[Leseprobe] - Die Lilie in Kardinalrot

von Stromi
LeseprobeRomanze, Freundschaft / P16
D'Artagnan Graf Rochefort Kardinal Richelieu OC (Own Character)
19.05.2012
04.07.2019
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19.05.2012 1.113
 
Anmerkung zur Leseprobe: Die Geschichte war unter dem Titel Auf verlorenem Posten vom 05/2012 bis zum 05/2019 vollständig (100%) auf FF.de veröffentlicht.

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Herzlichen Dank auch an die Literaturkritikerin Dr. Maike Claußnitzer für die Rezension in ihrem Blog! Zu finden hier.


Prolog


   Die Front des Hôtels ragte steinern und unbeugsam vor dem Besucher auf. Ein beeindruckender Prachtbau, der in Glanz und Größe seinesgleichen suchte. Die Torflügel waren geschlossen, ihre kupferfarbenen Beschläge schimmerten matt im Licht der untergehenden Sonne. Über dem Torbogen prangte ein edles Wappenschild; ein goldener Löwe reckte sich in rotem Feld, um ihn ein Band gewunden mit dem Wahlspruch: Fidelis et fortis.
   Der Haupteingang ins Hôtel de Tréville war des nachts stets verriegelt, wenn lange Schatten auf die Straße fielen und sich die anderen Häuser schutzsuchend aneinanderschmiegten. Paris mochte tagsüber ein blendend schönes Weib sein, verlockend und betörend in allen Facetten. In der Nacht war sie eine Hure, alt und verbraucht, immer ein Messer hinter dem Rücken bereit.
   Heute Morgen war das Haupttor nicht wieder geöffnet worden, um den täglichen, unendlichen Strom an Besuchern in das Hôtel passieren zu lassen. Jetzt neigte sich der Nachmittag schon dem Abend entgegen. Der Innenhof lag einsam und ausgestorben. Die Pferdeställe waren verwaist, die Wirtschaftsräume verlassen. Die weitläufige Aufgangstreppe war nicht länger Schauplatz einer ganz alltäglichen Belagerung und niemand bahnte sich einen Weg an den sonst zahlreichen Gästen und Musketieren vorbei nach oben zum Kabinett des Hauptmanns; die Tür war verschlossen und als eine Hand nun behutsam die Klinke drückte, öffnete sie sich nicht.
   Weniger verwundert als besorgt darüber, versuchte Leutnant d’Artagnan es erneut, indem er nachdrücklich anklopfte und lauschte. Nichts regte sich, ganz offenbar war niemand mehr in den Räumlichkeiten anzutreffen, die für viele Jahre den Musketieren Seiner Majestät als Hauptquartier gedient hatten.
   Die Kompanie war aufgelöst, ihre Offiziere entlassen. Zurück blieb ein ungewöhnlich leeres Haus und ein ehemaliger Leutnant der Musketiere, der sichtlich mit sich selbst rang, sich endlich abzuwenden und ins Ungewisse zu gehen.
   Schritte näherten sich d'Artagnan und eine vertraute Stimme stellte fest: »Es ist sehr still geworden.«
Die Worte waren leise, beinahe flüsternd gesprochen, als würde der Sprecher das Echo fürchten, das von den kahlen Wänden ungebrochen widerhallen könnte. »Daran wird man sich in diesem Hôtel von nun an gewöhnen müssen.«
   D’Artagnan wandte sich um. »Das fällt nicht eben leicht, mon capitaine.« erwiderte er mit einem bitteren Zug um die Mundwinkel, den das Leben selbst dort hinterlassen hatte. Zehn Jahre unermüdlich im Dienst für König und Vaterland, zehn Jahre zwischen Leben und Tod auf den zahlreichen Schlachtfeldern dieser Zeit, waren nicht spurlos an dem Leutnant vorbeigezogen.
   Monsieur de Tréville, müder Miene und in nur einer Nacht scheinbar um Jahre gealtert, hob abwehrend eine Hand, als sich sein einstiger Untergebener respektvoll gegen ihn verneigte.
   »Ich bin nicht länger Euer Hauptmann und der höflichen, verlegenen Förmlichkeiten wurden schon genug gewechselt.«
   Tréville stützte sich gegen das Geländer der Aufgangstreppe und sah hinunter in die Halle seines Hauses. Er hatte im Laufe der Jahre viele Schlachten geschlagen, tapfer und treu, ganz wie der Wahlspruch seiner Familie über dem Torbogen verkündete. Wie die Musketiere ihn sich zu eigen gemacht hatten. Aber jetzt wirkte der Hauptmann mit einem Schlage aller Kräfte beraubt, erschöpft von der Politik und den Kriegen am Hof Ludwig XIII.
   Erst nach einer ganzen Weile, in der er in seinen eigenen Gedanken versunken blieb und darüber die Anwesenheit des anderen Mannes fast zu vergessen schien, fragte Tréville: »Was führt Euch hierher zurück?«
   D’Artagnan hob die Schultern und wusste keine rechte Antwort. War es Gewohnheit, die ihn einbestellt hatte? Nostalgie, die ihn schmerzlich heimsuchte? Oder wollte er die Niederlage längst nicht kampflos hinnehmen und suchte im Hôtel nach Waffenbrüdern?
   Aber Tréville, der Einzige, der in dieser Art von politischem Krieg einen Sieg hätte erringen können, schien endgültig geschlagen. Das erschreckte d’Artagnan, dem man bei Tod und Teufel nicht nachsagen konnte, er fürchte überhaupt irgendetwas oder irgendwen. »Es ist vorbei?«
   »Ja.«
   Ein sehr nüchternes, widerspruchsloses Wort. Es klang nicht so, als ob die Entscheidung eines Ersten Ministers und eines schwachen Königs jemals rückgängig zu machen wäre. Die Kompanie der Musketiere war und blieb einer höfischen Intrige zum Opfer gefallen.
   In einer spontanen Regung, tatsächlich alle Förmlichkeiten und Rangunterschiede für den Moment vergessend, lehnte sich d’Artagnan neben Tréville an das Geländer und ließ den Blick schweifen. Er kannte jedes Detail in der Eingangshalle, jede Kerbe im Parkett, jede Unreinheit im Fensterglas. Erst mit dem Verlust wurde ihm deutlich, wie sehr sich ihm dieses Bild eingeprägt hatte.
   »Werdet Ihr zurückkommen, mon capitaine?«
   Tréville entging nicht die besondere Betonung, mit der d'Artagnan seinen alten Rang aussprach und beinahe hätte er flüchtig geschmunzelt. »Ich bin verbannt, in Ungnade.«
   »Zu Unrecht!«
   »Findet Ihr?«
   D'Artagnan war zu aufgebracht, um auch nur kurz wegen der Frage in Zweifel zu geraten. »Ja! Mordieux, wer Euch als Verräter bezeichnet, ist selbst einer!«
   »Achtet auf Eure Worte!« tadelte Tréville. »Das Haus mag menschenleer erscheinen, aber Ratten finden sich noch immer genug.«
   »Sollen sie im Dreck wühlen und lauschen, ich fürchte sie nicht!«
   »Dann seid Ihr dumm.« Der Hauptmann stieß sich vom Geländer ab, um der Treppe nach unten zu folgen. D'Artagnan zögerte, aber er war noch nicht von gleicher Melancholie gepackt wie Tréville. Mit wenigen, entschlossenen Schritten war er darum wieder an der Seite des Hauptmanns und sagte fest: »Es muss einen Weg geben, das zu verhindern.«
   »Ihr werdet nichts unternehmen! Verstanden, monsieur le lieutenant? Das Wort des Königs ist Gesetz und Ihr habt noch immer eine glänzende Zukunft vor Euch.«
   Die beiden Männer erreichten eine Nebenpforte, eine schmucklose Tür auf die Straße hinaus, vorgesehen für das Gesinde. Wie ein Dieb sollte sich der Hausherr nun also davonstehlen, Paris verlassen und nie mehr zurückkehren.
   D'Artagnan wusste nichts mehr zu sagen. Alles wäre unangemessen und falsch gewesen, und so schwieg er bedrückt, während Tréville eine Kutsche bestieg. Eine Eskorte zu Pferd stand bereit. Sie würde sicherstellen, dass der Reisende sein fernes Ziel in der Gascogne erreichte.
   »Viel Glück.« grüßte Tréville zum Abschied.
   D'Artagnan murmelte der anfahrenden Kutsche ein: »Euch auch.« nach und blieb dann allein mit seiner glänzenden Zukunft zurück.
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