Vaterfreuden

GeschichteMystery, Familie / P16
Detective Nick Knight Dr. Natalie Lambert OC (Own Character)
28.05.2012
03.05.2013
5
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2. Kapitel: Zweifel


„Was?! Das ist doch unmöglich!“

Don Schanke hielt erschrocken den Hörer weit weg von seinem Ohr, als Natalies schrille Stimme ihm daraus entgegenschallte. Nachdem er sich die Geschichte von Nicola Hunter in Ruhe angehört und das junge Mädchen dann aus Mitleid eingeladen hatte, bei ihm und seiner Familie zu übernachten, hatte er die ihm wohlbekannte Nummer von Nick und Nat gewählt, um ihnen mitzuteilen, dass Nick eine Tochter besaß. Allerdings war es die Ärztin, die abnahm und ihm auf seine Frage, ob ihr Mann da sei, mitteilte, dass Nick gerade unterwegs war. Nun, Nat war bereits seit zehn Jahren mit seinem ehemaligen Partner verheiratet und hatte ebenfalls ein Recht darauf, diese unverhoffte Neuigkeit zu erfahren. Und so teilte er es ihr mit, da er seine ehemalige Kollegin aus der Gerichtsmedizin als eine ruhige, patente Frau kannte. Doch der soeben aus dem Hörer gellende Schrei verriet, dass sie es keineswegs so locker hinnahm, wie er geglaubt hatte.

„Dieses Mädchen muss eine Lügnerin sein!“, schrie sie ihm nun hysterisch entgegen.

„Nat, bitte beruhige dich“, versuchte Schanke sie zu beschwichtigen.

„Das kann ich nicht! Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du plötzlich erfährst, dass Myra heimlich eine Tochter von einem anderen Mann hat?!“, schimpfte die Ärztin. „Dieses Mädchen, das behauptet, Nicks Tochter zu sein, lügt!“

„Nein, das glaube ich nicht“, entgegnete Don. „Sie scheint völlig davon überzeugt zu sein und hat mir einen Tagebucheintrag ihrer Mutter gezeigt, in dem eindeutig drin steht, dass Nick der Vater von Nicola ist.“

„Ach? Es gibt also tatsächlich so etwas wie einen Beleg für die Behauptung des Mädchens?“, fragte Natalie und schien auf einmal sehr interessiert zu sein. „Wer ist denn ihre Mutter? Kenne ich sie?“

„Ja, ich denke schon, obwohl es ein paar Jahre her ist, seit du mit ihr zu tun hattest.“

„Wer ist sie?“

„Sagt dir der Name Alice Hunter noch etwas?“

Am anderen Ende der Leitung war es jetzt still. Schanke hörte nur noch, wie seine ehemalige Kollegin mühsam um Atem rang.

„Nat? Alles in Ordnung mit dir?“

„Ja… ja, Don, es geht schon wieder…“, keuchte sie einen Moment später. Dann schien sie sich wieder gefasst zu haben und murmelte: „Alice Hunter ist also ihre Mutter? Nun, dann… es könnte tatsächlich wahr sein…“

„Dann habe ich Nick damals tatsächlich unterschätzt“, meinte Schanke leicht vergnügt. „Demnach unterhielt er also doch eine Affäre mit dieser hübschen Archäologin.“

„Affäre würde ich es nicht nennen…“, gab Natalie zögernd zu. „Er… er… hat sie wirklich… geliebt…“

„Oh!“, Don war betroffen. „Das tut mir sehr leid für dich, Nat! Ich hatte ja keine Ahnung…“

„Nein, nein, schon gut… damals war ich mit Nick noch nicht zusammen… und die Geschichte mit Alice ist ja seit langem vorbei…“

„Was soll ich der Kleinen denn jetzt sagen, Nat? Sie will ihren Vater unbedingt kennenlernen. Weißt du, dass sie deswegen extra ihr letztes Taschengeld zusammengekratzt und eine Fahrkarte nach Toronto gelöst hat?“

„Aber warum hat sich diese Nicola denn nicht schon früher einmal gemeldet? Warum kommt sie erst jetzt?“

„Nun, es scheint so zu sein, als ob ihre Mutter auch ihr verschwiegen hat, wer ihr Vater ist. Die Kleine erzählte mir, dass sie nur aus Zufall auf das Tagebuch ihrer Mum gestoßen ist, als sie in deren Zimmer nach einer Halskette gesucht hat, die sie sich ausleihen wollte. Und welcher Teenager kann schon widerstehen, wenn er die Möglichkeit hat, etwas über seine Eltern zu erfahren? Es war für das Mädchen bestimmt ein kleiner Schock, als sie endlich Schwarz auf Weiß lesen konnte, wonach sie ihre Mutter jahrelang umsonst gefragt hatte. Und dann wollte sie nichts anderes mehr, als ihren Vater kennenlernen. Das kann man der Kleinen nun wirklich nicht verdenken.“

„Ja, du hast natürlich recht, Don. – Also gut, ich werde mit Nick darüber sprechen, wenn er heimkommt, und dich zurückrufen. Wäre es für dich und Myra okay, wenn ihr das Mädchen noch eine Weile bei euch behalten könntet?“

„Klar! Myra wird begeistert sein. Seit Jenny mit ihrem Freund zusammenlebt, fehlt ihr jemand, den sie bemuttern kann. Sie hat sich sofort auf Nicola gestürzt und unterhält sich gerade mit ihr. Na ja, du weißt ja, wie Myra ist.“

„Sei froh, dass du eine so gute Ehefrau hast.“

„Aber das bin ich ja“, wehrte Schanke ab, der es hasste, wenn ein Gespräch sich dem Thema Beziehung annäherte. Für ihn ein klares Zeichen, allmählich Schluss zu machen. „Also, Nat, sprich mit Nick und sag mir dann Bescheid, wie es mit der Kleinen weitergehen soll.“

„Mach ich, Don. Grüß Myra von mir und… hab ein Auge auf Nicola…“



>>>~~*~~<<<




Nach dem Telefonanruf von Schanke ließ Natalie sich auf das Sofa sinken und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass Nick ein Kind gezeugt haben sollte. Dabei war er fest davon überzeugt gewesen, dass ein Vampir kein Leben mehr hervorbringen konnte. Die Tatsache, dass sie trotz ihres Kinderwunsches nicht schwanger wurde, schien diese These zu bestätigen. Aber jetzt war ein junges Mädchen aufgetaucht, das behauptete, die Tochter von Nick zu sein. Von Nick und … Alice Hunter…

Natalie schluckte.

Ausgerechnet Alice Hunter war von ihrem jetzigen Ehemann schwanger geworden.

Alice, die er geliebt und dennoch von sich gestoßen hatte, weil er fürchtete, sich in ihrer Gegenwart nicht beherrschen zu können und sie aufgrund seiner unkontrollierten Blutgier zu töten. Dennoch musste ihn die Leidenschaft zumindest einmal dermaßen gepackt haben, dass er mit Alice geschlafen hatte. Und wenn sie daran zurückdachte, wie überaus besorgt er um die Archäologin gewesen war, als LaCroix sie gebissen und ein wenig von ihr getrunken hatte, fühlte sie wieder diesen leichten Stachel der Eifersucht in sich, den sie bereits in jener Nacht gespürt hatte, in der sie Alice medizinisch so weit versorgte, dass die Verletzte schließlich transportfähig war. Noch Tage danach hatte Nick andauernd von Alice gesprochen und war jede Nacht bei ihr im Krankenhaus gewesen.

„Eigentlich seltsam, dass sie nach ihrer Entlassung wegging“, dachte Natalie und fragte sich, was zwischen der Archäologin und ihrem jetzigen Mann damals vorgefallen war. Denn bereits fünf Tage später, als Alice endlich wieder ansprechbar war, hörte man aus Nicks Mund kein Wort mehr über diese Frau. Und sie sprach ihn auch nicht mehr auf Alice an, weil sie froh gewesen war, dass Nick sich anscheinend von dieser zurückgezogen hatte.

Natalie seufzte. Es hatte wirklich lange gedauert, bis sie Nick davon überzeugen konnte, sich auf eine Beziehung mit ihr einzulassen. Doch das Argument, dass sie um seine besondere Natur wusste und auch weiterhin an einer Kur zu Wiedergewinnung der Sterblichkeit arbeitete, wobei eine tägliche Prüfung seiner möglichen Fortschritte unablässig war, brachte ihn allmählich dazu, sich ihr vorsichtig zu nähern. Allerdings trug nicht unwesentlich dazu bei, dass es ihr vor einigen Jahren gelungen war, ein Elixier zu entwickeln, das Nicks Blutdurst fast gänzlich eindämmte. Bereits kurze Zeit danach bekam der Vampir Appetit auf Nahrungsmittel, die auch Menschen zu sich nahmen.

Aber genau das war auch der Zeitpunkt, als Nick ihr vehement darlegte, dass sie aus Toronto und aus der Nähe von LaCroix, der auf geheimnisvolle Weise Nicks Pfählung überlebt hatte, verschwinden mussten. Denn wenn der alte Vampir erst einmal erfuhr, dass es Natalie gelungen war, ein Elixier herzustellen, das Nick fast menschlich machte und damit dem Machtbereich seines Meisters entzog, waren sie beide in großer Gefahr.

So war es vor allem diesem Elixier zu verdanken, dass Nick endlich seine Gedanken und Gefühle vor LaCroix verbergen konnte. Denn sonst hätten sie wohl kaum unbemerkt aus Toronto verschwinden und sich unter einer anderen Identität in Saint John/New Brunswick eine neue Existenz aufbauen können. Da sie beide Mitarbeiter der Mordkommission gewesen waren und wie fast alle der dortigen Angestellten Drohbriefe erhielten, stellte es kaum ein größeres Problem dar, diese neue Identität zu erhalten, nachdem sie zuvor noch rasch von einem Standesbeamten im Gefängnis getraut wurden. Ihr Familienname lautete jetzt  >Blackbird< , doch ihre Vornamen hatten sie behalten. Und da ihr Ehemann das Elixier täglich einnahm, hatten bisher weder LaCroix noch Janette ihn aufspüren können. Vielleicht waren die beiden anderen Vampire mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass Nick nicht mehr existierte. Immerhin hatte er sich bei ihnen jahrhundertelang darüber beklagt, kein Vampir mehr sein zu wollen. Nun, Nick hatte ihr erzählt, dass es vereinzelt vorkam, dass sich Vampire selbst auslöschten, indem sie sich bei Sonnenaufgang nicht in ein dunkles Versteck zurückzogen, sondern sich dem Tageslicht aussetzten…

Allein die Vorstellung rief in Natalie ein entsetzliches Grauen hervor. Ein solcher Tod musste für einen Vampir sehr schmerzhaft sein. Zum Glück hatte Nick aufgrund des Elixiers kaum mehr depressive Phasen, obwohl er sich dem Licht immer noch nicht aussetzen konnte. Aber Natalie arbeitete daran, auch dieses Problem zum Verschwinden zu bringen. Ihr Job als Teilzeitkraft in der Pathologie eines normalen Krankenhauses ließ ihr dazu genügend Zeit und sie hegte die Hoffnung, dass Nick eines Tages wieder ein vollkommen normaler, sterblicher Mann war…

Natalie stutzte. Wieder ein Sterblicher zu sein, war Nicks größter Wunsch. Aber was bedeutete es, wenn dieser Wunsch tatsächlich Wirklichkeit werden würde? Inwiefern würde das ihren Mann verändern und was bedeutete dies dann für ihre Ehe? Würde Nick noch bei ihr bleiben, wenn er wieder ein normaler Mensch geworden war?

Der Ärztin fiel in dem Zusammenhang ein, weswegen Schanke angerufen hatte, und sie fragte sich, ob Nick möglicherweise zu Alice zurückkehrte, sobald er erfuhr, dass diese eine Tochter von ihm hatte.

Aber handelte es sich bei dieser Nicola wirklich um sein Kind?

Zwar gab es da dieses Tagebuch, aber wer konnte garantieren, dass es keine Fälschung war oder dass Alice in ihrer Verwirrung etwas Derartiges hineingeschrieben hatte? Den Angriff von LaCroix hatte sie zwar gerade so überlebt, aber sie war schon sehr verwirrt gewesen, als sie während der Behandlung in Nicks Wohnung kurz zu sich kam. Wer sagte denn, dass diese Verwirrung verschwunden war, als man sie entließ?

„Ich hätte mich damals mehr mit Alice‘ Fall beschäftigen müssen“, machte Natalie sich selbst innerliche Vorwürfe. Dann erhob sie sich entschlossen und holte ihren Laptop aus dem Regal. „Wird langsam Zeit nachzuschauen, wie es Alice Hunter geht…“



>>>~~*~~<<<




Als Schanke in die Küche zurückkehrte, in der seine Frau und Nicola am Tisch saßen und sich ausgiebig unterhalten hatte, sah das junge Mädchen sofort zu ihm auf.

„Haben Sie meinen Vater erreicht?“, fragte Nicola und sah Schanke erwartungsvoll an.

„Leider nicht“, erwiderte Don und setzte sich an den Küchentisch. „Aber ich habe seine Frau darüber informiert, dass es dich gibt. Sie wird mit Nick sprechen, sobald er heimkehrt.“

„Seine Frau?“, wiederholte der Teenager fassungslos. „Mein Vater ist verheiratet?“

„Ja, Nicola, schon seit vielen Jahren“, erklärte der gutmütige Polizist.

Die Mundwinkel der Sechzehnjährigen verzogen sich nach unten und sie senkte ihre Lider.

„Dann kann ich es wohl vergessen, meinen Vater  je zu Gesicht zu bekommen“, murmelte sie enttäuscht. „Seine Frau hat sicherlich was dagegen, dass ich ihn kennenlerne.“

„Aber nicht doch“, widersprach Schanke und blickte hilflos zu Myra. Diese fuhr nun anstelle ihres Mannes in freundlichem Ton fort: „Wir kennen Natalie seit vielen Jahren. Sie ist eine sehr nette Person und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einem Kennenlernen zwischen dir und deinem Vater im Wege steht.“

Nicola schaute Myra daraufhin ungläubig an und antwortete dann spöttisch: „Nun, dann wäre sie die erste Frau, die das uneheliche Kind ihres Gatten einfach akzeptiert.“

„Es war nicht einfach für sie, das gebe ich zu“, mischte sich nun wieder Don ein. „Aber als ich ihr deine Situation schilderte, hatte sie viel Verständnis für dich. Jedenfalls versprach sie, mit ihrem Mann zu sprechen und sich dann wieder zu melden. Ich bin sicher, die beiden werden dich einladen, einige Tage bei ihnen zu verbringen. Mach dir keine Sorgen, Kleines!“

„Ich heiße Nicola!“, wies das Mädchen ihn streng zurecht und schenkte ihm einen hochmütigen Blick. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie in Zukunft Anreden wie  >Kleines<  oder ähnliches unterlassen würden. Ich mochte das noch nie.“

„Entschuldige bitte!“, erwiderte Don pikiert. „Das war nicht böse gemeint. Ich nenne meine Tochter auch so und sie ist einige Jährchen älter als du.“

„Es ist Ihre Sache, wie Sie mit Ihrer Tochter umgehen, Mr. Schanke. Hauptsache, Sie verschonen mich mit diesen herablassenden, Frauen klein haltenden Anreden.“

„Wir sind wohl feministisch angehaucht, was?“, fragte Don ärgerlich.

„Ob   >Wir<  das sind, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich nicht weiß, wie Sie oder Ihre Frau dazu stehen. Aber meine Mutter und auch meine Großeltern sind einhellig der Meinung, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten“, erklärte Nicola in ruhigem Ton und wandte sich dann an Myra: „Wie stehen Sie denn dazu, Mrs. Schanke?“

„Selbstverständlich teilen mein Mann und ich diese Ansicht“, versicherte die Angesprochene amüsiert und legte eine Hand auf diejenige Dons, dessen Gesicht sich allmählich rötlich verfärbte. „Und wenn er jemanden  >Kleines<  nennt, ist das nur liebevoll gemeint. Zu mir sagt er das auch manchmal.“

„Finden Sie nicht, dass es herablassend klingt, Mrs. Schanke?“

„Aber nein, ich finde es eigentlich… nun ja… ganz süß…“

Nicola sah Myra skeptisch an. Ein Blick, der Don zu der Äußerung provozierte: „Mich würde es nicht stören, wenn jemand  >Kleines<  zu mir sagt. So nennt man schließlich nur Leute, die man mag!“

„Aha“, meinte der Teenager daraufhin nur. „Dann entschuldigen Sie bitte, Mr. Schanke. Ich hatte keine Ahnung, dass es sich so verhält. Und außerdem bin ich diese deminutive [1] Anrede nicht gewohnt.“

„Schon gut“, brummte Don daraufhin und schien ein wenig beruhigt. Doch innerlich kochte er, aber vor dieser kleinen Wichtigtuerin, die zu allem Überfluss jetzt auch noch mit einem ihm unbekannten Fremdwort um sich warf, würde er seine Selbstbeherrschung nicht verlieren.

„Wenn alle Missverständnisse beseitigt sind, schlage ich vor, dass wir nun zu Bett gehen. Es ist schließlich schon halb Zwölf“, ergriff Myra jetzt wieder das Wort und erhob sich.

„Das ist eine gute Idee“, pflichtete Nicola bei und tat es ihr gleich. „Vielen Dank nochmal, dass Sie mich für heute aufgenommen haben. Ich hoffe, mein Vater meldet sich morgen und lädt mich ein. Ansonsten sehe ich mich nach einem Hostel um.“

„Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird“, meinte Myra. „Nick und Nat möchten dich bestimmt gern kennenlernen. Sie werden dir beide gefallen.“

„Das hört sich ja vielversprechend an“, erwiderte Nicola lächelnd. „Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, Mrs. Schanke, und nochmals vielen Dank.“

Die Sechzehnjährige wandte ihr Gesicht nun Don zu und sagte: „Auch Ihnen vielen Dank, dass Sie mich so spontan bei sich aufgenommen haben, Mr. Schanke. Schlafen Sie gut… ähm… und angenehme Träume, Kleines…“

Damit wandte sich Nicola feixend um und verließ rasch die Küche, während ihr Don mit offenem Mund nachstarrte…



>>>~~*~~<<<




Kurz vor Morgengrauen kehrte Nicholas Blackbird von seiner Nachtschicht nach Hause zurück und fand seine Frau auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend und völlig in ihren Laptop vertieft vor.

„Morgen, Liebling“, begrüßte er sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Wie geht es dir?“

„Morgen, Schatz“, erwiderte Natalie, die zu ihm aufsah und ihn müde anlächelte. „Ich hab einige Neuigkeiten für dich.“

„Ach ja?“ fragte Nicholas interessiert. Dann jedoch sah er in ihr Gesicht und fragte: „Hast du etwa die ganze Nacht vor dem Computer gesessen?“

„Ja, denn ich musste unbedingt etwas recherchieren, was mir keine Ruhe ließ.“

„Das sollte jetzt für eine Weile ruhen, Liebling. Besser, du legst dich schlafen, bevor du völlig übermüdet vom Sofa kippst.“

„Gute Idee! Ich habe herausgefunden, was ich wissen wollte, und kann dir ja im Bett von den Neuigkeiten erzählen.“

Natalie fuhr den Computer runter und klappte den Deckel des Laptops zu. Dann sah sie wieder ihren Mann an und meinte: „Während ich mich schon mal hinlege, ist es für dich an der Zeit, dein Getränk einzunehmen. Ich habe dir bereits ein Glas zubereitet und es in den Kühlschrank gestellt. Bis gleich, Schatz.“

Sie erhob sich und gab ihm einen Kuss, bevor sie sich in das gemeinsame Schlafzimmer zurückzog. Nicholas blickte ihr lächelnd hinterher und ging dann zum Kühlschrank, wo seine Medizin stand.

Als der Polizist wenig später auch ins Schlafzimmer kam, schlief Natalie bereits tief und er beschloss, sie weiterschlummern zu lassen. Die erwähnten Neuigkeiten konnte sie ihm ja auch erzählen, wenn sie sich ausgeschlafen hatte…



>>>~~*~~<<<




Das durchdringende Klingeln des Telefons riss Nicholas aus seinem Tiefschlaf und er sah automatisch auf die Uhr seines Nachttischchens: Es war 7.00 Uhr morgens. Wer um alles in der Welt rief um diese Uhrzeit an?

Nicholas warf einen raschen Blick auf seine Frau, aber Natalie schlief immer noch und er brachte es nicht übers Herz, sie zu wecken. Missmutig erhob er sich deshalb und eilte im Schlafanzug ins Wohnzimmer, wo das vermaledeite Telefon immer noch schrillte. Ungeduldig griff er nach dem Hörer.

„Blackbird!“

„Nick? Bist du das?!“, ertönte die ihm wohlbekannte Stimme seines ehemaligen Kollegen.

„Schanke! Was treibt dich dazu, mich so früh anzurufen? Ich bin erst vor zwei Stunden aus der Nachtschicht gekommen!“

„Tut mir leid, altes Haus, aber es ist wirklich dringend!“

„Was ist denn los, Don?“, fragte Nicholas, hellhörig geworden. „Du klingst irgendwie aufgeregt.“

„Oh, das bin ich auch, Nick! Glaub mir, ich habe wirklich sehr viel Verständnis und man kann mich doch durchaus als guten Vater bezeichnen, oder?“

„Natürlich, Don! Ist irgendwas mit Jenny?“

„Nein, nein, mit meiner Tochter ist alles in Ordnung. Aber ich bezweifle, dass ich Nicola noch einen Tag länger in meinem Haus ertrage. Mir wäre es wirklich sehr lieb, wenn ihr sie so schnell wie möglich abholen könntet!“

„Abholen? Nicola? Wer ist das?“

„Hat Nat etwa noch nicht mit dir gesprochen?“, fragte Schanke jetzt erstaunt.

„Nat wollte mir zwar irgendwas erzählen, als ich heimkam, aber dann ist sie eingeschlafen. Sie scheint mir sehr erschöpft zu sein, deshalb will ich sie nicht wecken“, erklärte sein Gesprächspartner. „Also, Don, sag mir einfach, was los ist. Ich werde schon damit klarkommen.“

„Nun ja, es ist im Grunde nichts Schlimmes und eigentlich habe ich deiner Frau schon alles berichtet…“, begann sein ehemaliger Partner zögerlich.

„Nur raus damit!“, ermunterte ihn Nicholas.

„Also schön, aber reg dich nicht auf. Du hast eine Tochter!“

„Ich habe… was?!“

„Ja, du hast richtig gehört, Nick.“

„Sag mal, Don, hast du etwas getrunken?“

„Nein, Nick, ich bin vollkommen nüchtern. Gestern Abend erschien bei uns auf dem Revier ein sechzehnjähriges Mädchen namens Nicola Hunter, die ihren Vater, einen gewissen Detective Nicholas Knight, sprechen wollte.“

„Don, das ist unmöglich! Es muss sich dabei um ein Missverständnis handeln. Vielleicht gibt es in Toronto ja noch einen Mann namens Nicholas Knight.“

„Das kann schon sein, aber nur ein Detective dieses Namens hat in der Mordkommission der Metro-Police gearbeitet. – Nick, die Kleine sucht tatsächlich dich. Sie ist die Tochter von Alice Hunter. Der Name sagt dir doch noch was, oder?“

„Ja, natürlich erinnere ich mich an sie. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich der Vater ihrer Tochter bin! Wie kommt Alice dazu, Ihrer Tochter so etwas zu erzählen?“

„Nach Aussage dieser Nicola hat ihre Mutter nichts dergleichen getan. Das Mädchen hat dies dem Tagebuch von Alice entnommen.“

„Was sagt denn Alice zu der ganzen Geschichte?“

„Sie weiß gar nichts davon“, klärte Schanke ihn auf. „Die liebe Alice ist mit einem Archäologenteam für ein halbes Jahr nach Ägypten gefahren, um Ausgrabungen zu machen. Und den Großeltern hat Nicola Bescheid gesagt, dass sie in Toronto ist.“

„Das muss alles gar nicht der Wahrheit entsprechen“, meinte Nicholas.

„Wie auch immer, Nick, hol deine Tochter ab! Diese kleine Klugscheißerin hat mich gestern fast zur Weißglut getrieben. Myra lacht zwar darüber, aber ich finde es gar nicht lustig!“

„Ich kann sie nicht abholen, Don. Du weißt doch, dass ich eine Sonnenallergie habe und deshalb auch nur in der Nachtschicht arbeiten kann.“

„Und was ist mit Natalie?“

„Sie schläft wirklich sehr tief. – Ach, weißt du was. Setz die Kleine in den nächsten Zug, der nach Saint John fährt und sag uns dann Bescheid, wann sie ungefähr ankommt. Nat wird sie abholen und danach werde ich mich dann mal mit meiner vermeintlichen Tochter unterhalten. An ihrer Geschichte kann etwas nicht stimmen.“

„Nun, Nick, wenn du meine Meinung wissen willst: Es sieht ganz danach aus, dass Alice dir tatsächlich eine Tochter beschert hat. Eine vernünftige Frau wie sie würde doch wohl kaum falsche Angaben in ihrem Tagebuch machen, zumal es eigentlich niemand lesen sollte.“

„Hm… wer weiß, was hinter dieser ganzen Geschichte steckt. Schick das Mädchen erstmal her. Ich fühle ihr schon auf den Zahn!“

„Mit dem größten Vergnügen! Aber mach dich auf etwas gefasst: Nicola ist rechthaberisch und außerdem vertritt sie feministische Theorien. Gestern Abend hat sie mich doch tatsächlich angegiftet, nur weil ich  >Kleines<  zu ihr sagte.“

„Das mögen viele Frauen nicht, Schanke!“, erwiderte Nicholas und musste ein wenig grinsen. „Und keine Sorge! Ich werde mit Nicola Hunter schon fertig. By, Don.“

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[1] Deminutiv = Sprachliche Verkleinerungsform, z. B. Schätzchen, Kindchen u. ä.