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Sommerpapierblumenwiese.

KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
06.06.2012
06.06.2012
2
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06.06.2012 1.958
 
Titel: Schwarze Papierblumen
Personen: Juliet
Zeitangabe: nachdem Faye Juliet verlassen hat
Sonstiges: Evanescence | Imaginary, Liedzeilen Drabbles, Spiegelkabinett → Twentyfive, Horror, Schmerz/Trost, Tragödie
Word Count: 1926

. . .


Schwarze Papierblumen


▪ ▫ ▪


Swallowed up in the sound of my screaming


▪ ▫ ▪


Die Dunkelheit umgibt sie, liegt schwer auf ihrer Brust, lässt ihr keine Luft zum Atmen, verschlingt sie, zieht sie zu sich hinab in unendliche Tiefen. Wie ein samtenes Tuch legt sich der Schleier der Finsternis über sie, hält sie so gefangen, hat die Kontrolle über sie. Ihre Finger verfangen sich darin, als sie versucht, ihn abzuwerfen, die hilflosen Bewegungen werden mit jedem Augenblick des Wartens hektischer. Sie suchen Halt, wo keiner ist, sie muss hier raus!, verlieren sich dabei selbst, der erstickte Schrei bleibt ungehört, tiefer, immer tiefer, hinab in die Dunkelheit, bis die Verzweiflung sie ihren Verstand umschlossen hat.

▪ ▫ ▪


Cannot cease for the fear of silent nights


▪ ▫ ▪


Sie muss hier raus.
Die Lösung ist da, das spürt sie, sie weiß, dass es so sein muss; dennoch sucht sie weiterhin nach ihr, denn trotz dieser Gewissheit ist die Suche vergeblich, umsonst, es ist alles umsonst! Irgendwie muss sie der Dunkelheit entkommen, egal, auf welchem Weg, nur weg, verschwinden, sofort.
Zu nah. Die Lösung ist zu nah, als dass sie sie erkennen kann. Sie muss hier sein, direkt vor ihr, verborgen in der Dunkelheit, umgeben von Schatten, versteckt vor dem Licht, als wolle sie sie zu sich locken. Flüsternd, verführerisch geleitet sie den schmalen Weg, hinunter in die Finsternis.

▪ ▫ ▪


Oh, how I long for the deep sleep dreaming


▪ ▫ ▪


Um der Dunkelheit zu entkommen, muss sie sich ihr zeigen.
Das ist es, anders kann es nicht sein – der einzige Weg, der hinaus führt, ist gleichzeitig der, der hinab führt, in die Finsternis, in die unendliche Schwärze. Sie hat Angst, will nicht dorthin, kann nicht dorthin, aber sie muss es trotzdem, weil es das einzige ist, was sie tun kann, hier, verloren im Nichts, umgeben von Dunkelheit, gefangen in der Verzweiflung. Sei mutig, sagt sie sich, obwohl sie das gar nicht will, nicht schafft, sie war noch nie besonders mutig!, aber jetzt muss sie es sein.
Sie versucht es.

▪ ▫ ▪


The goddess of an imaginary light


▪ ▫ ▪


Ohne es tatsächlich zu tun, holt sie tief Luft (in der Dunkelheit gibt es keine Luft, sie ist allein, verloren im Nichts), spricht sich Mut zu, glaubt nicht daran, weiß, dass sie daran glauben muss; sie muss so vieles.
Keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, nicht jetzt, mutig sein, nur das, komm, das schaffst du, sie bezweifelt es, geh, sie kann nicht, GEH.
Schließlich gibt sie auf, was soll sie sonst auch tun?, holt noch mal nicht tief Luft, schließt die Augen, setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, ohne dass etwas passiert.
Die Schwärze der Nacht umhüllt sie.

▪ ▫ ▪


I linger in the doorway


▪ ▫ ▪


Dunkelheit. Bilder, die die Dunkelheit für einen kurzen Moment erhellen, bunte, unscharfe Bilder, blendend und gleichzeitig kaum sichtbar. Obwohl sie weiß, was diese Bilder zeigen, will sie es trotzdem mit eigenen Augen sehen, auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubt.
Verlockend geleiten sie sie hinunter in die Finsternis, flüstern ihre Versprechen von Freiheit und Erlösung, und sie glaubt ihnen, auch wenn sie weiß, dass es falsch ist, dass sie lügen, sie lügen alle!, aber ihre Worte sind zu schön, um ihnen zu widerstehen. Sie muss hinab, muss sie sehen, die Gewissheit über sie erlangen, ohne nachzudenken.
Sie folgt ihnen.

▪ ▫ ▪


Of alarm clocks screaming


▪ ▫ ▪


Erinnerungen. Laute, kreischende Erinnerungen, die ihren Namen rufen, unaufhörlich, ein schreckliches Geräusch, wie sie es noch nie gehört hat. Wenn sie könnte, würde sie die Hände auf die Ohren pressen, alles tun, was möglich ist, um sie verstummen zu lassen, das Kreischen auszublenden, abzuschalten, lass es aufhören!, auszublenden.
Aber sie kann nicht. Sie halten sie gefangen, schlingen ihre langen, unsichtbaren Arme um sie, während die Dunkelheit den Rückweg versperrt, sie kann nicht!, kann sich ihnen, die ständig auf sie einströmen, nicht entziehen. Zu stark, viel zu stark. Und sie ist einfach zu schwach, als dass sie den Erinnerungen entkommen kann.

▪ ▫ ▪


Monsters calling my name


▪ ▫ ▪


Seid still!
Laut und durchdringend will sie schreien, so laut wie sie nur kann, will die Bilder, die Erinnerungen zurück drängen, sie vergessen machen, ungeschehen, wenn sie nur könnte!, weg, einfach weg damit, den Schmerz, der mit jedem Bild schneidend wie eine Glasscherbe ist, versiegen lassen, seid still!
Stattdessen ist sie die einzige, die tatsächlich still ist, die stumm zusieht, wie das Vergessene sie verschlingt, die Erinnerungen, die Dunkelheit, sie sind einfach zu stark!
Die Worte bleiben in ihrer Kehle stecken, ihre Lippen formen sich zu einem stummen Schrei, sie schweigt.
Lässt sich von dem vergessen Geglaubten die Worte nehmen.

▪ ▫ ▪


Let me stay

Where the wind will whisper to me

▪ ▫ ▪


Das Flüstern wird deutlicher.
Die wirren Worte der Erinnerungen, Bilder, des Vergessenen formen sich zu Sätzen, flüstern nicht länger, werden verständlich, sprechen zu ihr, lauter, immer lauter, aber dennoch nicht zu laut. Das undeutliche Wispern dagegen wird mit jedem Augenblick leiser, lässt der hellen, klaren Stimme den Vorrang, zieht sich in den Hintergrund zurück.
Die Stimme will ihr etwas erzählen, etwas, das sie nicht hören, aber trotzdem hören muss, jetzt endlich, wehr dich nicht!, es ist so weit, es ist Zeit, sie nicht mehr zu ignorieren, sondern einfach still zu sein und zuzuhören, hör jetzt endlich zu!
Sie hört zu.

▪ ▫ ▪


Where the raindrops
As they're falling tell a story

▪ ▫ ▪


»Faye?«
»Geh … geh wieder ins Bett.«
»Wo willst du hin?«
Schritte, deren Klang auf dem steinernen Boden an den Wänden widerhallt, verstummen abrupt, lassen gespenstische Stille zurück. Abwarten, dem Schweigen lauschen. Ungeduld, Neugier, Unsicherheit.
»Geh einfach wieder ins Bett, ja?«
Die Stimme ist schneidend und befehlend und zittert ein wenig, kaum hörbar, aber sie würde es immer hören, weil sie diese Stimme kennt, ihr ganzes Leben lang, sie war da. Jetzt ist sie es nicht mehr, jetzt ist sie gegangen. Hat sie zurück gelassen.
Nein. Sie will das nicht hören, will sich nicht erinnern. Dunkelheit, wo ist die Dunkelheit?

▪ ▫ ▪


Don't say I'm out of touch


▪ ▫ ▪


»Wo willst du hin?«
Die gleiche Frage, immer wieder die gleiche Frage, ständig, ohne eine Antwort darauf zu bekommen, warum hat sie nicht geantwortet?
Und jetzt hört sie sie wieder, ihre eigene Stimme umgibt sie, laut, die Erinnerung an diese Nacht ist klarer als jemals zuvor, holt sie ein, überwältigt sie, und sie kann nichts anderes tun, als ihr zu lauschen.
»Weg.«
Ein einziges, kleines, unbedeutendes Wort, das alles bedeuten könnte, die einzige Antwort, die sie auf ihre Fragen erhalten hat, und sie weiß immer noch nicht, wo sie jetzt ist!
Ein Teil von ihr will es gar nicht wissen.

▪ ▫ ▪


With this rampant chaos - your reality


▪ ▫ ▪


Ein Teil von ihr ist immer noch versunken in der Vergangenheit, träumt von einer anderen Zukunft, die jetzt die Gegenwart ist.
»Weg? Wie meinst du das?«
Sie will auch weg. Weg von hier, alles zurücklassen, das Leben, das sie jetzt führt, hinter sich lassen. Aber sie tut es nicht. Sie bleibt, bleibt in der Dunkelheit, bei den Erinnerungen, die sie hier halten. Denen sie entkommen will.
»Du kannst nicht weg. Wo willst du hin?«
Sie konnte es. Sie hat es geschafft, in dem Moment, in dem sie ihr den Rücken zukehrte, ließ sie sie zurück, alleine, verlassen in der Dunkelheit.


▪ ▫ ▪


I know well what lies beyond my sleeping refuge


▪ ▫ ▪


Alleine mit den Erinnerungen.
»Es … ist wichtig.« Die einzige Erklärung, die sie bekommen hat. »Es ist wirklich wichtig.«
Wichtiger als sie. Keine Frage, eine Feststellung. Es war wichtiger als sie, denn sie hat sie zurückgelassen. In der Dunkelheit.
»Wohin?«, die gleiche Frage, »Wohin willst du? Wann wirst du zurück kommen?«
Nie, antwortet die Erinnerung stumm, sie wird nie zurück kommen. Denn würde sie es tun, dann wäre sie mehr als nur eine Erinnerung, dann wäre sie lebendig, real. Hell. Nicht in der Dunkelheit, nicht fahl und unwirklich und all das, was sie jetzt ist. Sie wäre hier, bei ihr.

▪ ▫ ▪


The nightmare, I built my own world to escape


▪ ▫ ▪


»Faye, warte!«
Sie hat nicht gewartet, sie ist gegangen, warum hat sie nicht gewartet?
»Bleib da.«
Sie ist nicht geblieben. Sie ist gegangen und hat sie in der Dunkelheit zurückgelassen, wo sie nichts anderes tun kann, als stumm die Szene mit anzusehen, wieder und wieder, während die Gefühle erneut auf sie einstürzen, den Schmerz wieder zum Leben erwecken, ihn laut schreien lassen, während sie doch nur weiterhin schweigt.
»Ich kann nicht.«
»Wieso nicht?«
»Ich … es geht einfach nicht!«
Ausgewichen, sie ist ihr immer nur ausgewichen. Hatte sie denn solch eine Angst vor der Wahrheit?
Haben wir das nicht alle?

▪ ▫ ▪


In my field of paper flowers


▪ ▫ ▪


»Kann ich mitkommen?«
Ein letzter Versuch, ein verzweifelter, letzter Versuch, das Unaufhaltsame zu verhindern, aus diesem real gewordenen Albtraum zu erwachen.
»Du musst hier bleiben, Juliet. Hier bei Andrew und Wanda.«
Vergeblich. Alles vergeblich.
»Und was ist mit dir?«
Sie hätte es wissen müssen, als sie in der Nacht aufgestanden ist und den Schritten ihrer Schwester folgte. Sie hätte es wissen müssen. Vielleicht hatte sie es sogar gewusst. Inzwischen ist es egal, der Dunkelheit ist die Vergangenheit vollkommen egal. Nur die Erinnerungen zählen, nicht mehr. Die Erinnerungen, die ständig zurück kommen, sich in ihr Bewusstsein einbrennen. Nie in Vergessenheit geraten.

▪ ▫ ▪


And candy clouds of lullaby


▪ ▫ ▪


»Ich muss gehen.«
Drei Worte, drei einfache Worte. Dennoch sind sie endgültig, zerstörerisch. Schmerzhaft.
»Du … du kannst nicht gehen.«
Unglauben. Verwunderung. Unverständnis, wie soll sie so etwas auch verstehen können? Sie wird es nie.
»Du kannst nicht gehen!«
Sie kann nicht. Sie tut es trotzdem, warum, warum lässt sie sie zurück?
»Ich muss
Die einzige Antwort, die einzige Erklärung, die sie bekommt, über die sie noch Jahre danach nachdenkt, nur um zu dem Entschluss zu kommen, dass es keine ist, keine, die sie verstehen, akzeptieren kann. Trotzdem muss sie damit leben, denn sie ist alles, was sie zurück ließ.



▪ ▫ ▪


I lie inside myself for hours


▪ ▫ ▪


Alles, was sie hat. Alles, was übrig geblieben ist.
»Du kannst nicht gehen
Immer die gleichen Worte, immer wieder.
»Faye, bleib da
Sie vermisst sie.
»Du darfst nicht gehen!«
Sie hat es trotzdem getan, sie hat sie trotzdem alleine gelassen, alleine mit der Dunkelheit, mit den Erinnerungen, mit ihren Schreien, mit den wirren Stimmen, die sie umgeben, ihr zurufen, sie versteht nicht, was sie sagen, HÖRT AUF! Sie will es nicht länger hören, es soll aufhören, erwachen, sie will nur noch aus diesem Albtraum erwachen und vergessen, all das vergessen!
Sie lassen sie nicht vergessen. Der Traum nimmt kein Ende.


▪ ▫ ▪


And watch my purple sky fly over me


▪ ▫ ▪


»Lass mich nicht allein!«
Jetzt ist es kaum mehr als ein Flüstern.
»Wie soll ich ohne dich zurecht kommen?«
Ein verzweifeltes, enttäuschtes, flehendes Flüstern. Nicht mehr als das.
»Mama und Papa sind schon gegangen.«
Sie hat gezögert. Nur einen kurzen Moment, aber sie hat gezögert. Dennoch war es nicht genug, um zu bleiben, um sie zurück zu halten. Trotz des Zögerns hat sie sie hier gelassen, alleine, in der Dunkelheit, verlassen, wo die Finsternis ihr die Luft zum Atmen raubt, die Nacht sie umschließt, einsam, zusammen mit den Erinnerungen, die sie umgeben, dem kreischenden Schmerz.
Wo sie bleiben wird. Immer.

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