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Candomblé

GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lindsay Donner Peter Axon Professor Connor Doyle
12.05.2012
12.05.2012
1
6.354
 
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12.05.2012 6.354
 
Titel: Candomblé
Autor: DancingStar
Crossover: PSI Factor/ Sue Thomas F.B.Eye
Pairing: Connor/ Lindsay, Jack/ Sue
Rating: 12
Inhalt: In Brasilien stößt das Team auf Anhänger des Candomblé- Kultes. Eine Novizin belastet Lindsay mit einem äußerst üblen Fluch…
Kommentare: Diese Geschichte wurde im schönen Brasilien geschrieben als ich dort im Februar 2012 Urlaub machte.


Candomblé

Sie waren seit zwei Wochen im Brasilianischen Regenwald unterwegs und Peter erschlug heute ungefähr die zwanzigste Mücke, die es wagte, ihn zu stecken. Es war Ende Februar und in dieser Region war es die beste Zeit für Steckmücken. „Während auf der Nordhalbkugel der Erde die Menschen fast erfrieren, schwitzen wir uns in Brasilien die Seele aus dem Leib und werden von Malaria- Mücken gestochen“, schimpfte er und wischte das Insekt an seinen Hosenbeinen ab.
„Ich wurde bisher noch nicht gestochen“, lachte Lindsay Donner.
„Besserwisser“, schallte es erneut von der anderen Seite der Ausgrabungsstätte. Ihr Kollege Cooper ließ sie hier in Brasilien nach dem Fossil eines Dinosauriers graben und weil ihr Team momentan zur Verfügung stand und keinen „ernsthaften“, paranormalen Fall bearbeiten musste, hatte Cooper gefragt, ob Connor, Peter und Lindsay nicht für ihn nach Brasilien fliegen wollten da die Tickets sonst verfallen würden. Eigentlich wollte Cooper selbst mit zwei Kollegen fliegen, doch ihm war die letzte Gelbfieberimpfung nicht sehr gut bekommen.
Peter erhob sich nun, warf den Pinsel frustriert in den Sand, denn natürlich hatten sie noch kein Fossil gefunden. „Wo gehst du hin?“, fragte Lindsay nun und lachte erneut, „Wann kommst du wieder? Bringst du mir etwas mit?“
„Da, wo ich hingehe, gibt es keine Souvenirs.“
„Peter muss einen Moment alleine sein!“, kicherte nun auch Sue Thomas und ihr Signalhund Levi bellte.
„Gib Acht, dass du nicht von einem Piranha gefressen wirst!“, rief Lindsay ihm nach, dabei waren sie nicht einmal in der Nähe des Amazonas.
„Warum sollten ich und Jack noch einmal mitkommen?“, fragte Sue. Peters Beschwerde hatte sie ernsthaft an ihrer Notwendigkeit ihrer Teilnahme an diesem Trip zweifeln lassen. Noch dazu hatte sie keine Ahnung, warum ihre und Jacks Anwesenheit von so großer Wichtigkeit war. Als Lindsay vorgeschlagen hatte, dass Sue und Jack mit nach Südamerika kommen sollten, da sie nun mit zum Team gehörten, hatte Sue mehr an einen Spaß- Urlaub gedacht. Sie hatte nicht gewusst, dass es sich um Arbeit handelte.
„Ich frage mich, wie lange wir hier noch suchen sollen“, Lindsay streckte sich, um das Gebiet, welches sie in den letzten zwei Wochen bereits durchsucht hatten, zu überblicken. Sie hatten stundenlang alte Steine von Staub befreit und hatten Coopers Fossil bisher nicht gefunden. Ihre Nackenmuskulatur brannte fürchterlich. „Ich sage euch, wir sollten von hier verschwinden, solange unser Visum noch gültig ist und etwas Spannendes erleben.“
„Das ist eine gute Idee“, stimmte Sue zu und wischte mit den Handrücken über ihre Stirn.
„Lasst uns für heute aufhören, nach irgendwelchen Dinosaurierknochen zu suchen“, schlug Peter vor, der nun zurückkam und ihre Unterhaltung mitgehört hatte, „Ich sterbe fast vor Hunger.“
Sie fuhren in ein kleines Eingeborenen- Dorf und beschlossen, dort die heutige Nacht abzuwarten. Der Fluss führte momentan Hochwasser und über Funk hatte Jack gehört, dass die einzige Brücke im Umkreis von 1000 Meilen überschwemmt war und somit konnten sie nicht ihr kleines Hotel erreichen, in dem sie wohnten. Die Wetterexperten glaubten jedoch, dass sich die Lage bald besserte.
Während eine gastfreundliche, einheimische Familie eine Hütte für die Gäste herrichtete, gingen Connor, Lindsay, Peter, Jack und Sue mit Levi durchs Dorf um sich ein wenig umzusehen. In der Mitte des vermeintlichen Dorfplatzes hatte sich eine Gruppe Frauen versammelt. Ihre Kleider waren weis und mit Spitze gesäumt. Ihre kaffeebraune Haut war mit Kreide bemalt und ihre kurzen Haare waren blau gefärbt. Die Frauen schienen zu beten.
„Was ist das?“
„Im Reiseführer steht, dass es sich hier um eine Novizin des  Candomblé- Kultes handelt“, Sue blätterte in ihrem Buch, „Der Candomblé- Kult stammt ursprünglich aus Westafrika und wurde ab dem 16. Jahrhundert von Sklaven nach Brasilien gebracht. Dieser Glaube soll mit dem VooDoo eng verwandt sein und es werden verschiedene Gottheiten verehrt.“ Sue hatte geahnt, dass der kleine Reiseführer, auf dessen Umschlag eine Sambatanzende Brasilianerin abgebildet war, sich lohnen würde.
„Eine Kakerlake!“, schrie Lindsay plötzlich auf und weil Sue nicht sehen konnte, was Lindsay sagte, sah sie nur, wie ihre Freundin einen Schritt zurück sprang und schließlich aufstampfte.
Neben dem Feuer war eine Gruppe Frauen versammelt. Eine von den Frauen mit einer seltsamen Gesichtsbemalung stand auf und murmelte einige unverständliche Worte, während sie in Lindsays Richtung sah. Lindsay und der Rest des Teams bemerkten es und sahen die Frau ratlos an.
„Ich verstehe kein Wort von dem, was sie gesagt hat“, gab Sue frustriert zu und flüsterte. Es war schwer für sie, dass nur sehr wenige Menschen in Brasilien Englisch sprachen, daher war sie froh, dass sie ihre Freunde bei sich hatte.
„Ich habe auch nichts verstanden“, beichtete Jack und hoffte, das würde Sue ein wenig beruhigen.
„Lasst uns so bald wie möglich verschwinden“, bat Sue, „Es ist unheimlich hier.“

„Wir haben das Gebiet durchsucht, welches Cooper auf der Karte markiert hat, haben aber nichts gefunden“, sagte Connor am nächsten Tag, „Sollen wir nun weitersuchen?“
„Vielleicht sollten wir Cooper fragen“, schlug Sue vor aber sei meinte es sarkastisch. Sie hatte keine Lust mehr, in der glühenden Hitze des Dschungels zu schmelzen.
„Eine gute Idee. Ich rufe ihn gleich an“, Connor griff nach seinem Handy und stellte fest, dass er kein Netz hatte, „Was machen wir nun? Ich brauche dringend ein Telefon, das funktioniert!“ Sie waren hier im dichtesten Urwald, doch Peter fand nicht, dass ein nichtgefundenes Dinosaurier- Fossil ein Telefon unverzichtbar machte.
„Was ist die nächste größere Stadt?“, wollte Sue wissen.
„Salvador… glaube ich. Es könnte aber auch Belo Horizonte sein.“
„Was ist mit Rio de Janeiro?“
„Das ist viel zu weit entfernt“, erklärte Connor, während er an Sue vorbeiging.
„Aber könnten wir nicht dorthin fahren? In dieser Woche ist Karneval und das wäre sicherlich sehr schön.“
„Du scheinst zu vergessen, dass wir nicht zum Spaß in Brasilien sind“, Connor suchte weiterhin nach einem Netz für sein Telefon.
„Das habe ich nicht vergessen. Aber in Rio de Janeiro bekommst du zumindest einen funktionierenden Telefonanschluss.“
Connor wollte widersprechen und sagen, dass er den mit Sicherheit auch in Belo Horizonte bekäme, aber er war bereits überstimmt, denn sie fingen an, ihre Sachen zusammen zu packen. Er musste sich geschlagen geben.

Am nächsten Tag stiegen sie ins Flugzeug und erreichten nach kurzer Zeit Rio de Janeiro. Die Cargo- Maschine mit dem Mobilen Labor würde in wenigen Tagen nachkommen.
Ihr Hotel befand sich im Stadtteil Ipanema und war etwa 200 Meter von der Copacabana entfernt. Als sie eingecheckt hatten, zogen sich Lindsay und Sue sommerliche Kleidung an und beschlossen, zum Strand zu gehen. „Copacabana oder Ipanema, du musst dich entscheiden“, sagte Lindsay, „Die Copacabana soll sehr schön sein. Am Strand von Ipanema ist es immer sehr voll und sehr laut.“
„Der Lärmpegel soll mich nicht stören“, erklärte Sue und Lindsay entschuldigte sich. Aus den Augenwinkeln bemerkte Lindsay, wie Connor nun die Lobby betrat. Offensichtlich hatte er seine Koffer schon auf sein Zimmer gebracht. „Connor, wir möchten an den Strand gehen. Kommst du mit?“, fragte sie.
„Wo ist Peter?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete Lindsay ehrlich, „Aber ich habe bestimmt keine Lust dazu, während unseres gesamten Rio- Aufenthaltes in diesem Hotel zu sitzen und auf ihn zu warten. Kommst du nun mit, oder nicht?“
Connor fand, dass die eine ziemlich deutliche Ansage war und auch wenn er es amüsant fand, fragte er sich doch, wer eigentlich der Chef in diesem Team war. Immerhin hatten Lindsay und Sue ihn schon dazu überredet, nach Rio zu fahren, obwohl das gar nicht auf ihrer Route lag.
Sie warteten bis Jack zu ihren kam und gemeinsam gingen sie eine belebte Straße entlang, vorbei an vielen kleinen Lebensmittelgeschäften, bis sie nach zwei Minuten die Copacabana erreichten. Die Luft war heiß und die Sonne brannte erbarmungslos auf den Sand unter ihren Füßen. Schließlich borgten sie sich vier Strandliegen und einen Sonnenschirm und platzierten diese in weniger Entfernung zum Wasser. Lindsay erklärte ihnen, dass sie schon immer ihre Füße im Atlantischen Ozean tauchen wollte und sie verkündete, wie frisch das Wasser war, als Jack und Connor die Liegen aufstellten. Levi hüpfte ebenfalls ins Wasser und Lindsay griff nach einem  Stock, welches die Brandung angespült hatte. „Levi, fang!“, Lindsay hielt den Stock zuerst in Levis Richtung, doch er zog den Schwanz ein und begann sie anzuknurren. „Warum knurrt Levi?“, fragte Lindsay, „Er hat mich noch nie angeknurrt.“ Normalerweise spielte der Hund gerne Stöckchen- Fangen.
„Wahrscheinlich bekommt ihm die Hitze nicht“, vermutete Sue, rief nach Levi und als ihr pelziger Freund neben ihr saß, setzte sie ihm ihren Sonnenhut auf. Unter ihrem Sonnenschirm war die Luft ein wenig kühler.
„Was hat Cooper gesagt, als du ihm erklärt hast, dass wir nicht weiter nach seinem Dinosaurier suchen?“, fragte Lindsay.
„Er war jedenfalls nicht begeistert“, hinter seiner Sonnenbrille rollte Connor mit den Augen.
„Sue, was hältst du davon, wenn wir später ein wenig am Strand spazieren gehen?“, wollte Jack wissen und Sue schien durchaus Interesse zu haben.
„Jack, hör auf, mit Sue zu flirten. Wir sind nicht zum Spaß hier“, sagte Lindsay. Sie öffnete die Augen nicht, sondern ließ weiterhin die Sonne in ihr Gesicht scheinen.
„Aber…“
„Das würde Connor jetzt sagen.“
„Nein, würde ich nicht!“, unterbrach Connor ihre Diskussion.
„Doch, das würdest du“, stimmte nun auch Sue zu und Connor beschloss, sich nicht allzu sehr zu grämen. Einige Händler gingen an ihnen vorbei, ohne ihnen weiter Beachtung zu schenken.
„Was möchtet ihr noch unternehmen?“, fragte Lindsay, „Sollen wir einen Ausflug zum Zuckerhut oder zur Christusstatue buchen?“
„Das ist eine sehr gute Idee“, stimmte Connor zu und Sue ging mit Levi, um sich ein Getränk zu kaufen. „Nach Brasilien zu kommen war die beste Idee, die du je hattest, Connor“, meinte Jack, während er seine Sonnenbrille aufsetzte.
„Aber nach Rio de Janeiro zu kommen war meine und Sues Idee“, widersprach Lindsay und Connor gönnte ihr den Ruhm. Sie sonnten sich noch eine Weile weiter, als Sue zurückkam. Sie trug Früchte auf ihrem Arm.
„Die Früchte in Brasilien sind großartig“, schwärmte Sue und als Lindsay fragte, wo sie die Ananas und die Kokosnuss herhatte, zeigte Sue auf einen kleinen Kiosk am Strand.
„Wie hast du das gemacht?“, wollte Lindsay nun wissen, „Ich dachte, du sprichst kein Portugiesisch.“
„Das tue ich auch nicht“, meinte Sue, „Bevor wir Amerika verlassen haben, habe ich alle möglichen Lebensmittel fotografiert und auf meinem Blackberry abgespeichert. Ich musste dem Verkäufer am Kiosk also nur die Fotos einer Ananas und einer Kokosnuss zeigen.“
Lindsay musste nun zugeben, dass dies eine hervorragende Idee. „Ich komme sofort wieder“, Jack stand auf, „Sue, kannst du mir dein Blackberry ausborgen? Du bekommst es gleich wieder.“
Sue reichte ihm das Handy.
„Ich gehe mir ein Eis und eine Kokosnuss kaufen. Soll ich jemandem etwas mitbringen?“, fragte Jack und Connor, Lindsay und Sue schüttelten die Köpfe. Als Jack zu dem kleinen Kiosk gegangen war, seufzte Lindsay.
„Was ist?“, Connor spähte über den Rand seiner Sonnenbrille und schaute sie an.
„Nichts. Es ist nur…. Es ist sehr schön hier. Die Sonne, der Strand… Der Zuckerhut“, sie zeigte zu dem Granitfelsen, der von hier aus gut sichtbar war, „Können wir nicht hierbleiben?“
„Ich fürchte, das geht nicht. Auch, wenn ich dir zustimmen muss: Hier ist es wirklich sehr schön.“
Sie lehnten sich beide in ihren Strandliegen zurück und genossen die Sonne. Lindsay beobachtete zwei Kinder, die in der Brandung spielten. Einer der Jungen schnappte sich ein Surfboard, stürzte sich in die Wellen und schwamm aufs Meer hinaus. Er wurde von einer Welle erfasst und das Surfboard kenterte. Der Junge fiel ins Wasser und tauchte nicht mehr auf.
Lindsay hatte es bemerkt und richtete sich in ihrer Strandliege auf. „Der Junge ertrinkt.“
„Hier gibt es ziemlich viele Rettungsschwimmer. Einer von denen hätte sicherlich bemerkt, wenn etwas nicht stimmt“, versuchte Connor sie zu beruhigen.
„Nein, er ertrinkt wirklich!“, rief Lindsay sprang auf und hechtete ebenfalls ins kalte Wasser. Obwohl die Sonne vom Himmel brannte, war der Ozean eiskalt. Sie schwamm so schnell sie konnte zu dem Kind und als sie nach dem Arm des Jungen griff, bemerkte sie, dass er leblos im Wasser trieb. Gemeinsam mit einigen anderen Helfern zog sie das Kind aus dem Wasser und am Strand legten sie es in den Sand. Eine dunkelhäutige Frau, offensichtlich die Mutter des Jungen weinte fürchterlich, während einige Rettungsschwimmer versuchten, das Kind wieder zu beleben.
Lindsay war entsetzt, dass das Kind so schnell ertrunken war und der Schock veranlasste sie dazu, sich ein wenig zurückzuziehen. Sie brauchte dringend frische Luft.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Connor plötzlich und wollte nach ihrer Hand greifen, aber sie wich aus.
„Es geht mir gut“, versprach sie ihm und ging alleine zu ihrer Strandliege zurück. Dort griff sie nach ihrem Badetuch und steckte es in ihre Handtasche. Sue sah ihr besorgt nach. Plötzlich berührte jemand ihre Schulter und sie drehte sich um.
„Was ist los? Habe ich etwas verpasst?“, wollte Jack wissen. Er war verwirrt, dass Lindsay jetzt schon den Strand verließ.
„Lindsay hat einen toten Jungen aus dem Meer geholt“, erklärte Sue trocken und nun sah sie die Blume in seiner Hand, „Was ist das?“
„Diese Orchidee ist für dich“, sagte Jack und Sue lächelte. „Danke, ich habe noch nie eine blaue Orchidee gesehen.“
„Lasst uns zurück ins Hotel gehen“, schlug Connor vor, „Wir sollten nach Lindsay sehen.“
Jack und Sue waren schließlich einverstanden, dass sie früher als geplant ins Hotel zurückmussten.

Sie fanden Lindsay in ihrem Hotelzimmer: Sie stand am Fenster und starrte auf die Menschen in der belebten Straße herab. „Können wir etwas für dich tun?“, wollte Connor wissen, als er sicher war, dass Lindsay ihn, Jack und Sue registriert hatte.
„Nein“, Lindsay schüttelte teilnahmslos den Kopf. Sie hatte noch nie ein totes Kind gesehen und es war ein schrecklicher Moment für sie.
„Wenn… Wenn du noch etwas brauchen solltest, oder jemandem zum reden brauchst, du weißt, wo du mich finden kannst.“
„Danke, Connor.“
Als Sue die beiden betrachtete, wusste sie, was los war: Sie glaubte, dass Connor sich in Lindsay verliebt hatte, es ihr aber bisher noch nicht gesagt hatte. Sue war erleichtert, als Connor und Jack endlich das Zimmer verließen und sie mit Lindsay alleine war. „Lindsay, was war das?“
„Was meinst du?“, fragte sie während Sue neben ihr stehen blieb.
„Oh, hast wirklich keine Ahnung. Ich glaube, Connor ist verliebt in dich. Du hast seine Augen nicht gesehen, als er dir eben gesagt hat, dass du jederzeit mit ihm über diesen Vorfall am Strand sprechen kannst und…“, Sue drehte sich herum als Levi, der noch immer neben den Tür saß, bellte, „Was ist los, Levi? Lindsay, würdest du die Orchidee bitte kurz halten?“
„Natürlich.“ Lindsay nahm die Blume an sich und beachtete sie nicht weiter während Sue zu ihrem Hund ging. Levi wimmerte, als seine Besitzerin ihn streichelte. „Ich glaube, es geht Levi nicht gut“, vermutete Sue, „Ich sollte mit ihm zum Tierarzt gehen.“ Sie wollte zu Lindsay zurückgehen und vorher noch die Orchidee holen, die Jack ihr geschenkt hatte. Aber statt einer schönen Pflanze hielt Lindsay nur noch einen vertrockneten Steckel mit schwelgen Blättern in der Hand.
„Was hast du mit meiner Pflanze gemacht?“
„Gar nichts.“
„Und warum sieht sie dann aus, als wäre sie monatelang nicht gegossen worden?“
„Ich schwöre, ich habe nichts gemacht.“
Sue begriff. Sie musste unbedingt Connor und Jack holen.

„Verstehe ich das richtig?“, fragte Connor, als Sue ihm, Peter und Jack in der Lobby mittlerweile zum zweiten Mal die Geschichte erzählt hatte. Sue war vor wenigen Minuten vom Tierarzt zurückgekehrt, der ihr versicherte, dass Levi gesund war. Zufällig beherrschte die Ehefrau des Tierarztes Gebärdensprache und so konnte Sue ihr mitteilen, dass sie sich große Sorgen um ihren Hund machte. Nun vermutete Sue, dass Levis Aggressivität etwas mit Lindsays Zustand zu tun hatte. Schließlich hatte er sie noch nie angeknurrt und auf ihrem Hotelzimmer schien es fast so, als habe Levi Angst vor Lindsay. Da Peter ihre Aufregung nicht verstand, erzählten sie ihm nun auch noch die Geschichte von dem toten Jungen, den Lindsay aus dem Meer geholte hatte und während Sue sprach, glaubte sie, dass der Junge vielleicht gar nicht tot war.
„Meine Güte“, murmelte Lindsay als ihr bewusst wurde, was das bedeutete, „Ich habe den Jungen getötet…. Aber… Aber ich habe ihn doch nur angefasst und…“, Ein dicker Kloß bildete sich in Lindsays Hals, „Das ist nicht… Ich meine, warum sollte ich zu so etwas im Stande sein?“
„Erinnerst du dich noch an die Candomblé- Novizin, die im Dschungel zu dir gekommen ist und etwas Unverständliches gemurmelt hat?“, fragte Sue, „Vielleicht hat sie dich mit einem Fluch belegt.“
„Aber warum?“
„Steht in deinem Reiseführer nicht, dass die Novizinnen des Candomblé- Kultes verschiedene Gottheiten verehrten?“, wollte Lindsay wissen, „Vielleicht haben sie ja eine Kakerlaken- Gottheit. Die Frau hat mich jedenfalls erst verflucht, als ich die Kakerlake zertreten habe.“
Jetzt erinnerte sich auch Sue, Lindsay setzte sich auf einen Sessel und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen, „Wenn du Recht hast, dann….“ Sie hielt es nicht länger aus. Plötzlich war ihr schlecht und ihr alles in ihr drehte sich. „Entschuldigt mich einen Moment“, Lindsay stand auf und eilte hinaus. Sie fühlte sich, als wolle sie nur noch davonlaufen, aber die Straße war voller Menschen. Als ihr bewusst wurde, was diese schreckliche Gabe für ihr weiteres Leben bedeutete, wurde ihr auch klar, dass sie nirgendwo hin gehen konnte, ohne einen Menschen zu verletzen.

Für den Rest des gestrigen Tages verkroch Lindsay sich ihn ihrem Hotelzimmer. Connor, Peter, Jack und Sue trafen sie erst beim Frühstück wieder, als sie sich eine Tasse Kaffee und Früchte aus der Region holte. Ihre Freunde hatten einen Stuhl für sie am Tisch freigelassen und obwohl Lindsay fürchtete, sie könnte einen von ihnen aus Versehen berühren, setzte sie sich zu ihnen.
„Guten Morgen, Lindsay“, sagte Peter, „Wie viele Menschen haben wir heute schon umgebracht?“
„Peter!“, rief Connor entsetzt, „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für geschmacklose Scherze!“
„Entschuldigung“, Peter musste innerlich zugeben, dass das wirklich sehr dumm von ihm war.
„Wie geht es dir heute?“, fragte Connor und Lindsay lächelte trübe.
„Ich weiß, dass es euch nicht gefallen wird, aber wir müssen uns vor Lindsay schützen“, überlegte Jack und erinnerte sie an die biometrischen Schutzanzüge, die im Mobilen Labor in einem Glaskasten verstaut waren.
„Wir?“, fragte Peter, „Warum sollen wir uns in diese unbequemen Anzüge zwängen wenn Lindsay die Gefahr ist?“
Lindsay verfolgte die Diskussion fassungslos. Schließlich sagte Connor: „Ich bin sicher, dass das nicht nötig ist. Es wird ausreichen, wenn Lindsay niemanden von uns berührt.“
„Ich wäre schon beruhigt, wenn du dir zumindest ein Paar Handschuhe anziehen könntest“, sagte Sue, „Bitte nimm es mir nicht übel.“
„Das ist schon okay“, Lindsay griff zitternd nach ihrer Kaffeetasse und trank einen Schluck. Die Sommerhitze schien sich noch einmal zu verstärken.
„Die Frage ist, wie wirst du diesen Fluch wieder los“, erklärte Connor und Lindsay nickte zustimmend. Auf Dauer würde es ein ziemlich einsames Leben werden, wenn sie niemanden berühren durfte. Sie dachte daran, wie gerne sie Connor nun umarmt hätte, damit er sie tröstete, aber natürlich ging das nicht.
„Vielleicht sollten wir noch einmal in den Regenwald fahren und versuchen, die Anhänger des Candomblé- Kultes zu finden“, schlug Sue vor. Sie wusste allerdings, dass das nicht einfach werden würde, denn sie kannten nicht einmal den Namen der Frau, die Lindsay verflucht hatte.
„Ich rufe bei der Fluggesellschaft an und frage nach, wann wir nach Belo Horizonte zurückfliegen können“, Connor beschloss, das Gespräch gleich am Tisch zu führen und als er sein Handy auf den Tisch zurücklegte, sah er nicht sehr begeistert aus: „Wir können erst in drei Tagen fliegen. Alle anderen Flüge sind ausgebucht.“
Lindsay sah enttäuscht aus.
„Mach dir keine Sorgen, Lindsay“, versuchte Connor sie zu beruhigen, „Du solltest nicht allzu oft daran denken… Lass uns etwas unternehmen“, schlug er nun vor und während er sprach, bemerkte Sue ein Zucken in seiner Hand. Er hätte gerne nach Lindsays Hand gegriffen und sie gehalten, aber er erinnerte sich an den Fluch und tat es nicht. Sue hielt die Luft an, als sie es begriff. Ihre Freunde waren so dumm, dachte sie sich. Sie bemerkten nicht einmal, wie sehr sie ineinander verliebt waren.
„Danke, aber… Ich kann nicht“, Lindsay schüttelte den Kopf, ohne ihre Freunde anzusehen, „Was soll ich denn tun, wenn ich einen von euch aus Versehen berühre und derjenige im nächsten Moment tot umfällt?“ Sie stand auf und ging eilig zum Aufzug, mit dem sie in den achten Stock fuhr. Dort befand sich ihr Zimmer. Lindsay warf sich auf ihr Bett und schaute zum Fenster. Auf der anderen Straßenseite gab es nur ein heruntergekommenes Hochhaus und sie konnte direkt ins Wohnzimmer einer brasilianischen Familie schauen.
Wenig später registrierte sie, wie sich die Tür öffnete und dann bemerkte sie, dass ihre Matratze auf der linken Seite ein bisschen nach unten sackte. Sue war gekommen um mit ihr zu sprechen. „Ich habe keine Ahnung, was ich mit dir noch machen soll?“, erklärte Sue, „Wie viele Hinweise brauchst du noch?“
„Falls du auf die Theorie, dass Connor Gefühle für mich hat, anspielst, dann kommt diese Erkenntnis zu einem denkbar falschen Zeitpunkt. Ich kann nicht… Also ich kann Connors Einladung nicht annehmen, nicht einmal wenn ich es wollte. Damit riskiere ich sein Leben.“
„Ich denke, dessen ist sich Connor bewusst, und deshalb finde ich, du solltest mit ihm ausgehen.“
„Er will nicht mit mir ausgehen. Er will mich sicher nur ein wenig aufheitern und….“
„Jedenfalls hat er Jack, Peter und mich nicht gefragt, ob wir mitkommen wollen, also ist es ein Date… Los, geh zu ihm und sag ihm, dass du gerne etwas mit ihm unternehmen möchtest.“
„Also schön“,  gab Lindsay schließlich nach und Sue freute sich. Sie erhoben sich beide vom Bett und Lindsay strich einige Haarsträhnen aus ihrem Gesicht.
„Du siehst wie eine Flugbegleiterin aus“, meinte Sue und Lindsay sah an sich herab. Was war falsch an dem schwarzen Rock und der weißen Bluse?
„Zufällig weiß ich, dass Connor Flugbegleiterinnen ziemlich heiß findet: Ich habe gesehen, wie Peter mit und er darüber geredet haben. Natürlich hat Connor es abgestritten, aber… naja, du kennst ihn. Und nun geh in die Lobby. Er wird dort auf dich warten.“
Im Nachhinein fragte Lindsay sich natürlich, warum Sue das mit so großer Sicherheit behauptete und sie dachte sich, dass Sue ihm wohl gesagt haben musste, er solle eine Weile warten. Als sie in der Lobby aus dem Aufzug stieg, war sie überrascht, dass Connor tatsächlich noch hier war. Peter und Jack waren verschwunden.
„Sie mir bitte nicht böse“, begann sie, „Aber ich möchte nichts tun, was dich in Gefahr bringt.“
„Ich bin mir sicher, dass wir einen schönen Ausflug haben werden. Komm einfach mit“, sagte Connor. Er hatte ihren Zustand berücksichtigt, erklärte ihr aber nicht, was sie unternehmen würden.
Im Taxi bemühte sich Lindsay, sich so weit weg wie möglich von ihm zu setzen. Nach einer kurzen Fahrt, setze sie der Taxifahrer am Strand von Ipanema ab. „Siehst du diese Inseln?“, Connor zeigte auf eine Gruppe felsiger Inseln im Meer, nicht allzu weit von der Küste entfernt, „Das ist ein idealer Ort für Taucher.“
„Wir gehen tauchen?“
„Natürlich“, stimmte Connor zu und ging als erster zu dem Motorboot, welches sie aufs Meer hinausbringen würde. Nachdem Connor in seinem Taucheranzug in den Tiefen des Ozeanes verschwunden war und dort mit dem Tauchlehrer auf sie warten würde, dachte Lindsay daran, dass es wirklich ein schöner Tag werden würde. Je mehr Zeit sie unter Wasser verbrachte, desto ferner waren ihre Probleme. Als sie und Connor dem Tauchlehrer zu einem Unterwasserfelsen folgen sollten, griff Connor nach ihrer Hand und weil sie sie wegziehen wollte, hielt er sie so fest wie möglich. In diesem Moment begriff Lindsay, dass Sue recht hatte: Connor sah in ihr mehr als eine Arbeitskollegin. Und es tat ihr leid, dass sie ihm nicht sagen konnte, was sie für ihn empfand. Diese erzwungene Distanz fraß sie innerlich auf, aber zumindest hier, getrennt durch ihre Taucheranzüge, konnte sie für einen Moment seine Hand halten.
Sie waren den ganzen Tag beim Tauchen und fuhren erst zum Festland zurück, als die Sonne schon am Untergehen war. Es war ein zauberhafter Anblick und wieder bereute Lindsay, dass sie sich nicht an Connor anlehnen und den Sonnenuntergang richtig genießen konnte. Der heutige Tauchgang war alles, was sie hatte.

Let me take you to Rio, Rio
fly'o the ocean like an eagle, eagle
and when can chillin' like a zebo, a zebo

All in together now, hang like the weather now
right here, show me now
You know how to put it down
you gotta light girl, turn it on, here's mine, turn me on
you gotta wild side, let it out, ima make you bring it out      (“Take me to Rio” by Ester Dean)

Am Abend schwärmte Lindsay noch lange von dem Tauchausflug und Sue nahm es mit einem zufriedenen Lächeln zur Kenntnis. Sie hatte mit ihrer Vermutung, dass die beiden etwas füreinander empfanden, also Recht gehabt.
Je länger Lindsay darüber nachdachte, desto mehr musste sie zugeben, der Gedanke gefiel ihr. In der Nacht schlief sie kaum, weil sie sich ständig daran erinnern musste, wie es war, als Connor ihre Hand hielt. Und sie fragte sich, ob es ihm wohl genauso ging und ob er nun auch an den heutigen Tag dachte. Lindsay seufzte und wünschte sich sehr, sie könnte ihn danach fragen. Aber wenn er ihr sagen sollte, dass auch er an sie dachte, würde sie ihn bestimmt küssen und nun erinnerte sie sich daran, dass das im Moment eine ziemlich dumme Idee war. Irgendwann fiel Lindsay doch in einen langen, traumlosen Schlaf. Sie ließ sich am nächsten Morgen nur von den Sonnenstrahlen wecken.

„Was habt ihr vor?“, Connor fand es seltsam, dass Jack, Sue und Peter mit Rücksäcken in der Hotellobby zu warten schienen.
„Ich habe für uns alle einen Ausflug auf den Zuckerhut mit anschließendem Paragliding gebucht“, erklärte Jack, „Kommst du mit?“
„Ich gehe zuerst Lindsay holen.“ Connor stieg in den Aufzug und fuhr bis ins letzte Geschoss des Hauses. Lindsay saß, wie er erwartet hatte, auf der Dachterrasse des Hotels und starrte auf die heruntergekommenen Hochhäuser in der Umgebung. Da in dieser Woche der Karneval begann, zogen bereits jetzt kleine Menschenmengen durch die Straßen. Dabei spielten sie Musik und sangen fröhlich.
„Komm, wir wollen einen Ausflug machen“, erklärte Connor, setzte sich dicht neben sie und er war erleichtert, dass sie nicht sofort wegrutschte, „Es wird sicher lustig: Jack will Paragliding ausprobieren und hat für jeden von uns einen Flug gebucht.“ Eigentlich konnte Connor selbst kaum glauben, dass er das wirklich gesagt hatte.
„Danke, aber ich bin nicht in der Stimmung für Ausflüge. Wohin ich auch gehe, ich habe ständig Angst, dass ich zufällig jemanden berühre, der im nächsten Moment das Zeitliche segnet.“
„Ich verstehe deine Sorge. Und ich verstehe auch, dass diese Situation für dich als Dauerzustand nicht zu akzeptieren ist. Ich verspreche dir, dass wir alles tun werden, um dir zu helfen.... Komm doch bitte mit uns mit. Es wird sicherlich ein schöner Tag und wenn nicht mit einem Paraglieder fliegen möchtest, werden wir dich nicht dazu zwingen…. Weißt du, ich kenne eine Person die mir an unserem ersten Tag in Rio gesagt hat, dass sie bestimmt nicht ihren ganzen Aufenthalt in diesem Hotel verbringen wird…“
Lindsay musste lächeln, als er sie daran erinnerte. „Okay, ich komme mit“, gab sie schließlich nach, „Danke Connor… Ähm, würdest du hier bitte einen Moment auf mich warten?“
„Sicher“, versprach er und beobachtete wortlos, wie sie ins Hotel zurückging und zwei Minuten später mit einer großen, dicken Decke zurückkam. Sie sagte kein Wort als sie ihn umarmte, die Decke war die ganze Zeit zwischen ihnen.

Am nächsten Tag verließen sie Rio und Lindsay hoffte, dass sie diese totbringende Gabe bald los sein würde. Sie wollte nicht daran denken, dass sie zuerst einmal die Novizin finden mussten, die sie verflucht hatte. Während des zweistündigen Fluges nach Belo Horizonte versuchte sie ein wenig zu schlafen. Sie träumte von ihrem gestrigen Ausflug zum Zuckerhut und davon, dass sie ihren Freunden beim Paragliding sicherheitshalber nur beobachtet hatte: Während Sue sich an Jack festgeklammert hatte, hatte sie ängstlich geschrien aber auch zeitgleich gelacht. „Was würde nur meine Freundin dazu sagen?“, fragte Jack und Lindsay war alarmiert: „Du hast eine Freundin?“ Sie war entsetzt.
„Beruhigt euch“, murmelte Jack und griff nach Sues Hand, die direkt neben ihm herging, „Liebling, was sagst du dazu?“ Und Sue antwortete, dass sie es ziemlich leichtsinnig fand, ihr Leben so zu riskieren. Nach dem Flug bedankte sich Sue bei Jack jedoch mit einem Kuss. Lindsay träumte auch davon, wie es wäre mit Connor alleine auf dem riesigen Berg aus Granit zu sein und im Mondlicht mit ihm zu tanzen und ihn zu küssen. Dann aber tauchte der tote Junge vom Strand vor ihren Augen auf. Seine Haut wurde in Sekunden trocken wie Leder und enthüllten an einigen Stellen die Knochen des Skeletes.
Lindsay schrie auf, als sie aufwachte.
„Ist alles in Ordnung?“, wollte Connor wissen. Er saß mit Sue, Jack und Peter in der kleinen Reihe neben dem Gang, während Lindsay am Fenster saß und drei Sitze für sich alleine hatte. Levi lag im Mittelgang, doch er scheute selbst dann nicht davor zurück, Lindsay anzuknurren, als Sue es ihm wütend untersagte.
Lindsay nickte wortlos, schaute aus dem Fenster und beobachtete die Wolken, die draußen vorbeizogen. Connor machte sich mehr und mehr Sorgen um sie: Sie war verändert, seit sie in diesem Zustand war und er hoffte, dass sie ihr bald helfen konnten.
„Was machen wir nun?“, fragte Peter, sobald sie in Belo Horizonte den Flughafen verlassen hatten.
„Ich schlage vor, wir mieten uns ein Auto und fahren noch einmal in den Dschungel“, erklärte Jack und Levi bellte zustimmend, „Findest du nicht auch, Levi?“ Also machten sie sich zusammen auf den Weg ins Flughafengebäude um dort am Schalter mit einer Frau zu sprechen, die Autos vermietete.
„Sprechen Sie Englisch?“, wollte Peter von einer jungen Frau wissen und er war erleichtert, als sie nickte, „Wir möchten gerne ein Auto mieten.“
„Die Anzahlung beträgt 300 Reais. Den Rest bezahlen Sie, wenn Sie den Wagen zurückbringen.“
Peter schob ihr sechs Fünfziger Scheine durch den Schalter. Die Frau zählte das Geld und schließlich sagte sie: „Tut mir leid, ich habe keine Mietautos zur Verfügung.“
Peter streckte sich um hinter der jungen Brasilianerin aus dem Fenster sehen zu können. Er sah, dass noch drei Autos mit dem Aufkleber der Verleih- Firma auf dem Parkplatz standen.
„Aber auf dem Parkplatz...“
„Diese Autos sind bereits reserviert.“
„Haben Sie noch andere Fahrzeuge, die Sie uns anbieten können?“
„Nein.“
„Dann will ich mein Geld zurück.“
„Keine Geldrückgabe.“
„Hör mal, Kleine!“, Peter schlug mit den Handflächen wütend auf den Schalter und seine Freunde erschraken ein wenig, „Du hast gehört, was ich gesagt habe: Wir wollen ein Auto mieten und zwar schnell!“
Die Sekretärin griff unter ihren Schreibtisch und im nächsten Moment blickten die fünf in den Lauf einer Pistole. „Wenn Sie mir drohen, rufe ich die Polizei. Vorher erschieße ich Sie aber und glauben Sie mir, das ist kein kugelsicheres Glas“, sagte die junge Frau.
Lindsay und Sue fiel ein, dass sie eigentlich nicht nach Brasilien gekommen waren, damit man sie hier mit einer Waffe bedrohte. Jack mischte sich nun in die Diskussion mit ein: „Hier wird niemand erschossen. Sind wir nicht alle Amigos?“, während Jack das sagte, drängte er sich vor Peter an den Schalter, „Hören Sie, wir haben Sie wie ehrliche Leute für den Mietwagen bezahlt. Wenn Sie uns keinen Wagen bereitstellen können, müssen Sie uns das Geld wiedergeben. Das ist Gesetz. Auch hier in Brasilien.“ Nur weil sie Touristen waren, sollte die Frau nicht glauben, sie könnte sie bestehlen.
„Wenn wir die Polizei anrufen, was denken Sie, was dann passieren wird?“
Die Frau schaute noch einmal auf die bunten Geldscheine, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Sie zögerte für einen Moment und schließlich schob sie doch einen Schlüssel mit einem Plüschanhänger durch den Schalter. „Das ist mein Privatauto“, murmelte sie trotzig, „Wenn Sie es mir wiederbringen, bekommen Sie Ihr Geld zurück.“
Sie bedankten sich, ließen sich den Wagen beschreiben und dann eilten sie auf den Parkplatz. Die Fahrt in den Dschungel dauerte fast zwei Stunden und unterwegs begann Peter, sich wieder über die Steckmücken zu beschweren. „Das heißt, es ist nicht mehr weit“, lachte Jack.
Sue saß mit Lindsay und Peter auf der Rückbank, Lindsay war in eine Decke gehüllt und sie schwitzte. Levi mussten sie ins Kofferabteil des alten Jeeps sperren, da er Lindsay immer wütender anknurrte. Am Nachmittag erreichten sie ein kleines Eingeborenen- Dorf, doch sie wussten nicht, ob hier die Novizin lebte, die Lindsay verflucht hatte.
Sie versuchten, die Einwohner zu fragen, doch niemand verstand ihre Sprache. Ein alter Mann hatte schließlich eine Idee und ging in seine Hütte um dort ein junges Mädchen zu holen. Die Kleine war höchstens Zwölf. „Ich heiße Ariane“, sagte sie, „Kann ich euch helfen?“
„Du sprichst Englisch?“, Peter war verwundert.
„Ich besuche normalerweise eine Privatschule in der Stadt. Die Sommerferien verbringe ich meist bei meinen Großeltern hier im Dorf.“ Das Mädchen lächelte und Peter fand es ungewöhnlich, den Februar als Sommer zu bezeichnen.
„Wir suchen eine Candomblé- Novizin, die mich mit einem Fluch belastet hat“, erklärte Lindsay.
„Die Novizinnen sind gestern weitergezogen“, berichtete Ariane und Lindsays Hoffnung stürzte in sich zusammen wie ein Kartenhaus, „Aber meine Großmutter war vor vielen, vielen Jahren auch eine von ihnen. Folgt mir.“
Ariane ging zu einer kleinen Hütte, schob einen Vorhang beiseite, damit ihre Gäste eintreten konnten. „Descuple vovó“, entschuldigte sie sich bei ihrer Großmutter, „Diese Leute sind von sehr weit hergekommen, um deinen Rat zu suchen.“ Nun wandte Ariane sich wieder an ihre Besucher.
„Das ist meine Großmutter Artemis. Sie spricht eure Sprache und kann verstehen, was ihr sagt. Ob sie euch helfen kann, vermag ich nicht zu beurteilen.“ Ariane trat einen Schritt zurück.
„Wonach sucht ihr?“, wollte Artemis wissen. Sie blickte suchend durch die durch ein Feuer erhellte Hütte.
„Wir suchen nach einer Frau die unsere Freundin mit einem Fluch belastet hat“, erzählte Sue, „Jeder Mensch, den sie berührt stirbt.“
„Ich weiß“, murmelte die alte Frau und im Schein des Lagerfeuers sah Sue, dass ihre Augen mit einem weisen Film überzogen waren. Artemis war also blind. „Ich kann es riechen. Der Tod haftet an eurer Freundin“, sagte sie, „Wie heißt die Novizin, die dich verflucht hat?“
„Das weiß ich leider nicht“, gab Lindsay zu und sank vor Artemis hilfesuchend in die Knie, „Kannst du mir helfen?“
„Die Frau die dich verflucht hat, war eine Schwester des guten Todes. Das spüre ich genau“, erzählte die blinde Artemis, „Wahrscheinlich hat sie dich verflucht, weil du ihrem Seelenverwandten etwas zu Leide getan hast.“
„Die Kakerlake“, flüsterte Lindsay und Artemis nickte, „Was kannst du tun, damit ich den Fluch loswerden.“
„Ich kann gar nichts tun, mein Kind“, krächzte die alte Frau, „Du allein bist es, die den Bann brechen kann.“ Das Lagerfeuer tanzte geheimnisvoll über das faltige Gesicht der ehemaligen Novizin.
„Aber wie?!“, Verzweiflung mischte sich in Lindsays Stimme, „Ich töte alle Menschen, die ich berühre und ich kann denjenigen nicht Nahe sein, nach denen ich mich sehne. Es tut mir leid, dass ich den Seelenverwandten der Novizin getötet habe und ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.“
Artemis lächelte nun zufrieden. „Das weiß ich, mein Kind. Und nun geht, ich bin müde. Es war ein langer Tag für mich.“
Sie alle waren enttäuscht, als Ariane sie aus dem Zelt begleitete und sie anschließend in ihren Wagen stiegen. Sie brachten das Fahrzeug zu seiner Besitzerin zurück, denn wie Jack schon gesagt hatte: Sie waren anständige Leute.
Während des gesamten Rückfluges nach Rio de Janeiro sprachen sie kein Wort mehr miteinander und auch nicht auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel und Sue musste sich nicht anstrengen, Levi von Lindsay fern zu halten.
Während Sue, Jack und Peter zum Abendessen gehen wollten, erklärte Lindsay, dass sie sich schlafen legen wollte. „Ich begleite dich zu deinem Zimmer“, sagte Connor, „Ich komme in einigen Minuten zum Essen nach.“
Auch im Aufzug sprachen sie nicht. „Gib mir deine Hand“, verlangte Connor, als sie nach scheinbar endloser Zeit ihr Zimmer erreichten.
„Wenn ich das tue, stirbst du.“
„Nein“, Connor klang ziemlich sicher und das erschreckte Lindsay, „Vertrau mir und gib mir deine Hand.“
Sie hielt die Luft an, als sie ihre Hand langsam in seine legte und nichts passierte, außer dass er sie fest drückte. Ein Lächeln huschte über Lindsays Gesicht und in diesem Moment zog Connor sie an sich und küsste sie. Lindsay hielt den Atem an. In der ersten Sekunde war sie natürlich geschockt, dass Connor zu solch impulsiven Handlungen neigte, doch sie hatte nicht im Geringsten vor, sich dagegen zu wehren und so küsste sie ihn zurück.
„Woher wusstest du, dass…“, begann sie, als er ihren Kuss unterbrach. Sie bemerkte, dass er sie mittlerweile gegen ihre Zimmertür presste.
„Levi hat dich nicht mehr angeknurrt. Er tut das, seit du von dem Fluch belastet bist und als er damit aufgehört hat, dachte ich… Naja, es stimmt jedenfalls.“ Er küsste sie noch einmal. Diesmal verlangender und leidenschaftlicher, aber Lindsay unterbrach ihn. „Komm mit, ich habe eine Idee“, lächelte sie, griff nach seiner Hand und sie stiegen wieder in den Aufzug um auf die Dachterrasse des Hotels zu fahren. „Von hier aus kann man den Sonnenuntergang sehen“, erzählte Lindsay ihm, „Es war schon auf dem Boot sehr schön, aber ich denke, jetzt wird es noch schöner werden.“ Tatsächlich konnte man von hier aus sehr gut sehen, wie die Sonne den Horizont des Atlantischen Ozeans berührte. Sie bemerkte glücklich, wie er die Arme um sie legte, sie an sich zog und das schöne Naturschauspiel betrachtete. „Ich liebe dich“, sagte Lindsay plötzlich und Connor lächelte.
„Ich liebe dich auch.“
Zeitgleich im Restaurant warteten Jack, Sue und Peter noch immer auf Connor. „Wo bleibt Connor denn?“, wollte Peter wissen und Sue schüttelte ratlos den Kopf dabei hatte sie sehr wohl eine Idee, wo er war. „Ich habe Hunger. Lasst uns etwas bestellen“, schlug sie deshalb vor. Nun, da von Lindsay keine Gefahr mehr ausging, würde Connor die Zeit mir ihr sicherlich nutzen.

Fin
 
 
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