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Zuckerwattenacht

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P6 / Gen
17.06.2012
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Mein Beitrag zum Schreibzirkel

Stille. Nacht. Zuckerwatte.


Hester hatte das seltene Talent auch unter dem größten Lärm der Welt die Stille zu finden, ganz gleich in welcher dunklen Ecke sie sich verkrochen hatte und sich die Ohren zuhielt, um ihrem großen Bruder zu entgehen.

Der Jahrmarkt war laut und voller bunter Lichter in dieser sonst so düsteren Nacht, die den Stadtkern umzingelte und die Besucher, die keine mehr waren, verschluckte, wenn sie das Getümmel verließen, um sie hinfort zu nehmen in die sanfte und stille Welt des Traumes. Doch im Zentrum der Schatten brannte die Stadt lichterloh und hüllte die Besucher, die noch welche waren, in eine warme Decke aus Gelächter, Musik und Farbe, die ihnen vorgaukeln sollte, die ganze Welt wäre so laut und hell und voller Leben, egal wie nah die Schatten schon standen.

Hester wusste nicht mehr, was sie zwischen die vielen Buden, Karussells und dem Riesenrad eigentlich verloren hatte und ob sie es denn wieder finden würde. Überall waren Menschen, lachende Gesichter, die über dem Lichtermeer schwebten und sie kam sich schrecklich deplatziert vor, denn alle waren bis zum Hals und darüber hinaus mit Leben gefüllt und sie selbst fühlte sich dazwischen so schrecklich hohl. Leer. Ausgesaugt und ausgelaugt. Alles schien ihr von der kalten Luft entzogen zu werden, die langsam aber sich nur noch kälter wurde, trotz der vielen hellen Punkte, die ihr Wärme vorgaukeln sollten. Hester aber konnte man nichts vormachen. Sie konnte die vielen freudebetrunkenen und lallenden Gesichter nicht mehr ertragen.
Am Rande des Marktes, der von Essensbuden und Losständen gesäumt wurde, konnte sie einen düsteren Hoffnungsschimmer erkennen. Eine kleine Gasse, die vom Platz wegführte und die nicht wie die ganzen anderen von Ketten umhängt war. Schnellen Schrittes ging sie zu der Gasse und setzte sich auf die dunklen Steine, sobald die Nacht sie umhüllte. Knie angezogen, Hände auf den Ohren. Der Stille gleich, die urplötzlich neben ihr saß. Klein, dunkelhaarig und blass. Sie lächelte Hester kurz und traurig an und Hester lächelte ebenso kurz und traurig zurück.
So hockten sie beieinander mit angezogenen Knien und zugehaltenen Ohren, bis Hester mit dem strohigen blonden Haar und den blauen Augen merkte, dass da gar kein Hirngespinst neben ihr auf den schwarzen Steinen saß, sondern ein echter Mensch. Wie um sich zu vergewissern, nahm Hester eine Hand vom Ohr und stupste das Mädchen mit den rabenschwarzen Haaren an, in der Erwartung sie würde bei der Berührung zu Staub verpuffen. Doch das tat sie nicht. Sie sah auf und stupste mit einer kleinen blassen Hand zurück.

Für einen kurzen Moment sahen sich die beiden aus unterschiedlich blauen Augen – azurhimmelblau und schneesturmblau – an, bis Hester den unglaublich intelligenten Satz hervorbrachte: „Du bist ja doch ein Mensch.“
Das Mädchen nickte und Hester fielen im schwachen Schein einer lauten Welt die unzähligen Sommersprossen im Gesicht der Kleinen auf. Sie besah sich die Kleidung des Kindes so gut es ging: Shirt in der Farbe der zarten Rosen im Garten ihrer Großeltern, blaue Jeans mit einem Pferdekopf auf einem Knie und kleine weiße Turnschuhe, um die Hüfte eine quietschpinke Jacke gewickelt. Simpel und brav, unschuldig im Gegensatz zu Hesters Punkrockshirt, den zerfetzten Jeans und den zertretenen Chucks, die eher dreckig als schwarz waren.
„Du scheinst auch einer zu sein“, konstatierte die Kleine schließlich. „Mein Name ist Emma, aber du kannst mich Em nennen. Das machen alle.“ Ihr wurde die kleine blasse Hand entgegengestreckt und Hester ergriff sie ohne zu zögern. Der Händedruck war fest, obwohl er in ihrer Hand ganz winzig wirkte.
„Hester“, sagte sie kurz und musterte Em genauer. „Wie alt bist du, Em?“
„Neun und dreiviertel“, grinste sie stolz und entblößte eine Lücke in der unteren perlweißen Zahnreihe. „Und du?“
„Sechszehn“, sagte Hester nicht mal halb so stolz wie Em und sah in Richtung des Jahrmarkts, der von dieser Gasse aus gesehen so wunderschön weit weg wirkte. „Was machst du hier allein?“, sie sah die Kleine wieder an und blendete den Tumult vollkommen aus. „Hast du keine Eltern?“
„Doch, aber die sie gaaaaaanz weit weg“, dabei breitete sie die Arme aus, um die Distanz zwischen ihr und der Erzeugerfront zu verdeutlichen. „Ich hab auch einen Bruder, aber der hat ein Mädchen in seinem Bett liegen. Immer wenn ich zu ihm ins Zimmer komme, liegt sie im Bett. Sie ist immer ganz müde. Er hat vorhin zu mir gesagt, ich solle hingehen, wo der Pfeffer wächst, dabei weiß ich gar nicht, wo das ist. Aber Oma kauft ganz oft ihren Pfeffer hier, also bin ich hergekommen.“
„Und warum versteckst du dich hier in der Gasse? Hier gibt es doch keinen Pfeffer.“
„Zu laut da draußen“, plötzlich klang sie traurig. „Bevor das Mädchen im Bett da war, ist mein Bruder mit mir hierhergekommen und hat mir Zuckerwatte gekauft.“ Sie senkte der Blick auf ihre Füße. „Ich habe noch kein Geld und ich bin auch gar nicht groß genug, um das Geld auf den Tresen zu legen. Dabei ist Zuckerwatte doch das tollste an so einem Jahrmarkt.“
Hester seufzte. Sie konnte Zuckerwatte noch nie leiden, vielleicht weil sie keinen Bruder hatte, der ihr welche hätte kaufen können, aber die kleine Emma tat ihr trotzdem leid, vermutlich weil sie einen Bruder hatte, der ihr aber keine kaufte. Also sprang sie auf und reichte der Jüngeren die Hand. „Komm mit. Ich bin zwar nicht dein Bruder, aber ich kann dir auch eine Zuckerwatte spendieren.“ Eigentlich hatte sie sich von den klimpernden Münzen in ihrer Hosentasche Bier und eine neue Packung Zigaretten kaufen wollen, doch dieses Mädchen hier vor ihr auf den Steinen erschien ihr plötzlich wichtiger, als das Bedürfnis den Hohlraum zu füllen.

Begeistert sprang Emma auf und ergriff die Hand der gut zwei kopf größeren Hester, welche wiederum Em ganz festhielt, um sie auch bloß nicht zu verlieren im Lichtermeer. Sich selbst verlieren war etwas, dass sie durchgehen lassen konnte, doch ein kleines Kind verlieren wäre unverzeihlich. Sogar Hester würde sich das nie trauen. Also zog sie die Kleine an der Hand durch die zähe Menschenmasse, die lachte und trank und sich an den vielen bunten Lichtern berauschte. Sie konnten vieles verdrängen, doch nicht den Geruch der sternenklaren Nacht, die über ihnen hang wie der Mond selbst. Die Kälte kroch durch die schmalen Ritzen zwischen den Buden und die Schatten rückten näher. Die Luft war ein Regenbogen an Gerüchen: Zuckerwatte, Losglück, Bratwurst, Feierlaune, Bier, Lichter und Gelächter, so wie Kotze, Rauch und Streit.
Hester und Em schoben sich lautlos und unauffällig durch das Getümmel bis zu einem kleinen, hell erleuchteten Wagen, vor dem zu dieser schlafenden Zeit Pärchen standen und sich gegenseitig mit rosa Wolken fütterten. Em war eines von ganz wenigen Kindern, die zu dieser späten Stunde noch aufrecht standen.
Die beiden reihten sich in die Schlange ein und glichen dem Paar vor ihnen, denn noch immer hielten sie einander an der Hand, denn keiner von ihnen wollte den anderen loslassen und riskieren die neue Freundin zwischen den blendenden Lichtern zu verlieren.  
Als sie an der Reihe waren, sah Hester, dass der Wagen nicht nur von einer bunten Lichterkette geschmückt wurde, sondern auch eine bezaubernd niedliche Bedienung hatte. Das Mädchen im Inneren war jung, vermutlich eine Schüleraushilfe, mit roten langen Locken und braunen Augen. Hester glaubte sogar, sie schon einmal in der Schule gesehen zu haben. Mit einem Lächeln im Lärm fragte sie: „Was darf’s denn sein?“
„Zuckerwatte!“, rief Emma, bevor Hester auch nur einen Mucks von sich geben konnte und das Mädchen warf die Maschine an. Immer wenn Hester so ein Ding sah, musste sie an Kristallkugeln und den undurchsichtigen Schleier der Zukunft denken, der sich vermutlich nie für sie lichten würde. Falls sie jemals eine Zukunft haben sollte.
Geschickt drehte der Lockenkopf das dürre Holzstäbchen und fing ganz ohne Netz kleine Wattebausche ein, bis sich genug Zucker am Holz festgesetzt und eingenistet hatte. Dann reichte sie  den Zucker über den Tresen. Mit freudespeienden Augen und dem breitesten Lächeln der Welt, das vermutlich noch süßer war als die Watte, nahm Em die rosarote Wolke entgegen, während Hester zwei Euro fünfzig aus ihrer Tasche fischte und zahlte.
Dankend nahm Löckchen das Geld und ebenso dankend gingen die beiden wieder. Diesmal ohne sich an der Hand zu halten, denn Em brauchte beide im Kampf mit dem Zucker. Trotzdem achtete Hester darauf die kleine Sommersprosse nicht zu verlieren und manövrierte sie zurück zu ihrer kleinen Gasse, wo sie zum Ende der Nacht ihre Namen an die Wand kritzeln würde, damit die Welt auch von dieser denkwürdigen Begegnung erfuhr.
„Willst du auch was?“, fragte Em, als sie sich gerade niedergelassen hatten und hielt ihr einen kleinen Wolkenfetzen hin, der viel eher in den Nachthimmel gehört hätte. Ein zu klarer Himmel war ein schlechtes Zeichen, schon immer gewesen. Hester hätte ihn gerne abgelehnt, aber Emma sah sie so erwartungsfroh an, dass sie nicht anders konnte, als die Wolke lächelnd anzunehmen und mit einem Happen zu vernaschen.

Sobald Emma fertig gegessen hatte, legte sie das Stäbchen zur Seite und kuschelte sich an Hesters Seite. „Danke“, murmelte sie schlaftrunken, während Hester ihr die Jacke und den Arm um die schmalen Schultern legte und sie näher an sich zog.
„Nein, ich danke dir“, sagte sie wohlwissend, dass die Kleine längst mit Morpheus entschwunden war und sah zurück zu den Lichtern, froh darüber morgen einen Grund zum Weiterleben zu haben.
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