casketfall

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
Emppu Vuorinen
08.05.2012
08.05.2012
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Aus der Kapelle drang leise Klaviermusik. Tuomas sah sich um und fragte sich, wie er hergekommen war, auf diesen verwunschenen Friedhof, vor diese Kapelle. Wo genau war er überhaupt?
Der Klaviermusik gesellte sich eine Frauenstimme hinzu. Er erkannte den hellen, leichten Singsang, in dem Tarja das Ave Maria sang. Nur sie war in der Lage, jede Note liebevoll zu singen und gleichzeitig so zu klingen, als wäre die Sprache ihre Muttersprache. Die Worte verstand er nicht, sein Deutsch war nicht besser als das Finnisch eines gewöhnlichen Deutschen.
Was machte Tarja dort in dieser Kapelle?
Es war eine Beerdigung, fiel ihm plötzlich ein. Seine Beerdigung. Ja. Dieser Gedanke fühlte sich richtig an.
Nun, wenn es seine Beerdigung war, würde es wohl kaum jemanden stören, wenn er sich dazugesellte. Die Kapellentür schwang wie von selbst auf. Tuomas trat ein und sah sich um.
Es waren viele Leute da, doch sie blieben gesichtslos. Nur in der ersten Reihe erkannte er Nightwish. Nach einigen Sekunden hatte er sie auch identifiziert und ihnen ihre Namen zugeordnet: Emppu, Marco und Jukka. Anette war nicht da. Vorne, neben dem Sarg, stand Tarja, in ihrem hellblauen Kleid und mit den dunklen Haaren ein Abbild der Heiligen Jungfrau, zu der sie sang. Keine Träne zierte ihr markantes Gesicht.
Tuomas trat näher, bis er vor dem Sarg stand. Man hatte ihn noch nicht geschlossen – ruhig, wie schlafend, blickte dem Keyboarder sein eigenes Gesicht entgegen. Wie war er gestorben? Er konnte sich nicht erinnern. Aber es war offensichtlich kein Autounfall gewesen.
Selbst im Tod sah er noch gut aus, stellte er fest. Ein beeindruckender Körper. Und Haare, um die ihn so manche Frau beneidete. Man würde ihn im Anzug und mit seinem geliebten Zylinder auf dem Kopf beerdigen.
Tarja sang das letzte „Ave Maria“, senkte den Blick und setzte sich zu Nightwish.
Jemand trat vor, um den Sarg zu schließen. Ganz kurz meinte Tuomas, in diesem Jemand seinen größten Konkurrenten zu erkennen, ganz kurz sah er, wie Ville Valo triumphierend auf den Leichnam des Einzigen hinunterblickte, der ihn musikalisch herauszufordern wagte. Dann schloss der Sarg sich, Ville – falls es er war – ließ die Schlösser zuschnappen und verschwand wieder im Schatten.
Die Trauergäste erhoben sich. Marco, Jukka, Emppu und Tarja traten vor und nahmen den Sarg auf ihre Schultern. Eine lange Schlange bildete sich hinter ihnen, als sie gemessenen Schrittes die Kapelle verließen.
Sobald ihre Füße den Erdboden berührten, öffnete Tarja in ihrem hellblauen Kleid wieder den Mund und sang. Tuomas kannte das Lied, hatte es selber geschrieben: Angels Fall First.
Seltsamerweise dauerte es fast die ganzen fünf Minuten, den Sarg zu dem vorbereiteten Grab zu tragen. Die Trauergemeinschaft schien sich kaum vom Fleck zu bewegen, eine gesichtslose, schwarze Masse, die dem Sarg folgte.
Yesterday we shook hands, my friend“, sang Tarja, und ihre Stimme gewann einen leicht gehässigen Klang, den Tuomas aus Enough kannte. Etwas stimmte nicht. Nicht mehr.
Immer noch konnte Tuomas keine Gesicht erkennen außer denen seiner Band. Und Tarja hielt sich nicht länger an die Spielregeln – ungefragt hängte sie noch einen Refrain an das Lied.
Angels fall first“, floss die Melodie aus ihrem Mund. Sie stolperte. Und sie fiel.
Der Sarg rauschte zu Boden, der Deckel sprang auf.
Tuomas fuhr hoch.
Im ersten Moment war er sich sicher, in seinem toten Körper gefangen auf dem taufeuchten Gras zu liegen. Dann gelang es ihm, die Bettdecke wegzustrampeln und sich aufzusetzen.
Ein Hotelzimmer. Unpersönlich. Identitätslos. Wo war er?
Auf Tour mit Nightwish. Aber wo? In welchem Land? In welcher Stadt?
Wieso fiel Tarja, wenn sie über Engel sang? Seit wann war sie denn der Engel?
Mit rasendem Herzen griff Tuomas nach seinem Handy und wählte die Nummer seiner ehemaligen Sängerin. Nach einiger Zeit ging Tarja ran: „Tuomas, was ist?“ Sie klang müde, genervt und verärgert.
Was? „Woher weißt du, dass ich es bin?“
„Wird auf dem Display angezeigt.“ Tarja seufzte. „Was ist los? Hast du mal auf die Uhr geguckt? Wo bist du?“
„Wo bin ich?“
„Weiß ich doch nicht.“
„Mexiko.“ Ja, genau. Mexiko.
Sie atmete tief durch, er konnte beinahe hören, wie sie die Augen verdrehte. „Was willst du, verdammt?“
„Ähm… Die Fans…“
„Ja?“, ermunterte sie ihn und gähnte.
„Sie nennen dich doch die Göttin, oder?“
„Die meisten sagen Tarja.“
„Ja, aber wenn. Dann sagen sie doch Göttin zu dir, nicht Engel, oder?“
„Ja, ja, seit Anette bin ich zur Göttin aufgestiegen.“
„Gut.“ Alles nur ein Traum. Nur ein Traum ohne Wahrheitsgehalt. „Du würdest zu meiner Beerdigung doch nicht in Blau kommen, oder?“
„Hast du vor, so bald schon zu sterben?“
„Nein, aber… Würdest du?“
„Nein. Ich würde Schwarz tragen.“ Sie seufzte noch mal. „Was ist denn los mit dir?“
„Und wenn du meinen Sarg trägst… Bitte lass ihn nicht fallen. Bitte.“
Tarja blies Luft zwischen den Zähnen hindurch. „Nein, nein, ich lass deinen Sarg nicht fallen. Und warum sollte ich Blau tragen, wenn du dann beerdigt wirst? Wer bin ich, die Jungfrau Maria?“
„Aaaah!“
„Schrei nicht so, du Idiot.“
„Tut mir Leid.“ Tuomas versuchte, ruhig zu atmen. „Eins noch.“
„Kann ich danach auflegen und weiterschlafen?“
„Ja.“
„Gut. Also, was noch?“
„Glaubst du, Ville Valo würde sich freuen, wenn ich sterbe?“
Sie verdrehte die Augen, da war er sich ganz sicher. „Wieso sollte er? Er würde sich bloß freuen, dass er dann der einzige Macker in Finnland wäre, aber das ist doch nichts persönliches.“
„Oh. Gut. Danke.“
„Gute Nacht, Tuomas“, sagte sie scharf.
„Ja. Gute Nacht.“
Sie hatte schon aufgelegt.
Tuomas ließ sich wieder zurücksinken und schloss die Augen.
Er würde sich bloß freuen, dass er dann der einzige Macker in Finnland wäre, echote es in seinem Kopf. Wer bin ich, die Jungfrau Maria?
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