Der Jüngste und seine Liebe

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
13.05.2012
13.05.2012
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~Melchiahs Sicht~
Ich ließ den Blick über mein Clangebiet schweifen, die Gräber und Sarkophage, die den Bezirk der Melchiahim begrenzten. Meine Kinder gruben nach Leichen, als neue Rekruten... Ich biss mir auf die Unterlippe und wandte mich ab, meinen Umhang zurückwerfend, als wäre er mir im Weg. Wie ich diesen Anblick doch verachtete. Natürlich konnten sie nichts dafür. Ich hatte sie alle wiedererweckt, doch nun tat es mir leid, sie so verwittern zu sehen, meinen stolzen Clan degradiert zu einem Haufen wankender Untoter, die ständig ihre Haut wechseln mussten, um einigermaßen akzeptabel auszusehen. Meine eigene Haut war rissig wie die ihre, musste ständig ersetzt und verdeckt werden, während mein eigentlicher Körper darunter verweste. Immer musste ich meine Hülle wieder zusammennähen, und die Nähte gaben vor allem meinem Gesicht etwas Hässliches, Unförmiges. Ich sah aus wie ein Monster.
Es gab Tage, an denen ich meine Existenz zutiefst verabscheute, vor allem wenn meine lieben Brüder, diese ach so begehrenswerten Paradebeispiele männlicher Sinnlichkeit wieder mit ihren Huren bei Besprechungen auftauchten, nur um sich darüber zu streiten, wer den schönsten Bettwärmer hatte, während ich, einsam und alleine zusah und den angewiderten Blicken der Frauen ausgesetzt war, und Zephon sich mit seinem neusten "Spielzeug" vor mir aufzubauen pflegte, nur um mich herausfordernd zu fragen, was ich von seiner Konkubine hielte, ob ich mir nicht auch eine Frau wie sie an meine Seite wünschte.
Zephon war eigentlich der einzige Bruder, den ich wirklich abgrundtief hasste. Mit den anderen hatte ich mich arrangiert, so gut es eben ging, doch ich war es leid, ständig in ihrem Schatten zu stehen.

~Yasmins Sicht~
Dieser Tag, der für mich eine solch schicksalhafte Bedeutung haben sollte, begann eigentlich wie jeder andere. Ich stand auf, weil ich meinen Vater im Treppenhaus nach mir brüllen hörte. Noch immer schlaftrunken zog ich mein Kleid an, ein einfaches, reizloses Baumwollkleid, dass die Farbe von verfaultem Fleisch hatte, und rannte die Treppe runter, dreimal fast stolpernd, bis ich schlitternd vor meinem Erzeuger zum Stehen kam und atemlos fragte:,,Was kann ich für dich tun, Vater?"
Es geschah genau so, wie ich es erwartet hatte: Er packte mich an den Haaren und schleifte mich in die Küche. ,,Na los, du kleines Hurenstück, mach mir was zu essen, ich hab Hunger!"
Ich hielt die Tränen zurück, die sich vor Schmerz in meinen Augen bildeten. Mein Vater war schon immer so gewesen, doch seit meine Mutter fortgelaufen war, war es unerträglich. Außerdem bezweifelte ich, dass meine Mutter WIRKLICH geflohen war. Denn seit sie nicht mehr da war, ließ mein Vater mich nicht mehr in die Besenkammer.
Seufzend, und noch immer mit schmerzender Kopfhaut, machte ich mich daran, alles noch übrige an Nahrung für meinen Erzeuger zusammenzusammeln. Es würde, wie so oft, nichts für mich übrig bleiben. Hätte ich doch nur den Mut gehabt, wegzulaufen...

~Melchiahs Sicht~
Der Geruch von Verwesung lag mir in der Nase, und ich musste beinahe würgen. Ich musste fort, nur für ein paar Stunden, damit meine Gedanken wieder ein wenig zur Ruhe kommen konnten.
Genau das sagte ich auch meinem Erstgeborenen, Aron, als er mich fragte, wohin ich zu gehen gedachte. ,,Ich werde jagen gehen", fügte ich noch hinzu, was ihn veranlasste, keine weiteren Fragen zu stellen. Eine der Eigenschaften, die ich an ihm sehr schätzte: Er wusste, wann er genug gefragt hatte.
Als ich das Clangebiet der Melchiahim verließ, atmete ich wieder etwas freier, wobei es schon an sich merkwürdig war, dass ich als Vampir überhaupt atmen MUSSTE.
Doch schon allein der Anblick des Waldes vor mir stimmte mich der Welt gegenüber versöhnlich. Für meine Liebe zur Natur hatte ich von Zephon schon so manchen abwertenden Spitznamen bekommen, wie "Blumenkind" und dergleichen. Seis drum, ich fühlte mich im Wald einfach wesentlich wohler als auf dem Friedhof, den zu bewohnen ich gezwungen war.
Ich lief dem süßen Duft von Tannennadeln entgegen.

~Yasmins Sicht~
Als ich das Haus verließ, gab ich als Entschuldigung an, Einkaufen zu gehen. Das stimmte nur zum Teil, denn eigentlich wollte ich in den Wald gehen, um der blinden und sinnlosen Wut meines Vaters für eine Weile zu entkommen.
Er hatte schon wieder die glühende Asche seiner Pfeife auf meinen Arm geschüttet, als ich nicht aufgepasst hatte. Ich betastete den rötlichen Brandfleck an meinem linken Unterarm und verzog bei dem Schmerz kurz das Gesicht. Eigentlich hätte ich besser aufpassen müssen. Er hatte schon immer ein perverses Vergnügen dabei empfunden, meine Mutter oder mich zu verletzen und zu demütigen. Doch ich hatte nicht den Mut, fortzulaufen, denn das Leben unter einem männlichen Vormund, so hart es auch war, bot auch einen gewissen Schutz. Eine alleinstehende Frau ohne diesen Schutz wäre leichte Beute für Wegelagerer, Banditen und allerlei Gesindel, das nur auf solch eine Gelegenheit wartete. Da war sogar die Alternative, als Nahrung für die Vampire, die Nosgoth seit fast tausend Jahren beherrschten, zu enden, noch verlockender. Vampire würden eine Frau wenigstens nicht vergewaltigen, bevor sie sie töteten.
Vor der Zeit Kains wäre ein Schurke wie mein Vater sicher vor Gericht gezerrt und hingerichtet worden, doch jetzt, wo die menschliche Rasse immer mehr auf ihre Grundbedürfnisse reduziert wurde... wer würde sich um das Schicksal einer einzelnen Frau scheren? Niemand war heutigen Tags mehr glücklich. Die Vampire hatten alles Glück aus den Menschen gesogen, wie sie unser Blut aus unseren Adern sogen.
Doch all diese schwermütigen Gedanken vergaß ich, als ich den Wald betrat und mir der Duft von Kiefernnadeln um die Nase wehte.
Berauscht von diesem nur zu willkommenen Duft rannte ich los.

~Melchiahs Sicht~
Ich war schon ein paar Stunden durch den Wald gegangen, vollkommen in Gedanken versunken und nicht auf meinen Weg achtend, während mir immer wieder recht poetische Worte über das Grün der Blätter und Nadeln an den Bäumen in den Sinn kamen. Es war vielleicht, vor allem für einen Vampir, keine besonders nützliche Eigenschaft, aber dennoch war ich Stolz auf mein lyrisches Talent. Manchmal fragte ich mich, ob ich in meinem Leben als Mensch vielleicht Dichter gewesen war.
Allerdings hatte ich, wie bereits erwähnt, den Weg, den ich beschritt, nicht im Blick, weswegen mich plötzlich etwas ziemlich Großes mit einer derartigen Wucht traf, dass es mich zu Boden fegte.
,,Oh du meine Güte! Entschuldigung, ich habe dich nicht gesehen!", entschuldigte sich eine helle Frauenstimme. Es war tatsächlich eine junge Frau, die da in mich reingelaufen war. Sie hatte lange, rote Haare, die selbst in dem durch die dichten Wolken und das über uns rauschende Blätterdach stark gedämpften Sonnenlicht wie eine frisch geprägte Kupfermünze glänzten. Als sie den Kopf hob, sah ich eine feine, schmale Narbe senkrecht über ihre linke Wange verlaufen, ein, zwei Zentimeter unter dem linken Auge beginnend und sich dann an der weichen Haut ihres Halses verlierend.
Sie schien erst nicht zu begreifen, wer, oder besser gesagt WAS ich war.
Die Frau stand auf und reichte mir ihre Hand, die mit Brandnarben übersäht war. ,,Bist du verletzt? Da, ich helfe dir auf..."
Ich ließ mich von ihr hochziehen. Für eine so zierliche Person besaß sie wirklich erstaunliche Kräfte, und trotz der Narbe in ihrem Gesicht war sie schön. Als sie mich komplett sah, mit dem Clanbanner an der Schulter, und die Klauen bemerkte, die ihre zierlichen Finger umschlossen, schoss sie zurück. ,,L-l-lord Melchiah, v-v-vergebt mir, ich w-w-wusste nicht, wer vor mir steht!" Typisch. Nun wirkte sie entsetzt, vollkommen verängstigt. Ich hob beschwichtigend die Hände. ,,Hab keine Angst. Ich selbst war viel zu sehr in Gedanken versunken. Das hätte mir auch passieren können."
Sie senkte den Blick und ich konnte sehen, wie sie zitterte. Doch diese geheimnisvolle Fremde hatte mein Interesse geweckt. ,,Wie ist dein Name?
,,Y-y-yasmin, H-herr."
Ich musste lächeln. Yasminblüten waren meine Lieblingsblumen.

~Yasmins Sicht~
Wieso musste sowas eigentlich immer nur mir passieren? Da passte ich ein einziges Mal nicht auf und schon kollidierte ich mit einem Vampir! Und nicht mit irgendeinem Vampir, sondern gleich mit einem Clanführer!
Ich schloss bereits mit meinem Leben ab, doch Melchiah schien mich nicht töten zu wollen. Er schien nicht einmal wütend zu sein.
Ohne es zu wollen betrachtete ich mein Gegenüber eingehender. In vielen Geschichten werden Vampire als unglaublich anziehend, feingliedrig und hübsch bezeichnet. Zwar fand ich Melchiah auf eine merkwürdige Art und Weise anziehend, doch er war weder feingliedrig, noch besonders hübsch. Er hatte einen recht breiten, bulligen Körperbau und einen Stiernacken, war groß und sehr muskulös. Vielleicht wäre er einigermaßen gutaussehend gewesen, wären nicht diese rissige, zerstörte Haut und die vielen Nähte in seinem Gesicht gewesen. Seine Augen waren durchdringend, wirkten aber auch ein wenig verträumt, und waren von einem leicht verwaschen wirkenden Gelb.
,,...min? Yasmin?"
Ich schreckte auf. ,,J-ja, H-herr?"
,,Ich habe dich gerade gefragt, was du ganz alleine im Wald machst. Das kann gefährlich sein, vor allem für schöne junge Frauen wie dich..."
Ich weiß nicht, was genau mich in diesem Moment erröten ließ: Das Kompliment oder dass er mich auf meine Unbedarftheit ansprach. Also beschränkte ich mich darauf, ihm zu antworten:,,Ich habe zuhause einige... Probleme und wollte einfach wieder frei durchatmen können."
Zu meiner größten Überraschung nickte der Vampir mitfühlend. ,,Das kenne ich nur zu gut. Ich habe auch-... aber das wird dich vermutlich nicht interessieren."
,,Ich erzähle Euch auch von meinen Problemen, wenn Ihr mir von Euren erzählt!", rutschte es mir raus. Ich fügte schnell hinzu:,,Uh... nur wenn Ihr Interesse daran habt, natürlich."
,,Nur unter einer Bedingung... Sprich nicht so höflich mit mir und nenn mich einfach Melchiah." Ich weiß nicht, warum er mir so offen seine Freundschaft anbot, und er selbst schien es auch nicht zu wissen. Doch etwas in mir drängte mich dazu, sie anzunehmen.
,,Es ist ein Geschenk", sagte eine Stimme in mir. ,,Es wäre ziemlich dumm, es nicht anzunehmen..."
,,Wie du wünschst... Melchiah."
Er legte mir eine Hand auf die Schulter und lächelte. ,,Dann begleite mich doch bitte ein Stück, Yasmin. Im Gehen redet es sich immer leichter."

~Melchiahs Sicht~
Ich wusste nicht, was mich dazu bewogen hatte, Yasmin mental derart nahe zu kommen, doch sie gefiel mir. Sie war... anders.
Und mit der Narbe im Gesicht war sie mir auf angenehme Art ähnlich. Ich brannte darauf, zu erfahren, woher sie sie hatte, wer es gewagt hatte, ihr schönes Gesicht zu verunzieren, und sie damit direkt in meine Arme getrieben hatte. Denn ich war davon überzeugt, dass die Narbe und ihre häuslichen Probleme direkt zusammenhingen.
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, sehr nahe beieinander, doch nicht nahe genug, um einander zu berühren. Ich hatte einen Schauer durch ihren zarten Körper rieseln gespürt, als ich ihr meine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Dann begann sie zögernd zu sprechen:,,Weißt du, mein Vater... er ist Schmied im Dorf, hat aber schon lange nicht mehr selbst gearbeitet, sondern lässt seinen Gesellen alles erledigen... sagen wir mal, mein Vater ist etwas... 'schwierig' im Umgang."
Diese Geschichte hatte den unangenehmen Beigeschmack eines Klischees. Eine Tochter, die von ihrem Vater misshandelt wurde. Trotz dieses ironischen Gedanken hatte ich das starke Bedürfnis, ihr tröstend meinen Arm um die schmalen Schulter zu legen. Doch sicher hätte sie sich bei der Berührung meiner rissigen Haut alles andere als getröstet gefühlt. Eher angewidert.
,,Also verletzt er dich?"
,,..."
Ich hielt Yasmin in plötzlicher Erregung am Arm fest, sodass sie stehen blieb, und fuhr mit einem Finger die Narbe in ihrem Gesicht nach. ,,War er das?", flüsterte ich rauh.
In diesem Moment stiegen ihr Tränen in die Augen. ,,I-ich..."
Meine Reaktion tat mir leid. Wie sehr es sie verängstigt haben musste, mich so zu sehen. Abprubt ließ ich sie los. ,,Vergib mir..."
,,Melchiah..." Ihre Stimme war noch tränenerstickt. Dann kam sie mir so nahe, dass ich ihren warmen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. ,,Er hat mich nicht nur in meinem Gesicht verletzt... Überall... einfach überall habe ich Narben, weil er seine Wut an mir auslässt." Schon lag sie schluchzend in meinen Armen. Mir wurde das untote Herz bleischwer, als ich sie so sah. Wie gering mir meine Probleme nun erschienen! Nein, meine Probleme waren nicht gering, doch von anderer Natur als ihre.
Sie schreckte nicht zurück, selbst als sie die Löcher in meiner Haut spürte. Sie lehnte sich an mich, bis ihr Schluchzen langsam verebbte und ihre Tränen zu fließen aufhörten. Ihre Stimme klang heiser, als sie sagte:,,Ich will nicht dorthin zurück, Melchiah."
Und ich versicherte ihr:,,Das musst du nicht." Sie wich nicht zurück, als ich sie küsste.
Unsere Liebe hatte nur eine Stunde gebraucht, um entdeckt zu werden. Und innerlich freute ich mich schon auf den Augenblick, in dem ich Yasmin meinen Brüdern als meine Geliebte vorstellen würde.

~Yasmins Sicht~
Mein Herz setzte einen Schlag aus, als Melchiah sich über mich beugte und seine Lippen sich sanft auf meine legten. Ich klammerte mich an ihn wie eine Ertrinkende, während neue Tränen meine Augen fluteten. Es war, als wäre hätte ich einen lange verlorenen Teil meiner Seele wiedergefunden. Und etwas in mir sagte, dass ich mein ganzes Leben nur nach Melchiah gesucht hatte. Es lag eine merkwürdige Vertrautheit in der Art, wie er mich festhielt. In meinen Gedanken echote nur eine Frage:,,Wo bist du nur so lange gewesen? Warum bist du nicht schon früher gekommen, um mich zu holen?"
Sobald er sich von mir gelöst hatte, trocknete er mit seinem Clanbanner meine tränennassen Wangen. Ich sah die Löcher in seiner Haut, den darunter liegenden Verfall, doch es kümmerte mich nicht. Er war ein Teil von mir, und wenn dieser Teil äußerliche Makel hatte, dann sollte es eben so sein. Ich fuhr mit den Fingerspitzen die Nähte entlang, die seine Haut zusammenhielten.
Melchiah deutete meinen Blick falsch und flüsterte:,,Wie abstoßend dir dies alles doch erscheinen muss..."
,,Nicht doch", widersprach ich und lehnte meine Stirn an seine, wofür ich seinen Kopf zu mir herunter ziehen musste. ,,Du bist nicht abstoßend."
Seine Augen leuchteten auf und er hielt mich noch fester. ,,Ich hätte nie gedacht, etwas Derartiges empfinden zu können... Selbst jetzt bin ich nicht sicher, ob ich nicht nur träume."
,,Dann ist es ein Traum, aus dem ich nicht erwachen will", antwortete ich inbrünstig, nur um wieder in Tränen auszubrechen. ,,Oh Melchiah, es ist, als hätte ich auf dich gewartet, mein Leben lang und darüber hinaus. Wieso finden wir uns erst jetzt?"
Er sah mir tief in die Augen. ,,Ich wünschte auch, wir wären einander viel früher begegnet... Doch es ist nicht zu ändern. Sein wir lieber dankbar, dass wir endlich zueinander gefunden haben."
Ich konnte ihm nur zustimmen.