No place like London.

KurzgeschichteFamilie, Tragödie / P16
Lucy Barker
27.05.2012
27.05.2012
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OS. Lucys POV.


No place like London.



Ich bin nicht viel herum gekommen in meinem Leben, lernte als junges Mädchen nur das schöne London als meine Heimat kennen, verliebte mich in ihre schönen Seiten, aber noch mehr in diesen wunderbaren Mann. Oh Benjamin, wo bist du nur? Verweilt deine trauernde Seele noch auf dieser Erde? Bist du genauso verzweifelt, wie ich es bin, oder hat man deinem armen Leben bereits ein Ende gesetzt? Komm zurück! Rette mich und unser Töchterchen vor diesem Monster, ich kann es nicht mehr ertragen. Wo bist du nur, geliebter Ehemann?
Das Leben war so schön, unbeschwert und leicht.
Du und ich.

Dein gutlaufendes Geschäft, unsere Hochzeit und als Krönung unserer Ehe dieses entzückende Kind, oh wärest du noch hier. Wieso musste es uns treffen? Ich habe dieses Leben geliebt, dich geliebt und hätte mir doch beim besten Willen nicht vorstellen können, dass unser Traum zerplatzen würde...

Der Traum von einem perfekten Leben, er begann und endete gleichermaßen hier, in London.
Im wunderschönen, belebten, blühenden London mit all seinen Verzückungen und der nie endenden Vielfalt.
Hier, in London, der grausamen Stadt, die einfach weiterlebte, ungeachtet des grauenhaften Schicksals Einzelner. Dort, wo in dunklen Herzen Missgunst und Eifersucht regieren, wo ein guter Mann aus einer glücklichen Familie gerissen wird, auf dass sie ewig leiden werden.
Nie wieder Glück empfinden.

Obgleich ich niemals einen anderen Ort erblickte, so bin ich mir gewiss, es gibt keinen Ort, der London gleicht.

Als wir jung waren, war das Leben so gut zu uns, doch wir mussten lernen, auf schmerzhafte Weise erfahren, wie brutal die Realität sein kann. Wer sind wir kleinen Leute schon, was zählt unser Wort, im Vergleich zu dem der Privilegierten? Ein paar Menschen, ungerechte, grausame Menschen fällen die Entscheidungen, doch was kann unser eins dagegen tun? Nichts, rein gar nichts! Wir sind machtlos in diesem System, wir waren zum Scheitern verurteilt, denn Märchen werden nicht wahr.

Niemals.

Auch nicht im unvergleichbaren London.
Sie verderben die Stadt, sie verderben die Welt, richten Leben zu Grunde, zerstören Schönheit und Liebe, doch sie sind im Recht! Überall, an jedem Ort, doch kein Fleck dieser Erde ist, wie London.
In diesen einst so vertrauten Straßen, durch die wir wanderten, so selbstverständlich, als könne die gute Zeit durch nichts beendet werden, sind nun düster und gespenstisch. Ich fühle die Schatten, sie verfolgen mich, lauern mir hinter jeder Ecke auf, oder werde ich nun langsam verrückt?

Vor langer, langer Zeit, von den Wenigen, die es damals kümmerte, bereits vergessen, gab es einen Barbier und seine Frau und er war gütig. Eine naive Frau und ihren Mann und er war liebevoll. Doch es gab einen anderen Mann, einen niederträchtigen Geier des Gesetzes, ungeachtet aller Gerechtigkeit demonstrierte dieser seine Macht und entriss ihr ihren geliebten Benjamin. Nun stand sie dort ganz allein, elend naives Weib, allein mit einem Kind, ohne ihn, ohne eigenen Verdienst, wie sollte sie das Kleine nur versorgen, das Leben ohne ihn bewältigen? Aber Turpin, oh er war ein hinterhältiger Mann und Lucy, das dummes Mädchen, ich dummes Ding, glaubte seine Lügen, fiel auf seine Schmeichelein herein und dachte, er wollte mir helfen, gut zu mir sein. Nur war ich nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen, ihm seine Wünsche zu erfüllen und ihm meine Dankbarkeit durch Erwiderung seiner unanständigen Annäherungsversuche zu zeigen. Und so musste ich erkennen, was meine Abweisung anrichtete. Niemand erbarmte sich, zeigte Mitleid mit einem armen Weib, einer unbedeutenden Frau, ohne einen Mann an ihrer Seite, ohne gesellschaftliche Stellung, sie lachten mich auch, schauten auf mich herab, kicherten, hinter vorgehaltenen Fächern und ich fiel.

Ich fiel.
So jung,
so allein,
so traurig,
so naiv dieser grausamen Welt gegenüber eingestellt,
erkannte die brutale Realität zu spät.
Und nun, nun ist es zu Ende.

Weshalb sollte ich noch länger in dieser elenden Stadt verweilen?
Verdorbenes London! Nichts als Schande brachtest du über uns!
Gift, süßes Gift in meiner Hand wird den Schmerz beenden und mich wieder mit dir vereinen, oh Benjamin, ich erfülle unser Schicksal und folge dir nach. Bald bin ich bei dir, es dauert nicht mehr lange.
Ein kurzer Seitenblick von dieser merkwürdigen Frau, wie hieß sie noch? Loveless, Lovett?
Ach, lassen Sie es doch, Mrs. Barker!
Sagte sie so nebenbei, wandte ihre düsteren Augen jedoch schnell wieder von mir ab und eilte in ihren schmutzigen Laden, welch eine Absteige!
Es wird nicht lange dauern, bis dieser Vorfall in Vergessenheit geraten ist, auch heute interessiert sich kaum jemand dafür und ich bezweifle, dass sich noch irgendjemand an uns erinnern wird. Das tragische Liebespaar aus der Fleet Street, nein, niemand!
Lass nur unser Töchterchen versorgt sein, ungütiger Gott! Bestrafe sie nicht für meine Sünde, auch wenn ich für dieses Vergehen auf ewig in der Hölle brennen muss...

In meinen zitternden Händen ein kleines Fläschchen.
Ein paar Schlucke, die alles beenden werden. Beenden wir es jetzt, beenden wir es hier, hier in London, wo all dies seinen Anfang fand und das Schicksal seinen Lauf nahm.
Bitter.
Bahnt sich brennend seinen Weg die Speiseröhre hinab in den Magen.
Die Welt um mich herum verschwimmt, im Hintergrund ein qualvolles Aufstöhnen, leise Schmerzensschreie verhallen in der Dunkelheit.

Wer weint da? Bin i-ich es?
Es schmerzt, schmerzt so s-sehr.
Oh, Benjamin!
Schemenhafte Gestal-n..., ü-übe-all... n... nee... NEIN!
Kalte Hä-ände. Nicht... A-all-s s-sch-schwar-arz.
Benjamin!

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