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pures Glück

von Loboscha
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Evey Hammond V
14.05.2012
14.05.2012
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4.November 1997, Nachmittags



V streckte sich auf dem Sofa aus, versuchte sich zu entspannen. Es waren nur noch wenige Stunden bis zu seinem großen Auftritt. Es war längst nicht sein erster Gang in die Öffentlichkeit. Er war so oft draußen gewesen. Sei es um Dinge wie Vorräte oder Informationen zu beschaffen. Oder um zu jagen und zu töten. Über dreißig Mal hatte er das schon getan und seine Liste wurde immer kürzer. Jetzt standen dort nur noch wenige Namen; drei davon umkringelt: Levis Prothero, Father Liliman und Delia Surridge.

Für die drei hatte er jeweils eine besondere Vorstellung inszeniert – ganz nach Vorlieben der Kandidaten. Aber darum ging es nicht heute. Heute war für ihn die Stunde null. Heute würde das Land bemerken, dass etwas Großes im Gange war und dass  es nicht mehr aufzuhalten war. V langte zum Tisch und griff nach der Maske, die das ewige Grinsen Guy Fawkes darstellte. Wie nützlich doch so manche Theaterrequisiten sein könnten, dachte er. Diese war seine „ausgeh“-Maske und hatte  einen großen Vorteil: die schwarzen Augen. Sie verhinderten jeden Retinascan.

„Du warst angeblich der einzige, der mit ehrlichen Absichten ins Parlament ging….“ Sprach V zu der Maske und konzentrierte sich. Ein Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm wie viele quälende Minuten er noch bis zum Aufbruch hatte. In Gedanken ging er immer wieder den Ablauf durch: Aufbruch, Zeitzünder aktivieren, dann der Weg zu seinem persönlichen Logenplatz, Vorstellung genießen und dann einen der möglichen Wege nach Hause.

Heute würde der Köder gelegt und ab heute könnte jeder noch so kleine Fehler alles Vereiteln. Der heutige Tag bestimmte auch seine restliche Lebenszeit und so kam er zu der einzigen Schwachstelle seines Vorhabens: er hatte noch niemanden, der ihn nach Walhalla schickte.

Er legte die Maske zurück und griff nach dem anderen Gegenstand, der sich auf dem Tisch befand. Eine kleine Phiole mit einer äußerst seltsamen Flüssigkeit. Er hielt sie vorsichtig mit beiden Händen und beobachtete die Tröpfchen des goldenen Gebräus, die wie in einem Springbrunnen aufstiegen, sich in dem kleinen Raum vereinigten und wieder zurückfielen. Er betrachtete es gerne und fand es einen wunderschönen Zeitvertreib. Aber er hatte es noch nie gewagt, das keine Fläschchen zu öffnen und die Flüssigkeit zu kosten oder nur daran zu riechen. Nein, dafür war es ein zu wertvolles Geschenk und neben einem Rucksack der einzige Beweis, seiner bisher merkwürdigsten Stunden.

Die Stunden, in denen er eine junge Dame als Gast hatte, die sich verlaufen hatte. Stunden, die ihm wenig Komfort und Privatsphäre beschert hatten. Ständig musste er diese Maske tragen… Aber diese Stunden waren auch angenehm. Er hatte es ganz vergessen, dass die Anwesenheit von anderen Menschen nicht zwangsläufig Qual oder Demütigung bedeuten musste. Sie war der erste Freund seit Jahren für ihn gewesen. Freund überlegte er…. War das das richtige Wort?

Wieder schaute er in die goldene Flüssigkeit. „Pures Glück“ wiederholte er den Namen, den sie ihm damals nannte. Er lächelte zynisch – Glück, so etwas gab es nicht mehr…

Und dann überkam ihn doch die Versuchung und er setzte sich auf. Vorsichtig öffnete er das Fläschchen, hielt es über seinen Kopf und lies einen Tropfen auf seine Zunge fallen.

Zu seiner Enttäuschung schmeckte es nicht besonders. Also verkorkte er das Gefäß wieder und legte es zurück.



Später am Abend. Westminster Bridge war sein letzter Wegpunkt bis zu seinem Logenplatz. Hier waren nachts immer irgendwelche Leute unterwegs. Prostituierte, die offiziell nicht existierten, Fingemänner, Freier. Vorsicht war geboten. V verschmolz mit dem Schatten und lauschte. Da waren Stimmen ganz in der Nähe. Ganz wie er es erahnt hatte. Eine kurze Geschäftsvereinbarung zwischen Nutte und Freier, dann würden beide in einer dunklen Ecke verschwinden und zu abgelenkt sein, um den Mann mit Hut und Mantel zu bemerken.

Da horchte V auf. Was hatte er gerade gehört? 16 Jahre ist sie alt… noch ein halbes Kind. Sein Blick verfinsterte sich hinter der Maske. 16jährige sollten eigentlich zur Schule gehen, wie es zu seiner Zeit war und nicht nachts ihren Körper verkaufen. Ein paar Gesprächsfetzen später sah er sich zum Handeln gezwungen. Das junge Ding hatte sich den Falschen ausgesucht und somit den letzten Fahler ihres Lebens begangen, wenn er nichts unternehmen würde. Eigentlich ging es ihn nichts an – die Welt war verkommen und wenn er heute das eine Mädchen vor seinem Schicksal bewahrte, so würde es sie morgen ereilen. Es war wie Perlen vor die Säue werfen.

Aber dennoch…Er entschied sich anders.

Mit McBeth auf den Lippen näherte er sich der Rotte von sechs Männern, die das Mädchen an die Wand drückten.

Er würde etwas später, aber immer noch rechtzeitig zu seiner Vorstellung kommen – das hier vor seinen Augen ging zu weit. Behände bahnte er sich den Weg durch den menschlichen Abschaum; ein Ablenkungsmanöver zur Linken ein schneller Schnitt mit einem Messer in der Rechten und schon befand er sich unmittelbar vor dem Mädchen. „Oh!“ sagte es nur erstaunt.

Er konnte sich selbst in ihren Pupillen sehen und wusste in dem Augenblick, dass der Name „pures Glück“ wirklich zutraf.
 
 
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