Sonnenfinsternis

KurzgeschichteDrama, Angst / P16
Maid Marian Robin
22.05.2012
22.05.2012
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22.05.2012 925
 
Warnung: SPOILER für das Finale von Staffel 2. Wer noch auf dem deutschen Stand der Serie ist und sich die Spannung nicht verderben will, sollte das hier nicht lesen!
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I've still got sand in my shoes
And I can't shake the thought of you
I should get on, forget you
But why would I want to
I know we said goodbye
Anything else would have been confused but
I wanna see you again

To a life where I can't watch the sunset
I don't have time
I don't have time.




Es regnete.

Und das seit Tagen. Graue Gewitterwolken bedeckten den Himmel wie ein endloser Teppich. Ein Gewebe aus Dunst und Dunkelheit.

Kein Vergleich zu der sengenden Hitze der Wüste. Dem Flimmern am Horizont. Dem Sand. Ein Meer aus unendlichen, weißen Körnern. Barfuß. Die Weite des Landes. Freiheit.

Die Leichtigkeit der Tage schien verflogen. Das Leben hier war kälter. Trister. Grau.

Selbst die Sonne war dort geblieben, in den fernen, weiten Ländern. Sie zierte einen anderen Himmel. Spendete Licht. Trost. Er konnte sich nicht vorstellen, die Sonne jemals wiederzusehen.

Er vermisste die Wüste. Er vermisste alles, was hinter ihm lag. Die Leichtigkeit. Das Glück. Er hatte alles verloren. Mehr verloren, als ein Mann ertragen konnte.

Nein, es konnte unmöglich der gleiche Himmel sein. Die Welt musste sich verändert haben. Die Atmosphäre aufgelöst. Alles von diesem endlosen Grau verschluckt. Wie konnte es auch die gleiche Welt sein, wenn es sie nicht mehr gab?

Doch die Welt stand nicht still. Hielt nicht den Atem an. Nur die Sonne war verschluckt worden. Seine Sonne. Sein Licht. Der Sinn seiner gesamten Existenz. Ein verlorenes Leben. Seines und ihres.

Marian.

Er blickte hinauf in den grauen Himmel. Regentropfen mischten sich mit Tränen. Ein salziges Rinnsal lief sein Kinn hinab, bevor es zu Boden fiel und die Erde unter seinen Füßen das Wasser aufzog. Gleichgültig woher es stammte.

Er zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Starrte hinaus in das trübe Nichts. Das Mischmasch aus Farben. Der Brei, zu dem der Wald geworden war. Braun und Grün und Grau liefen ineinander über. Der Himmel fiel auf die Erde. Alles wurde zu einer einzigen, unerträglichen Masse.

Die Wolkendecke hing schwer über ihm. Drückte ihn nieder. Er würde hier sitzen bleiben, bis er im erdigen Boden verschwand. Eins wurde mit dem Wald, dem Laub. Dann könnte er sie wiedersehen. Wiedertreffen in einer anderen Welt. Unter einem freien Himmel. In einem von Sonne beschienenen Land.

Er fühlte sich leer. Zuvor hatte ihn das Entsetzen beherrscht. Die Panik. Die unbegreifliche Furcht, die ihn wie ein Blitzschlag getroffen hatte. Die Verzweiflung. Die Trauer. Unmenschlich. Übermenschlich. Dann die Wut. Der Zorn. Der Antrieb, um zurückzukehren, weiterzugehen. Schritt für Schritt. Fuß vor Fuß. Die Rache. Verraucht. Nun war nichts mehr als die Leere übrig. Sie war schlimmer als alles andere. Sie fraß ihn von innen auf. Nagte an seinen Eingeweiden. Und ließ doch nichts zurück als das Nichts selbst.

Er wollte sie wiederhaben. Wollte all das, was geschehen war, rückgängig machen. Und wusste doch, dass es in keiner Macht stand. Die Zeit war ein grausamer Herrscher. Sie würde nichts heilen. Seine Wunden waren nicht zu schließen. Er hatte die Hälfte seines Selbst, die bessere, mutigere, stolzere Hälfte unter der fernen Sonne zurückgelassen. Begraben im Sand. Neun Fuß unter der Erde. Für immer fort. Verloren
.
Er wollte nur noch Frieden finden. Doch wie war das möglich in einem halben Leben. Einem Leben ohne sie. Wofür noch kämpfen? Wofür atmen? Er musste loslassen. Durfte nicht in der Vergangenheit leben. Das Leben gehört den Lebenden. Eine leere Phrase. Er konnte nicht loslassen. Er wollte nicht.

Marian.

Er küsste den Ring, den er an der Kette um seinen Hals trug. Ihren Ring. Das war alles, was ihm noch geblieben war. Schattenhafte Erinnerungen an ein vergangenes Leben. Träume von einem gemeinsamen Leben. Von der Hitze versengte Haut. Letzte Spuren von den Tagen unter der Sonne. Sie würden heilen. Die Leere blieb.

Er vermisste sie. Alles an ihr. Ihre Haare. Ihre Augen. Ihr Lachen. Ihre weiche Haut. Die Lippen. Ihren Mut und ihren Stolz, von solch einem Ausmaß, dass er sich immer wieder gewundert hatte. Ihre Liebe. Die Art, wie sie ihren eigenen Weg ging. Ihre Sturheit, Eigensinnigkeit. Ihre Widerworte. Ihre Güte. Ihre Nähe. Sie war immer sein Hafen gewesen. Sein Leuchtturm. Das letzte Licht, wenn die restliche Welt in Dunkelheit versank. Sein Zufluchtsort. Sein Kompass, wenn er einmal das Ziel aus den Augen verlor. Ein Zuhause. Eine Zukunft.

Er würde nicht ohne sie leben könne. Nicht lange. Er wusste es. Spürte in genau diesem Moment mit einer ernüchternden Gewissheit, dass er nicht mehr lange allein sein würde. Nur noch für eine Weile. Einen unendlichen Augenblick. Er würde seine Aufgabe zu Ende führen. Würde das Ziel erreichen, für das sie ihr Leben gelassen hatte. Frieden.

Er würde ihr folgen. Heute oder Morgen. Früher oder später. Es spielte keine Rolle mehr. Sie sollte sein Kompass bleiben. Egal wo sie jetzt war. Unter der Sonne. Unter der Erde. Er würde sie finden.

Alles war noch wie zuvor und doch hatte sich alles verändert. Über ihm fiel Wasser zu Boden. In ihm entstand ein Meer. Über ihm wehte ein rauer Wind. In ihm tobte ein Sturm.

Er blickte hinauf in den grauen Himmel. Gewitterwolken jagten sich. Ein endloser Teppich aus Leere und Nichts. Keine Sonne.

Es regnete. Es hatte seit Tagen geregnet. Und es würde weiterregnen.

Doch bald würde er die Sonne wiedersehen.

Er schloss die Augen.


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Lyrics by: Dido, "Sand in my Shoes"
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