Normal Again

von ShyLee
GeschichteÜbernatürlich / P12
Bobby Singer Castiel Dean Winchester John Winchester Mary Winchester Sam Winchester
18.05.2012
21.05.2012
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Normal again


„Dean! Vorsicht!“
Reflexartig drehte sich der erfahrene Jäger um, doch es war bereits zu spät.
Der Dämon packte den Dunkelblonden mit einer Leichtigkeit, die einen nur erahnen ließ, wie viel Kraft dieses Monster tatsächlich besitzen musste. Er hielt Dean wie einen Schutzschild rücklings an seinen eigenen Körper gedrängt. Ohne große Mühe, wie es schien, hielt er den Jäger mit nur einem Arm unter seiner Kontrolle. Als Sam los rannte, um seinem Bruder zu Hilfe zu eilen, sah er nur noch den langen dünnen Stachel, den der Dämon aus seiner Faust zwischen Mittelfinger und Ringfinger hervorschnellen ließ und ihn erbarmungslos in den Arm seines Opfers rammte.

Panisch, mit weit aufgerissenen Augen drängte sich Dean in die Ecke des trostlosen Raumes, der lediglich mit einem Bett und zwei Stühlen ausgestatten war, als er die Nadel in seinem Arm spürte.
Die Wände und Decke waren in einem monotonen gipsfarbenem Ton gehalten, der PVC-Boden in einem hellen Grau.
Zwei in weiß gekleidete Männer hatten alle Mühe mit ihm, ihn ruhig zu halten, um ihm das Mittel verabreichen zu können.
„Du tust dir nur selbst weh“, mahnte einer der Pfleger, als Dean selbst in die Ecke gedrängt, sich noch immer umher wandte, wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Gleich bricht die Nadel ab. Wir sollten ihn besser fixieren“, meinte der andere besorgt, woraufhin sein Kollege Dean mit aller Kraft gegen die Wand presste und ihn dort mit seinem Körper festpinnte, sodass der Jäger sich kaum noch bewegen konnte.
Dies nutzte der andere Pfleger aus, um den Kolben der Spritze herunterzudrücken und sie ihm schließlich wieder aus dem Arm zu entfernen.  
Als sich Dean nach einigen Minuten langsam wieder zu beruhigen begann, ließ der Pfleger von ihm ab und der Dunkelblonde sackte kraftlos in sich zusammen. Sein Gesicht wirkte fahl, ausgelaugt. Tiefe Ringe zeichneten sich unter seinen grünen Augen ab, die oftmals einfach völlig leblos ins Leere starrten.


„Dean, bist du okay?“
Nur leise drang die besorgte Stimme seines Bruders an sein Ohr, als sei sie noch weit von ihm entfernt.
Sam war sofort nach der Attacke zu seinem Bruder gestürzt, hatte sich neben ihm auf dem Boden niedergelassen, dessen Kopf auf seinen Schoß gezogen und streichelte ihm beruhigend über die Wange. Wobei sich die Frage stellte, wen er damit nun beruhigen wollte? Dean oder nicht doch eher sich selbst.
Verdutzt schaute Dean zu seinem Bruder auf. Nur langsam realisierte er, dass er auf dem Boden lag.
„Dean?“
„Alles okay, Sammy“, krächzte Dean, versuchte sich langsam wieder aufzurichten.
Nachdem Sam ihm dabei geholfen hatte, wieder auf die Beine zu kommen, sah sich Dean etwas orientierungslos  um. Sam beobachtete ihn eine Weile schweigend. Er machte sich Sorgen. Dean war nach dem Angriff völlig weggetreten.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“, bohrte Sam nach.
„Alles bestens“, versicherte der Ältere und machte sich schließlich auf den Weg zurück zum Impala.
So wie es hier aussah, gab es für sie nicht mehr viel zu tun. Der Dämon war geflohen und ihn jetzt noch zu verfolgen, würde wohl eher wenig Sinn ergeben.
Stattdessen würden sie erst einmal Nachforschungen anstellen, um was für eine Art von Dämon es sich bei diesem überhaupt handelte, denn so eine Kreatur hatten weder Dean, noch Sam jemals zuvor gesehen.
Was auch immer es war, hatte nur noch im Entferntesten Ähnlichkeit mit einem Menschen. Seine Haut erinnerte vom Aussehen her stark an Wachs und seine starren, dunkelrote Augen waren weit aus der Augenhöhle hervorgetreten.
Als sie den Impala endlich erreicht hatten, zögerte Dean, einzusteigen. Stattdessen rieb er sich mit beiden Händen über die Schläfen, das Gesicht vor Schmerz leicht verzogen.
„Dean-“
Doch der gab seinem Bruder erst gar nicht die Möglichkeit, weiter zu sprechen.
„Es ist nichts!“, fuhr Dean seinen Kleinen an und kurz darauf tat es ihm auch schon leid, denn er wusste, dass sich Sam um ihn sorgte und es nur gut mit ihm meinte. „Ich hab nur leichte Kopfschmerzen.“
Er brachte es einfach nicht fertig, Sam von seiner Halluzination zu berichten. Nicht, bevor er nicht selbst wusste, was es damit auf sich hatte.
Denn etwas anderes war es nicht. Eine Halluzination. Einbildung, nichts weiter. Auch, wenn es sich verdammt real angefühlt hatte.
„Soll ich vielleicht fahren?“, bot Sam an, der sich zusehends mehr um seinen Großen sorgte, jedoch so gut irgend möglich versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Doch wieder blockte der Ältere ab.
„Schon okay, Sammy. Es geht mir gut.“
Damit stieg Dean in den Wagen und startete den Motor. Er wartete noch, bis sein Bruder ebenfalls eingestiegen war und lenkte den schwarzen Chevy auf die Straße, Richtung Stadtmitte.

Ihr Weg führte sie in die Stadtbücherei, wo sie sich erhofften, an Informationen über ihren Dämon zu gelangen. Vielleicht würden die auch Auskunft darüber geben, was da im Moment mit Dean vor sich ging. Und vor allem, wie man das wieder rückgängig machen könnte.
Doch ihre Recherche brachte leider nicht den gewünschten Erfolg. Ein wenig enttäuscht verließen sie von daher die Bibliothek wieder und beschlossen, sich erst einmal eine Unterkunft für die Nacht zu suchen, um dann am nächsten Tag mit ihrer Nachforschung fortzufahren.
Die ganze Situation nahm Dean mehr mit, als dieser sich eingestehen wollte. So sehr, dass er die ganze Fahrt über ununterbrochen über diese Szene nachdachte. Er hatte sogar noch den Geruch des Aftershaves der Pflegers in der Nase, der sich mit seinem Körper gegen ihn gedrängt hatte.
Er versuchte sich jedes Detail wieder in Gedanken aufzurufen. Vielleicht war ja auch in der Halluzination selbst die Lösung zu finden.
Dabei driftete er in Gedanken soweit ab, dass er auch Sams Worte nicht mehr wahrnahm, die seit geraumer Zeit an sein Ohr drangen.
„Dean? Dean!“

Nur langsam registrierte der Angesprochene, dass tatsächlich er gemeint war. Irgendwie fühlte er sich träge, motivationslos. Müde ließ er seinen Blick über den Gang schweifen, in dem er sich befand. Außer ihm waren noch fünf weitere Patienten auf dem Flur unterwegs, einige davon in Begleitung eines Pflegers.
Doch allesamt wirkten sie eher wie Zombies, bewegten sich langsam und schwerfällig. Und auch geistig schienen sich nicht mehr ganz auf der Höhe zu sein.
Schließlich erfasste sein Blick eine mollige Frau hinter einem Tablettwagen, die ihn freundlich anlächelte.
„Komm her, es ist Zeit für deine Arzneien.“


„Dean! Verflucht!“
Erschrocken sah Dean auf, erkannte jedoch nur seinen Bruder, der halb über ihn gelehnt war und ins Lenkrad gegriffen hatte. Und obwohl er sich derzeit nicht in der Lage fühlte, die Situation, in der sie sich befanden, auch nur annähernd richtig einschätzen zu können, so trat er dennoch geistesgegenwärtig und mit aller Kraft auf die Bremse.
Erst als der Wagen zum Stehen kam und sein Bruder sich wieder erleichtert auf seinen Sitz sinken lieg, wild atmend und die Schrecksekunde erst einmal verdauend, wurde Dean das gesamte Ausmaß ihrer misslichen Lage bewusst: Sie waren seitlich von der Straße abgekommen und der Wagen drohte, einen Abhang hinunterzustürzen, hätte Sam nicht eingegriffen und somit das Schlimmste verhindert.
Auf einmal wich sämtliche Farbe aus Deans Gesicht, sein Körper begann zu zittern.

„Keine Angst, das sind die Medikamente“, erklärte der Pfleger, der ihm zuvor schon die Spritze gegeben hatte, ruhig. „Wir mussten sie umstellen. Das dauert jetzt ein wenig, bis sich dein Körper daran gewöhnt. Ich bringe dich erst einmal zurück auf dein Zimmer und Dr. Novak wird nachher noch nach dir sehen.“
Damit nahm er Dean sanft am Oberarm und führte ihn den Gang zurück zu dessen Zimmer.
„Dr. Novak?“, fragte der Winchester leise, an seinen Pfleger gewandt.


„Wer ist Dr. Novak?“, wollte Sam wissen.
Dean schüttelte den Kopf. Wieder diese Kopfschmerzen!
Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, sich wohl bewusst, dass er Sam seine Halluzinationen nun nicht mehr länger verheimlichen konnte. Dennoch versuchte er, das Gespräch noch ein wenig hinauszuzögern.
„Wer?“, fragte er so unbeteiligt, wie möglich.
Doch Sam kannte seinen Bruder und er wusste nur allzu gut, wann dieser ihn anlog. Er verstand nicht, was ihn so Schlimmes beschäftigte, dass er nicht mit ihm darüber reden wollte. Sie waren Brüder. Und wenn es ein Problem gab, dann würden sie dafür eine Lösung finden. Gemeinsam.
Dass Dean nun versuchte, die Sache mit sich allein auszumachen, ließ Sam das Schlimmste befürchten. Doch wenn er ehrlich war, dann hatte er noch nicht einmal die leiseste Vorstellung von dem, was dieses so furchtbar Schlimme sein mochte.
„Dean, bitte! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du nimmst Drogen.“
Der Ältere seufzte. Er hatte geahnt, dass Sam seine Lüge durchschauen würde. Und er würde ihm die Wahrheit sagen. Nur nicht hier. Und nicht jetzt.
„Lass uns erst ein Motel suchen, dann reden wir dort“, bot ihm Dean an. Seine Stimme klang leise, müde.
Sam nickte. Dann krabbelte er umständlich über seinen Bruder, der auch sofort und ohne Widerrede auf die Beifahrerseite auswich und nahm hinter dem Steuer Platz.
Mit einem flauen Gefühl im Magen legte er den Gang ein und lenkte den Wagen so vorsichtig wie möglich zurück auf die Straße.
Doch anstatt nach einem Motel Ausschau zu halten, wollte Sam lieber direkt zu Bobby durchfahren. Vielleicht würde der ja eine Antwort auf all seine Fragen haben. Dean jedoch setzte er vorerst mal noch nicht von seinem Vorhaben in Kenntnis.

Mehr als sechs Stunden waren sie unterwegs, ehe sie endlich den Schrottplatz erreichten. Zwischenzeitlich wirkte Dean hin und wieder mal abwesend, als sei er in einer völlig anderen Welt. Zudem nuschelte er zusammenhangslose Wortfetzen, von denen Sam jedoch kaum etwas verstand. Zu sehr hatte er seine Konzentration auf die Straße gelenkt. Der Beinahe-Unfall hatte ihm doch schon stark zugesetzt und er war froh, wenn sie einfach endlich das Auto verlassen könnten. Eigentlich wollte er im Moment nichts weiter, als sich einfach in das nächste Bett sinken zu lassen und zu schlafen.

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