Abschied

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Kitty Nathanael alias John Mandrake OC (Own Character)
05.05.2012
05.05.2012
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Hallo :)
Dieser Oneshot lag lange Zeit unbeachtet halbfertig in den Tiefen meines Computers herum. Letztens habe ich es wiedergefunden und zu Ende gestellt - und dann schon wieder vergessen. Jetzt lade ich es hoch. Irgendwie hat mich der Gedanke fasziniert, was passiert, nachdem die gesamte Zaubererwelt nach Nathanaels Heldentaten im Glaspalast seinen Geburtsnamen erfahren hat.

Würde mich über Feedback freuen,
liebe Grüße,
Sally


****


Abschied
Zauberer haben keine Freunde.  Sie sind in jeder Hinsicht absolute Einzelgänger, dazu eigenbrötlerisch, selbstsüchtig, habgierig, hängen sehr an Oberflächlichkeiten, an ihrer Privatsphäre, am Luxus und der Einsamkeit. Beim Großteil der Zauberer sind jegliche  „Gewöhnliche“, wie sie genannt werden, unbeliebter als Kakerlaken, umgekehrt wird dieses Gefühl heftigst erwidert.
Ein Großteil der Gewöhnlichen, des Pöbels, verachteten die rein aus Zauberern bestehende Regierung über alle Maßen, doch das hatte ja nun ein Ende. Die Regierung war gestürzt, ihre Macht, die ihnen die Dämonen brachten, war ihnen letztendlich zum Verhängnis geworden, da diese aufbegehrten und irgendwie… nun ja, was sich genau abgespielt hatte,  wusste von den Gewöhnlichen keiner so genau, allerdings endete es damit dass die Regierungsmitglieder von schrecklichen Dämonen besessen durch die Stadt liefen und am Ende irgendwie, als die Gefahr gebannt war, alle tot waren. Irgendwie so was.

Auch egal. Ehrlich gesagt waren mittlerweile fast siebzig Prozent der Bevölkerung froh über einen Tapetenwechsel in  der Führungsriege, nach vielen Jahren Unterdrückung, Ausbeutung, Chaos und letztendlich diesem missglückten Krieg gegen Amerika war ein Neustart mit gleichberechtigten Zauberern und Gewöhnlichen eigentlich keine so schlechte Idee.

So wurden die sterblichen Überreste der Magier, überall in der Innenstadt Londons verteilt, aufgesammelt und zur letzten Ruhe gebettet – einsam, auf einem abgelegenen Friedhof. Niemand war bei ihren Bestattungen zugegen. Wer auch? Sie hatten keine Freunde gehabt, mit denen sie sich regelmäßig trafen, nur Zweckgemeinschaften, die sich je nach Nutzen für die Personen in Bezug auf ihre politische Karriere verbesserten oder verschlechterten. Und wenn es echte Freunde gegeben hätte, wären darunter bestimmt keine der Gewöhnlichen, die noch am Leben waren.
Nur einem einzigen der verstorbenen Zauberer zollten die Gewöhnlichen ihre Anerkennung.

John Mandrake war ein Held. Er hatte ihr Land gerettet, hatte sich für ihr Land geopfert um die Bevölkerung zu retten. Er hatte den großen Dämonenfürst besiegt und war dabei von den zusammenstürzenden, halb geschmolzenen Eisenstreben des Glaspalasts im St. James-Park begraben und getötet worden.
Er wurde, obwohl er ein Zauberer war, von den Gewöhnlichen bewundert. Er war anders als diese restlichen Widerlinge der Zaubererregierung, die hätten das Volk einfach krepieren lassen, und sich vorher noch schön irgendwo in Sicherheit gebracht.
Und dank seiner Glanztat war es kein Wunder, dass sich am Tag seiner Beerdigung ein paar Hundert Menschen auf dem Friedhof versammelten, auf dem Mandrake seine letzte Ruhe finden würde.

Ebenfalls da war ein Mädchen von knapp zwanzig Jahren, mit einer tief ins Gesicht gezogenen  Kappe und schwarzem T-Shirt, schwarzer Hose und schwarzer Jacke.
Sie stand direkt am Grab, stumm und schweigsam, starrte lediglich auf den kunstvollen Grabstein, in dem in großen goldenen Lettern

NATHANAEL  
JOHN MANDRAKE


geschrieben stand. Geburtsdatum unbekannt. Nur das Todesdatum unter dem Namen. Dem Geburts- und dem Decknamen.

Kitty konnte es nicht verhindern, ihr kamen die Tränen. Es war einfach so. Nathanael war tot. Nie wieder würde er sie auf die Palme bringen, niemand wäre mehr da um die Welt zu retten, wenn irgendwer diese mal wieder in Gefahr brachte. Bartimäus war auch nicht mehr da. Ob er zusammen mit Nathanael gestorben war oder ob er es zumindest noch geschafft hatte, wusste Kitty nicht. Doch sie wollte es nicht einmal genau wissen. Unklarheit war besser als schmerzhafte Gewissheit.

Um sie herum hörte sie es leise tuscheln, als der Siebzehnjährige beigesetzt worden war, schließlich wurde es still. Alle anderen waren gegangen.
Allein sie blieb. Starrte weiter auf das kleine Grab mit den vielen Blumen, Kerzen und Kränzen darum. Kitty wischte sich die Tränen fort und zwang sich, aufzuhören, auch wenn es noch schwerfiel. Er hatte ihr ein Versprechen gegeben. Zurückzukommen. Aber er hatte von Anfang an gewusst, dass er nie wiederkommen würde.
Sie dachte an die vielen Momente zurück, in denen ihre Wege sich gekreuzt hatten. Die Widerständlerin und der kleine Zauberlehrling auf der Flucht. Später war sie Flüchtling und er war Ministergehilfe.

Immer Feinde, immer Gegner. Aber trotzdem hatten sie gelernt, einander zu vertrauen. Und am Ende waren sie beide auf einer Seite gewesen, hatten für ihr Land gekämpft. Er war dabei ums Leben gekommen.

Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Kitty wirbelte herum, schnell wie eine Katze und darauf gefasst, schnell flüchten zu müssen, wie in den letzten sechs Jahren auch.
Doch dann entspannte sie sich. Sie war rehabilitiert. Alles war sicher in England.

Eine Frau um die Vierzig mit von grauen Strähnen durchzogenem Haar näherte sich der Grabstatt. Sie kannte die Frau nicht, hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Kitty machte artig Platz, als die Frau sich neben sie gesellte, die Hände ineinander verschränkt und das Gesicht gesenkt. Sie schwiegen, standen einfach da, gedachten dem Gestorbenen.
Die Frau hob plötzlich den Kopf und musterte Kitty. Beschämt merkte diese, dass ihr wieder Tränen die Wange herunterflossen, und ernut wischte sie die Tropfen fort.
Mit leiser Stimme richtete die Frau nun das Wort an Kitty. „Haben Sie ihn gekannt?“, fragte sie und schniefte ebenfalls. Kitty nickte. „Mehr oder weniger. Zwar waren wir nie richtige Freunde, aber… wir haben viel zusammen durchgestanden, Nathanael und ich.“
Sie strich sich das wieder schwarz gefärbte Haar aus dem Gesicht.
„Ich bin seine Mutter.“, sagte sie schließlich. „Aber ich habe ihn kaum gekannt… und bis vor kurzem wusste ich auch nicht… nicht…“, sie schluchzte auf, „dass der jüngste Zaubererminister der Geschichte Englands mein Sohn ist…“ Unglücklich wanderte der Blick der Frau über Kitty auf das Grab und wieder zurück. „Beschämend, nicht wahr?“ Sie gluckste, dann wischte auch sie sich Tränen aus dem Gesicht. „Erst als er tot war, wusste ich, wer er war…“

Kitty wusste nicht, was sie sagen sollte, denn was gab es dazu zu sagen? Was wären die richtigen Worte?

Aber anscheinend erwartete die Frau auch keine Antwort, denn sie zog ein Stofftaschentuch aus ihrer Manteltasche und tupfte sich die Tränen aus den Augen.
„Er war mein einziger Sohn, mein Fleisch und Blut...“ sie schluchzte ins Taschentuch. „Ihn wegzugeben war der größte Fehler meines Lebens, ich dachte aber – ich dachte, ich – ich tue ihm damit etwas Gutes, weil er eine gute Ausbildung erhält, aber ich – ich habe ihn an die Schlächter verkauft!“
Kitty stand neben Nathanaels Mutter, die sich immer weiter hineinredete, ohne dass sie ein Wort hätte sagen können. Sie konnte bloß stumm danebenstehen und zuhören, während in ihr alles rauschte.
„Er wäre ein ganz normaler Junge! Er wäre noch am Leben, wenn ich… ich ihn nicht fortgegeben hätte! Es ist alles meine Schuld!“
Dann war es endgültig vorbei, die Frau konnte nicht mehr weitersprechen und sank schluchzend auf den Boden, das Taschentuch gegen das Gesicht gepresst.
Kitty kniete sich neben sie, legte die Hand auf die Schulter der Frau, deren Schultern von Weinkrämpfen geschüttelt erbebten.
„Eins kann ich ihnen versichern.“, sagte Kitty ruhig. „Er war zwar zwischendurch ein richtiger Zauberer“, und in das Wort legte sie sämtliche Verachtung für die Vertreter der Spezies, die sie außer Nathanael kennen- und wegen ihrer Überheblichkeit und Oberflächlichkeit hassen gelernt hatte „aber im Grunde hatte er immer ein rechtes Herz und wusste, was am Wichtigsten war. Er hat sich für uns alle eingesetzt – wer weiß, wie es um uns alle, uns Gewöhnliche, stünde, wenn er nicht gestorben wäre, um uns zu retten…“ Sie musste schlucken und ihre Stimme verstummte. „Er war anders als die anderen, er war nicht so ein Egoist. Und ich weiß nicht, ob er das von seinen Mentoren hat…“ Ihre Gedanken schweiften wieder hinüber zu Bartimäus.
Wahrscheinlich war er es gewesen, der Nathanael immer wieder geerdet hatte, durch seine spöttische, alles Menschliche verachtende Art, durch diese Art der Rebellion.
Und vielleicht auch durch sie selbst.

„Er ist nicht umsonst gestorben.“, sprach Kitty weiter, diesmal eher zu sich selbst als zu Nathanaels Mutter. „Und auch, wenn es wehtut… das Leben muss weitergehen für uns.“ Das hätte Nathanael nicht gewollt, und sonst wäre sein Opfer sinnlos gewesen.
Kitty erhob sich, warf einen letzten Blick auf das Grab und die weinende Mutter davor, bevor sie sich umdrehte und davonging.

Auf in ein neues Leben.
In eine neue Zeit.
Das Leben ging weiter.



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Die Figur von Nathanaels Mutter in meiner Vorstellung wurde übrigens sehr von Amadis Oneshot "Aufgegeben" inspiriert. (Schleichwerbung: BITTE LESEN! http://www.fanfiktion.de/s/4cfe9a7a00006c190670afc8)
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