Wenn der letzte Ruf erschallt

GeschichteDrama, Romanze / P12
Zevran
10.05.2012
06.10.2017
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1. Kapitel: Die Musik des Todes ist süß

Torinna stand auf einen Felsvorsprung tief unterhalb der Oberfläche. Unter ihren Füßen kroch ein langsamer Fluss aus Lava dahin, während ein heißer Wind von unten herauf ihr Haar zerzauste. Rechts neben ihr befand sich eine mächtige Brücke- von den Zwergen vor langer Zeit geschaffen und auf dieser Brücke saß ein mächtiger Drache. So groß wie eine Kirche, mit lila schimmernden Schuppen und rasiermesserscharfen, blitzenden Fangzähnen. Ohne Angst starrte Torinna den Drachen an und der Drache starrte zurück. Die Elfe hatte dieses Szenario schon oft erlebt- es war ihr Fluch, den sie seit fünf Jahren in sich trug. Sie kannte diesen Drachen nur zu gut, denn an eben dieser Stelle hatte sie ihn gesehen- in den Totengräben in den Tiefen Wegen, wo die Dunkle Brut sich gesammelt hatte um anzugreifen. Eben diesen Erzdämon, der jedes Mal, sobald er erschien, das Ende der Welt herbeiführen konnte, zu erschlagen, war ihre Aufgabe als Kommandantin der Grauen Wächter gewesen und vor vier Jahren hatte sie eben jene Aufgabe erfüllt. Vor vier Jahren hatte sie ihr Schwert in den Schädel dieser Bestie gerammt und ihn so getötet.

Torinna wusste, dass das ein Traum war- einer eben dieser Träume, der jeden Grauen Wächter quälte. Sie hatte sie schon oft gehabt, doch dieses Mal war etwas anders. Während sie da stand und ihrem Einzigen Gegner- ihr einziges Ziel in ihrem Leben, seit sie ein Wächter geworden war- in die Augen sah, vernahm sie ein leises Flüstern in ihrem Ohr. Es war ganz leise, sodass es nicht mehr als ein Wabern zu sein schien. Die Stimme raunte in ihr Ohr, schienen sie fast zu liebkosen oder zu necken. Torinna versuchte sie auszublenden, doch es ging nicht, sie musste zu hören. Es war wie ein süßer Gesang, der von weit her erschallte und den man unbedingt verstehen wollte. Erbittert drängte sie das Bedürfnis beiseite den Ursprung der Stimme zu ergründen und ihr hinterher zu laufen, denn das schien sie zu wollen- sie zu locken. Torinna hingegen blieb stehen, starrte weiterhin den Drachen an und spürte förmlich, wie dessen scharfer Blick sie durchdrang. Es war furchterregend die ersten Male, doch irgendwann kannte man diese Visionen. Sie wurden fast zu etwas Vertrauten und gerade das war unheimlich.

Der Erzdämonen schnaubte erbost und stieß eine große Rauchflamme aus, während sein Schwanz unruhig hin und her pendelte. Ihre Anwesenheit schien ihn zu irritieren, fast schien er sie zu sehen doch das war nicht möglich. Schließlich hatte Torinna selbst ihr Schwert in das Gehirn dieses Monstrum geschlagen, ihm den letzten, widerlichen Atemhauch aus dem Körper gejagt und eine neue Verderbnis war zu diesem Zeitpunkt höchst unwahrscheinlich.

Alistair hatte Torinna damals davon erzählt. Die Alten Wächter sagten, dass der Körper nicht für immer der Verderbtheit der Dunklen Brut entgegenstemmen konnte; irgendwann gab dieser auf und vernahm den Ruf der Alten Götter- ebenso wie die Dunkle Brut. Im Endeffekt hieß es nichts anderes, als das die Grauen Wächter früher oder später- je nach der Zeit in der sie lebten- ebenfalls zu einer dieser Verdammten wurden. Offensichtlich war es für sie selbst nun auch so weit. Die Dunkle Brut rief nach ihr und nun war es ihre Aufgabe ihr zu folgen. Noch immer betrachtete der Erzdämon sie eingehend, seine schwefelgelben Augen schienen sie erdolchen zu wollen, dann schoss eine purpurfarbene Flamme aus seinem Rachen und umhüllte Torinna. Die Stadtelfe schloss die Augen um ihren Urinstinkt vor dem Flammenmeer schreiend davon zu rennen hinab zu kämpfen und holte bewusst tief Luft. Mit einem mächtigen Flügelschlag kam der riesige Drache auf sie zugeflogen und brüllte laut. Nur noch wenige Zentimeter trennten den Schlund des Drachens von dem Körper der Kommandantin der Grauen Wächter.

„Komm zu mir“, schien er ihr zu zurufen, dann erwachte die Kommandantin schweißgebadet aus ihrem Traum. Keuchend saß die Elfe aus dem Gesindeviertel Denerims in ihrem großen Bett und starrte an die Decke. Der Ruf…so sah er also aus. Traurig senkte sie den Blick und sah auf ihr weißes Nachthemd hinab.  Ihr schlanker Körper zitterte. Das war also das Ende, ihr Leben war vorbei. Nun musste sie also nach Orzammar aufbrechen und ihr altes Leben hinter sich lassen. Ihr altes Leben…Zevran!

Torinna stand auf und fuhr sich durch ihr zerzaustes, brustlanges Haar. Verdammt! Das bedeutete ja, dass sie ihn nicht mehr wiedersehen würden.

Hastig eilte die Stadtelfe zu ihrer Kommode und zog die oberste Schublade auf und nahm den Brief heraus, welcher sich ganz oben auf diesem befand. Leise seufzend fiel sie auf ihr Bett zurück und öffnete ihn vorsichtig. Raschelnd fiel das feine Pergament aus dem Kuvert und Torinna hob es eilig hoch, hielt aber auf halben Weg inne. War das möglich? Irritiert hob sie den Brief ihres Geliebten unter die Nase und roch daran. Tatsächlich! Der Briefbogen roch ganz fein nach Leder. Schmunzelnd dachte die Kommandantin der Grauen Wächter daran zurück, wie Zevran ihr wehleidig erzählt hatte, dass er den Geruch der Ledergerbereien seiner Heimat vermisste. Beinahe zärtlich strich sie den Bogen glatt und las den Brief, den sie vor fast genau fünf Jahren erhalten hatte, erneut:

„Grüße aus Antiva!

Ich würde es bevorzugen dort zu sein, wo du bist, meine Liebe. Antiva ist so dunkel ohne dich, die es erhellt. Obwohl die Krähen versuchen mich zu ermorden, ist es an diesem Ort lange nicht so aufregend, wie an deiner Seite zu sein. Ach…na ja. Ich denke der Gildenmeister wird bald einem Treffen mit mir zustimmen. Oder vielleicht sollte ich ihn umbringen. Was denkst du?

Wie ich hörte ist die Dunkle Brut noch immer nicht verschwunden. Sie sind wie Gäste, die deine Gastfreundschaft überziehen, hm? Es stimmt mich traurig, dass du dieses Problem ohne mich handhaben musst, doch die Krähen benötigen meine Aufmerksamkeit. Wenn ich allerdings an deine Seite zurückgekehrt bin, werden selbst die schärfsten Schwerter uns nicht mehr trennen können.

Bis dahin bleibst du in meinen Träumen- vor allem den unanständigen.

Für immer dein,

Zevran“

Ein amüsiertes Schmunzeln schlich sich über die rosigen Lippen von Torinna, doch ihre Augen blieben traurig.  Dieser Brief war typisch für Zevran, vor allem der letzte Satz, doch jedes Mal, wenn sie ihn las, wurde ihr Herz schwer. Torinna vermisste ihn, vermissten seine Obszönitäten, über die sie jedes Mal lachen musste, seine freche Art und nun sollte sie ihren Ruf folgen ohne ihn seit der letzten Verderbnis überhaupt nochmal wiedergesehen zu haben? Torinna kämpfte gegen ihre Tränen bei dem Gedanken. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich nach der Sache mit Neloras noch verlieben würde- und erst Recht nicht in so einen wie Zevran- aber es war geschehen. Ausgerechnet in Zevran. Schmunzelnd erwischte sich Torinna dabei, dass sie es noch immer nicht recht glauben konnte. Für diesen lüsternen Elfenassassinen hatte sie den treuen Alistair verlassen. Diese Entscheidung hatte nicht nur dem jetzigen König von Ferelden das Herz zerrissen sondern auch das ihre, doch ihre Gefühle für Zevran waren nun mal stärker gewesen.

Nun müsste sie beide zurücklassen, ohne sie noch einmal zu sehen. Alistair war in Denerim, ungefähr eine Woche von ihr entfernt und somit zu weit um sich zuvor noch mit ihm zu treffen und Zevran... der trieb sich wohl immer noch in Antiva rum in einem hoffnungslosen Kampf gegen die Krähen. Leise stand Torinna auf- bloß ihr Nachthemd raschelte leise, als es sich entknitterte. Die Tür knarrte, als sie in die Vorhalle trat. Sie war aus massivem Stein gebaut- Zwergenwerk, wie sie sich hatte sagen lassen. Die hohe Decke verlor sich- wurde vom Kerzenschein gar nicht mehr erreicht. Rechts von ihrem Zimmer, befand sich der Thron für den Truchsess oder die Arlessa des Bannorns. Torinna warf ihm einen kurzen Blick zu. Sie sah sich nicht als Arlessa, noch nicht mal als Kommandantin.  Sie war bloß ein Grauer Wächter und als dieser erfüllte sie ihre Aufgaben, bis zu aller letzten Sekunde.

Langsam trat die Stadtelfe ans Fenster und legte eine Hand aufs Glas. Tiefschwarze Nacht hatte Vigils Wacht wie eine Decke überzogen. Nur vereinzelte Sterne überzogen die Hütten und umliegenden Bäume mit einem schummrigen Licht. Passenderweise war heute Neumond, was zu dem beklemmenden Gefühl in Torinnas Magengegend passte.

Ganz entfernt, wie durch ein dickes Tuch erstickt, vernahm sie noch immer den hellen, süßen Gesang in ihren Ohren, obwohl sie wusste, dass Niemand in dem Stützpunkt der Wächter sang. Ein schreckhaftes Zittern ging durch ihren Körper, denn obwohl er so verlockend klang, war er für die Elfe eher vom bitteren Nachgeschmack getränkt. Verächtlich blickte sie in das Glas der Fensterscheibe- und ein verzerrtes Gesicht ihrer Selbst blickte zurück. Ihre grasgrünen Augen leuchteten intensiv im Kontrast der schwarzen Nacht, doch ein trauriger Schimmer überdeckte ihren Glanz wie die Nacht das Licht der Sonne. Dunkle Augenringe hatten sich in ihr Unterlid gefressen und ließen die Stadtelfe zermürbt und beinah geistlos aussehen. Ja, ihre geistige Kraft war aufgebraucht und Niemand würde es bemerken. Denn selbst in den letzten Momenten ihres Lebens musste sie den Schein…

„Kommandantin?“, durchdrang eine Stimme plötzlich die schwere Stille der Nachtruhe. Blitzartig wirbelte Torinna herum und zog in einer geschmeidigen Bewegung den Dolch, den sie immer bei sich trug. Mit wütend funkelnden Augen wollte sie auf den vermeintlichen Angreifer losgehen, hielt jedoch inne, als sie seine Gestalt erkannte. In Halbschatten der Kerze verborgen stand ein hochgewachsener Mann, es war allerdings zu dunkel, als dass sie ihn genauer erkennen konnte, doch die Kontur, Statur und Körperhaltung kamen ihr bekannt vor. Bloß seine stahlgrauen Augen funkelten mit dem Licht der Kerze um die Wette.

„Nathaniel?“, flüsterte sie verwirrt und behielt den Mann im Auge- den Dolch noch immer fest umschlossen und zum Angriff bereit. Der Reiseumhang raschelte wie das Federkleid einer Krähe, als tatsächlich Nathaniel Howe in den fahlen Lichtschein trat. Vor Torinna stand ihr Schatten. Ihr treuer Ratgeber und zuverlässiger Begleiter. Wer hätte das vor fünf Jahr noch geahnt, dass der Sohn von Arl Howe, dem stärksten Verbündeten von Teyrn Loghain- dem Königsmörder und Verräter- ihr allzeit zur Seite stehen würde.

Torinna lächelte erschöpft zur Begrüßung und ließ den Dolch wieder unter ihrem Nachtgewand verschwinden. Besorgt lagen die grauen Augen des Wächters auf ihr und musterten sie unentwegt.

„Erschreck mich nie wieder so. Seit du dich als Schatten hast ausbilden lassen, bemerkt man dich wirklich nur, wenn du es willst. Was, wenn ich dich angegriffen hätte?“ Schnell versuchte die Kommandantin der Wächter Fereldens ihre Trauer und Zwiespalt zu verbergen. Sie war noch immer die Vorsitzende ihres Ordens und musste einen ruhigen, selbstbewussten Schein bewahren. Was würde geschehen, wenn sie zeigte, dass sie Angst und Trauer empfand? Torinna wollte es sich gar nicht ausmalen.

„So tief wie du versunken warst, hättest du noch nicht mal mitbekommen, wenn ein Oger hinter dir getanzt hätte.“ Der Spross des Hauses Howe lächelte und Torinna wusste, dass er ihre Maske bereits durchschaut hatte. Die stahlgrauen Augen waren so stechend wie der Blick eines Falken und enttarnten jegliche Lüge von ihr- das taten sie schon immer. „Also, was ist, Torinna?“

Nachdenklich musterte der Schurke sie einige Weile und sprach kein Wort. Die Stille schien förmlich wie Schwingungen zwischen ihnen zu schweben, als würde sie so kommunizieren, während beide sich ansahen. Torinna raffte das Nachthemd aus weißen Leinen um sich, als sie zu frösteln begann.

Der Winter brach allmählich über Ferelden herein und Vigils Wacht, weit im Norden, bekam ihn als Erstes zu spüren. Die klare Nacht ließ vermuten, dass es nicht mehr lange bis zum ersten Schnee dauern würde und mittlerweile war sie so bitterlich kalt geworden, dass die Elfe sich bereits eine zweite Fellschicht auf ihrem Nachtlager ausgebreitet hatte.

Als die Stadtelfe wieder aufblickte, hing Nathaniels Blick noch immer auf ihr und wartete auf eine Antwort, doch Torinna wollte sie ihm nicht geben und beide wussten das. Langsam schritt Nathaniel Howe auf sie zu, sein Reiseumhang schwoll hinter ihm an, wie eine dunkle Aura, doch dann fiel er wieder zu Boden. Vorsichtig legte er ihr eine Hand auf die Schulter und er studierte ihr Gesicht intensiv. Er würde ihre Müdigkeit und die verborgene Angst in ihren Augen sicher bemerken und auch wenn es ihr noch immer widerstrebte, wusste Torinna, dass sie es nicht weiter vor ihm verbergen konnte.

Träge, wie eine Woge im Moor, drehte  sich Torinna aus der freundschaftlichen Berührung und sah wieder aus dem Fenster, während sie leiste flüsterte:

„Meine Zeit ist um...“ Die Worte waren nur ein kleiner Hauch, kaum zu vernehmen, vielleicht hoffte sie sogar, er würde sie nicht verstehen, doch Nathaniels Sinne waren durch seine Ausbildung als Schatten aufs Anschleichen und Auspionieren spezialisiert, sodass er sie genau verstand und es erschrak ihn zutiefst. Als Torinna ihren Kopf mit einem schmerzverzerrten Gesicht über die Schulter hinweg sah, las sie Entsetzen in den wachen Augen.  

„Was?“, stotterte ihr treuester Berater, während die Tragweite ihrer Worte ihn zurück taumeln ließ.

„Ich höre ihn schon eine ganze Weile...den Ruf...seit ungefähr einen Monat. Zunächst war es nur ein leises Raunen, wie als wenn er durch eine Wand mit dir flüstert...kaum zu verstehen, doch von Tag zu Tag wurde er lauter. Der Gesang...er...“, kurz stockte Torinna und erschauderte, bei dem, was sie dachte. „...ist wunderschön. Ein Lied der Götter würdig...ich würde sagen, sogar genauso schön wie der Gesang des Lichtes. Mittlerweile verstehe ich, warum die Dunkle Brut nach der Suche des Gesanges ist. Er scheint nach einem zu rufen, zu locken...er liebkost deinen Geist und verspricht dir das Paradies, wenn du den Sänger findest...“ Ein leichtes, mattes Lächeln schlich sich über ihre Lippen und Wehmut lag in ihren waldgrünen Blick.

„Aber...Torinna...du hast schlecht geträumt und redest deshalb wirr. Leg dich wieder hin, dann ist alles wieder vorbei.“, versuchte Nathaniel zu beschwichtigen, fühlte er doch ihre Verzweiflung und versuchte sie sanft zurück in ihr Schlafgemach zu bugsieren, doch die Elfe löste sich aus dieser Geste, wandte sich ab und schritt schnellen Schrittes durch die hohe Halle, die als Thronsaal der Feste diente. Genau im Zentrum blieb sie stehen und schlang zitternd, fröstelnd die Arme um sich, den Kopf zu Boden gesenkt. Einen kurzen Moment verharrte ihr Schatten in der Dunkelheit der Säulen, doch dann ging er zu seiner Kommandantin, löste dabei die Schnur, die seinen dicken, schwarzen Fellumhang zusammenhielt und legte ihn Torinna um die Schultern.

Überrascht drehte sie sich zu ihm und, doch dann blickte sie wieder zur Seite.

„Es ist kein schlechter Traum, mein treuer Freund...ich höre ihn jetzt noch immer, tief in meinen Gedanken flüstert er mir zu, ruft nach mir. Für mich ist es vorbei...ich frage mich...wie es Alistair geht. Ob es bei ihm genauso ist? Oder geht es bei mir schneller, weil ich den Erzdämon erschlagen habe.“

„Deine Zeit kann noch nicht vorbei sein. Wir brauchen dich noch, Kommandantin.“

„Nathaniel...“, tadelte sie ihn und für die Situation war ihre Stimme erstaunlich sanft. „Wir hatten das Thema doch schon so oft. Du sollst mich doch Torinna nennen. Ich bin die Kommandantin, ja, aber ich habe den Job nie gewollt oder angestrebt und erfülle nur meine Pflicht...“ Einen kurzen Moment hielt sie inne, dann sah sie ihren Schatten an und lächelte. „und bald wird das deine Aufgabe sein.“

„Was?“, geschockt blickte er sie und versuchte zu realisieren, was Torinna ihn da sagte. „Du meinst...“

„Normalerweise bestimmen die restlichen Grauen Wächter wer den Kommandanten ersetzt, doch wir sind nur noch so wenige, dass ich es ändern möchte. Nathaniel, ich möchte, dass du mein Amt übernimmst, wenn ich in die Tiefen Wege aufgebrochen bin und ich bin mir sicher, dass du diese Aufgabe hervorragend meistern wirst.“

„Nein, das kann ich nicht.“, widersprach ihr Schatten völlig entgeistert und wich vor ihr einen Schritt zurück. Torinna setzte sich auf den Thron und sofort brauste ihre würdevolle Aura durch den Saal, so als würde sie wie eine Welle durch den Saal branden. Ein schlankes Bein über das andere geschlagen, saß sie da, in die wärmende Fellschicht des Mantels gehüllt und blickte Nathaniel aus ernsten, grünen Augen an.

„Nathaniel Howe.“ Fast schien ihre Stimme von den Wänden wieder zu hallen. Sie war klar und fest, von der gebrochen wirkenden Elfe war keine Spur mehr zu sehen. Augenblicklich zuckte Nathaniel unter der Macht in ihr zusammen und sah zu Torinna, der Kommandantin, die er so respektierte. Er hatte Angst davor in ihre großen Fußstapfen zu treten.

„Ja, Torinna?“ Doch anstatt der erwartete Standpauke und das Verweisen auf den Kodex der Wächter, fuhr die Kommandantin ruhig fort:

„Ich weiß, dass du Angst hast...die hatte ich auch, als Alistair und ich die Einzigen verbliebenen Wächter waren. Die Macht und Verantwortung ist groß...aber ich hätte dich nicht ausgewählt, wenn ich nicht genau wüsste, dass du dem gewachsen bist. In den vergangen Jahren hast du dich als mein bester Ratgeber herausgestellt. Ich vertraue dir und das ist das Wichtigste für mich. Die Wächter sind nun mein Leben und ich möchte sie in guten Händen wissen, wenn ich gehe.“

„Aber...Torinna.“

„Als ob ich eine Widerrede zulassen würde, Nathaniel.“, lächelte sie matt. Seine Schultern fielen hinab und er nickte.

„Nein, wohl kaum.“

„Du weißt wie stur ich sein kann.“ Torinna legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte aufmunternd, doch ihre Augen waren bereits so weit weg. „Ich bitte dich, Nathaniel. Tu es für mich, als mein Freund. Ich kann nicht ruhigen Gewissens in die Tiefen Wege gehen, wenn ich nicht weiß, dass du es machst. Du bist der Einzige, dem ich hier vertraue Nathaniel. Dein Verstand ist wach und dein Urteilsvermögen klar. Ich bitte dich als deine Freundin, nicht als deine Kommandantin.“ Ein kleines Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Wer hätte das je gedacht, dass die Heldin von Ferelden das einmal zu einem Howe sagen würde. Du magst mir Vertrauen, aber die Bürger von Amaranthine tun es nicht, ebenso wenig wie die Wächter.“ Sein Blick wurde finster, doch Torinna klopfte ihm auf die Schulter und sagte:

„Ich werde dafür sorgen, dass sie es tun und du wirst dich mit deinen Taten beweisen, so wie ich es getan habe und so wie du mich von dir überzeugt hast. Nathaniel, ich habe nie gesagt, dass es leicht wird, aber du kannst es schaffen.“

„Torinna...“

„Du bist ein guter Mann, Nathaniel. Du bist nicht der Sohn deines Vaters und das wirst du ihnen beweisen. Sicherlich wird es anfangs schwer, aber du hast den Truchsess und...na ja irgendwie auch Oghren.“

„Eine schöne Hilfe.“, lachte Nathaniel und sah Torinna mit einem feixenden Blick an.

„In seinen wachen Momenten kann er durchaus eine erhellende Idee haben.“

„Nur leider sind die ziemlich selten.“

„Wohl wahr...also, nimmst du an?“, fragte sie ihn bittend und sah in seine stahlgrauen Augen. Nathaniel seufzte und lächelte dann ergeben. Der Schatten fiel vor auf die Knie und neigte sein Haupt. Überrascht sah sie zu ihrem Gefährten hinab.

„Es wird mir eine Ehre sein, verehrte Kommandantin. Ich werde mein Leben dieser Aufgabe widmen, die Sie mir anvertraut haben.“