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Cycle 1.0

GeschichteDrama, Tragödie / P18 / MaleSlash
Emma Ludbrook Jared Leto OC (Own Character) Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
13.05.2012
01.07.2020
66
127.793
4
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208 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
13.05.2012 2.092
 
Hallo,

erstmal danke an Uni und hator für eure Reviews :)
Gehtdann doch etwas schneller als gedacht. Zumal ich noch nicht weiß wie wir es nächste woche hinkriegen da wir beide viel stress haben werden.

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Chapter Six

Ich liege in der heißen Badewanne und mir ist immer noch kalt. Ich muss wirklich unterkühlt sein.
Ich sehe den Dampf von der Wasseroberfläche aufsteigen, der große Spiegel ist längst völlig beschlagen, obwohl es ziemlich warm hier drin ist. Mein Retter friert wohl schnell. Gegen die eisige Luft draußen ist es in seiner Suite so heiß, als betrete man einen Backofen.
Ich fühle mich angenehm benebelt, aber ob das nun eine Nachwirkung der Unterkühlung, der Übermüdung oder des Schocks ist, weiß ich nicht. Vielleicht hat Jared mir auch irgendwas in den Tee gekippt? Ich traue ihm ganz und gar nicht. Er sieht aus wie jemand, der bekommt, was er will, koste es was es wolle. Warum hätte er mich hierher bringen sollen, wenn er sich davon nicht irgendetwas verspricht? Ich bin sicher, er erwartet irgendeine Gegenleistung von mir. Und ich habe absolut nichts, was ich ihm geben könnte – was ihm durchaus bewusst ist.  Außerdem muss ihm aufgefallen sein, dass seine Berührungen eine Qual für mich sind. Ich weiß, dass er mir nur helfen wollte. Ohne ihn wäre ich niemals mehr von diesem Boden hochgekommen. Aber das macht es nicht besser. Normalerweise merkt man mir das nicht an – immerhin habe ich mich von einer Menge Leuten anfassen lassen und ihnen dabei das Gefühl vermittelt, es würde mir gefallen. Ich schreibe es meiner Erschöpfung und meiner allgemein miesen Verfassung zu, dass ich mich im Moment nicht im Griff habe.
Ergo ist es gar nicht so abwegig, dass er zu solchen Mitteln greift. Sollte er es noch nicht getan haben, kommt das sicher noch. Was bin ich doch für ein naiver Vollidiot, dass ich mich von ihm und seiner einnehmenden Art habe einlullen lassen. Solche wie er sind besonders gefährlich – du willst ihnen vertrauen. Du willst nur zu gerne glauben, dass sie dir völlig selbstlos helfen wollen, weil sie gute Menschen sind. Und bevor du es merkst, hast du all deine Prinzipien missachtet und sitzt auf einem schicken Sofa in einer schicken Suite mit einem Getränk in der Hand, das du dir nicht  selbst besorgt hast. Dumm .. einfach nur dumm und naiv. Ich sollte zusehen, dass ich hier schnellstens wegkomme. Aber meine Glieder sind so schwer, als wären sie aus Blei. Und das Wasser ist so schön warm. Aus dem Wohnzimmer dringen gedämpft ein paar Gitarrenakkorde an mein Ohr. Jared übt, er hat mir auf dem Weg hierher erzählt, dass er das täglich macht, scheinbar auch mitten in der Nacht. Er ist diszipliniert, das muss man ihm lassen. Er hat sich verspielt und beginnt die Melodie nochmal von vorne. Und noch einmal, und noch einmal. Bis jeder Griff perfekt sitzt. Ich meine, die Klangfolge schon mal irgendwo gehört zu haben, sicher bin ich mir aber nicht. Ich höre kaum Musik und wenn ich es doch tue, dann nur als Mittel zum Zweck. Einzige Ausnahme ist das Auto fahren. Dabei habe ich immer das Radio an, man will ja auf dem Laufenden sein.
Wie abgebrüht kann ein Mensch sein? Ich sehe ihn förmlich vor meinem geistigen Auge, wie er auf dem Sofa sitzt, die Gitarre in der Hand und in aller Seelenruhe seine Songs übt, als könne er kein Wässerchen trüben, während ich in seiner Wanne liege, kaum fähig auch nur einen Finger zu rühren und mich frage, wie viel Gnadenfrist er mir wohl einräumt, bis er sein wahres Gesicht zeigt.
Er und seine verdammte Gitarre. Sein Geklimper ist so beruhigend und ich bin so unendlich müde,  dass ich kaum noch die Augen offen halten kann.

Ich muss wohl kurz eingeschlafen sein. Jedenfalls zucke ich so heftig zusammen, dass ich fast ins Rutschen komme in dieser nicht unbedingt kleinen Luxuswanne. Einen kurzen Moment lang weiß ich nicht, wo ich bin oder warum – bis die Ereignisse der letzten Zeit mit vielfacher Intensität auf mich einprasseln. Beinahe hätte ich unwillkürlich aufgestöhnt. Mühsam zwinge ich meine unkooperativen Muskeln dazu, meinen Körper aus der Wanne zu hieven. Jede Bewegung ist eine Qual, alles ist zu schwer. Als ich es endlich geschafft habe mich abzutrocknen und mich in die Klamotten zu winden, die Jared mir rausgelegt hat bin ich völlig fertig. Meine eigenen Sachen wären mir lieber gewesen – ich muss hier weg – sofort. Aber ich denke ein Shirt, eine Jogginghose, ein Pulli und ein paar Socken weniger machen ihn wahrscheinlich nicht arm. Ich hoffe, er bemerkt nicht, dass ich mich aus dem Staub mache. Da mein Gastgeber aber immer noch unaufhörlich denselben Song spielt, sind meine Chancen ungesehen an ihm vorbeizukommen ziemlich gut.
Annähernd lautlos öffne ich die Badezimmertür und versuche auszumachen, wo er sich befindet. Wie ich vermutet hatte, sitzt er auf der Couch und scheint mich gar nicht zu bemerken. Gut! Ich will gerade in Richtung Zimmertür schleichen, als mein Herz ein paar Schläge aussetzt. Neben ihm  auf der Rückenlehne hängt mein verdammter Parka. Wieso habe ich vergessen, dass ich ihn da vorhin achtlos hingeworfen habe? Suchend sehe ich mich um – nein, er hat keine Jacke hier herumliegen, die ich anziehen könnte. Fuck! Ohne Jacke und in Jogginghose wieder raus in die klirrende Kälte? Das bringe ich nicht fertig. Aber irgendwann muss dieser Typ doch mal müde werden. Also ergreife ich die Flucht nach vorne und lasse mich möglichst weit von ihm entfernt in einen Sessel fallen. Immer noch beachtet er mich gar nicht. Sein Gesichtsausdruck ist hoch konzentriert. Er sitzt im Schneidersitz, die Gitarre auf dem Schoß. Seinen Kapuzenpulli, den er eben noch an hatte, hat er gegen ein weißes, zerrissenes T-Shirt mit schwarzem Druck eingetauscht. Seine langen Haare fallen ihm ins Gesicht, doch das scheint ihn gar nicht zu stören. Die Farbe ist merkwürdig braun, wie meine, aber er hat eine dicke blond gefärbte Strähne im Deckhaar, während sein Unterhaar in einem verblichenen Rotton schimmert. Scheinbar müsste er dringend mal wieder zum Friseur. Seine ganze Erscheinung passt so überhaupt nicht in dieses edle Ambiente. Eigentlich müsste er hier total deplatziert wirken, aber das tut er nicht. Es ist schwierig sein Alter zu schätzen. Ich tippe auf Mitte, Ende 20. Wieder einmal frage ich mich, wie er sich das alles hier leisten kann. Das hier ist einer der Läden in dem Politiker, Wirtschaftsbosse oder Popstars wohnen. Aber danach sieht er so gar nicht aus – eher wie ein Student. Oder jemand, der sich irgendwie von Job zu Job und von Ort zu Ort hangelt – ständig darauf bedacht, sich bloß nirgends anbinden zu lassen. Er erinnert mich an mich selbst, bevor ich gelernt habe, dass es immer nur ums Fressen oder Gefressen werden geht. Vielleicht ist er ja Sohn von Beruf. Aber sein Verhalten passt nicht dazu, auch nicht zu einem so jungen Menschen. Ich kann ihn  einfach nicht einschätzen und das macht mir Angst. Er verrät nichts über sich und das akzeptiere ich, schließlich tue ich das Gleiche. Aber er kommt mir vor wie ein Mann mit einer Geschichte.

Gerade als ich mich beginne zu fragen, wie oft er diesen Song heute wohl noch spielen will, fängt er an leise zu singen. Ich kenne dieses verdammte Lied doch? Das ist mir vorhin schon aufgefallen, aber ich kann es einfach nicht zuordnen. Er ist total versunken und wird immer lauter und lauter. Er ist wirklich gut. Und als er das 2. Mal beim Refrain angekommen ist, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
Normalerweise behalte ich Songs, die ich im Hintergrund im Radio höre, nie. Aber dieser hier hat merkwürdigerweise irgendwas ausgelöst. Das Verbundenheitsgefühl war so stark, dass ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten das Autoradio lauter gedreht habe. Um bloß nichts zu verpassen. Es war beinahe, als besänge er mein Leben. Es war einer der wenigen und schwachen Momente, die ich mir überhaupt gestatte, wobei, was heißt gestatten? Ich konnte mich einfach nicht wehren gegen den Berg an Gefühlen, die dort auf diesem Highway plötzlich über mich hereinbrachen – so intensiv, dass ich rechts ranfahren musste, weil ich Angst hatte, vielleicht einen Unfall zu bauen. Auch jetzt ist die Wirkung wieder durchschlagend.
Meine Hände zittern zum Erbarmen. Ich verschränke meine Arme vor der Brust und versuche mich wieder in den Griff zu bekommen. Ich kann es mir absolut nicht leisten, Jared merken zu lassen, was er gerade auslöst.
Hat er diesen Song etwa geschrieben? Ich bin mir ganz sicher, dass seine Stimme dieselbe ist, die ich im Radio gehört habe. Ich höre denselben Schmerz in ihrem Klang, dasselbe Leid – ehrlich und wahrhaftig. Es sind seine Worte, sein Leben, seine Ängste, die mich auch jetzt wieder so berühren, dass ich spüre, wie eine einzelne Träne über meine Wange rinnt. Ungeduldig wische ich sie weg und fahre mir in derselben Bewegung durch die Haare. Ich will ihn nicht mögen – ich traue ihm nicht. Und ich weiß nur zu gut, dass gerade Menschen, die zutiefst verletzt wurden, die grausamsten Peiniger sein können. Er darf meine Schwäche nicht sehen. Er soll nichts wissen von dem Wesen hinter meiner hart erkämpften stählernen Maske. Wenn ich schwach bin, wird er zuschlagen, so nett und freundlich er sich auch gibt. Ich darf ihm keine Gelegenheit mehr geben mir etwas anzutun. Mich einzuwickeln. Ich habe mich schon viel zu sehr gehen lassen. Was glaube ich, was ich hier mache? Glaube ich etwa, er könnte jemals mein Freund sein? Er könnte irgendein Interesse an mir haben, von meinem Körper mal abgesehen? Nein – ich muss hier weg. Ich hoffe, er wird einfach irgendwann schlafen gehen – zu müde, um noch irgendwelche Annäherungs- oder sogar Überwältigungsversuche zu starten. Ich hoffe es für ihn, denn ich will ihm nicht weh tun. Ich hoffe, er setzt mich einfach vor die Tür. Wenn nicht – nun ich bin sicher, er hat irgendwo eine Brieftasche und Bargeld. Ich werde mitnehmen, was ich kriegen kann und dann schnellstens aus dieser Stadt verschwinden. Vielleicht kann ich weit genug weglaufen, dass sie mich nicht finden, falls nicht... nun .. Brücken zum runterspringen gibt es auch woanders. Ja, er hat mir einen Ausweg geboten, ja, er hat mir geholfen, als ich ganz am Ende war, ohne etwas dafür einzufordern – bis jetzt. Es ist nicht fair, dass ich ihm das danke, indem ich ihn beklaue. Aber was soll ich sagen? Das Leben ist eben nicht fair. Immer noch zittere ich am ganzen Körper und es ärgert mich, dass er mich so sieht. Aber meine Sorge, er könnte es bemerken, ist völlig unbegründet, so sehr ist er gerade in seiner eigenen Welt versunken.
Weint er etwa? Seine langen Haare versperren mir den Blick auf sein Gesicht, aber ich höre es in seiner Stimme. Seine Fassade aus Coolness und Liebenswürdigkeit beginnt vor meinen Augen zu bröckeln, bis nur noch eine Ruine übrig bleibt. Geborsten und ausgebrannt. Ich bin fassungslos.
Was immer er auch versucht darzustellen, er ist genauso gebrochen und unglücklich wie ich. Schweigend warte ich ab, bis er sich wieder etwas gefangen hat. Plötzlich hebt er den Kopf und schaut mir direkt in die Augen. Seine Augen sehen wirklich aus wie Sturmwolken. Blaugrau, viel dunkler als meine und voller Licht und Schatten.
„So, jetzt weißt du, dass ich nicht immer nur der harte Rockstar bin. Was hält dich noch hier? Wenn du willst,  nimm dir deinen Parka, Geld und sonst was und verschwinde, all das bedeutet mir nichts. Falls du warten wolltest, bis ich schlafe - schenk dir die Mühe, ich hab seit Tagen schon nicht mehr geschlafen und wenn, dann nur schlecht. Warum sehe ich wohl aus wie ein Zombie? Es gab Zeiten, in denen ging es mir so wie dir. Das habe ich nicht vergessen. Ruhm und Geld sind vergänglich, doch Erinnerungen bleiben.  Falls du dich doch dazu entscheiden solltest, hierzubleiben, dann lass dir gesagt sein, dass ich nichts von dir fordere und dich auch nicht anfassen werde. Ich sehe, wie du meine Nähe meidest und das respektiere ich.  Bleib solange du willst oder verschwinde. Das alles geht mich nichts an. Dennoch würde ich gerne deine Geschichte hören und werde dir dafür meine erzählen, wenn du bereit dafür bist.“, flüstert er.

Wow, er hat mich gerade völlig aus der Fassung gebracht. Kann man wirklich so leicht in mir lesen? Die Versuchung, meinem übermächtigen Fluchtinstinkt nachzugeben und zu tun, was er mir gesagt hat, ist groß. Aber ich will ihn auch nicht so alleine lassen. Ich weiß nicht, ob er die Wahrheit sagt, oder ob er einfach nur ein guter Schauspieler ist, aber aus irgendeinem Grund glaube ich ihm sogar.
„Warum?“, frage ich ihn also einfach.

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