Man sieht sich immer zweimal im Leben, Sanfter Flügel

von Athdara
KurzgeschichteDrama, Mystery / P12
10.05.2012
10.05.2012
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Die alte Frau hielt in ihren zitternden Händen das Alethiometer. Serafina Pekkala hatte Recht gehabt – Es dauerte ein Leben lang, bis man die Kunst, es zu lesen beherrschte, doch es lohnte sich, sich darauf einzulassen.
Lyra Belacqua schluckte. Ein Leben lang, bis man es perfekt lesen konnte. Und die Zeit, da sie dazu fähig war, war gekommen.
„Oh Will“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Ist bald die Zeit gekommen, da wir uns wiedersehen?“
Sie sah den goldenen Kompass nachdenklich an. Dann strich sie sich entschlossen die graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Pantalaimon kuschelte sich in ihren Schoß.
Die alte Frau überlegte einen Moment, dann stellte sie den ersten Zeiger auf die Madonna – sie selbst.
Der zweite Zeiger wurde auf die Sanduhr gestellt und der dritte folgte ihm – die beiden symbolisierten die Zeit und den Tod.
Der vierte und letzte Zeiger des Alethiometers schlug sofort aus, und die Antwort ließ Lyra schlucken.
„Was ist die Antwort, Lyra?“, drängte der Daemon. „Was siehst du?“
„Unsere Zeit ist in weniger als einer Stunde gekommen, Pan“, gab sie leise Auskunft. „Bald werden wir getrennt – und dann hoffentlich wieder vereint. Und nicht nur miteinander…“
Sie stieß einen sehnsuchtsvollen Seufzer aus.
Dann blickte sie erneut auf das Alethiometer. Diesmal war sie lange nicht so entschlossen, die Frage zu stellen, die zu stellen sie seit Jahrzehnten begehrte und es doch nie gewagt hatte.
„Soll ich es tun, Pan?“
„Ich denke ja.“
„Dann sei jetzt still.“
Erneut stellte sie die Zeiger: Madonna, Sanduhr und Krieger.
Die Antwort war sehr komplex und die alte Frau brauchte eine Zeit lang um zu verstehen, was das Gerät ihr mit der Reihenfolge Engel, Schlange, Madonna, Schlange, Krieger, Blitz, Hammer, Globus sagen wollte. Dann verstand sie.
„Sie haben Metatron belogen, Pan“, flüsterte sie leise. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Sie haben Metatron erst belogen, dann haben sie ihn aufgeklärt und gegen ihn gekämpft und - sich für mich geopfert.“
Und mit dieser Erkenntnis hörte ihr Herz auf zu schlagen.
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