Verrat und Rache

KurzgeschichteAllgemein / P12
Christopher Carrion Finnegan Hob Mater Motley Prinzessin Boa
19.05.2012
19.05.2012
1
1890
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Christopher Carrion saß im Turmzimmer einer der Türme auf Gorgossium, der Insel der Stunde Mitternacht, und grübelte. Es war allerdings nicht wie sonst immer ein ruhiges, wohl überlegtes Grübeln. Dieses Nachdenken war erfüllt von einer unbändigen Wut, welche die Albträume in dem Glas um seinen Hals dazu brachte, zornig in der Flüssigkeit umher zu schwirren und immer wieder gegen das Glas zu donnern, als wollten sie in ihrer Wut ausbrechen.
Er hatte die letzten Jahre nun also damit verbracht, Prinzessin Boa in die Geheimnisse der Magie einzuführen. Selbst aus dem Abarataraba hatte er ihr Wissen beschafft. Wissen, das ihr geradezu unendliche Macht verliehen hatte. Jahrelang hatte er alles für sie getan. Und in dieser Zeit erst hatte er das Wort „Liebe“ erfassen können; schließlich war es ihm von seiner Großmutter immerzu verboten worden, dieses Wort auch nur zu nennen. Die Narben an seinen Lippen erinnerten ihn bis heute an die Höllenqualen, die er wegen dieses Wortes einst hatte durchstehen müssen.
Und jetzt, ungefähr zehn Jahre nach diesem Ereignis, hatte ihn eben dieses verbotene Wort nicht nur verletzt, sondern auch öffentlich zum Narren gemacht.
Es hatte einige Zeit gedauert ehe er begriffen hatte, dass er Prinzessin Boa liebte. Er konnte es ja schließlich auch kaum wissen, denn er hatte schließlich nie erfahren, was „lieben“ bedeutete. Er war wie ein kleines Kind an die Sache heran gegangen, hatte verzweifelt in Büchern nach Antworten gesucht und in seiner Verzweiflung schließlich tatsächlich einen Gelehrten zur Hilfe geholt. Seine Großmutter fragte er kaum noch etwas, nachdem sie ihm einst die Lippen dafür vernäht hatte, als er nach der Liebe gefragt hatte.
Dieser Gelehrte hatte ihn schließlich dazu gebracht, seine Gefühle zu verstehen. Und Christopher hatte überhaupt nicht verstehen können, warum Mater Motley es ihm damals nicht hatte erklären wollen, was dieses Wort bedeutete. Schließlich schien nichts daran falsch zu sein. Es war ein gutes Gefühl, voller Wärme und Sanftheit. Ein Gefühl, das den Prinzen der Mitternacht zum ersten Mal seit langer Zeit dazu brachte, glücklich zu sein.
Doch dann, gerade als er das Gefühl gehabt hatte, dass ihn nichts jemals wieder von Boa trennen könnte, war er aufgetaucht. Finnegan Hob, der Sohn eines Tagesprinzen und einer Hexe. Er hatte ihm Boa geraubt, und das innerhalb von kürzester Zeit. Sie hatte sich in diesen rothaarigen Hohlkopf verliebt, und Christopher einfach vergessen. Nun ja, nicht komplett: sie hatte weiterhin Unterricht bei ihm genommen und hatte sich die mächtigsten Zauber des Abarat von ihm lehren lassen.
Christopher musste zugeben dass er gewusst hatte, dass Boa niemals romantische Gefühle für ihn gehegt hatte, aber tief in seinem Herzen hatte er trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben. Er hatte ihr Briefe geschrieben, hatte sie umworben und aufgefordert, Finnegan zu vergessen. Doch alles war vergebens gewesen; heute war der Tag von Boas Hochzeit. Und sie heiratete tatsächlich diesen Nichtsnutz Hob.
Noch niemals hatte der junge Carrion sich so verraten und betrogen gefühlt. Seine ganze Welt schien in sich zusammenzubrechen. Was hatte er bloß getan, dass er so eine Abfuhr verdient hatte? Hatte er denn nicht alles für die Prinzessin getan? Sie gelehrt, beschützt und geliebt? Aber anstatt es ihm zu danken, wies sie ihn einfach von sich. Der Mitternachtsprinz war zutiefst gekränkt.
In seiner Wut versuchte er, klare Gedanken zu fassen. Es musste einen Weg geben, um diese Hochzeit zu verhindern. Irgend etwas, das er tun konnte, um dieses Ereignis zumindest so weit zu verzögern, dass er Zeit hatte, Boa umzustimmen.
Er wusste allerdings auch, dass er es nicht zu offensichtlich angehen durfte: sonst würde man seine Tat zu schnell entlarven und seine Prinzessin würde das niemals gutheißen.
Also entschloss er sich, sich einer anderen Macht zu bedienen, als seiner Magie oder seines Körpers, geschweige denn seiner Albträume. Mit diesem Vorsatz verließ er sein Turmzimmer, immer noch kochend vor Zorn. Es war Zeit, zu handeln.

Tief unter den Türmen Gorgossiums befand sich eine uralte Höhle, von deren Decke immerzu Wasser zu tropfen schien. In den unzähligen Jahren, in welcher diese Insel existiert hatte, waren durch den großen Kalkgehalt in dem Wasser Tropfsteine entstanden, die so lang und breit waren, dass kein gewöhnlicher Bewohner des Abarat sie hätte umfassen oder sich sonst irgendwie mit ihrer Größe hätte messen können.
Mater Motley hatte ihrem Enkelsohn vor langer Zeit einmal das Geheimnis dieses Ortes verraten: hier hauste ein Drache, der angeblich alt wie die Insel selbst war. Niemand außer den Carrions wusste von seiner Existenz. Er verbarg sich geschickt vor den Blicken jener wenigen, die sich in dieses unterirdische Labyrinth verirrten. Und falls er jemals von einer dieser unschuldigen Seelen gesehen worden war, so hatte das kaum Schwierigkeiten bereitet. Niemand, der sich in dieser Höhle verirrte, fand jemals wieder hinaus.
Und so kam es, dass Christopher an so manchen Gebeinen vorbeikam, als er durch diese Höhle schritt. Der Verwesungsgeruch, der in der Luft lag, war nicht zu ignorieren. Selbst Carrion, der sich nur selten zu so einer Geste herabließ, rümpfte die Nase und verzog kurz das Gesicht. Es war kaum mehr als ein kurzes Aufblitzen von Ekel auf seinen Gesichtszügen, und im nächsten Moment war es bereits wieder verschwunden. Ohne auch nur ein Mal anzuhalten, marschierte er immer tiefer in das verworrene, kühle Labyrinth, viele Meilen unter den Türmen der Mitternacht.
Schließlich hielt er doch an. Das flackernde, kleine Licht, welches über seiner geöffneten Handfläche schwebte, wurde stärker, als er einige leise Worte murmelte. Die Magie stärkte das Licht und erhellte die feuchten Wände noch zusätzlich. Ein Wassertropfen fiel von der Decke zu Boden, direkt vor die Füße des Prinzen. Dort zersprang er in hunderte, klare Bruchstücke und rann den kühlen Stein hinunter. Christopher sah dem Wasser dabei zu, wie es etwas weiter unterhalb der kühlen Steine zusammenfloss und sich in einem kleinen, gluckernden Bach den Weg aus der Höhle bahnte. Und in dem gleißenden Wasser sah er die Spiegelung eines wahrhaftig eigentümlichen Geschöpfes.
Der Körper war über und über mit Schuppen besetzt, die wie ein Panzer aus kleinen Metallplatten glitzerten. Sie hatten einen schwarzen Farbton und ließen die gigantischen, gelben Augen noch bizarrer wirken. Der junge Carrion hob den Blick von dem Wasser und richtete ihn zur Decke, wo der Drache aus einer Art Höhle lugte.
Offensichtlich hatte er sich in das Gestein hinein gegraben und es sich dort gemütlich gemacht. Nur sein schuppiger Hals und Kopf waren zu erkennen, ebenso wie die Reihen scharfer, gelblich schimmernder Zähne. Zwischen den Zähnen glaubte Christopher, einige Knochen stecken sehen zu können. Offensichtlich war nicht nur die Höhle tödlich, sondern auch der Drache. Dennoch empfand der Prinz keine Furcht vor diesem Geschöpf; er wusste, dass es niemals einen Carrion angreifen würde. Schließlich war es einst ein Carrion gewesen, der ihn hierher verbannt hatte, um der Familie bedingungslos zu dienen. Eine Magie hielt ihn hier unten fest, die ihresgleichen suchte. Und das Wesen hatte sich schon oft als nützlich für die Familie der Mitternachtsfürsten erwiesen. Dieses Mal würde es nicht anderes sein.
„Drache! Ich habe einen Auftrag für dich.“, rief Christopher mit fester Stimme. Der Drache gab nur einen rasselnden Laut von sich, und eine kleine Rauchwolke stieg aus seinen Nüstern auf. Ein leichter Schwefelgeruch mischte sich zu dem Gestank der Verwesung, und machte das Atmen noch schwerer.
„Ich will, dass du Prinzessin Boa und Finnegan Hob davon abhälst, zu heiraten. Ich will, dass du sie bei der Feier überraschst und alles zerstörst. Aber achte darauf, dass der Prinzessin nichts geschieht! Ich brauche sie noch. Zerstör von mir aus die Kirche, oder sonst irgendwas, aber gib gut auf Boa acht. Wenn du diesen Auftrag ausgeführt hast, kehre hierher zurück.“, erklärte er dem Geschöpf, was er wollte.
Der Drache warf den Kopf in den Nacken und stieß ein Brüllen aus, das die Erde zum erbeben brachte. Das Gluckern des Baches zu Christophers Füßen wurde nun von dem ohrenbetäubenden Lärm dieses Brüllens völlig überdeckt. Der Drache schien sich vor Vorfreude kaum noch halten zu können, denn er schob sich viel zu schnell aus der Höhle in der Decke, purzelte ungeschickt herunter und rappelte sich wieder auf.
Der junge Carrion hatte sich in letzter Sekunde mit einem waghalsigen Sprung zur Seite davor bewahren können, von dem Wesen einfach zerquetscht zu werden, und beobachtete nun eher missmutig, wie das Geschöpf seine pergamentartigen Flügel ausbreitete. An vielen Stellen der Flughaut klafften bereits tiefe Risse, doch Christopher bezweifelte nicht, dass das Wesen sich trotzdem immer noch in die Luft erheben konnte.
Der Drache torkelte auf seinen gigantischen, muskulösen Beinen umher, als habe er sich wochenlang nicht bewegt (Was Christopher sich ziemlich gut vorstellen konnte. Schließlich gab es hier unten wohl nur selten einen Grund, sich in Bewegung zu setzen. Und was das Viech aß, beziehungsweise ob es überhaupt allzu viel Nahrung brauchte, wusste der Nachtfürst nicht wirklich.). Doch der abgemagerte, kantige Rumpf des Geschöpfes ließ darauf schließen, dass Essen nicht gerade eine alltägliche Beschäftigung war.
Außerdem schien das Wesen so voller Vorfreude auf die unendliche Freiheit des Himmels, dass es kurzerhand mit seinen Flügeln zu schlagen begann, noch bevor es an einen Ort mit mehr Platz für seine mächtigen Schwingen gekommen war. Einige der Tropfsteine brachen mit einem lauten Getöse, an anderen blieben die dünnen Knochen zwischen den Flughäuten hängen.
Christopher sah sich in seiner Not gezwungen, einige der Säulen mit einem leisen Wort zu zersprengen, damit der Drache sich nicht ernsthaft verletzte.
Kaum hatte er genug Platz, schwang sich das mächtige Geschöpf auch schon in die Luft und brauste direkt auf die Decke zu. Doch anstatt dagegen zu knallen, schien die Decke ihn zu verschlucken wie Wasser, durch das er hindurchtauchen konnte, bis an die Oberfläche der Mitternacht, wo er aus dem Untergrund geschossen kam wie ein schwarzer, todbringender Pfeil.
Christopher sah zufrieden auf den Punkt an der Decke, wo der Drache hindurchgetaucht war. Er war überzeugt davon, das Richtige getan zu haben. Jetzt musste er nur noch abwarten, bis der Drache nach getaner Arbeit zurückkehrte. Und dann würde die Prinzessin ihm gehören.

Als der Drache in die Luft schoss, drehte er vor Freude kurz einige Loopings, dann verschmolz er regelrecht mit der Finsternis Gorgossiums und verschwand unbemerkt von der Insel.
Nun, nicht völlig unbemerkt. Mater Motley hatte den Blick auf ihn gerichtet, als er die Insel verließ. Sie wusste sofort, was geschehen war. Ihr Enkel hatte sich nun doch entschieden, für diese...Liebe zu kämpfen. Bei dem Gedanken verzog sie spöttisch das Gesicht.
„Lächerlich.“, murmelte sie. Und in diesem Augenblick sandte sie dem Drachen über ihre Magie die folgenden Worte:
Töte sie. Töte die Prinzessin.
Dann lächelte sie. Sie wusste, dass ihr Wort nach wie vor über dem ihres Enkelsohnes stand. Und der Drache, alt und erfahren wie er war, wusste das genau.Auch wenn er seine Gedanken kurz ordnen musste: nach einiger Zeit hatte er seinen neuen Auftrag erfasst, und flog los, um Prinzessin Boa zu töten.
Damit war das Schicksal des Mitternachtsprinzen, des Herren der Finsternis, endgültig besiegelt.
Review schreiben