Forbidden Knowledge

KurzgeschichteDrama, Angst / P16
Christopher Carrion Mater Motley
12.05.2012
12.05.2012
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Christopher Carrion saß auf dem Fensterbrett seiner Kammer, hoch oben auf dem Turm der Insel Gorgossium, der Mitternachtsstunde. Der rote Nebelschleier verhüllte den Sternenhimmel heute noch stärker als sonst, und der junge Prinz konnte kaum einen Blick auf die gleißenden, kleinen Lichter werfen, die er an diesen Tagen der Einsamkeit doch so gerne beobachtete.
Er warf einen wütenden Blick auf sein Bücherregal: es war voll gestopft mit Büchern über Astrologie, Magie und anderer Dinge, die ihn für gewöhnlich brennend interessierten, aber heute konnte er sich weder an ihnen noch an dem flackernden Schein des Kamins erfreuen, der dem kühlen Raum mit Wänden aus Stein ein wenig Wärme verlieh.
Er hatte seit Jahren seine Zeit damit verbracht, diese Schriften zu studieren, und wusste inzwischen bestimmt mehr über sie als jedes andere Wesen in der Inselwelt des Abarat. Hier, in seinem Zimmer, befanden sich nicht nur Schriften, die in anderen Bibliotheken für das gemeine Volk zugänglich waren. Es gab hier auch zahlreiche Bücher, von denen es nur ein einziges Exemplar gab. Unikate, die mehr wert waren als ein ganzes Haus. Bücher voll von dunkler Magie und Hass. Seite um Seite beschrieben mit Flüchen, Zaubern und Bannen, die älter waren als die Felsen, auf denen die fünfundzwanzig Stunden erbaut waren.
Christopher erhob sich und griff nach einem Buch, das er immer sehr geliebt hatte. Es war in dickes, schwarzes Leder eingebunden, und die Runen, die in das Leder eingearbeitet waren, schimmerten in einem matten Goldton. Früher hatten diese Runen wohl noch geglänzt, aber inzwischen war der Umschlag abgegriffen und das Leder war rau. An einigen Ecken krümmte der Einband sich bereits, und die ersten Seiten aus dem dünnen Pergament waren schon gelblich geworden. Einige Flecken waren ebenfalls zu sehen. Egal was für eine Flüssigkeit es gewesen war, die diese Flecken erzeugt hatte, das Papier hatte sich regelrecht mit ihr vollgesogen. Deshalb waren einige Stellen auch kaum lesbar, was Christopher sehr verärgerte.
Dieses Buch, das in der Ursprache der Bewohner Abarats geschrieben war, barg so viele Geheimnisse von großer Bedeutung, dass ein Gelehrter dafür wohl jeden nur erdenklichen Preis bezahlt hätte. Aber es war bereits seit Generationen im Besitz der Familie Carrion, und alle seine Vorfahren hatten aus diesem Buch gelernt. Es war ein Schatz von unschätzbarem Wert.
Christophers Großmutter hatte immerzu behauptet, dass er in diesem Buch alle Antworten auf seine Fragen finden könne, wenn er erst die Alte Sprache beherrsche. Und da das Studium der Ursprache sowieso unverzichtbar war, hatte er ganze drei Jahre dafür aufgebracht, sich nur diesem zu widmen. Drei Jahre, in denen er so viel Sinnvolles hätte lernen können. Jetzt verfluchte er den Tag, an dem er sich dazu hatte breit schlagen lassen.
Zu Beginn hatte er tatsächlich alles in dem Buch gefunden: Magie welche die Sterne auszulöschen vermochte wie die Flamme einer Kerze, Sprüche welche die Finsternis ausbrechen ließen wie eine Seuche und Worte, deren Schrecklichkeit alles übertraf, was ein Mensch sich nur vorstellen kann.
Der junge Carrion hatte all dieses Wissen in sich aufgesogen wie ein Schwamm und hatte die Erwartungen seiner Großmutter sogar noch übertroffen. Inzwischen war er bereits so mächtig, dass er eine ernsthafte Bedrohung für die Tagesstunden darstellte. Es war nur noch eine Frage von kurzer Zeit, und er würde nicht mehr aufzuhalten sein.
Mater Motley selbst, die ihn immerzu sehr kritisch in seiner Entwicklung beobachtet hatte, war zufrieden mit ihrem Enkelsohn. Einmal hatte ihn sogar als „Sturm der Finsternis“ bezeichnet, was den Prinzen doch sehr stolz gemacht hatte. Er erntete nur selten Lob, und diese Worte hatten eine große Zufriedenheit in ihm ausgelöst.
Doch dann hatte Christopher etwas gehört, von dem ihm all seine Bücher nicht zu berichten vermochten. Jede Gestalt auf der Straße munkelte davon, die Dienerschaft flüsterte darüber, und selbst die Wände schienen davon zu flüstern. In seiner Wissbegierde hatte Christopher alle Bücher nach diesem Wort durchsucht, hatte Woche um Woche geforscht, doch in keinem Buch wurde das Wort auch nur erwähnt.
Und weil er nicht nur wissbegierig sondern auch sehr ungeduldig war, hatte es ihn verärgert, nicht herausfinden zu können, was er doch so sehr wissen wollte. Und die dichten, roten Nebelwolken, die ihm die Sicht auf die Sterne verwehrten, trübten seine Laune noch zusätzlich.
In seiner Wut ließ er das doch so wertvolle und einzigartige Buch mit einem verächtlichen Schnauben fallen, stieß es zusätzlich mit dem Fuß in eine Ecke und begann, aufgekratzt im Zimmer auf und ab zu laufen.
Für ihn war es keine Option, nicht heraus zu finden, was er doch so unbedingt wissen wollte. Und so sehr er sich auch den Kopf zerbrach: es gab nur eine Person, die er fragen konnte. Christopher konnte schließlich nicht vor der Dienerschaft die Schwäche zeigen, und jemanden von ihnen um Rat fragen. Er wusste, dass seine Großmutter seinen Wissensdurst mit Wohlwollen ansah; bestimmt würde es sie nicht stören, wenn er sie danach fragte.

Also machte er sich auf dem Weg zu ihr, und versuchte dabei, sich passende Worte zurecht zu legen. Er wusste gut, wo er Mater Motley finden konnte; er machte sich auf den Weg weiter hinauf in den Turm. Die Treppen wanden sich wie ein Schneckenhaus empor, hoch hinauf bis in die Nähstube. Hier arbeitete seine Großmutter bereits seit Christopher denken konnte an einer Armee von Sticklingen. Einer Armee, die sie eines Tages zusammen mit ihm gegen die feindlichen Stunden in den Krieg führen würde. Eines Tages, wenn er älter und stärker war.
Der Prinz klopfte an die schwere Eichentür, öffnete sie und trat ein. Kaum hatte er den Raum betreten ließ er die Türschnalle wieder los, und sie fiel mit einem leisen Knall hinter ihm wieder ins Schloss.
Hier oben war es etwas wärmer als in seinen eigenen Gemächern, und ein reichlich verzierter Teppich, der genauso kreisrund wie der Raum selbst war und ihn komplett ausfüllte, bedeckte den Boden. Er war ein angenehmer Kontrast zu der Kälte des steinernen Bodens, der sonst fast im ganzen Schloss verbreitet war. Auch hier flackerte ein Kamin und warf lange, sich scheinbar stetig verändernde Schatten auf den Boden.
An diesen Ort durfte Christopher nur selten, aber er genoss es jedes Mal, wenn ihm der Zutritt nicht verwehrt wurde. Es war häufig der Fall, dass der Raum bewacht und er zurück in seine Gemächer geschickt wurde. Noch war er zu jung, um von seiner Macht wirklich Gebrauch zu nehmen. Seine Großmutter war nicht nur seine Erzieherin, sondern auch diejenige, die den Ton angab. Wenn sie zusammen mit ihren Näherinnen an den Sticklingen arbeitete, wollte sie nie gestört werden.
Doch heute war sie alleine, und die Tür war unbewacht. Die alte Frau saß an einer Wand in einem riesigen, gepolsterten Lehnstuhl und nähte an etwas, das aussah wie ein Tuch aus vielen, gräulich gefärbten Fetzen. Die Hülle eines neuen Sticklings.
„Christopher. Was führt dich zu mir?“, fragte sie, ohne dabei einen Blick auf ihn zu werfen. Doch der Prinz machte sich daraus nichts; so lief es fast immer ab. Er verbeugte sich knapp vor ihr, ehe er zu sprechen begann.
„Ich suche nach der Antwort auf eine Frage. Aber meine Bücher geben mir keine Auskunft darüber. Ich dachte mir, ich könnte dich um Rat fragen.“, erklärte er. Mater Motley seufzte, nickte aber.
„Nur zu. Wenn ich danach wieder in Ruhe weiter arbeiten kann.“, antwortete sie, der Blick immer noch auf das Tuch gerichtet, das sie mit ungeheuer flinken Nadelstichen bearbeitete.
Christopher lächelte zufrieden; offensichtlich wurde er heute von ihr geduldet. Einen besseren Zeitpunkt hätte er für diese Frage wohl nicht wählen können.
„Alle reden davon, aber ich weiß nicht, was gemeint ist. Und ich wollte nicht, dass jemand aus dem Pöbel hört, dass ich nicht so gut informiert bin wie das gemeine Volk. Deshalb wollte ich wissen, was denn genau nun das ist, was man `Liebe` nennt.“
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da wusste er fast augenblicklich, dass diese Frage keineswegs positiv aufgefasst wurde. Mater Motley hatte schlagartig aufgehört, das Tuch weiter zu bearbeiten, und sah ihn nun direkt an. Ihr Blick war scharf wie ein Messer, und ihre Stirn war in tiefe Falten gelegt. Ein Feuer loderte in ihrem Blick, und es handelte sich dabei keineswegs um das Spiegelbild des Kaminfeuers. Die Nadel lag ruhig in ihrer Hand, ihre Finger waren fest um sie gelegt.
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte sie nach. Ihre Stimme war völlig ruhig, doch der junge Carrion wusste genau, dass sie vor Wut brodelte. Das erkannte er an ihrer gesamten Körpersprache. Doch weil er eben doch noch jung war und nicht genau wusste was er in Kauf nahm, entschloss er sich, seiner Wissbegierde ein zweites Mal nachzugeben.
„Ich habe gefragt, was `Liebe` bedeutet, Großmutter.“, wiederholte er gehorsam und erwiderte den Blick fest. Dennoch machte sich eine gewisse Unruhe in ihm breit, und er machte instinktiv einen winzigen Schritt zurück.
Die Frau umschloss die Nadel in ihrer Hand noch fester, und ohne ihn aus den Augen zu lassen riss sie den Faden über dem Stoff ab, zwirbelte ihn zwischen ihren Fingern und fädelte ihn dann wieder geschickt in die Nadel ein.
„Soso. Nun, dann will ich dir etwas über das Wort `Liebe` verraten.“
Sie erhob sich, und die lange Schleppe ihres Kleides schliff über den Teppich. Sie bewegte sich für ihr Alter erstaunlich leichtfüßig, und das Feuer in ihren Augen schien immer wütender zu werden.
„Dieses...Wort hat in deinem Mund nichts verloren. Wenn du das noch einmal in meiner Gegenwart erwähnst, wirst du hart bestraft werden. Hast du mich verstanden?“, fragte sie, die Stimme immer noch völlig ruhig. Die Nadel in ihrer Hand blitzte im Schein des Feuers auf, und Christopher wich noch einen Schritt zurück. Er versuchte sich von ihrem Blick loszureißen, doch er schaffte es nicht. Ihre Augen schienen ihn mit unsichtbaren Klauen festzuhalten. Für einen Sekundenbruchteil glaubte er, so etwas wie Angst, oder zumindest Unruhe, in ihrem Blick zu erkennen. Doch im nächsten Moment war dieser Funke auch schon wieder verschwunden, und wieder einem gewaltigen Zorn gewichen.
„Andererseits...ich kenne dich, Junge. Du wirst deine Grenzen so oder so testen und das Wort nochmal sagen, um mich zu ärgern. Bisher bist du ja auch noch relativ ungeschoren davongekommen.“, murmelte sie, und ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt.
Christopher begriff rasch, dass er einen heiklen Punkt getroffen hatte. Und obwohl ihn eine gewisse Furcht überkam, hatte er auch zum ersten Mal das Gefühl von Macht. Er hatte seiner Großmutter Angst gemacht. Er wusste zwar nur, dass dieses Wort etwas damit zu tun hatte, aber trotzdem brodelte der Trotz in ihm hoch. Er sah ihr starr in die Augen, holte tief Luft und wagte, was unmöglich erschien.
„Ich will aber wissen, was `Liebe` bedeutet.“, flüsterte er. Mater Motley lächelte, und ihre Augen blitzten mit einer Mischung aus Wut und Belustigung auf.
„Ganz wie du willst, Junge.“
Im nächsten Augenblick fand Christopher sich auf dem Rücken am, Boden liegend wieder. Er war so überrascht, dass er gar nicht reagieren konnte. Und als er sich aufsetzen wollte, schien ihn eine unsichtbare Kraft nach unten zu drücken. Er wollte etwas sagen, doch seine Lippen waren wie zusammengeschweißt. Er begriff, dass seine Großmutter ihn mit einem Zauber belegt haben musste.
Innerlich musste er grinsen; war das denn alles? Wollte sie ihn hier ein paar Stunden liegen lassen? Er musste diesen Gedanken zur Seite schieben, als seine Großmutter plötzlich neben seinem Kopf kniete und die Nadel zückte. Ihr Finger rückte den Faden gerade, dann lächelte er ihn geradezu vernichtend an.
„Du wirst in nächster Zeit rein gar nichts mehr sagen. Als Strafe für das, was du gesagt hast.“, flüsterte sie ihm zu. Dann setzte sie die Nadel an seiner Oberlippe an und stach zu.

Der Schleier aus Tränen, Angst und bodenlosem Schmerz ließ alles um ihn herum verschwimmen. Er konnte nicht sagen, wie lange er da lag und die brennenden Schmerzen über sich ergehen ließ. Jedes Zeitgefühl war verloren gegangen. Er spürte das warme Blut über sein Gesicht sickern und wollte schreien, doch noch immer hielt die Magie ihn festgenagelt und stumm.
Christopher hielt die Augen fest geschlossen, um sich wenigstens vor dem triumphierenden Lächeln auf dem Gesicht seiner Großmutter zu schützen. Der brennende Schmerz ließ ihn fast um den Verstand kommen, während sie ihm Stich für Stich die Lippen zusammennähte.
Nach einer scheinbaren Ewigkeit ließ sie schließlich von ihm ab. Er konnte hören wie sie aufstand und die Nadel mit dem Ärmel abwischte.
„Je nachdem wie ich es will wirst du diese Barriere die nächsten zwei Wochen oder länger tragen. Benimm`dich also besser.“
Mit diesen Worten ließ sie ihn alleine zurück. Er konnte hören, wie die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und setzte sich schlagartig auf, als der Bann brach und er sich wieder bewegen konnte. Nur seine Lippen blieben versiegelt und schmerzten bestialisch. Zitternd hob er eine Hand und wischte sich damit den Schweiß, das Blut und die Tränen aus den Augen. Fast schon trotzig blinzelte er und erhaschte einen Blick in den Spiegel, der auf der gegenüber liegenden Seite an der Wand hing. Und obwohl sein Blick noch immer unscharf und verschleiert war, konnte er unter dem Blut genau sehen, was geschehen war.
Er hatte es gewusst; seine Lippen waren fein säuberlich zusammengenäht worden. Der weiße, Flüssigkeiten abweisende Faden stach unter dem Blut hervor wie weiße Farbspritzer. Ihm war augenblicklich klar, dass diese Wunden niemals verheilen würden.
Erschrocken und verzweifelt über sein abscheuliches Aussehen wandte er den Blick ab und verbarg das Gesicht im Teppich. Das Blut sog sich in dem Stoff fest, und blieb als ewiges Mahnmal verewigt, genauso wie die Narben in seinem Gesicht.
Noch Jahre später sollten sie Christopher Carrion daran erinnern, seiner Großmutter immerzu untergeben und getreu zu sein. Das Wort `Liebe`blieb lange Zeit sein einziger Akt der Rebellion gegen sie.
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