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The bittersweet tone of love

von Sue Rose
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Lichtenstein Österreich Schweiz Ungarn
15.06.2012
28.03.2013
39
32.539
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15.06.2012 1.122
 
21. Alte Bekannte

Nachdem sich Roderich ein Glas Wasser geholt, sich in die Bibliothek verzogen, ein Buch gelesen und eine Kleinigkeit aus der Küche stibitzt hatte, hatte er beschlossen, das Abendbrot ausfallen zu lassen, um auf sein Zimmer zurückzukehren. Er musste einfach wissen, was in diesem Brief stand, von wem er war. Er ahnte bereits, dass dieser Brief vieles ändern könnte, deshalb hatte er sich auch nicht getraut, ihn sofort zu öffnen. Doch nun konnte er es nicht länger hinauszögern. Er wollte wissen, was in ihm stand. Er wollte in Erfahrung bringen, ob seine Vorahnung stimmte, auch, wenn er sich gleichzeitig wünschte, dass es nur ein triviales Schriftstück wäre.

All seinen Mut zusammennehmend griff er nach dem Umschlag, las sich zum wiederholten Male seinen Namen durch, starrte die Handschrift einfach nur an, wie es ihm vor kam stundenlang. Und dann endlich öffnete er seine Nachttischschublade. Er zog eine kleine scharfe Klinge hervor, die ihm schon seit Jahren als Brieföffner diente. Er erinnerte sich, dass sie ein Geschenk gewesen war. Von Vash. „Sei so gut und erstech dich damit“, hatte der Text der Geburtstagskarte gelautet, die diesem Präsent beigelegen hatte.  Ja, so kannte er den Blonden. Dennoch hatte er die Klinge aufbewahrt und als Brieföffner verwendet. Den Gefallen, sein Leben damit zu beenden, hatte er dem Schweizer dann doch nicht tun können.

„Nun denn...“, murmelte er und setzte an. Er öffnete den Umschlag mit zitternden Fingern. Warum war er so nervös? Was hatte es nur mit dem Schriftstück auf sich? „Autsch“, murmelte er leise, und hielt inne. Er sah auf die Finger seiner linken Hand. Der Zeigefinger hatte zu bluten begonnen. Er hatte sich mit dem Brieföffner in den Finger geschnitten. Es war kein tiefer Schnitt, doch er blutete. Also legte er den nun geöffneten Brief bei Seite und betrachtete seinen Finger. Dann führte er ihn an den Mund und leckte über die Wunde. Sie schmeckte metallern, so, wie es Blut nun einmal tat.

Dieser Geschmack weckte Erinnerungen. An die Kriege, die er geführt hatte, an den Tadel, die Prügel, die er zur Strafe von Vash bekommen hatte, und an den Wandel.
Damals hatte er sich sehr oft mit Gilbert geprügelt, vorwiegend um Schlesien, doch er war meist unterlegen gewesen, war verwundet heim gekommen und hatte sich die Vorträge des Schweizers anhören dürfen. Jahre lang. Bis sich eines Tages das Blatt gewendet hatte, bis er gesiegt hatte. Er hatte neue Stärke und einen Verbündeten gewonnen, doch dafür die Freundschaft mit Vash verloren. Er erinnerte sich, als wäre es erst gestern gewesen.

Sich selbst aus seinen Gedanken reißend, zog er den Finger aus seinem Mund. Nein, jetzt war nicht die Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen! Er hatte eine Aufgabe. Er musste endlich diesen Brief lesen. Er hatte es schon lang genug herausgezögert. Noch einmal würde er sich nicht ablenken lassen. Schon gar nicht durch sein eigenes Unterbewusstsein. Deshalb schüttelte er energisch den Kopf und nahm den Umschlag wieder in die Hände. Dabei gelange unbeabsichtigter Weise ein Tropfen Blut auf das Papier, doch er bemerkte es nicht. Er war zu sehr konzentriert. Endlich wollte er ihn lesen! Davon würde er sich nicht ablenken lassen.

Seinen Mut zusammennehmend, griff er in den nun geöffneten Umschlag und zog das Papier heraus. Er war nervös. Es hatte sich verkeilt, weshalb er es nicht gleich herausziehen konnte. Warum ausgerechnet jetzt, fragte er sich. Doch er ließ sich nicht entmutigen. Er zog an den gefalteten Blättern, bis sie sich endlich aus ihrem schützenden Umschlag lösten.
Roderich faltete sie auseinander. Es waren zwei ganz normale Blätter. Voll geschrieben. Die Handschrift war, wie auch auf dem Umschlag, ordentlich, die Lettern groß, doch nicht übertrieben. So verdammt vertraut!
Erst starrte er nur die Schrift an, dann fiel ihm ein, dass sie Worte bildete, die sich wiederum zu Sätzen formten, die er ja lesen konnte. So begann er endlich, den Inhalt des Briefes zu lesen.

Lieber Roderich,

ich weiß, dieser Brief kommt überraschend für dich. Ich hoffe sehr, dich damit nicht aus dem Konzept zu bringen.
Seit einiger Zeit schon mache ich mir Sorgen um dich. Es ist so ruhig um dich geworden. Und dann hat Ludwig auch noch euer Geheimnis enthüllt. Das muss dich schwer getroffen haben.
Ich hoffe inständig, dass es dir gut geht. Du wohnst jetzt bei Vash, hat mir dein Vorgesetzter nach einigem Nachfragen verraten. Sei ihm nicht böse, ich habe ihn angefleht, mir deinen Aufenthaltsort zu verraten und werde ihn auch weiterhin geheim halten.
Verträgst du dich auch gut mit Vash? Damals habt ihr immer nur gestritten, deshalb hoffe ich, dass ihr euch nun vertragen konntet. Was war eigentlich der Grund für euren Streit? Du hast ihn mir nie verraten, egal, wie lange wir uns kannten, wie lange unsere Beziehung andauerte.

Damit bin ich auch schon beim Thema angelangt, lieber Rodrich: unsere Beziehung.
Ich weiß, es ist nun schon eine ganze Weile her, seit wir uns getrennt haben, doch ich kann unsere gemeinsame Zeit einfach nicht vergessen. Wie haben uns nicht immer gut verstanden, ich weiß. Es gab Wochen, in denen wir uns nicht ein Wort zu sagen hatten. Oft habe ich dich einfach nicht verstanden, und du mich auch nicht, doch wir hatten auch gute Zeiten. Wir haben uns auch geliebt. Weißt du es noch? Damals, als Gilbert mich entführen wollte. Du hast mich gerettet und ihn besiegt. An diesem Tag habe ich mein Herz noch einmal an dich verloren.
Ich möchte wieder bei dir sein, Roderich. Auch, wenn du kein emotionaler Mensch bist. Auch, wenn dich Körperlichkeiten nie mehr als nötig interessiert haben. Auch, wenn du meine Leidenschaft für Kikus Bücher nie teilen konntest.

Bitte ziehe eine Fortsetzung unserer Beziehung in Betracht, Roderich. Ich weiß, dass es noch nicht zu spät ist.
Ich werde dich in den nächsten Tagen besuchen kommen. Bitte überdenke mein Anliegen bis dahin. Ich möchte nicht sofort eine Antwort. Ich möchte einfach nur etwas Zeit mit dir verbringen.

In noch immer tiefer Zuneigung

Elizaveta Hederuvari

Er fiel nach hinten. Sein Kopf fiel aufs Kissen. Er streckte die Arme weit von sich. Der Brief glitt aus seiner Hand und fiel leise raschelnd auf den Boden. Elizaveta. Natürlich kannte er diese Handschrift. Er hatte so viel Briefe mit ihr gewechselt. Sie hatte so lange bei ihm gewohnt. Sie waren so lange verheiratet gewesen! Wie konnte er da nur ihre Handschrift vergessen?
Und nun, so viele Jahre nachdem sie sich einvernehmlich getrennt hatten, wollte sie ihn zurück. Elizaveta hatte ihn in all den Jahren nicht vergessen.
Doch was sollte er tun? Sie würde herkommen. Bald. Was sollte er ihr sagen? Wie sollte er reagieren? Da war so viel zwischen ihnen. So viel Unausgesprochenes. Und dann war da auch noch Vash. Was sollte er tun? Ach, könnte er doch nur seien Gedanken am Klavier ordnen!
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