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Cycle 1.0

GeschichteDrama, Tragödie / P18 / MaleSlash
Emma Ludbrook Jared Leto OC (Own Character) Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
13.05.2012
01.07.2020
66
127.793
4
Alle Kapitel
208 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.10.2017 2.234
 
So...
das erste Kapitel aus Jareds Sicht, dass ganz offiziell ich geschrieben habe. ich hoffe, ihr könnt mit dem Ergebnis leben?

LG
Amy

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Chapter Fifty-Nine (Jared PoV)



Jons verzweifelte Rufe hallen noch in meinem Kopf wider, als ich längst wieder im Studio sitze, aber ich habe jetzt weder Zeit, noch die Nerven, mich damit zu befassen. Also bitte ich Tomo kurzerhand, den Track, den wir gerade sicher zum dreißigsten Mal durchgehen, lauter zu drehen. Ich will das nicht hören. Nicht die Musik, die so verdammt flach und nichtssagend klingt, dass mir davon übel wird, nicht Jons Stimme und schon gar nicht das fieberhafte Hämmern gegen die Tür. Eigentlich will ich überhaupt nicht hier sein, so sehr hat mir der unerfreuliche Zusammenstoß auf der Treppe die Laune verhagelt.

Dabei liebe ich die Studioarbeit wirklich. Beinahe nichts macht mich glücklicher, als an Zeilen, Strophen und Bridges herumzuschrauben, bis sie perfekt sind; mich treiben zu lassen und in der Musik zu versinken. Normalerweise hilft mir das ungemein, runter zu kommen und lenkt mich ab von allem, was in diesem Alptraum zu dem mein sogenanntes Leben mutiert ist, schief läuft. Dazu brauche ich allerdings wenigstens ein Mindestmaß an Frieden – und so seltsam das klingt wenn man sich einen typischen Studiotag vorstellt - Zurückgezogenheit. Mein Haus steht ja nicht ohne Grund so weit ab vom Schuss. Doch genau das, nämlich Frieden und Zurückgezogenheit, finde ich hier momentan so gar nicht. Dafür haben wir Debatten, Meinungsverschiedenheiten und handfeste Streits im Übermaß. Gefühlt kann ich nicht einmal eine halbe verfickte Zeile einsingen, ohne dass ich dabei unterbrochen werde. Nicht von meinen eigenen Leuten, natürlich. Aber die unvermeidliche, täglich anwesende Delegation von EMI kennt da nichts. Vorgeblich, um sicherzustellen, dass ich mich an ihre eng gesteckten Vorgaben halte. Wir alle sind allerdings ziemlich sicher, es ist die pure Schikane. Ablehnen könnte unser sauberes Label einen Track schließlich immer noch nachdem er fertig ist. Aber nein. Sie sorgen lieber mit Hilfe hoch bezahlter Manager, die sicher nie in ihrem Leben ein Tonstudio von innen gesehen haben, dafür, dass es so weit gar nicht erst kommt.

„Ich weiß nicht, Jay“, schnarrt es da auch prompt von links neben mir. „Das ist einfach zu düster. Kein Mensch bezahlt, um sich deprimieren zu lassen, weißt du? Warum schreibst du nicht mal was Fröhlicheres?“

Am liebsten würde ich Mr Namenloser EMI Speichellecker XY – diese Typen sind so austauschbar wie die sogenannte Musik, zu der sie mich – uns – drängen wollen - seine scheinheilige Vernunftsmaske umgehend aus der Visage prügeln. Leider steht das aber auf Grund gewisser Vertragsklauseln nicht zur Debatte, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu lächeln. Eigentlich ist sein saublöder Kommentar nicht einmal eine Erwiderung wert. Schließlich ist es nicht so, als hätte ich den exakt selben Satz nicht schon tausend Mal gehört.

Vielleicht, weil ich aktuell nicht sonderlich viel zu lachen hab? Würde ich am liebsten sagen, lasse es aber. Auf keinen Fall werde ich diesem Pisser Munition liefern oder ihn auch nur merken lassen, wie fertig ich wirklich bin.

„Weil unsere Fans erwarten, dass ich leide“, erkläre ich ihm stattdessen ebenfalls zum gefühlt tausendsten Mal. „Sie erwarten dass ich leide und anschließend das Ruder rumreiße und als Sieger vom Platz gehe. Irgendwelchen abgefuckten, vor Schmalz triefenden Teeniepop würden die mir - und euch - schneller um die Ohren hauen, als ihr Rotstift sagen könnt.“

„Als ob du schmalzigen Teeniepop schreiben könntest“, gluckst Tomo neben mir. „DAS würde ich echt verdammt gern hören.“

Ich bring dich um, eines Tages. Ich schwörs. Denke ich.

Das wirklich allerletzte, das ich gerade brauchen kann, sind Bandmates die mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Dolch in den Rücken rammen.

„Würdest du nicht“, sage ich; und schaffe es sogar so zu klingen, als fände ich das total witzig. Ein Hoch auf die Schauspielschule.

„Seit wann interessiert es dich, was von dir erwartet wird?“, fragt XY ohne den Einwurf meines Gitarristen weiter zu beachten. Dummerweise eine durchaus berechtigte Frage. „Es wäre überhaupt nicht nötig euch so abzustrampeln, wenn du nur nicht so stur wärst, Jay. Wieso fällt es ausgerechnet dir so wahnsinnig schwer über deinen Tellerrand hinaus zu sehen und zu begreifen, dass eine größere Zielgruppe größere Verkäufe bedeutet? Das wiederum bedeutet mehr Geld für alle Beteiligten und mehr Geld bedeutet weniger Sorgen. Warum machst du es uns allen so schwer?“ Er seufzt, so als wäre ich ein uneinsichtiges Kind und er der geduldige Vater, ehe er noch eins drauf setzt: „Ich weiß, mein Boss und du, ihr hattet eure Differenzen, aber wir sind nicht dein Feind. Lass das Vergangene doch einfach vergangen sein und lass uns unsere Energie lieber darauf verwenden ein für uns alle zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.“

„Weil…“, beginne ich zähneknirschend „… wir beide etwas sehr unterschiedliches als zufriedenstellend empfinden und ich nicht bereit bin euch auch nur einen Schritt weiter entgegenzukommen. Punkt. Ich bin Künstler und keine Maschine die ihr nach euren Vorstellungen programmieren könnt. Also nehmt was ich euch gebe oder lutscht meinen sprichwörtlichen Schwanz. Klar?“  Wow. Wo kam das denn jetzt her? Egal. Es ist unglaublich befriedigend zu sehen, wie Mr Konzernschlampe erst kreidebleich und dann puterrot wird. „Und jetzt verpiss dich aus meinem Haus, bevor ich meine guten Manieren vergesse. Und sag deinem beschissenen Boss dass ich keinen Bock mehr auf die Innenseiten seines Enddarms hab. Wird er schon kapieren und wenn nicht ist er noch dämlicher als ich dachte“, spucke ich und merke erst, dass ich aufgesprungen bin und schwer atmend mitten im Raum stehe, als mein Bruder – ich liebe ihn – ganz langsam zu applaudieren beginnt.  

„Das wird dir noch leidtun, Leto“, zischt XY dicht neben meinem Ohr. Leise genug, dass nur ich es im aufbrandenden Beifall meines Teams hören kann. Er nimmt seinen Mantel. Sehr ruhig und sehr beherrscht. „Wie ihr wollt“, sagt er lauter. Und „Ich wünsche noch einen produktiven Resttag.“ Damit geht er endlich und um mich herum bricht buchstäblich die Hölle los.

Alles redet durcheinander, Leute lachen und klopfen mir auf die Schulter, gehässige, schadenfrohe Kommentare fliegen hin und her und das alles in einer Lautstärke, gegen die eine durchgedrehte Grundschulklasse klingt wie Meditationsmusik. In unserem kleinen, vollgestopften Studio herrscht plötzlich eine Stimmung wie beim Superbowl. Innerhalb kürzester Zeit werden die ersten Bierflaschen geköpft und Emma hat doch tatsächlich die Flasche Champagner ausgegraben, die schon seit gefühlten Jahren ein ziemlich trauriges Dasein im hintersten Fach des Kaffeeküchenkühlschrankes fristet. Nur mir ist so gar nicht nach Feiern zumute. Wer weiß schon, wie hoch der Preis für diesen kurzen Moment des Triumphs sein wird? Also hole ich meine Jacke und meine Laufschuhe und verdrücke mich so unauffällig wie möglich.  Ich muss irgendwie den Kopf frei bekommen und abwägen, wie viele und welche Stricke mein Boss uns aus dieser Sache wohl drehen kann.

Ganz bewusst verabschiede ich mich von niemandem. Ich will ihnen nicht die Stimmung versauen, nachdem selbige in unserem Refugium über Monate hinweg eher Weltuntergangs- als Pioniercharakter hatte. Nicht, dass ich finde beides schlösse sich vom Prinzip her aus. Aber selbst dem bezahlten Personal merkte man die zunehmende Frustration und Verzweiflung deutlich an, während sie versuchten meinen und den Erwartungen des Labels gleichzeitig gerecht zu werden. Von meinem inneren Kreis, bestehend aus Emma, Tomo und Shannon, gar nicht zu reden.

Und dann ist da noch Jon.

Prompt fühlt es sich an, als greife eine eisige Hand nach meinem Herz und der Schlüssel in meiner Hosentasche wiegt auf einmal so schwer, dass ich mich nach nicht einmal einer Viertelstunde kraftlos gegen den nächsten Baum sinken lasse und mich frage, welcher Teufel mich geritten hat.

Ich brauche weder mein Arbeitszimmer, noch meine Papiere um zu wissen, dass wir pleite sind und was es noch schlimmer macht, ist dass unser Label es auch weiß. Andernfalls hätte ich mich niemals auf diesen beschissenen Deal eingelassen. Doch wir brauchten den verdammten Vorschuss um überhaupt weitermachen zu können. Einen ganzen Stab von Mitarbeitern bezahlt man nicht eben mal aus der privaten Portokasse. Nicht mal ich. Und nicht einmal ich kann alles selber machen.

Wenn EMI uns fallen lässt, sind wir am Ende. Nicht nur, weil mir einfach die Mittel fehlen um allein weiterzumachen sondern auch, weil sie – zu Recht – jeden Penny, den ich ihnen schulde, auf einen Schlag zurückfordern werden und ich habe keine Ahnung, wie ich das verhindern soll.

„FUCK!!!!!“, brülle ich so laut, dass in den umliegenden Bäumen die Vögel auffliegen. „FUCK! FUCK! FUCK!“

Warum muss ich alles kaputtmachen, das ich anfasse? Völlig egal ob es ein Unternehmen oder ein menschliches Wesen ist.

Wieder höre ich Jons Stimme in meinem Kopf immer und immer wieder meinen Namen rufen. Das wird dir noch leidtun, Leto, sagt XY und über Allem liegt das hässliche, kalte Lachen meines Chefs als ich ihn wieder einmal um einen Aufschub bat, weil ich schon bevor wir begonnen haben an diesem Album zu arbeiten wusste, wir haben selbst in einem Best Case Scenario keine Chance die Fristen einzuhalten.

Vermutlich hat er diese ganze Farce nur angeleiert, um mehr gegen uns in der Hand zu haben und mich zur passenden Zeit endgültig fertig zu machen.

Er hasst mich und alles, wofür ich stehe und ich finde es nicht sonderlich weit hergeholt anzunehmen, dass ihm jedes Mittel Recht wäre nur um dafür zu sorgen, dass andere nicht etwa unserem Beispiel folgen und anfangen sich gegen ein System zu wehren, dessen einziger Zweck es ist sich an den Träumen anderer zu bereichern.

Klar sind wir nicht die einzigen, die je dagegen rebelliert haben. Nicht einmal die bekanntesten. Aber wir sind laut.

Wenn ich eins kann, dann ist das PR und ich habe keinerlei Skrupel meine Fähigkeiten zu nutzen. Ich bin bereit für das, was ich glaube durch die Hölle zu gehen und wenn das bedeutet, alles zu verlieren, was ich habe, dann soll es eben so sein. Ich bin früher damit klargekommen und kann es wieder. Das ist nicht wirklich das, was mich nachts nicht schlafen lässt.

Was ich jedoch nicht bereit bin zu opfern sind die Menschen an meiner Seite. Ich bin nicht bereit, meinen Bruder, Tomo, Emma oder auch nur ein einziges, mir weniger nah stehendes Mitglied meines Teams mit in den Abgrund zu reißen.

Also wird mir wohl oder übel nichts anderes übrig bleiben, als auf Knien um Verzeihung zu betteln, wenn ich nicht will, dass wir alle hoch verschuldet auf der Straße landen. Ich könnte kotzen, wenn ich nur daran denke, aber was hab ich schon für eine Wahl? Ich muss irgendwie retten, was noch zu retten ist. Zumal unsere finanzielle Lage so prekär ist, dass ich es mir nicht einmal leisten kann meinen Anwalt um Rat zu fragen. Außerdem bin ich mir ganz und gar nicht sicher, dass er überhaupt noch bereit wäre mit mir zu reden. Sein letztes Schreiben liegt immerhin schon seit Wochen irgendwo unter dem wachsenden Berg unbezahlter Rechnungen auf meinem Schreibtisch. Wahrscheinlich wird er der nächste sein, der mich erst zum Teufel jagt und dann Klage einreicht.

Erst einmal gibt es aber etwas ganz anderes, um das ich mich kümmern muss.

Zähneknirschend zücke ich mein Handy und wappne mich mit einem dicken, fetten, gnadenlos übertriebenen Grinsen, während ich Shannons Kurzwahl drücke.

„Hey Bro“, begrüße ich ihn, als er sich nach dem gefühlt hundertsten Tuten endlich meldet. „Feiert ihr noch?“

Diese Frage ist angesichts des Lärms im Hintergrund zwar so überflüssig, dass es schon lächerlich ist, aber so what? Ich brauche einen möglichst unverfänglichen Aufhänger.

„Ja. Klar. Einfach zu geil deine Ansage. Wir sind stolz auf dich“, informiert er mich, noch immer ganz aufgedreht. „Aber wohin bist du so schnell verschwunden? Plötzlich warst du weg.“

„Musste erst mal den Kopf frei kriegen, sorry“, entschuldige ich mich und bin verdammt zufrieden mit meiner Darbietung. „War mir einfach zu viel Wirbel gerade.“

„Klar, ich weiß. Ist nicht so deins.“ Einen Moment lang ist er still, und ich hoffe inständig, dass er schaltet. „Ein paar von uns haben überlegt noch woanders hinzugehen… wenn du uns nicht mehr brauchst heißt das.“

Ich bin so erleichtert, dass ich heulen könnte. Wenigstens einer bei dem ich nicht betteln muss.

„Klar, macht das“, sage ich so beschwingt ich gerade kann. „Warum nehmt ihr die restlichen Paar nicht auch mit und macht auf Bandkosten einen drauf? Hatten wir schon lange genug nicht mehr.“

Fast befürchte ich, dass das jetzt einen Ticken zu dick aufgetragen war und Shannon misstrauisch wird. Glücklicherweise ist er aber viel zu überdreht, um sich allzu viele Gedanken zu machen.

„Du hast wirklich Ruhe nötig, was?“, erkundigt er sich nur, erwartet aber offensichtlich keine Antwort darauf, denn er fährt ohne nennenswerte Unterbrechung fort: „Ist kein Ding. Ich denke in einer halben Stunde hast du sturmfrei.“

„Danke, Shan“, gebe ich zutiefst erleichtert zurück.

„Kein Problem.“

„Ach und Shan?“, fange ich noch einmal an, als er schon auflegen will.

„Ja?“

„Sag Tomo, Jonny braucht er gar nicht zu fragen. Der wird sicher nicht mit wollen. Außerdem habe ich was mit ihm zu bereden und dabei wäre mir ein leeres Haus am liebsten.“

Das Herz schlägt mir bis zum Hals dabei. Unser Kroate wird mich kalt lächelnd ermorden wenn er mitbekommt, dass ich seinen Kumpel weggesperrt hab. Da wird mich all seine Loyalität nicht retten.

„Klar“, stimmt mein Bruder zu, klingt aber allein bei der Erwähnung meines Mitbewohners verstimmt. „Sag ich ihm.“

„Danke. Wir sehen uns dann morgen früh zum Apell“, scherze ich lahm.

Nur um klar zu stellen, dass ich nicht vorhabe einen Tag ungeplant frei zu machen.

„Alles klar. Bis morgen dann“, verabschiedet Shannon sich knapp, begierig darauf endlich loszuziehen.
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