"Between Strangest Tides" oder "Ein Wahngott auf Reisen"

von Toth
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
11.05.2012
09.05.2013
6
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Ich schätze, bevor das eigentliche Abenteuer losgeht (spätestens, wenn ich mit meiner SW-FF fertig bin), wollte ich schon einmal das folgende Teaser-Kapitel posten. Ich hoffe selbstverständlich auf Rückmeldungen, inwieweit ich die Stimmung und den Charakter Sheogoraths hinbekommen habe. Ich bin immer offen für Verbesserungsvorschläge!
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Der frühe Morgen in der Abeceanischen See war an diesem kühlen Herbsttag geprägt von dichten Nebelschleiern, die niedrig über dem Wasser schwebten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein gewisser Jorus Voluto im Hafen Anvils Dienst. Fröstelnd saß er in der Hafenbehörde und betastete seine tauben Finger. Er war durchnässt, fror und versuchte dennoch sein Gefühl wiederzugewinnen. Denn er würde sie noch brauchen, um die Namen und die Fracht aller einlaufenden Schiffe niederzuschreiben. Und selbstverständlich, um die Zölle und Anlegegebühren des Kaisers einzukassieren.

Wenn denn eines kommen würde.

Die frühen Morgenstunden waren eher beliebt zum ablegen, da die zurückgehende Flut ein Auslaufen größerer Schiffe aus der Bucht begünstigte. Wenn Schiffe ablegten, hatte er entsprechend wenig hinter seinem Schalter zu tun. Doch an diesem Morgen sollte es scheinbar anders kommen, als erwartet, denn entgegen dem gesunden Matrosenverstand war noch in diesem Augenblick etwas auf dem Weg zu seiner Anlegestelle. Einige Matrosen auf auslaufenden Dreimastern und Koggen waren die ersten, die es entdeckten:

Dieser schemenhafte, winzige Schatten im Nebel, der vorsichtig zwischen den größeren Kolossen manövrierte, wirkte bei genauerem Hinsehen irgendwie fehl am Platz. Also mussten sich die Männer die Augen reiben, um ganz sicher zu gehen. Es war ein Segelschiff. Eine kleine Schaluppe, um ganz genau zu sein. Das Segelschiff kämpfte verzweifelt gegen die hohen Wellen an, die durch die Verdrängung der auslaufenden Dreimaster entstanden.

Doch der Nebel war zu stark, es blieb nur beim Schatten eines Schiffes. Auch als der Schatten seine Segel einzog und neben einem hölzernen Steg zum Stillstand kam, waren kaum genauere Details zu erkennen.

Jorus zog seine Stirn Kraus. Um diese Tageszeit? Es muss schon ein tüchtiges kleines Schiffchen sein, dass es den ganzen Weg der Ebbe getrotzt hatte.

Auch an Deck konnte man niemanden erkennen, bis auf die vagen Umrisse einer Person, die hinter den mindestens ebenso vagen Umrissen einer Galionsfigur posierte. Man hätte sie für einen Bestandteil der Deckaufbauten halten können, bis sie urplötzlich aufsprang… und auf den furchtbar knarrenden Brettern des Steges landete. Die Person schien keine bleibenden Schäden davongetragen zu haben und klopfte sich noch Dreck und Salz von den Kleidern, bevor sie wie aus dem Nichts einen langen Gehstock zückte und zum Hafen spazierte. Direkt auf Jorus zu.

Es gab Arbeit für den armen Mann! Seine linke Hand langte nach einer hölzernen Schatulle, in der er das Papier vor der Feuchtigkeit schützte. So, wie er es bereits tausende Male getan hatte, drehte er einmal kurz am Schlüssel, registrierte das Klicken und ergriff sich ein Blatt unter dem Deckel. Der Nutzen dieser Schatulle hielt sich ernsthaft in Grenzen. Kaum hatte er das Papier vor seiner Nase platziert, sog es sich mit der umgebenden Feuchtigkeit voll.

Als er dann die Gänsefeder mit seiner zittrigen rechten Hand in seinem Tintenfässchen versenkte und anschließend auf dem Papier ansetzte, das Datum zu schreiben, konnte er förmlich mit ansehen, wie die Tinte in jede Himmelsrichtung ausstrahlte. Nur ein hässlicher schwarzer Stern zierte nun das Protokoll. Jorus seufzte und setzte erneut an. Er beschloss nun, sehr groß zu schreiben, um wenigstens noch eine Spur von Leserlichkeit zu ermöglichen.

„Tirdas… der neunte... es ist der Erste der Saat…“, murmelte er parallel, „im Jahre zweiundvierzig des vierten Zeitalters.“

Soweit wäre das geschafft, wollte er zumindest noch hinzusetzen.

„Der Name des Schiffes?“, fragte er stattdessen ganz nach dem Protokoll.

Es folgte eine peinliche Stille. Erst jetzt blickte er verwundert auf. Der Fremde war wahrlich ein merkwürdiger Anblick an diesem fauligen Ort. Wie der übliche Seemann sah er jedenfalls nicht aus in seinem äußerst teuren purpurnen Samtjackett, den goldenen Strümpfen und einem roten Schal um den Hals.

Dennoch schien es ein älterer Herr zu sein mit seinem ergrauten Bart und akkurat geschnittenem Haarschopf. Sein Outfit war in dem ansonsten doch eher bodenständigen, sprich, verdreckten Hafenviertel weder praktisch noch unauffällig. Fast hätte Jorus ihn für einen Fürsten aus Übersee gehalten, die vielen bunten Ringe an den Fingern, das schwere Jadeamulett um den Hals und die reich verzierte, goldbeschlagene Schwertscheide am Gürtel sprachen jedenfalls dafür. Aber sein offensichtlicher Mangel an Geschmack und das Fehlen jeglicher Reichswappen verunsicherten ihn.

„Ihr…“, sprach er gedehnt, „… seid der Captain?“

Der Mann schien ihn nicht zu bemerken. Er hatte den Zollbeamten noch nicht eines Blickes gewürdigt, sondern wippte nur hin und her, eine ihm völlig unbekannte Melodie pfeifend. Die Melodie war düster und doch irgendwie mitreißend, sodass Jorus bereits wusste, dass er sie den ganzen restlichen Tag nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde. Und dennoch blieb der Fremde todernst.

„Geht es euch nicht gut?“, fragte der Zöllner skeptisch.

Erst dann zuckte der Fremde auf und musterte ihn mit verblüfft erhobenen Augenbrauen, als blicke er auf einen rosaroten Skeever.

„Was will er von uns?“, fragte er weniger Jorus, als eher eine imaginäre Gestalt im Nebel.

Der Zöllner stutzte, noch nie hatte er jemanden in der dritten Person gleichzeitig ihn und sich selbst ansprechen hören. Vielleicht doch irgendein affektierter Lordling… Er beschloss also, weiter nach Protokoll vorzugehen.

„Verzeiht, mein Herr, ich muss euch nach dem Namen eures Schiffes fragen.“
„Oh!“, sprach der Fremde vergnügt, „Ein Quiz! Na ist das nicht reizend? Ich nehme Antwort D!“
„Äh… es reicht, wenn sie mir einfach den Namen des Schiffes nennen, danke!“, Jorus ließ sich nicht anmerken, wie unbehaglich ihm war.

Besser das Spiel mitspielen, alle notwendigen Daten aufschreiben und sich nachher am Feuer wärmen.

„Schön, schön… Sie schreiben das auf?“
„Ja, ich muss jedes Schiff protokollieren, das hier in Anvil vor Anker geht… Bitte, ich brauche nur den Namen!“
„Eine Bitte also!“
„Ja, ich flehe sie an… Bitte“
„Du scheinst ja ein ganz liebenswürdiges kleines Männchen zu sein und wenn dir der Name so viel bedeutet… Die hübsche Lady heißt: Sailing Madness.“

Stille.

„Das ist ein Scherz?“, so einen dämlichen Namen hatte er noch nie gehört.

Der Fremde wollte ihn mit Sicherheit zum Narren halten.

„Oh nein, ein Scherz geht so: Kommt ein Argonier zum Medicus und sagt: Herr Doktor, ich glaube, ich habe Schuppen!“

Jorus zuckte mit den Schultern. Der Idiot konnte sein Schiff nennen, wie er wollte. Das war nicht sein Problem, solange der die Gesetze des Kaisers befolgte. Er schrieb den Namen auf.

„Habt ihr etwas zu verzollen?“
„Zollen? Respekt sollte man jemandem zollen, meinen sie so etwas?“

Er wollte ihn doch garantiert veräppeln.

„Ich wollte euch damit nur fragen…“, begann er mit einer Geduld wie ein Fels, „… welche Fracht sie mitführen!“
„Gut, schon verstanden… also da wären… drei Fass Sand, zehn Kisten Salzwasser, zwölf Säcke Backsteine… und ja doch, da war noch diese Amphore mit kostbarem Käse!“

Jorus starrte ihn entgeistert an. Er musste sich wahnsinnig zusammenreißen, nicht auch noch seine Kinnlade fallen zu lassen.

„Ich denke, unser beider Leben wird einfacher sein, wenn ich hier einzig vermerke, dass sie nichts zu verzollen haben.“

Der Fremde schien ihn nicht gehört zu haben oder nicht hören zu wollen:

„Und schreiben sie noch dazu, wie sehr ich doch diesem idyllischen Dörfchen Respekt zolle!“
„Unser Fürst wird sich freuen, das zu hören!“

Er hütete sich, tatsächlich Tinte für diesen Unsinn zu verschwenden.

„Es folgt noch der Zweck eures Aufenthalts…“
„Verschiedenes!“, begann der Fremde vergnügt, als plaudere er mit seinem besten Freund, „Zunächst wollte ich eine alte Freundin besuchen. Hübsches junges Mädchen, manchmal etwas wehleidig… Dibella, sagt ihnen das was?“

Selbstverständlich war sie ihm bekannt, Anvils Tempel der Dibella war weit über die Grenzen Cyrodiils bekannt. Aber nie hatte er jemanden so über diese uralte Statue sprechen hören, deren Züge im Laufe der Jahrhunderte derart verfallen waren, dass man nur noch erahnen konnte, dass sie eine hinreißend attraktive Schönheit darstellen sollte.

„Gut, gut… Religiöse Beweggründe…“, er schrieb die Worte auf und es war ihm völlig egal, ob der Fremde nun wirklich eine Pilgerreise machte oder nicht.

Im Hintergrund, weit hinter dem Hafenbecken, schoben sich erste Ausläufer der Morgenröte über den Rand des Horizonts. Jorus fröstelte, jeder Knochen in seinem Leib forderte, diesen Narren abzufertigen und sich ans Feuer zu setzen.

„So… ich benötige nur noch eine Anlegegebühr von zehn Septimen. Dann kann ich sie offiziell in Anvil willkommen heißen.“

Kaum ausgesprochen verfiel sein Gegenüber in eine panikartige Hast. Er durchsuchte sein Jackett Tasche für Tasche, bis ihm der rechte Geistesblitz zu kommen schien. Er zog, ohne sich auch nur um die Schnürsenkel zu scheren, seinen rechten Stiefel aus und präsentierte ihn dem verwirrten Zöllner.

„Immer da, wo man zuletzt sucht, nicht?“, stellte er mit einem unnatürlich breiten Grinsen fest.

Seine goldenen Augen fixierten dabei den armen Jorus, der nur steif nickte. Moment… Goldene Augen? Für einen Moment hatte Jorus das Gefühl, dass sein Gegenüber etwas Katzenhaftes in seinem Antlitz hatte. Er konnte diesen Gedanken zum Glück nicht fortsetzen, da der Fremde seinen Stiefel auf dem Arbeitstisch des Zöllners entleerte. Gut zwanzig goldene Münzen rollten hinaus und brachten wiederum Jorus‘ Augen zum Leuchten.

„Das dürften mehr als genug sein!“, gluckste der Fremde zufrieden, bevor er den Stiefel unter seine linke Achsel klemmte und sich, Spazierstock voran, Richtung Stadttor aufmachte.

Sein nackter rechter Fuß klatschte dabei mit jedem Schritt auf die feuchten Pflastersteine.

„Äh, einen Moment noch, Sir!“, rief Jorus dem seltsamen Kauz noch hinterher, „Auf welchen Namen soll der Ankerplatz laufen?“

Der Fremde stoppte ab und drehte sich auf der Stelle, bevor er den Zöllner mit einem selbstverliebten Lächeln beglückte. Diesmal entblößte er sogar seine strahlend weißen Fangzähne:

„Sheogorath! Schreib Sheogorath, Sterblicher!“

Der Name ging Jorus Voluto durch Mark und Bein. Er schrieb. Er wusste nicht warum, aber er schrieb den Namen wie im Wahn und lehnte sich zurück, seinem wild pochenden Herzschlag horchend. Schließlich wanderte sein Blick zur Schaluppe des Wahngottes. Der Nebel hatte sich zwar nicht gelichtet, doch die Morgenröte durchbrach die Dunkelheit mühelos. Die grotesken Züge der Galionsfigur waren nun klar erkennbar.

„Oh, ihr Götter!“, murmelte Jorus schockiert.


to be continued...
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