert, dass er beschlossen hatte, seine Tochter zu bestrafen. Deshalb nahm er ihr das Geschenk weg. Doch die Prinzessin war nicht willens, die Strafe zu akzeptieren. Sie schrie und tobte und zerriss all ihre Kleider und sagte ihrem Vater, dass sie ihn verabscheute und hasste. Ihr Vater wusste sich nicht mehr zu helfen, und schickte die Prinzessin in ein fernes Land, damit sie sich besann. Doch die Prinzessin wollte keine Vernunft zeigen. Sie dachte nur noch daran, wie sie sich an ihrem Vater rächen konnte. Inzwischen hatte sie gelernt, wie sie den unheiligen Zauber, der auf ihr lastete, gar auf andere Menschen anwenden konnte. Sie verzauberte einen jungen Adligen, damit er sich in sie verliebte und brachte ihn dazu, dass er sie seinem Herren, einem mächtigen Fürsten, vorstellte. Als der Fürst sie empfing, forderte sie ihn auf, ihr Kind aus den Händen ihres Vaters zu befreien. Der Fürst schaute sie an, und sagte: 'Ich erfülle deinen Wunsch, aber dafür verlange ich einen Preis.'"

"Einen Preis?" Mit bangem Blick sah April die Erzählerin an. Mit jeder Minute mochte sie diese schreckliche Prinzessin weniger.

Katherine nickte. "Ja. Einen Preis."

"Und die Prinzessin...?"

"Die Prinzessin war bereit, jeden Preis zu zahlen," erklärte sie düster und seufzte, ehe sie weitererzählte. "Der Fürst sagte: 'Schwörst du auf ein Leben und dein Blut, meinen Preis zu akzeptieren?' Sie schwor, denn was konnte der Fürst von ihr verlangen, was sie nicht schon dargeboten hatte? So hörte sie den Preis des fremden Fürsten, und er forderte: Ihre Seele."

"Ihre Seele?" wisperte April leise und riss ihre Augen weit auf. Ängstlich schob sie hinterher: "Und was tat die Prinzessin?"

"Was hättest du denn an ihrer Stelle getan?"

"Ich wäre zu meinen Eltern nach Hause gelaufen und hätte sie ganz toll um Verzeihung gebeten."

Katherine zuckte zusammen. Ein seltsam verklärter Schimmer huschte über ihr Gesicht. Mit ernsten Augen blickte sie April an. "Du bist ein gutes Kind, April. Deine Eltern können wirklich stolz auf dich sein." Sie hielt kurz inne, ehe sie ergänzte: "Das wäre wirklich die richtige Entscheidung gewesen. Doch die Prinzessin dachte nur noch an ihren Hass und sah ihre Chance auf Vergeltung. Sie war so verbittert, so böse, dass sie den Preis akzeptierte. Dafür zog der Fürst in das Land ihrer Ahnen und tötete ihren Vater. Er tötete ihre gesamte Familie... bis auf das Kind. Das war jetzt frei."

"Warum?" fragte April verschüchtert.

"Woher soll ich das wissen?" Sanft zuckte Katherine mit den Schultern. "Wer weiß schon, was in dem Kopf dieses schrecklichen Fürsten vorging? Jedenfalls... das Kind überlebte. Es wurde groß, heiratete und bekam Kinder, während die Prinzessin mit dem vergifteten Herzen in einen ewigen Schlaf versetzt wurde, in dem sie bis heute gefangen ist."

Vergebens wartete April, dass Katherine noch schönere Worte fand, um ihre Geschichte zu beenden. Das Ende gefiel ihr nicht. Überhaupt... die ganze Geschichte war nicht wirklich schön. "Ich mag die Geschichte nicht," erklärte sie deshalb trotzig.

"Tja. Niemand mag böse Prinzessinnen."

"Nein. Ich mag sie auch nicht."

Katherine seufzte melancholisch. "Wenigstens weißt du jetzt, dass es nicht nur gute Prinzessinnen gibt."

"Hmm. Das finde ich nicht schön."

"So ist das Leben."

"Das Leben ist doof." April zog eine Schnute und verschloss ihre Arme vor ihrer Brust. "Mein Papa muss heute arbeiten. Das ist auch doof."

"Weißt du, warum dein Papa heute zur Arbeit gegangen ist?" fragte Katherine behutsam, während sie sich langsam vorlehnte.

"Nein," erklärte April motzig. "Und das ist mir auch egal. Hmpf."

"Dein Papa ist arbeiten gegangen, damit er dir später eine Freude machen kann."

April hob den Kopf. Die Spannung in ihrem Armen löste sich. "Wirklich?" fragte sie leise.

Katherine nickte. "Ganz sicher. Dein Papa würde viel lieber mit dir hier im Park Spazierengehen oder spielen. Aber er arbeitet, damit er dir was richtig Schönes kaufen, mit dir eine Schiffausfahrt auf dem Hudson River unternehmen oder in den Zoo gehen kann." Katherine zwinkerte ihr zu. "Du magst doch bestimmt Tiere, oder?"

"Ja. Ich liebe Tiere." Die Beklemmung in ihrem kleinen Herzen schwand.

"Welche Tiere magst du denn am liebsten?"

"Ziegen. Pferde. Ponys." Ihre Augen strahlten. "Ich bin schon mal auf einem Pferd geritten," erzählte sie aufgeregt. "Nicht nur so ein kleines Pony. Ein richtiges Pferd, mit Sattel und Zaumdings. Es war schwarz. Ich glaube, die heißen dann Ripper."

Ein schräges Lächeln huschte über Katherines Gesicht. "Das heißt Rappe," korrigierte sie vorsichtig.

"Na, klar. Rappe." April tippte sich gegen die Stirn. "Bin ich dumm."

"Nein, bist du nicht."

April bekam das gar nicht mit. Sie war schon bei den nächsten Tieren. "Und ich mag Löwen. Und Tiger. Tiger mag ich am allerliebsten. Die sind so groß und haben so ein herrliches, buntes Fell. Sie gucken immer ein wenig traurig. Aber dafür haben sie ein Tigerherz..." April stockte. Ihr fiel etwas ein. Unwillkürlich knabberte sie an ihrer Lippe. "Vielleicht... wenn die Prinzessin eins gehabt hat?"

Katherine hob eine Augenbraue. "Ein was? Einen Tiger?"

"Nein!" Energisch schüttelte April ihren Kopf. "Ein Tigerherz!"

"So, so. Ein Tigerherz."

April nickte eifrig. "Dann braucht sie keine Angst mehr zu haben, und kann nicht verzaubert werden, und..."

"Ja?"

"Dann ist sie ganz stark. Und muss nie mehr traurig sein." Erwartungsvoll schaute April die Frau vor ihr an. Katherine blinzelte, und April merkte, dass sich ihre Finger ineinander verkrampften. Sie wurde unsicher, vielleicht hätte sie das nicht sagen sollen. Es war ja nicht ihre Geschichte...

"Du bist ein wundervolles, liebes Mädchen." Katherine beugte sich vor und strich April sanft über das Haar. "Danke."

April lächelte zurück - auch wenn sie nicht wusste, weshalb Katherine sich bei ihr bedankte. Scheu sagte sie: "Gern geschehen." Das machten Mama und Papa auch immer, vermutlich war es richtig so.

Das Lächeln um Katherines Lippen wandelte sich zu Sternenglanz. Einen Moment später wurde sie jedoch ernst. "Sag mal, wo ist eigentlich deine Mutter?"

"Die ist zuhause."

"Hast du keine Angst alleine hier im Park?"

"Nein, da sind doch noch die anderen Kinder. Und die Mamas von denen." April drehte sich um und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen war. Noch immer spielten einige Kinder auf der Wiese, aber es war inzwischen weniger als vorhin. Wenigstens war Mrs. Parker noch da. April zeigte auf sie. "Das ist die Mama von Benny. Sie passt auf mich auf."

"Verstehe." Katherine nickte sanft. "Ich glaube, es ist wirklich besser, wenn du jetzt wieder zu ihr läufst. Bestimmt muss Benny auch bald nach Hause."

April nickte. Benny war ja nicht ganz so alt wie sie. "Okay." Zögerlich wandte sie sich zum Gehen. Plötzlich spürte sie Katherines Hand an ihrem Arm.

"Eine Sache musst du mir versprechen, April."

"Ja?"

"Wenn du nach Hause kommst, erzählst du deinen Eltern, dass du sie sehr, sehr liebst. Verstanden?"

Erneut nickte sie. Natürlich mach' ich das. Das wollte ich doch schon die ganze Zeit tun, wenn ich wieder daheim bin. Der Gedanke war so mächtig, dass sie am liebsten sofort nach Hause gerannt wäre. Im letzten Moment hielt sie inne und schaute Katherine mit klopfendem Herzen an. "Bist du jetzt meine Freundin?"

Ein klirrendes Blinzeln zuckte durch die dunklen Augen. "Wenn du möchtest?"

"Ja, dann freue ich mich sehr." Aprils Herz machte einen Satz. "Sehen wir uns morgen wieder?"

"Vielleicht."

"Oder an einem anderen Tag?"

"Ganz gewiss..." Katherines Stimme waberte. Ein hauchzarter Nässeschimmer benetzte ihre Augen.

April trat einen Schritt vor. Zaghaft hob sie eine Hand. "B-bist du wieder traurig?"

"Nein, bin ich nicht." Geheimnisvoll flüsterte Katherine: "Wie könnte ich? Ich habe doch jetzt ein Tigerherz."

Aprils neue Freundin überwand das letzte Stückchen Distanz zwischen ihnen und umarmte sie. Unbeholfen erwiderte April die Umarmung. Als sie sich wieder lösten, erklärte Katherine: "Du solltest gehen. Bennys Mama sucht dich schon."

April drehte sich sofort um. Es stimmte: Mrs. Parker schaute sich suchend um. Ohne weiter nachzudenken lief April in ihre Richtung. Auf halbem Weg blickte sie zurück. Katherine saß noch immer auf der Bank und sah ihr hinterher. April winkte ihr zu. Katherine erwiderte ihren Gruß.

Kurz darauf erreichte sie Mrs. Parker. "Wem hast du gewinkt?" fragte Mrs. Parker beiläufig, während sie sich abmühte, grasgrünen Dreck von Bennys Händen abzuwischen.

"Katherine," gab April leutselig Auskunft. "Meine neue Freundin. Sie ist sehr nett. Sie hat mir eine Geschichte erzählt."

"So? Katherine. Und wo ist diese Katherine?"

April drehte sich um, um auf die Parkbank zu zeigen. Doch die Bank war leer.

Katherine war bereits verschwunden.


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Ach, ja.

Für alle, die mit Kim Possible nicht ganz so viel anfangen können, hier noch ein Bild von Shego:

http://media.giantbomb.com/uploads/4/48182/1335531-shego_by_al305sr_large.jpg

Eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden. Oder?
*grins*
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