Tag und Nacht

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Christopher Carrion Finnegan Hob Prinzessin Boa
18.06.2012
11.08.2012
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18.06.2012 1.912
 
Der Abarat war ein wahrlich wunderlicher Ort. Ein Ort, an dem „Zeit“ kaum eine wirkliche Bedeutung hatte. Die Geschöpfe des Archipels lebten zwar nach einer relativ gut organisierten Struktur, in der man so etwas Ähnliches wie die Jahre, Monate und Tage wie in unserer Welt maß, aber dennoch gab es von Insel zu Insel kleine Unterschiede, die das System ins Wanken brachten.
Da die Bewohner der einzelnen Stunden trotz aller Bemühungen  in einer relativ chaotischen Welt lebten, war die Vereinheitlichung der Uhrzeiten gar keine einfache Angelegenheit. Man hatte es des öfteren versucht, doch immer wieder hatten sich Fehler eingeschlichen, oder irgendwelche Magier hatten es lustig gefunden, alle Uhrwerke zu verwirren, sodass jede Uhr wieder eine andere Uhrzeit anzeigte.
Daraus resultiert, dass es sehr schwierig ist, eine genaue Uhrzeit anzugeben, wenn es um Ereignisse geht, die den gesamten Abarat angehen. Ereignisse von großer Bedeutung müssen schließlich festgehalten werden. Aber weil man unmöglich zu einer für alle Stunden konkreten und wahren Aussage kommen kann, werden wir uns mit dem Zeitpunkt zufrieden geben müssen, der während dieses Ereignisses auf der Uhr angezeigt wurde, die am nächsten zum Ort des Geschehens war.

Viertel vor Sechs auf Scoriae, der Stunde der länger werdenden Schatten, gemessen nach der großen Bernsteinuhr im Palast der Dämmerung

Obwohl jede Insel im Abarat einer bestimmten Uhrzeit unterliegt, und sich die Zeit somit nicht wirklich verändern kann, so ist das Archipel dennoch einem Faktor ausgelegt, den man selbst hier nicht unterbinden konnte: dem Wetter. Und genau dieses Wetter schien es heute mit niemandem gut zu meinen.
Das Meer der Izabella brachte die Insel in ihren Grundfesten zum Beben, als das Wasser gegen die Ufer donnerte. Schaumkronen, so groß wie die kleine Insel Alice Point, von der aus man die fünfundzwanzigste Stunde beobachten konnte, schwammen auf dem aufgewühlten Wasser, das schwarz wie die Nacht erschien.
Die Wolken hatten jeden Funken Dämmerungslicht abgefangen, und die siebte Abendstunde lag in völliger Finsternis. Das Grollen des Donners brachte einige Felsblöcke noch zusätzlich zum Beben, und obwohl das Schloss der Dämmerung auf festem Urgestein erbaut war, konnte man auch hier den Zorn des Wetters spüren. Die Fenster ächzten immer wieder unter den gewaltigen Sturmböen auf. Ein Blitz erhellte den Himmel für einige Sekundenbruchteile, und im nächsten Augenblick erbebte selbst der Palast, als wäre er kurz vor dem Zusammenbrechen. Zwischen dem Deckengewölbe brach Staub hervor und ließ den Boden matt glänzen, als er auf den kühlen Marmorstein rieselte.
Selbst Galigali, der Vulkan der Insel, schien sich vor dem Unwetter zu verstecken, denn seine immerzu währenden Lavaströme schienen wie weggeblasen zu sein, oder zumindest spendeten sie keinen noch so zarten Lichtschimmer in der Finsternis. Nur die Spitze des Vulkans glühte kaum merklich; eine eindeutige Warnung, das vorläufige Ruhen des Berges nicht als Erlöschen zu deuten.
Trotz der alles andere als aufheiternden Stimmung war König Claus die Ruhe selbst. Er hatte seine Krone neben sich gelegt und den Mantel enger um sich gezogen, um die kühle Luft von sich fern zu halten. Der Sturm beunruhigte ihn nicht; der Palast der Dämmerung hatte bereits weitaus Schlimmeres überstanden. Ein paar Blitze, Donner und ein aufgeschäumtes Meer vermochten es deshalb nicht, den Herrscher der Tagesstunden zu beunruhigen. Selbst Galigali hatte diesen Ort bisher unberührt gelassen, also machte er sich keine Sorgen. Zumindest nicht um das Gebäude, in dem er sich befand.
Seine Gedanken galten alleine dem, was heute Nacht in diesem Haus geschehen würde, oder viel eher gerade geschah. Wenn selbst Izabella so in Rage war, konnte diese Nacht nicht nur für ihn persönlich von hoher Bedeutsamkeit sein. Er konnte es spüren, riechen und hören. Die Wände des Schlosses flüsterten davon, der Vulkan hielt den Atem vor Aufregung an und die Wolken schirmten Scoriae vor allen unerwünschten Blicken ab, während der Wind jeden Feind daran hinderte, die Insel zu betreten.
Wenn man es so betrachtete, konnte dieses Wetter auch ein gutes Omen sein. Ein Versuch des Abarat, das zu beschützen, was nun beginnen würde. Ein neues Leben, das eines Tages, sofern  es nur irgendwie möglich wäre, den Frieden zwischen Tag und Nacht bringen sollte.
In genau diesem Augenblick, als Claus mit einem Seufzen den Blick zum nachtschwarzen Himmel wandte, um dem Regen dabei zuzusehen, wie er scharf gegen die Scheiben klatschte, öffnete sich die Tür zu dem Raum und ein Geschöpf stand in der Tür, nass vom Schweiß und mit erschöpftem Blick. Bis auf das dunkelbläulich schimmernde Haar und die silbrig glänzende Haut sah es eigentlich einem Menschen zum Verwechseln ähnlich, wenn auch einige merkwürdig aussehende Stacheln aus dem Rücken des Wesens sprossen, die feuerrot leuchteten.
Der König setzte sich auf und sah dem Geschöpf erwartungsvoll entgegen, das Gesicht trotz allem von einer gewissen Sorge durchzogen.
„Nun? Wie steht es?“, fragte er leise und konnte seine Nervosität dabei kaum unterbinden. Das Geschöpf, das ihm gegenüber stand, biss sich auf die Unterlippe und sah zu Boden.
„Das Kind ist wohlauf. Wie wir in den Sternen gelesen haben, ist es ein gesundes Mädchen geworden. Allerdings...“
An dieser Stelle musste das Geschöpf kurz überlegen, ehe es weitersprach.
„Die Königin ist tot.“

Sechsundzwanzig Minuten vor Drei auf Yzil, der Stunde der Mittag, nach der Sanduhr in einer kleinen Hütte im Wald

Finnegan hüpfte durch den Regen, als habe er noch nie etwas anderes in seinem Leben getan. Der Wind und der Regen machten ihm nichts aus. Ganz im Gegenteil; er genoss das Gefühl des kühlen Wassers auf seiner Haut. Das rote Haar klebte an seinem Kopf, und der Regen trommelte auf seinen Rücken.
Der junge Mischblüter hüpfte von einer Regenlacke in die nächste, wobei sein schlichtes, braunes Gewand über und über von Gatsch befleckt wurde.Innerhalb von wenigen Minuten war von dem sauberen, ordentlich gekämmten Jungen nichts mehr übrig. Jetzt wirkte er eher wie ein verwildeter Fünfjähriger als wie der dreijährige Sohn eines Tagesprinzen.
„Finn! Finn, komm jetzt wieder rein! Du holst dir ja noch den Tod!“, rief seine Mutter ihm zu. Sie stand auf der Terrasse der kleinen Hütte und winkte ihn zu sich hinauf. Finnegan seufzte schließlich ergeben und kletterte die Stufen hinauf zu ihr. Sofort nahm sie ihn entgegen, rubbelte ihn trocken und trug ihn hinein.
Hier war es angenehm warm, und der Regen trommelte gegen das einfache Blechdach wie tausend kleine Nadelstiche. Finn kicherte und klatschte vor Freude in die Hände, als seine Mutter Wasser auf den Herd stellte, um Badewasser für ihn warm zu machen.
„Du erkältest dich sonst noch wirklich. Und das können wir zurzeit nicht brauchen. Schließlich müssen wir bald weiterreisen.“, erklärte sie sanft und strich ihm kurz durchs Haar. Der Junge grinste und setzte sich neben die hölzerne Wanne, während er auf sein Bad wartete.
„Der Himmel weint, Mama.“, erklärte der Junge aufgeregt und klopfte mit den Fingern auf den Boden. Seine Mutter lächelte und schüttete zugleich kaltes Wasser in die Wanne, um das heiße Wasser damit zu vermischen.
„Ja, Finn. Die Izabella hat uns einen Sturm geschickt. So einen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Aber hier sind wir sicher. Komm, mach dich bereit, das Bad ist gleich fertig.“, meinte sie und schüttete das heiße Wasser in die Badewanne dazu. Finnegan streckte die Hand aus und patschte damit in das nun angenehm warme Wasser.
„Ich will aber lieber mit Kleidern baden!“, brummte er und rümpfte die Nase. Seine Mutter lachte und holte die Seife aus dem Schrank.
„Mein Prinz kann doch nicht mit Kleidern baden.“, meinte sie lächelnd. Finnegan war augenblicklich wieder bei der Sache.
„Ich will Blubberblasen da hinein!“, rief er und deutete auf das Wasser.
„Natürlich.“, erwiderte seine Mutter geduldig und murmelte leise etwas, woraufhin Schaum aus den tiefen des Wassers heraufzuschwappen schien und große, watteweiche weiße Kronen auf der Oberfläche bildete.
Finnegan gluckste zufrieden, lehnte sich vor um nach dem Schaum zu schnappen und verlor dabei das Gleichgewicht. Und so purzelte er kopfüber in die Badewanne, natürlich noch immer komplett angezogen.
„Finn! Das hätte ich jetzt wissen müssen.“, lachte die Frau, als Finnegans Kopf aus dem Wasser auftauchte, über und über mit Schaum bekleckert. Der Junge lachte und patschte ihr etwas Wasser entgegen. Sie lachte daraufhin leise und begann damit, Finnegans Haar einzuseifen.
Während sie das tat, dachte sie über den Sturm nach. Es war wirklich eigentümlich, was für ein intensives Unwetter das Archipel heute ergriffen hatte. Das geschah nur äußerst selten, denn eigentlich war das Meer selten so aufgewühlt wie heute.
„Das ist ein großer Sturm, mein Junge. Und er ist bestimmt nicht grundlos hier.“, murmelte sie leise.

Fünf Minuten vor Fünf auf Pyon, der dritten Morgenstunde, gemessen nach der Taschenuhr von Zephario Carrion

Die Blitze und der tobende Sturm entgingen auch den Carrions nicht, welche sich wieder einmal in die Nachtvilla zurückgezogen hatten, um hier einige Tage die Ruhe zu genießen. Hier hatten alle ihre Kinder genug Platz, um sich auszutoben und ihre Fähigkeiten zu erproben.
Zephario beobachtete den Sturm mit einer Mischung aus Verächtlichkeit und wachsamem Interesse. Irgendetwas an diesem Sturm fesselte ihn, zog ihn in seinen Bann. Er trug den Geruch von Leben und Tod mit sich, eine wahrlich fremd wirkende Kombination.
Der König der Mitternacht hörte das Grollen des Donners und lächelte, als wolle er das Wetter verspotten. Er wusste genau, dass er und seine Familie hier sicher waren. Selbst das schlimmste Unwetter konnte ihn nicht beeindrucken.
Plötzlich hörte er leise Schritte hinter sich und sah sich um. Hinter ihm stand seine Frau, das Gesicht von den tiefen Falten durchzogen, die ein Leben im Kummer ihr beschert hatten. Das Leben der Königin der Mitternacht war nie einfach gewesen, doch das hatte sie ja von Anfang an gewusst, noch bevor sie Zephario geheiratet hatte. Die Mitternacht war schließlich ein gefährlicher Ort, und auch wenn Zephario sie aufrichtig liebte, hatte er sie nicht vor dem Kummer der vierundzwanzigsten Stunde bewahren können.
„Würdest du dich kurz um Christopher kümmern? Ich muss Jonathan aus dem Garten holen. Er ist mal wieder mit seiner Schwester draußen im Obstgarten, trotz des Sturmes. Ich mache mir Sorgen um die beiden. Wenn sie zu nahe an die Klippe geraten...“
„Natürlich. Gib´ ihn schon her.“, murmelte Zephario und nahm ihr das kleine Geschöpf ab, das sie auf ihrem Arm trug. Es war in eine warme, mitternachtsblaue Decke eingehüllt und schien zu schlafen. Seine Frau nickte, dann machte sie sich eilig auf den Weg in den Obstgarten.
Zephario wandte sich von dem Unwetter ab und setzte sich zum Kamin, wo es angenehm warm war, und betrachtete seinen jüngsten Sohn nachdenklich im Feuerschein. Alle anderen zweiundzwanzig Kinder konnten bereits auf eigenen Beinen stehen, aber Christopher war kaum ein paar Wochen alt. Aus irgendeinem Grund hatte Zephario das Gefühl, dass dieser kleine Knirps noch Großes vor sich hatte. Größeres vielleicht noch als alle anderen zweiundzwanzig Carrion-Kinder. Abgesehen davon war er noch so klein und hilflos...
Zephario stupste Christopher an der Nase an, woraufhin das kleine Geschöpf unwillige Geräusche von sich gab, die Ärmchen ausstreckte und etwas völlig Unverständliches vor sich hin brabbelte. Sein Vater musste lächeln.
„An einem Tag wie diesem solltest auch du nicht schlafen, Sohn. Heute liegen Leben und Tod zu nahe bei einander. Wer weiß...vielleicht wachst du ja gar nicht mehr auf, wenn du jetzt einschläfst.“, neckte er seinen kleinen Sohn.
Christopher hatte aufgehört sich zu winden und sah seinen Vater aus stechenden Augen an. Die kleinen Hände zu Fäusten geballt schien er jedem seiner Worte aufmerksam zu lauschen, fast so, als könne er sie verstehen. Es gefiel dem König der Mitternacht aus einem ihm unerklärlichen Grund, wenn sein Prinz so dreinblickte.
Zephario lächelte und drückte Christopher vorsichtig an sich.
„Ich liebe dich, Kleines.“
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