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Das Erbe der Youkaifürsten

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Inu-Yasha Kagome OC (Own Character) Rin Sesshoumaru
13.06.2012
30.11.2020
26
124.769
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21.11.2020 4.485
 
Unmittelbar nach den Worten ihrer Fürstin sind sämtliche blaue Augenpaare unbeirrbar auf ihren Gegner gerichtet. Genüsslich gehen die Krieger in Angriffsstellung und von allen Seiten ist kehliges Knurren zu vernehmen. Reißzähne verzerren die sonst menschlichen Gesichter zu tierhaften Fratzen und Waffen werden ungeduldig fester gegriffen. Die muskulösen Körper sind so angespannt dass sie vor freudiger Erwartung beben.
 Da endlich ertönt von Itakouri das ersehnte Signal: „Angriff!“ Im selben Moment schnellen sämtliche Krieger wie von der Sehne geschossen mit wildem Knurren und grimmig erhobenen Waffen zwischen den Bäumen hervor und stürmen mit wütendem Kampfgeschrei auf ihren Feind zu um ihm wie befohlen fachgerecht den Rest zu geben.
 Inu Yashas Augen weiten sich erschrocken. Nie zuvor hat er ein Heer aus Youkaikriegern auf diese Weise entfesselt erlebt. Er hat in seinem Leben schon einiges gesehen aber wenn er sieht mit welcher Wut und Entschlossenheit diese Nordkrieger nun zur Sache gehen, bekommt er plötzlich ein wirklich unangenehmes Gefühl in der Magengegend.
 Und zum ersten Mal beginnt er zu verstehen, warum die Drei Brüder einen Krieg zwischen den Reichen als wirklich allerletztes Mittel festgelegt haben. Es ist völlig unabsehbar wie diese wilde Horde, die sich nun immer mehr aus den umliegenden Bäumen ergießt, jemals wieder gestoppt werden soll. Es werden immer mehr. Viel mehr als man zunächst den Anschein hatte. Offenbar hat die Nordfürstin tatsächlich ihr ganzes Heer mitgebracht. Und allesamt stürzen sich nun mit wildem Geschrei auf den schwarzhaarigen Youkai der sich ihrer Fürstin gegenüber gerade so unverschämt geäußert hat. Von so einer Loyalität kann ich nur träumen, denkt Inu Yasha bei sich.
 Doch er kommt nicht mehr dazu den Gedanken zu beenden, denn nun bleibt sein Blick an dem fremden Youkai, der sich Sesshomaru nennt, hängen. Der Fremde blickt der heranstürmenden Armee mit einer finsteren Miene entgegen. Jetzt richtet er sich zu seiner vollen Größe auf und lange schwarze Krallen schieben sich aus seinen Fingern hervor. Mit einem heftigen Hieb fegt er die erste Salve der Angreifer einfach beiseite. Mit dem zweiten Hieb die nächste und nun weiten sich Inu Yashas Augen fassungslos.
 Der Fremde beginnt jetzt jedem Hieb, jedem Schlag und jedem Waffenstoß auszuweichen. Mit fast schwindelerregender Sicherheit duckt und wendet er sich unter den Attacken hindurch, weicht Schwerthieben aus und entgeht Speerstößen, als gäbe es nichts leichteres auf der Welt. Dabei nutzt er jede noch so kleine Lücke um seinerseits präzise Schläge und Tritte zu verteilen, die seine Kontrahenten immer wieder von sich schleudern.
 Inu Yasha kann beinah nicht glauben was er da beobachtet. Eine solch gruselig perfekte Körperbeherrschung ist einfach nicht normal. Er selbst ist davon noch um Längen entfernt. Sesshomaru ist bereits einer der stärksten Gegner der ihm je untergekommen ist und selbst er konnte bisher nicht mit einer solchen Geschwindigkeit und Geschicklichkeit aufwarten. Nun wundert es ihn nicht länger, dass sein Bruder so vernichtend geschlagen wurde. Beim Anblick dieser tödlichen Präzision bleibt ihm beinah die Luft weg. Wer zum Teufel ist dieser Kerl?
 Gerade als sich wieder ein ganzer Trupp Soldaten auf den schwarzhaarigen Youkai stürzen will, hat dieser offenbar genug von diesem Geplänkel, denn urplötzlich duckt er sich kurz zusammen nur um sich dann mit einem Ruck wieder aufzurichten. Und im selben Moment bricht eine heftige Druckwelle aus flimmernder Luft aus ihm hervor und stößt alles und jeden das ihn umgibt mit enormer Wucht in alle Richtungen hin von sich weg. Mindestens zwanzig Youkai werden somit quer über den Platz geschmettert und schlagen mit lautem Krachen in den umstehenden Bäumen auf. Doch die verbliebenen Kämpfer lassen sich davon nicht beirren. Sofort stürzen sie sich wieder auf ihn.
 Hoch aufgerichtet steht er da. Geschwind macht er einige Handzeichen und nun formen Daumen und Zeigefinger ein 'O'. Er holt einmal tief Luft und dann bläst er durch die Fingerlücke hindurch. Direkt dahinter verwirbeln sich jetzt die Luftströme und Funken schlagen hervor. Lediglich einen Wimpernschlag später hat sich dieser Luftwirbel in einen gewaltigen Tornado aus grell leuchtenden Flammen verwandelt, der nun wild lodernd und brachial all denen seiner Gegner entgegenwalzt die es wagen in seine Nähe zu kommen.
 Im ersten Moment sind die Nordyoukai ein wenig eingeschüchtert. Das wütende Feuer behagt ihnen gar nicht. Jedoch sind sie weit davon entfernt sich davon völlig abschrecken zu lassen. Wütendes Knurren entfährt ihnen und schon rücken die Krieger wieder näher, wenn auch mit ein wenig mehr Achtsamkeit.
 Noch immer lodert ein gewaltiger Ring aus Feuer um das Ziel ihres Angriffes. Jetzt taucht Itakouri neben seinen Untergebenen auf. Seiner Miene fehlt jeglicher Humor. „Nicht nachlassen!“, befiehlt er scharf. „Er geht in die Defensive. Greift ihn!“ Und mit diesen Worten holt er mit dem kräftigen Speer in seiner Hand aus, seine Augen lodern grell auf und schon einen Moment später geht seine Waffe in Richtung seines Gegners hernieder. Doch damit nicht genug. Durch den Schwung lösen sich plötzlich mehrere mächtige, dünne Kegel aus Eis aus der Spitze seiner Waffe und fliegen quer über den Platz. Wo sie den Boden berühren, löscht ihre dämonische Kälte jede Flamme aus und eine Schneise in dem Flammenring entsteht.
 Diese Gelegenheit lassen seine Krieger nicht ungenutzt. Mit wütendem Schrei durchqueren jetzt mehrere der Krieger die Flammen und greifen erneut an. Wie es aussieht ist Itakouri längst nicht der einzige Nordkrieger, der im Kampf über das Element Eis verfügt. Zahlreiche andere Soldaten sehen dies nun als Signal um mit verhängnisvollen Eistechniken in die Schlacht einzugreifen. Nur wenige Augenblicke später ist die Luft erfüllt von umherfliegenden Eisspießen, Schneebällen und Blizzards und die Ebene verwandelt sich zusehends in eine Eislandschaft.
 Den fremden Youkai scheint das jedoch wenig zu beeindrucken. Seine Gegner können immer nur in kleinen Gruppen angreifen, ohne sich anderenfalls gegenseitig zu behindern. Diesen Vorteil nutzt er sehr geschickt dazu die angreifenden Grüppchen auseinander zu sprengen. Immer wieder kontert er ihre Eisattacken mit gleißenden Feuertornados und verdampft das Eis zu reichlich Wasserdampf. Immer mehr Nebelschwaden ziehen nun über den Kampfplatz und die Sicht wird schlechter.
 Zudem verlieren die Angriffe der Nordyoukai nun allmählich an Elan. Das mag daran liegen, dass die Temperatur auf der schwadenüberzogenen Wiese langsam immer mehr ansteigt und die Luft zunehmend Saunaqualität bekommt. Diese Hitze scheint den kältegewöhnten Kriegern immer mehr zu schaffen zu machen. Das stellt nun auch Itakouri fest. Schon jetzt rinnt ihm der Schweiß aus jeder Pore und das Luftholen wird immer schwieriger. Ein Blick zu ihrem Gegner sagt ihm, dass dies wohl auch ihm aufgefallen ist. Nicht nur das, seinem genüsslichen Grinsen zufolge, war das womöglich sogar einkalkuliert. Hier muss schnell gehandelt werden.
 „Lasst die Eisattacken!“, ruft er seinen Untergebenen zu.“Greift ihn frontal an! Treibt ihn umher! Hier spielt ihm die Hitze in die Hände.“
 Dass das Lächeln des anderen nun verschwindet, zeigt ihm, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Aber seine Soldaten sind fähig. Sogleich machen sie sich daran, seine Befehle zu befolgen. Mit grimmiger Wut attackieren sie ihn von Neuem und treiben ihn immer mehr von der Wiese weg. Fort von diesem stickigen Dunstkreis. Stattdessen setzen sich die Scharmützel jetzt im umliegenden Wald fort, wobei die Krieger eifrig bemüht sind ihren Feind umher zu hetzen und nur nicht zur Ruhe kommen zu lassen.
 Inu Yasha hat sich unterdessen noch nicht vom Fleck gerührt, sondern er beobachtet mit weit geöffneten Augen das umliegende Kampfgeschehen. Nun zupft ihn Kagome behutsam am Ärmel Er zuckt unwillkürlich zusammen. „Willst du gar nicht eingreifen?“, fragt sie. Für einen Augenblick denkt der Hanyou scheinbar sehr angespannt über ihre Worte nach. Normalerweise wäre es nicht einmal nötig die Frage mit 'Ja' zu beantworten. Was ist es also, das ihn noch zurückhält? Ist es die Etikette die die Kampfhandlungen zwischen den verschiedenen Clans regeln, oder ist es doch diese undefinierbare unterschwellige Furcht vor einem klar übermächtigen Gegner? Er ist sich wirklich nicht sicher. Unruhig richtet er seinen Blick wieder auf das Kampfgetümmel im umliegenden Wald. Immer wieder sieht man große Staubwolken aufsteigen, Bäume krachend umstürzen und die umherfliegende Felsbrocken von weggesprengten Gebirgsteilen und bei jedem lauten Knall zuckt der Hanyou einmal kurz zusammen. Wildes Rufen und zornige Kampfschreie sind zu hören und hier und dort schießt eine mächtige Feuersäule in den Himmel hinauf.
Inu Yashas Augen suchen Yarinuyuki. Auch die Nordfürstin steht noch ein Stück entfernt auf der Lichtung und verfolgt angespannt jedes Detail des Kampfes. Man sieht ihr deutlich an, dass sie wütend aber auch ein wenig ratlos ist. Offensichtlich hatte sie nicht angenommen, dass das ganze Unterfangen so lange dauert.
 „Ich glaube, das ist im Moment keine gute Idee“, beantwortet er Kagomes Frage. „Ich bin ziemlich sicher, dass Yarinuyuki mir das übelnehmen würde, wenn ich sie womöglich um einen Sieg bringe.“
 Abschätzend mustert Kagome ihren Freund. Er wirkt gerade unheimlich nervös und hibbelig. Sein Gesicht ist ungewöhnlich blass und der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Zudem scheint er wesentlich öfter als normal zu blinzeln und sein Atem ist ebenfalls beschleunigt. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, er ist kurz davor in Panik zu verfallen. Und die Tatsache, dass dies wirklich ungewöhnlich ist, beschert auch ihr ein überaus mulmiges Gefühl in der Magengrube. „Bist du sicher, dass das der einzige Grund ist?“, beschließt sie anzumerken.
 Inu Yashas Blick geht flüchtig hinüber zu dem verstörten Youkai aus dem Westen, der sich neben ihnen fast panisch zusammengekauert hat und die Arme um seine Knie schlingt. Der Hanyou beißt sich unbehaglich auf die Lippen. „Ich... bin mir nicht sicher“, gibt er schließlich zu.
 Kagomes Augen weiten sich ein wenig. „Soll das heißen, du hast Angst?“, versucht sie sich Gewissheit zu verschaffen.
 Inu Yasha lässt einmal bedächtig die Luft entweichen. „Du kannst das nicht verstehen“, meint er verhalten und ballt krampfhaft eine Faust. „Dieser Kerl hat etwas an sich... ich weiß nicht was, aber alles in mir schreit danach wegzulaufen.“ Es ist ihm anzusehen, wie ungern er das zugibt. „Vielleicht hat Yarinuyuki recht mit dieser Dominanz-Aura. Vielleicht ist es einfach das Hundeblut in meinen Adern.“ Seine andere Hand greift Tessaigas Griff fester. „Aber irgendetwas an ihm lässt einem wirklich die Knie weich werden, ob man will oder nicht.“
 „Und doch bist du immer noch hier“, bemerkt Kagome zuversichtlich.
 Inu Yasha krallt seine Finger um den Griff seines Schwertes.“Ich wünschte ich könnte beschreiben was für ein elendiges Gefühl das ist“, setzt er unbehaglich an. „Mein Kopf sagt, dass ich geschworen habe den Kerl zur Verantwortung zu ziehen, aber mein Instinkt sagt: Lauf weg so schnell du kannst! Kein Wunder, dass Sesshomaru so durch den Wind war.“
 Mitleidig betrachtet Kagome ihren Freund. Es scheint ihm wirklich sehr zu schaffen zu machen. Sie selbst spürt von dieser seltsamen Furcht-Aura nichts und der einzige Grund warum ihr inzwischen auch immer mulmiger zumute wird, ist weil Inu Yasha sich so völlig untypisch gebärdet. Was immer dem Hanyou so viel Angst einjagt, dass er nicht einmal mehr kämpfen kann, ist bestimmt ein großer Grund zur Sorge.
 Nun blickt auch Kagome zu der Nordfürstin hinüber. „Denkst du, dass Yarinuyuki Recht hatte als sie meinte es hätte keine Wirkung auf sie? Sie sieht etwas unentschlossen aus.“
 Inu Yasha verzieht das Gesicht. „Keine Ahnung. Aber sie sagte, dass es auf rechtmäßige Fürsten nicht wirkt. Vielleicht ist das der Grund warum es bei mir so gut funktioniert.“
 „Ach, Unsinn!“, gibt Kagome tadelnd zurück. „Sesshomaru hat dich offiziell zum Fürsten erklärt. Von daher musst du dir darüber keine Gedanken machen.“
 „Na ja, so offiziell war es ja nun nicht“, wendet Inu Yasha ein. „Das war doch eher so eine Aktion durch die Hintertür. Von offiziell kann da eher keine Rede sein.“
 „Du suchst doch nicht etwa eine Ausrede?“, hakt Kagome skeptisch nach.
 „Das nicht, aber...“, weiter kommt er nicht. In diesem Moment braust direkt über ihnen eine mächtige Feuerwalze entlang und äschert sämtliche Baumkronen auf ihrem Weg ein. Gerade noch im letzten Moment reagieren die Reflexe des Hanyou. Rasch schnappt er sich Kagome und springt mit ihr hastig aus dem Weg. Keinen Moment zu früh, denn schon im nächsten Moment explodieren die Bäume hinter ihnen in einem gewaltigen Inferno. Im letzten Augenblick schafft es auch Shida noch aus dem Weg zu hechten und zu den beiden aufzuschließen. Er zittert am ganzen Körper. Und jetzt ist es um Inu Yashas Fassung endgültig geschehen. Sein Körper verselbstständigt sich und mit einem geübten Schwung setzt er sich Kagome auf den Rücken und in heilloser Panik rennt er völlig kopflos davon so schnell ihn seine Füße tragen, dicht gefolgt von dem keuchenden Shida und nur wenige Momente später sind sie schon außer Sicht.
 Mit einer finsteren Miene hat die Nordfürstin es beobachtet. Sie schnaubt einmal verächtlich aus während sie sieht wie die drei zwischen den Bäumen verschwinden. Dieser kleine Feigling!, schimpft sie bei sich. War ja klar, dass der Westen Fersengeld gibt sobald die Sache etwas brenzlig wird. Am Rande ihres Bewusstseins ist ihr zwar klar, dass diese Aura der Furcht, die noch immer über ihnen hängt, nicht ganz unschuldig daran sein mag, doch sie hat keine Zeit diesem Gedanken jetzt weiter Raum zu geben. Auch sie spürt diese instinktive Panik noch immer bis hinunter in ihre Knochen, doch sie wird den Teufel tun, das irgendjemanden mitbekommen zu lassen. So tief ist sie noch nicht gesunken.
 Ein Youkai des Nordens hat keine Angst! Und ihre Fürstin schon gar nicht. Ihre Krieger sind ohnehin nur deshalb überhaupt noch in der Lage zu kämpfen, weil sie als ihre Anführerin sich keinerlei Blöße in der Hinsicht gibt. Das ist das tückische an dieser elenden Dominanz-Aura. Solange sie Stärke zeigt, werden ihre Soldaten ihr folgen und nicht dem Anderen. Doch sobald sie nur die kleinste Schwäche zeigt, wird die fremde Aura sie übermannen und unschädlich machen. Es liegt also allein an ihr und diese Verantwortung lässt ihr das Herz bis zum Halse schlagen. Für gewöhnlich wirkt es sich nicht so extrem aus, aber diese Aura ist einfach wirklich übermächtig und sie darf sich nicht gestatten auch nur ein kleines Bisschen an Boden zu verlieren.
Grimmig schiebt sie einige größere, brennende Äste aus dem Weg. Eben ist sie noch geschickt dem Feuer ausgewichen und ein Großteil der Feuerwalze ist an ihr vorbeigerauscht. Allerdings hatten viele ihrer Krieger nicht so viel Glück. Eine ganze Reihe von ihnen hat die Feuersbrunst mitgerissen und nun liegen ihre Leichen noch immer glimmend zwischen den Geröllhaufen.
 Yarinuyuki beißt die Zähne zusammen und ballt die Fäuste. Sie kann nicht länger dulden, dass dieser Kerl ihren Leuten auf diese Weise so ungestraft zusetzt. Sie ist die Fürstin. Sie ist verantwortlich für all diese Leben und es ist ihre Pflicht sie zu schützen, komme was wolle. Genauso wie ihre Krieger im Gegenzug verpflichtet sind, ihr Leben zu geben wenn sie es von ihnen verlangt. Was diese dynamische Wechselbeziehung wirklich bedeutet, durfte sie vor einigen Jahren lernen, kurz nachdem sie ihr Amt angetreten hat. Und sie verdankt es Sesshomaru dem Fürsten des Westclan, dass sich ihr das Prinzip so nachdrücklich eingeprägt hat. Sie gibt es ungern zu, aber sie schuldet ihm was. Und sie respektiert ihn. Umso mehr verstimmt es sie, dass sein Bruder jetzt sein Heil in der Flucht sucht. Hart beißen ihre Kiefer aufeinander. Doch damit kann sie sich jetzt nicht befassen. Es wird Zeit, dass sie sich in den Kampf mit einmischt.
 Nur aus Respekt vor ihren Vorvätern, hat sie ihm das Recht zugestanden, sich mit ihr im Zweikampf zu messen. Dieses Privileg hatte er in dem Moment verspielt, als er sein Versprechen gebrochen und sich nicht, wie von ihm selbst vorgeschlagen, nach dem ersten Schmiss ergeben hatte. Jemand mit einem solch ehrloses Verhalten verdient es nicht besser als nun im Gegenzug von all ihren Soldaten auseinandergenommen zu werden. Doch jetzt ist ihre Geduld am Ende. Nun wird sie selbst Hand anlegen. Dieser Hund darf einfach nicht ungeschoren davon kommen. Suchend blickt sie sich um, wo sie am besten eingreifen kann.
 Doch genau in diesem Moment ertönt eine ohrenbetäubende Explosion und eine gewaltige Druckwelle aus kochend heißem Wasserdampf rast in unbeschreiblichem Tempo auf sie zu wobei sie jeden Baum und jedes Lebewesen mitnimmt, das ihr im Weg ist.
 Yarinuyukis Augen weiten sich ungläubig, doch zum Glück reagiert ihr Körper schneller, als dass sie erfassen kann was gerade geschieht. Blitzschnell wirft sie sich reflexartig zu Boden, und es ist keinen Augenblick zu früh bevor die kataklystische Dampfwolke über sie hinwegfegt und keinen Stein mehr auf dem anderen lässt.
 Mit zusammengebissenen Zähnen spürt Yarinuyuki wie siedend heißer Dampf über sie hinweg rauscht und auf allen freiliegenden Körperpartien empfindliche Brandblasen verursacht. Lediglich wo mehrere Schichten ihrer Kleidung übereinanderliegen, sind die Verbrennungen nicht ganz so heftig. Das Ganze dauert mehrere Herzschläge bis die gesamten Energien vollständig über sie hinweggezogen sind. Was zum Henker war das?
 Sie keucht vernehmlich auf. Das hätte auch ins Auge gehen können. Hätte sie nur eine Sekunde länger gezögert, wäre sie bei lebendigem Leibe gekocht worden. Zu ihrem Glück war noch ein kleiner Felsbrocken im Weg gewesen, der den größten Teil der Druckwelle abgeleitet hatte, wodurch sie nur oberflächlich getroffen worden war.
 Steif kommt sie wieder auf die Füße. Ihr ganzer Oberkörper brennt wie Feuer und ihr Kimono ist mit heißem Wasser durchtränkt. Ein leichtes Stöhnen entfährt ihr. Am liebsten würde sie jetzt ihre Kleidung abstreifen, doch welchen Eindruck würde das machen? Soll sie sich wirklich diese Blöße geben? Schließlich trifft sie eine Entscheidung. Sie muss zumindest ein wenig aus dieser Kleidung heraus. Hastig streift sie sich die zwei oberen Lagen ihres kochenden Gewandes vom Rücken. Nun trägt sie nur noch ihren Unterkimono doch auch der ist bereits durchtränkt und das warme Wasser tut ihrer verbrühten Haut nicht gerade gut, aber so ist es schon etwas angenehmer. Doch die Luft ist noch immer mit heißem Dampf geschwängert und kein kühler Windhauch sorgt hier für Linderung. Yarinuyuki beißt die Zähne zusammen.
 Wachsam sieht sie sich um. Der Verursacher dieses Infernos kann immer noch in der Nähe sein. Aufmerksam schreitet sie nun über das Schlachtfeld und mit verbissener Miene registriert sie, dass alle Krieger die hier verstreut liegen, durch die gewaltige Explosion ihr Leben verloren haben. Überall zieht unangenehm warmer Dunst umher und schränkt ihre Sicht und ihren Geruchssinn erheblich ein. In der heißen, feuchten Luft kann man fast keinen Atemzug machen ohne sich die Lungen zu verbrühen. Die Nordfürstin knirscht grimmig mit den Zähnen und sie ist so angespannt, dass sie fast bebt.
 So war das nicht geplant gewesen. Wie konnte es geschehen, dass sie eine solch vernichtende Niederlage erlitten haben? Sie haben doch wirklich mit vollem Einsatz gekämpft und trotzdem sind offenbar die meisten ihrer Krieger tot. Eine bedrückende, fast unwirkliche Stille liegt nun über dem Kampfgebiet und Yarinuyukis Herz schlägt mit jedem Schritt schneller. Hat überhaupt einer ihrer Krieger diese Schlacht überlebt? Bis jetzt ist sie noch keiner lebenden Seele begegnet und je weiter sie geht um so mehr beginnt ihre Unterlippe verdächtig zu zittern.
 Überall um sie her liegen die verbrannten oder verbrühten Leichen ihrer Krieger und ihr Atem beschleunigt sich zusehends. Was für eine erbärmliche Fürstin gibt sie hier ab? Sie alle haben tapfer und aufopferungsvoll für sie gekämpft und dabei ihr Leben gelassen, und sie ist sich nicht einmal sicher, ob sie dabei ihren Gegner auch vernichtet haben. Ist das Ganze womöglich völlig sinnlos gewesen? Hat sie ihre Krieger vielleicht ganz unnötig in den Tod geschickt. Der Youkai, der sich selbst Sesshomaru nannte, hatte ihr zu Beginn gesagt, dass sie keine Chance haben würden. Hat sie seine Worte falsch eingeschätzt? Hätte sie besser darauf hören sollen? Hätte sie sich ergeben sollen? War ihr Stolz ihr womöglich auf fatale Weise im Weg?
 Und jetzt sind sie alle tot. Yarinuyuki kann es noch immer gar nicht fassen. Es muss doch irgendwelche Überlebenden geben. Irgendwo! Aber um sie her ist es geradezu unnatürlich still. Was soll sie jetzt tun? Was wird jetzt von ihr erwartet? Auf eine solche Situation hat sie niemand vorbereitet. Beklommen schreitet Yarinuyuki weiter über die Ebene, wobei sie den brennenden Schmerz überall auf ihrer Haut und im Gesicht so gut wie möglich ignoriert.
 Auf einmal vernimmt sie ein leises Geräusch und sie spitzt die Ohren. Irgendwo hier atmet jemand, und das sogar ungewöhnlich hastig. Ihr Kopf ruckt herum. Das Geräusch kommt von dort zwischen den Bäumen. Eilig tritt sie näher, wobei sie den Griff ihres Schwertes fest umschlossen hält. Mit nur wenigen Schritten ist sie da und nun weiten sich ihre Augen als sie vor sich eine bekannte, kniende Person sieht.
 Mit zittrigen Bewegungen versucht Itakouri sich vom Boden hoch zu stemmen. Dies gestaltet sich schwieriger als beabsichtigt. Die Oberfläche seiner Arme und die linke Hälfte seines Gesichtes weisen schwere Verbrennungen bis ins Fleisch hinein auf. An Brust und einem Großteil seiner Unterschenkel ist die Haut beinah verkohlt. Sein Atem geht stoßweise und er muss sich mit aller Macht zusammenreißen, damit er nicht vor Schmerzen stöhnt. Sein Unterkiefer zittert unkontrolliert und bei aller Anstrengung gelingt es ihm nicht auf die Beine zu kommen.
 Nun wird er sich seiner Fürstin gewahr und er keucht vernehmlich auf. Als sie nun vor ihm steht, sackt er kraftlos in sich zusammen und krümmt sich vor ihren Füßen zusammen. „Yarinuyuki-hime!“, es ist ein tonloses Keuchen. „Vergebt mir!“ Wieder wird sein Körper von Schmerzen geschüttelt. „Ich habe schmählich versagt! Er hat die ganze Zeit nur mit uns gespielt. Als er begann ernst zu machen... hatten wir keine Chance mehr. Er hat alle anderen erbarmungslos niedergemacht und... ich bin einfach geflohen... schon wieder.“ Soviel Selbstvorwurf liegt in seiner Stimme, dass es ihn beinahe würgt. Seine Stirn berührt fast den Boden. „Ich... stand ihm schon einmal gegenüber. Ich konnte... es nicht aushalten. Ich habe Euch verraten, Yarinuyuki-hime. Ich werde jede Strafe akzeptieren.“
 Wie betäubt steht Yarinuyuki da. Das ist es? Es stimmt also wirklich, sie waren ihm nicht gewachsen? Selbst ihr sonst so wackerer Hauptmann, ist nur noch ein Häufchen Elend, und so wie es aussieht ist er wirklich alles was ihr noch geblieben ist. Ihre Miene bekommt etwas schmerzlich Betrübtes. Langsam und kontrolliert atmet sie durch. Nur ab und an, entfährt ihr ein leises Wimmern.
 Dann neigt sie sich zu ihrem Oberbefehlshaber herunter und legt ihm behutsam die Hand auf die Schulter. Es bedarf nur einer kurzen Konzentration und dann lässt sie ihre Energien in seinen Körper fließen. Nur wenige Augenblicke später weiten sich Itakouris Augen ein wenig. Er kann spüren wie sich Kälte in seinem Körper breit macht, und dass sich auf seiner Haut eine dünne Schicht Raureif bildet. Unwillkürlich keucht er auf. Das scheußliche Brennen seiner versengten Körperregionen nimmt ein wenig ab und die Kühle die nun in ihm aufsteigt, verschafft ihm ein wenig Linderung. Kraftlos sackt er in sich zusammen und er wird sich gewahr, dass er zum ersten Mal seit einer ganzen Weile wieder freier atmen kann. Er erlaubt sich nicht den Blick zu heben und seine Gönnerin anzusehen, aber er kommt mit sich überein, dass diese Fürstin ihm einmal mehr bewiesen hat, dass niemand sonst er wert ist, sein Leben, seine Ehre und alles was er hat um ihretwillen herzugeben. Dieser Fürstin würde er sogar ohne zu zögern in die Hölle folgen.
 Nun richtet sie sich wieder auf. „Komm!“, sagt sie ungewöhnlich leise. „Wir sind es unseren Kameraden schuldig sie zu bestatten.“ Ihre Stimme klingt hohl.
 Doch nur einen Augenblick später fliegen ihre Augen ruckartig auf. Hinter ihr ist gerade jemand lautlos aus dem Wipfel eines der wenigen noch stehenden Bäumen herabgefallen und steht nun hinter ihr. Augenblicklich dreht sie sich zu ihm um. Vor ihr steht der Youkai der sich Sesshomaru nennt und blickt sie mit einem unheilvollen Schmunzeln an.
 „Das werde ich nicht gestatten!“, stellt er unbarmherzig klar. „Niemand rührt diese Leichen an, verstanden?“
 Unwillkürlich ist Yarinuyuki zusammengefahren. Es ist überdeutlich, dass er sie gerade auf dem falschen Fuß erwischt hat. „Was nimmst du dir heraus, du widerlicher, ehrloser Bastard?“, zischt sie ungehalten. „Von was für einem Belang könnten die toten Krieger meines Volkes für dich sein?“
 Nun schnellt seine Klaue blitzartig vor und packt grob ihren Unterkiefer und hält ihn wie in einem Schraubstock fest, so dass sie ihn ansehen muss. „Ganz einfach“, macht er unmissverständlich klar, „Der Kampf mit euch Ungeziefer hat mich viel zu viel Kraft gekostet. Die Körper deiner Krieger werden mir helfen die verlorene Energie rasch wieder zurückzugewinnen.“
 Yarinuyukis Augen weiten sich fassungslos. Er will sie fressen? Sie alle? Alle ihre treuen Soldaten, ihre Kampfgefährten? Das kann sie unmöglich geschehen lassen! Auf gar keinen Fall! Ihre Miene bekommt nun etwas Wildes und mordlüsterndes und ihre Kiefer sind so hart aufeinandergepresst, dass es knirscht.
 „Nur über meine Leiche!“, kommt es so bitterböse frostig von ihr, dass davon die Hölle zufrieren könnte.
 Doch ihr Gegner zeigt sich davon nur mittelmäßig beeindruckt. „Warum glauben immer alle, dass das nicht machbar ist?“, kommt es gefährlich zynisch von ihm und dann blitzen seine Augen tiefrot auf und mit aller Kraft rammt er nun seine andere Klaue mitten in ihre rechte Brust.
 Ein hässlicher Ruck geht durch Yarinuyukis Körper und ein erstauntes Schnaufen entfährt ihr. Entgeistert starrt sie ihn an und dann wird sie von einem auf den anderen Moment kalkweiß. Sie ist unfähig sich zu bewegen, denn auf einmal ist da in ihrem Körper diese unaussprechliche Hitze die von der Klaue in ihrer Brust herrührt und sich in erschreckender Geschwindigkeit in ihrem ganzen Körper ausbreitet. Gegen diese Pein ist der Schmerz, der von ihren Verbrühungen herrührt, völlig bedeutungslos. Es fühlt sich an, als würde ihr das Fleisch von den Knochen gebrannt und sie selbst bei lebendigem Leib eingeäschert. Zunächst ist die Qual so übermächtig, dass sie nicht mal Luft holen kann, doch dann auf einmal entfährt ihrer Kehle ein lauter, schriller, von wahnsinniger Agonie gefärbter Schrei, dass es einem das Blut in den Adern gerinnen lassen könnte.
 Das ist zu viel für Itakouri. Völlig kopflos springt er auf und sucht so schnell ihn seine verletzten Füße tragen das Weite, in der Hoffnung, dass dieser gnadenlose Widersacher ihn nicht zu fassen bekommt. Etwas anderes hat keinen Platz in seiner Wahrnehmung und kurz darauf ist er verschwunden.
 Der gequälte Schrei verklingt eine ganze Weile nicht. Erst als das letzte bisschen Luft die Lunge der Nordfürstin verlassen hat und sie leblos verstummt, zieht er seine Hand mit einem Ruck aus ihrer Brust. Ihre Füße tragen sie längst nicht mehr. Wie eine Stoffpuppe hängt sie in seiner Hand. Ein genüssliches Funkeln liegt nun in seinen Augen. Dann überkommt es ihn und ein paar Mal schwenkt er die leblose Youkai herum und schleudert sie schließlich in hohem Bogen über die Bäume davon.
 Zufrieden blickt er ihr nach. „Wie schade für dich, dass du kein Salamander bist, dummes Mädchen“, murmelt er vor sich hin. Dann wendet er sich wieder dem Schlachtfeld zu. Nun hüllt ihn erneut ein düsterer Dunst ein und seine Gestalt verzieht sich schauerlich und nimmt an Masse zu. Das wird ein Festmahl werden!
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